Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
1|2|3 Auf einer Seite lesen

6.9.2007 | Von:
Rainer Fromm

Rassistischer Hass im Word Wide Web

Die weltweite Vernetzung von Neonazis im Internet

Rechtsextremisten nutzen den Cyberspace heute als effektive "Propagandawaffe", um Nachwuchs anzulocken. Ihr Repertoire reicht von widerlichen Spielen wie "Nazi-Doom" bis hin zu Online-Shops für braune Ware.
Website des rechtsextremen Netzwerks "Blood and Honour". Screenshot vom 12.12.2011, http://www.bloodandhonour.org/.Website des rechtsextremen Netzwerks "Blood and Honour". Screenshot vom 12.12.2011, http://www.bloodandhonour.org/.

Der Cyberspace ist in den Händen der Rechtsextremisten heute zu einem der effektivsten und vielseitigsten Medien avanciert und gilt Neonazis längst als "Propagandawaffe", wie es der amerikanische Neonazi Gerhard Lauck, Chef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei/Aufbau- und Auslandsorganisation (NSDAP/AO), formuliert. Gab es 1996 laut Verfassungsschutz lediglich 32 rechtsextreme deutsche Seiten, so waren es 1997 bereits knapp 100, ein Jahr später 200 und 1999 schon 330. Bis 2001 stiegen sie auf 1300 an. Eine weitere Expansion konnte jedoch durch das Einleiten zahlreicher Strafverfahren gegen Homepagebetreiber und die vielen Sperrungen neonazistischer Webseiten durch kommerzielle Provider vorerst gebremst werden. Inzwischen scheint sich die Zahl der von deutschen Rechtsextremisten betriebenen Homepages bei 1000 in den Jahren 2005 und 2006 zu stabilisieren, allerdings kommen zunehmend Selbstportraitseiten einzelner Akteure in der rechtsextremen Szene dazu.

Das Internet bietet den Extremisten eine ganze Reihe elementarer Vorteile gegenüber herkömmlichen Medien, die sich mit der Formel "Leichter Einstieg – Große Wirkung" zusammenfassen lassen. (vgl. Verfassungsschutz- bericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2002, Düsseldorf 2003, S. 135 f) Das hat mehrere Gründe:
  • Die einfache Handhabung, die es erlaubt, selbst mit geringsten technischen Mitteln eine Webseite zu erstellen.
  • Der geringe Kostenaufwand einer Webseite.
  • Die hohe potenzielle Breitenwirkung.
  • Das geringe Risiko der Strafverfolgung, da es die internationale Struktur des Internet erlaubt, nach deutschem Recht strafbare Inhalte anonym über Internet-Dienstleister (Provider) im Ausland einzustellen.

Kommunikative Strukturen in die Virtualität transportiert

Gerade die Neonazi-Szene, die nach den zahlreichen Organisationsverboten der neunziger Jahre nach autonomeren Formen der politischen Arbeit sucht, konnte die kommunikativen Strukturen (Termine, Demonstrationen, Treffpunkte etc ...) weitgehend in die Virtualität transportieren. Zu diesem Zweck wurden im neonazistischen Spektrum spezialisierte Internetplattformen eingerichtet, wie etwa die Webseite des "Aktionsbüros – Koordinierungsstelle für den Widerstand in Thüringen", die vor allem Gruppen und Einzelpersonen aus dem Spektrum der "Freien Nationalisten" vernetzt. (vgl. Verfassunggschutzbericht des Freistaates Thüringen 2006, Erfurt 2007, S. 32)


Das Internet hat mehr zu unserer Vereinigung beigetragen als irgendein Pamphlet, das jemals gedruckt worden ist. Deine Waffenbrüder sind lediglich einen (Maus-)Klick entfernt! Obwohl der ZOG (Zionist Occupied Government, d. Verf.) verzweifelt versucht, des unsichtbaren Imperiums des Nazi-Netzwerkes Herr zu werden, gibt es nur wenig, was sie tun können, um es zu stoppen", so die Einschätzung der Neonazi-Skinbewegung "Blood & Honour" über die Wirksamkeit ihrer virtuellen Agitation. Politikwissenschaftler wie Professor Dr. Hans Gerd Jaschke sehen in den Webangeboten einen wesentlichen Grund für die Breitenwirkung rechtsextremistischer Angebote unter Jugendlichen, "weil sie zum Teil mit modernen Mitteln und einer aktuellen Ästhetik agieren". (Landesamt für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen: Menschenverachtung mit Unterhaltungswert, Düsseldorf 2005, S. 22) So beobachtet auch der Verfassungsschutz, dass vermehrt "moderne Gestaltungselemente" Verwendung innerhalb der rechtsextremen Seiten finden. So heißt es im nordrhein-westfälischen Jahresbericht 2006: "Der Einsatz multimedialer Elemente sorgt einerseits für eine allgemeine Attraktivitätssteigerung der Seiten, andererseits dient insbesondere das Medium Musik verstärkt auch der Werbung von Szenenachwuchs." (Verfassunggschutzbericht des Landes Nordrhein Westfalen 2006, Düsseldorf 2007, S. 90 f)

Unverhüllte Mordaufrufe in Computerspielen

Besonders bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang die beträchtliche Zahl rechtsextremistischer Computerspiele, die im Internet zum Gratis-Download angeboten werden und die ungezügelte Hassbotschaften transportieren. Eines der übelsten Spiele auf dem Markt ist das Gratis-Erweiterungspack der NSDAP/AO mit dem Titel "Nazi-Doom". Der Inhalt ist das hemmungslose Abschlachten von Menschen mit schwarzer Hautfarbe und Juden. Mit der Zusatz-Software wird ein grausames Computer-Gewalt­spiel ideologisch aufgeladen und überfrachtet, das bereits in seiner Ursprungsform in Deutschland indiziert war. Der "wesentliche Inhalt" des Spieles, so heißt es im Indizierungsbeschluss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, sei "die bedenkenlose, realistisch inszenierte Tötung unter anderem von Gegnern in Menschengestalt". (Entscheidung Nr. 4637 (V), vom 25.5.1994, S. 6): In der Indizierungsentscheidung heißt es weiter:
"Die sozialethische Desorientierung rührt aus der Einübung gezielten Tötens. Die programm-immanente Logik bindet den Spieler an ein au­tomatisiertes Befehls- und Gehorsamsverhältnis, dessen wesentlicher Kern das reaktions­schnelle, bedenkenlose Töten menschen- bzw. tier­ähnlicher Gegenüber aus­macht. Möglichkeiten des Ausweichens oder ähnlicher non-aggressiver Kon­fliktlösungen existieren nicht. (...) Ein erfolgreiches Durchspielen des Programms ist einzig durch die Liquidation zahlloser Gegner gewährleistet, wobei die Akte der Liquidation auf mannigfaltiger Art und Weise positiv verstärkt werden. So z.B. durch die aufwendige Darstellung blutig zerfetzter gegnerischer Körper." (Entscheidung Nr. 4637 (V), vom 25.5.1994, S. 6)
Durch die rassistische Erweiterung der NSDAP-AO bekommen die in der Doom-Grundversion anonym gehaltenen Gegner eine reale Entsprechung. Und damit wächst auch die Transfereignung der Spielehandlung in die reale Welt – das Spiel wird realis­tischer. Der Vizepräsident des Landesamt für Verfas­sungsschutz in Baden-Würt­temberg warnte beim Aufkommen von "Nazi-Doom" vor fließenden Übergängen zwischen Virtualität und Realität: "Wenn man jetzt bedenkt, das man bei einem Tö­tungsakt drei Dinge benötigt, eine Waffe, das Können und den Willen, und man bedenkt darüber hinaus, dass gewalttätige Videospiele zwei da­von dem Spie­ler liefern, nämlich das Können und den Willen, und wenn darü­ber hinaus dann den Spieler eine Waffe und ein ganz reales Szenario vor­gegeben wird, dann werden solche gewalttätigen Videospiele zu Mord­simulatoren." (Zit. aus: ZDF, Kennzeichen-D, 25.5.2000)

"Nazi-Doom" ist nur ein Spiel im menschenverachtenden Angebot der NSDAP-AO. Andere Spiele heißen "KZ-Rattenjagd" oder "Die Säuberung". Neben der NSDAP-Aufbau-Organisation stellt der auch rassistische Musik-Vertrieb "Resistance Records" einen rechtsextremistischen Ego-Shooter ins Netz. Eigentümer des Handels ist die Gruppe "National Alliance", die derzeit als die "größte und aktivste Neonazi-Organisation in den Vereinigten Staaten" gilt. (www.adl.org, 9.7.2007) Das 2002 erschienene Computerspiel hat den Namen "Ethnic Cleansing" (ethnische Säuberung).

In der Rolle eines Skinhead oder eines KuKluxKlan-Manns gilt es einen virtuellen Rassekrieg zu führen. Die Handlung beginnt in einer virtuellen Stadt, die von "predatory subhumans" (="räuberischen Untermenschen") und ihren Jüdischen Herren beherrscht wird. Hinter den "predatory subhumans" verbergen sich dann in der Spielhandlung Schwarze oder Poncho tragende Latinos, die es allgegenwärtig zu töten gilt. (www.adl.org, 9.7.2007) Am Ende des Spieles steht eine Art Endschlacht im "Jüdischen Kontrollzentrum" gegen den (damaligen) Premierminister von Israel, Ariel Sharon.

Reaktionsschnelles Erschießen von Schwarzen

Die ebenfalls amerikanische Organisation "White Arian Resistance" hat eine eigene Rubrik "Rassist Games" zum downloaden im Netz. (www.restist.com/, 10.7.2007) In "Border Patrol" beispielsweise muss der Spieler die Grenze gegen mexikanische Einwanderer freikämpfen, in anderen Games geht es um das reaktionsschnelle Erschießen von Schwarzen. Weitere Spiele heißen "Nigger Doom", "SA Mann", "Rattenjagd – Kill the Jew Rats" oder "Nigger Hunt". Hierzu heißt es: "Safari in Afrika – töte alle Nigger, die Du töten kannst". (www.restist.com/racistgames/index.htm, 18.8.2007) Die Internet-Sektionen der Nazis entsprechen dem "Stürmer" des 21. Jahrhunderts. Mit rassistischen Jokes, Comics und downloadbaren Spielen wie "Aryan 3" oder "Shoot the Blacks" werden die Köpfe der jugendlichen Besucher der Webseiten mit rassistischen Vernichtungsfantasien aufgeladen. Die Propagandisten eines neuen Genozids sind genau einen Mouseclick weit von den Kinder- und Jugendzimmern entfernt.

Die Eignung des Internets zum Transport ihrer Hass-Botschaften ist den Rechtsextremisten bewusst. Nicht umsonst bietet die NSDAP-Aufbau-Organisation auf ihrer Webseite NS-Handylogos und Klingeltöne – Nazi-Propaganda, ganz dicht an der Lebenswelt ihrer jugendlichen Besucher. Auf der Webseite, die sich in über 20 Seiten präsentiert, präsentiert die braune Organisation eine Art Schnellkurs zur Nutzung des Internets für illegale NS-Agitation. In der Rubrik "Wie Du das Internet als Propagandawaffe nutzen kannst" (www.nazi-lauck-nsdapao.com/gerip.htm, 9.7.2007) fordert die NSDAP/AO: "Verbreite Links! Besuche andere nationale Netzseiten und bringe die Anbieter dazu, Links mit der NSDAP/AO auszutauschen" oder Werbe für NS-Computerspiele! Besuche Chaträume und Foren über Computerspiele und sende folgende Nachricht: Neues Computerspiel – GRATIS zum Herunterladen bei (....)." (www.nazi-lauck-nsdapao.com/gerip.htm, 9.7.2007)

Länderübergreifende Arbeitsteilung: US-Neonazis produzieren für den deutschen Markt

Neben zahlreichen volksverhetzenden Angeboten, die von den Rechtsextremisten gratis ins Netz gestellt werden, dient das Internet auch als Verdienstquelle. Von den über 90 rechtsextremistischen Vertrieben in Deutschland bieten ebenfalls die meisten ihre Produkte im Internet an. Der Verkauf über das World Wide Web bietet für Käufer und Verkäufer zahlreiche Vorzüge (vgl. Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein Westfalen 2006, Düsseldorf 2007, S. 93):
  • Ein Onlineshop kann ohne großen Aufwand eingerichtet und verwaltet werden.
  • Miete und Personalkosten sind bei einem Internetvertrieb kaum vorhanden.
  • Der Verkauf ist nicht an Ladensöffnungszeiten gebunden.
  • Beim Onlineverkauf kommt es nicht zur Konfrontation mit dem politischen Gegner.
Die anonyme Abwicklung des Verkaufs ist auch für Interessenten attraktiv, die zwar in der Ideologie des Rechtsextremismus verhaftet sind, allerdings persönliche Kontakte zu Händlern einschlägiger Ware vermeiden.Dazu lässt sich seit Jahren eine länderübergreifende Arbeitsteilung beobachten. Während die harmloseren Bands in Deutschland produziert und verkauft werden, sind besonders amerikanische Firmen zum Teil auf den deutschen Markt ausgerichtet und "besitzen für Produktion und Vertrieb massiv volksverhetzender, antisemitischer und den Nationalsozialismus verherrlichender CDs deutscher Musikgruppen große Bedeu­tung." (Rechtsextremistische Musik, Hrsg : Bundesamt für Verfassungsschutz, Köln 2007, S. 23) Hier spielt der internationale Internethandel als Plattform deutscher Neonazis, um indizierte und sogar richterlich beschlagnahmte Produkte zu ersteigern, eine zentrale Rolle. Beispielhaft stehen Vertriebe wie "Micetrap Distribution", "Resistance Records", "NS 88 Videos" oder "MSR Productions". So finden sich bei "NS 88 Videos", das damit wirbt, die "weltweit größte Auswahl von Skinhead-Videos zu verkaufen" ( vgl. www.ns88.org/, 24.08.2007), die indizierten Filme der Reihe "Kriegsberichter" oder die ebenfalls indizierte CD "Kommando Freisler", deren einzige Botschaft menschenverachtender Antisemitismus ist, wie der folgende Auszug aus dem Song "Im Wagen vor mir" dokumentiert:
"Wir werden keinen dieser Brut vergessen, Ein jeder kriegt ganz einfach, was er braucht, Erschießen und erhängen und dann allesamt verbrennen, Und nicht nur hier, in anderen Ländern auch. Und gibt es auf der Welt dann keinen Juden mehr Wird unser Deutschland endlich wieder frei. Dann holen wir uns Polen, was sie uns einst gestohlen Und die SS ist wieder mit dabei."
Andere Titel bei "NS 88" wie die CD-"B.Z.L.T.B." der Band "Hassgesang", werben mit einem KZ-Lagerbild auf dem Booklet. Auch dieser Titel ist indiziert, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) schätzt ihn nicht nur als jugendgefährdend, sondern auch als strafbar ein. (BAnz. Nr. 41, 28.02.2004 ; vgl. BPJM Aktuell 3/2006, S. 64) Inhalt der CD ist neben derben antisemitischen Ausfällen auch eine Glorifizierung Adolf Hitlers, der im achten Lied der CD mit dem Titel "18" ("18" ist in der Neonazi-Szene eine Kurzbezeichnung für Adolf Hiter; "18" steht für "AH", den ersten und achten Buchstaben im Alphabet ) als "leuchtende Figur" angepriesen wird: "Adolf Hitler – Im Kampf für unser Land Adolf Hitler – sein Werk verteufelt und verkannt Adolf Hitler – du machst es uns vor Adolf Hitler – Sieg Heil tönt zu dir empor." (zit. aus: Entscheidung Nr. 6571 (V) vom 11.2.2004, S. 7; vgl. zur Begründung der Indizierung auch S. 16 f)

"Wir wollen rassistische Kinder nicht nur unterhalten, sondern auch formen"

Da Rechtsextremisten wissen, dass die USA in Sachen Jugendschutz ein Entwicklungsland sind, ist davon auszugehen, dass derlei Tonträger ganz gezielt im Ausland produziert und vertrieben werden, um dann über die Online-Präsenz wieder zurück auf den deutschen Markt schwappen. Auf internationalen Kontaktlisten der Szene finden sich die Musiklieferanten für jugendgefährdendes Material ganz oben. (vgl. www.ns88.org/, 24.08.2007) Um den prominenten Großhändler "Panzerfaust Records" aus Minneapolis wurde es 2005 ruhig. Ausgerechnet der Inhaber des White-Power Labels kam mit Enthüllungen in die Öffentlichkeit, die selbst einem Drahtzieher der Szene den Garaus machen. Während eines Thailand-Urlaubes hatte Anthony Pierpont angeblich mehrfach Sex mit "nicht-arischen" Prostituierten, wie Byron Calvert, der Sprecher des Unternehmens und Co-Manager erklärte. (www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19646/1.html, 19.03.2005)

Für ein Unternehmen, das allgegenwärtig den arischen Rassekampf betont, bedeutet dies sicherlich Erklärungsnotstand. Sicherlich genauso problematisch für die Reputation unter Kameraden war die Tatsache, dass die Polizei bei Hausdurchsuchungen November 2004 neben Nazi-Devotionalien auch Kokain und Marihuana fand. Der Jahresumsatz des Unternehmens von Calvert und Pierpont hatte zu Hochzeiten bei rund 1 Million Dollar gelegen. Das Motto des Unternehmens war vielsagend: "We don´t just entertain racist kids, we create them!" (wir wollen rassistische Kinder nicht nur unterhalten, sondern auch formen). Ein Motto, das sich viele neonzistische Bands wohl zu eigen gemacht haben. Auf ihren Webseiten werden heute zahllose rassistische und kriegsverherlichende Stücke zum gratis-download angeboten. Und auch hier sind es wieder die amerikanischen Webseiten, die mit besonders drastischen Liedern versuchen, weltweit den Boden für einen neuen Genozid an Juden zu bereiten. So heißt es im Lied "Judensau" der Band "Weiße Jäger", das aufgrund seiner Indizierung (BAnz, Nr. 117, 28.06.2003) in Deutschland ebenfalls vornehmlich von amerikanischen Internetvertrieben wie "Micetrap Distribution" aus New Jersey zu beziehen ist: "In Auschwitz ist noch ein Plätzchen frei ... Dort wirst Du hungern, dort wirst Du frieren und wirst elendig krepieren." (zit. aus : Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2003, Hannover o.J., S. 30)

Braune Tonträger auch bei Ebay

Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang auch dem Internet-Auktionshaus "Ebay" zu. In großer Stückzahl werden hier seit Jahren rechtsextremis­tische Tonträger und andere Devotionalien (T-Shirts, Aufnäher etc ....) aller Art angeboten. In den letzten Jahren ist jedoch ein signifikanter Produktwechsel zu beo­bachten. Mit einer riesigen Versteigerungspalette neonazistischer und indizierter Tonträger von Bands wie "No Remorse", "Bound for Glory", "Odils Law" oder "Die Härte" geriet Ebay 2002 in das Visier von Verfassungs- und Jugendschutz­behörden. Im ZDF-Magazin Frontal 21 warnte der damalige Vizepräsident des Landes­amtes für Verfassungsschutz Baden Württemberg, man könne "über Ebay nahezu alle Segmente rechtsextremistischer Artikel finden". (ZDF-Pressemitteilung, 15.1.2002)

Inzwischen sind bekannte verfassungsfeindliche Skinhead-Titel wie "Radikahl", "Frontalkraft" oder "Rheinwacht" seltener geworden. Stattdessen finden sich heute Hunderte von Tonträgern rechtsrad­i­kaler Dark Wave und Black Metal-Bands in den Versteigerungen. Allgegenwärtig sind die Tonträger von NS Black Metal-Bands wie "Burzum", "Graveland", "Totenburg", "Magog", "Veles", "Absurd" oder der ultrarechten Dark Wave-Band "Von Thronstahl", (vgl. u.a. Stichprobe 09.07.2007) In einer Stichprobe Januar 2006 fanden sich aber auch aus der Tagespresse hinlänglich bekannte Szenebands wie "Kraftschlag", "Skrewdriver" oder vomrechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke. Neben Ebay hat sich auch ein eigenständiges rechtsextremes Auktionshaus mit dem Namen "unser Auktionshaus" mit Sitz in Stuttgart etabliert. Insgesamt wird die Verkaufsplattform nach eigenen Angaben von 2885 freigeschalteten und 489 geprüften Mitgliedern genutzt. (www.unserauktionshaus.de/cgi-bin/main.pl, 23.08.2007) Auf dem virtuellen Marktplatz sollen auch "strafbare Tonträger, Videos, Textilien und Devotionalien den Besitzer wechseln", wie der Verfassungsschutz beobachtet. (Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 2003, Potsdam 2004, S. 81) "Unser Auktionshaus" dokumentiert eindrücklich die Vielseitigkeit rechtsextremistischer Propaganda.

Internetforen als Kommunikationsorte für die Neonazi-Szene

Ebenfalls Beachtung im des virtuellen Rechtsextremismus verdienen mehr denn je die Internetforen der Szene, deren Besucherzahlen beharrlich ansteigen. Vereinzelt zählen Verfassungsschutzbehörden hier weit über 1.000 Personen in deutschsprachigen Foren. (Verfassunggschutzbericht des Landes Nordrhein Westfalen 2006, Düsseldorf 2007, S. 91) Das mehrsprachige Skadi-Forum kommt gar auf über 7.000 aktive Nutzer. Weitere bedeutsame Kommunikationsorte sind das "Wikinger-Forum", das "Nationale Forum" und das "Hatecore-Forum", das nach eigenen Angaben über 950 Mitglieder verfügt, die bereits mit über 22.800 Beiträgen präsent sind. (vgl. http://hatecore-forum.com, 18.08.2007) Die cirka 830 Mitglieder "des für die Szene meinungsbildenden Wikinger Forums" (Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2005, Hannover o.J., S. 40) haben sich zu über 1.200 Themen mit rund 30.000 Beiträgen geäußert, was die Attraktivität der szeneeigenen Kommunikation unterstreicht.

So finden sich auf der Kontaktbörse, wer Umgang "zu anderen Skinheads/Renees/Nationalen/Gleichgesinnten sucht", über 7.800 Einträge. Knapp 7.500 User besuchten bereits die Rubrik "Demonstra­tionen", die über Schulungs- und Veranstaltungs-Termine informiert und die immense Bedeutung des Internets für die rechtsextremistische Logistik plakativ verdeutlicht. (http://forum.wikingerversand.de/forum.php, 18.8,2007) Als "größte germanische Online-Gemeinschaft" präsentiert sich mit "mehr als 20.000 Mitgliedern aus allen Teilen der Welt" das so genannte "Thiazi-Forum". In über 600 Diskussionforen warten nach den Aussagen der Betreiber über 650.000 Beiträge darauf, gelesen zu werden. Zu den ständigen Themenschwerpunkten gehört die Berichterstattung über rechtsextremisti­sche Events wie beispielsweise der NPD-Sachsentag 2007. (http://forum.thiazi.net/showthread.php?p=900226, 18.8.2007)

Da in den Diskussionsräumen immer wieder nur angemeldete Teilnehmer Zugang haben, gelingt Neonazis hier eine weitreichende Abschottung gegenüber Sicherheitsbehörden. In diesen Nischen schaffen es Rechtsextremisten seit Jahren, "Organisationsverbote zu unterlaufen und internationale Kontakte zu knüpfen", wie das Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen beobachtet. (Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen 2005, Hannover o.J., S. 39)

Insgesamt fällt die Analyse ambivalent aus: Zwar ist es den Rechtsextremisten nicht gelungen, mit dem Run auf das World Wide Web mitzuhalten, was die vergleichsweise kleine Zahl deutscher Webseiten belegt. Auf der anderen Seite sind es die propagandistischen und kommerziellen Perspektiven des internationalen Mediums, der das Internet heute zur wichtigsten Plattform für Neonazis macht. Viele User sind genau einen Mouseclick vom Stürmer des 21. Jahrhunderts entfernt – der Hitlers menschenverachtende Terrorideologie in bunten und actionreichen Angeboten zeitgemäß in die Kinder- und Jugendzimmer transportiert.
1|2|3 Auf einer Seite lesen