Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Disput unter Freunden

Soll die NPD verboten werden? Zwei Experten-Ansichten aus dem Magazin stern

21.11.2007
Die NPD ist eher ein Symptom als die Krankheit selbst, sagt die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane und plädiert gegen ein NPD-Verbot. Anders Bernd Wagner, der Leiter der Neonaziaussteigerinitiative EXIT. Er befürwortet ein Verbot und warnt: Die NPD will einen völkischen Staat, der das Prinzip der Menschenwürde aushebelt. Zwei Positionen.

Das Experten-Pro/Contra im stern.Das Experten-Pro/Contra im stern.

Nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in Mügeln gibt es – wie so oft nach einem solchen Vorfall – Streit um ein Verbot der verfassungsfeindlichen NPD. Die nachfolgenden Standpunkte stammen aus einer Veröffentlichung des Magazins stern vom 30.8.2007:

PRO



Bernd Wagner, 52, Gründer des Neonazi- Aussteiger-Projekts "Exit". Der Rechtsextremismusexperte berät Politik und Wirtschaft

Bevor wir an ein NPD-Verbot denken, sollten sich die Politiker darüber einig sein, ob der Verfassungsschutz nun seine Informanten, die V-Leute, abzieht oder nicht. Denn die bisherigen Versuche sind gescheitert, weil man nicht überblickt, welchen Einfluss diese Leute auf die Arbeit der Partei haben. Es gibt viele gute Gründe für ein Verbot. Die NPD will einen völkischen Staat, der das Prinzip der Menschenwürde aushebelt. Ihr Menschenbild basiert auf der angeblichen Überlegenheit der weißen Rasse; das trieft aus allen Poren. Dies ist für mich entscheidend. Weniger, dass einige immer wieder Hitler einen guten Mann nennen.

Bernd WagnerBernd Wagner
Wie kann es gelingen, die NPD zu verbieten? Als Erstes, wie gesagt, müsste die Innenministerkonferenz beschließen, alle V-Leute aus den Gremien der Partei abzuziehen. Von den Ortsvorständen bis zum Bundesvorstand. Das geht innerhalb von 24 Stunden. Es betrifft nicht die sogenannten freien Kameradschaften und andere verdeckte Strukturen. Die werden weiter observiert: aus Gründen der Gefahrenabwehr, nicht wegen ihres politischen Verhaltens. Dann sollten wir ein gesellschaftliches Bündnis gründen: Profis im Kampf gegen rechts, Vertreter aus der Politik, der Wirtschaft, der Kirche und Jugendinitiativen. Auf diese Weise wird die Teilnahme der Bürger an einem solchen Geschehen als sinnhaft erlebt und so manches Gefühl der strukturellen Ohnmacht vermieden. Die Definition des Extremismus wäre nicht nur auf Gerichte, Behörden und Wissenschaftler begrenzt. Ein breites Bündnis kann geduldig den Verbotsantrag vorbereiten. Das wird dauern, ich denke, zwischen drei und fünf Jahre. Aber es lohnt sich.

Ein Teil der NPD-Strategie ist der Kampf um die Parlamente. Und da nimmt sie alle Privilegien des von ihr bekämpften Rechtsstaates in Anspruch: Meinungsfreiheit, Parteienfinanzierung, Verwaltungsrecht. Dies darf sich eine wehrhafte Demokratie nicht gefallen lassen. Wie sagte Goebbels? "Das wird immer einer der besten Witze der Demokratie bleiben, dass sie ihren Todfeinden die Mittel selbst stellte, durch die sie vernichtet wurde."

CONTRA



Anetta Kahane, 53, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Diese fördert vor allem in Ostdeutschland Initiativen gegen rechts

Die Bedingungen für einen NPD-Verbotsantrag scheinen seit dem letzten Versuch nicht besser geworden zu sein. Die V-Leute sind noch immer nicht abgezogen worden, und es sieht nicht so aus, als würde es bald geschehen. Doch selbst dann ist der Ausgang des Verfahrens ungewiss. Wenn aber der Verbotsantrag erneut scheitert, macht sich der Staat unmöglich und verhilft den Neonazis zu einem weiteren Triumph. Eine andere Frage scheint mir aber fast noch wichtiger: Kann mit einem Verbot wirklich erreicht werden, dass Inder, Ägypter, Afrikaner nicht beleidigt, verfolgt und geprügelt werden? Und das unter Duldung oder gar dem Jubel der umstehenden Bevölkerung? Bestimmt nicht. Im Gegenteil.

Anatta KahaneAnatta Kahane
Die NPD ist eher ein Symptom als die Krankheit selbst. Kein vernünftiger Mensch wird annehmen, dass die Bürger von Mügeln mutiger das Pogrom vereitelt hätten, wenn die NPD verboten gewesen wäre. Die Erfahrung zeigt leider, dass Politik und Gesellschaft nur dann bereit sind, auf die rechtsextreme Bedrohung zu reagieren, wenn sie es in die Parlamente schafft. Dann nämlich ist da eine andauernde Erinnerung, ein Menetekel, dass etwas nicht stimmt in Deutschland. Seit die NPD in die Landtage einzieht, wird der Rechtsextremismus endlich als ernsthafte gesellschaftspolitische Gefahr wahrgenommen. Und dort, wo sie es nicht schafft, entwarnen die Politiker so, als ob es bei niedrigen Wahlergebnissen auch kein Problem mit Neonazis mehr gäbe.


Nach einem Verbot wird das Gleiche passieren. Nach dem Motto "Keine NPD – kein Problem" wenden sich Politik, Gesellschaft und Medien ab. Den Nazis nicht das Feld zu überlassen heißt: sich selbst kümmern. Um Demokratie im Alltag, um gute Beratung gegen Rechtsextremismus, um gute Schulen oder um kluge statt bürokratische Lösungen bei Strukturproblemen. Das alles ginge natürlich auch wunderbar ohne die NPD. Wenn Deutschland aus sich selbst heraus dazu bereit wäre – und nicht immer ein Menetekel brauchte, das vielleicht auch andere sehen können!


 

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