Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

6.9.2007 | Von:

"Europa rockt völkisch! "

Wie Neonazis mit Musik europaweit ihre Ideologie propagieren und Nachwuchs rekrutieren

Die Bundesregierung schreibt weiter: "Mit dem Verbot der deutschen Division von 'Blood & Honour' (15.09.2000) und etwa zeitgleichen polizeilichen Aktionen gegen die 'Blood & Honour'-Szenen in Ungarn und in der Tschechischen Republik brachen viele in diesem Umfeld entstandenen Kontakte weg. Der traditionell von ungarischen Neonazis begangenen 'Tag der Ehre' (Gedenkfeier für gefallene Soldaten der 'Waffen-SS') zog in den letzten Jahren nur noch vereinzelt deutsche Besucher an." Ziemlich genau einen Monat vor dieser Stellungnahme der Bundesregierung hatte "Blood & Honour" in Ungarn mit mehr als 1.000 Neonazis wieder den "Tag der Ehre" gefeiert – darunter mindestens 100 Deutsche. Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt trat sogar mit den NPD-Funktionären Matthias Fischer und Eckart Bräuninger als Redner auftrat.

Der Berliner NPD-Landesvorsitzende Bräuninger sagte auf dem Budapester Heldenplatz, wo der SS-Schlacht um die ungarische Hauptstadt Ende des Krieges gedacht wurde: "Im Osten aber strömten die entmenschten Horden aus den Steppen Innerasiens nach Europa, um unsere Frauen zu vergewaltigen, die Kinder zu entführen, die Männer zu ermorden und unsere Völker verhungern zu lassen. Kein Tier könnte so grausam sein, kein Teufel so wahnsinnig sein, wie diese sadistischen Verbrecher, die Kommissare und Propagandisten der roten Armee, Bestien in Menschengestalt." Sein Fazit: "Die alliierten Sieger vernichteten das Erbe unserer Ahnen, unserer Heimat und ihrer kulturellen Werte und legten unseren Völkern eine selbstzerstörerische Wesens- und Geisteshaltung auf, vermischten die Rassen und ordneten den Zuzug fremder Völker an."

Beim abendlichen Gedenkkonzert in einem Haus von "Blood & Honour" trat der bayerische Liedermacher Edei auf – mit Lied-Texten wie den folgenden:
"Ja, man muss zuerst das Giftgas in die Kammer füllen und um das Ganze einen schicken Schleier hüllen. Mit ner Brause und nem Abfluss, wie ne Dusche sieht das aus. Und fertig ist der Holocaust." Und: "Adolf Hitler steig hernieder und regiere Deutschland wieder. Lasse in diesen miesen Zeiten das ganze Pack nach Auschwitz reiten. Wir füllen die Arbeitslager mit den ganzen Juden..."
An den internationalen Beziehungen deutscher Neonazis wird deutlich, dass sogar die verbotene "Blood & Honour"-Division weiterhin besteht. Ihre Flagge hing beispielsweise beim Ian-Stuart-Donaldson Memorial im September 2006 in England, die Flagge der Hamburger Sektion Nordmark im selben Monat bei einem Konzert der "Veneto Fronte Skinheads" in Italien und wiederum die Flagge der Deutschen Division beim SS-Memorial von "Blood & Honour Vlaanderen" am 10. März 2007 in Belgien.

Das größte "Blood & Honour"-Konzert der vergangenen Jahre, das im Dezember 2004 in Belgien stattfand, wurde sogar von Deutschen organisiert. Am konspirativen Treffpunkt auf einem Autobahn-Rastplatz standen Deutsche als Schleuser, den Eintritt kassierten Deutsche, rund 90 Prozent der 2.000 Neonazis im Publikum waren Deutsche, es spielten deutsche Bands wie "Weisse Wölfe", "Kraftschlag" und "Race War" – und hinter der Bühne hing beispielsweise eine Transparent der "Kameradschaft Aachener Land" neben der "Blood & Honour"-Beflaggung. Zum bevorzugten Konzert-Land deutscher Neonazis wird aber immer mehr Italien. Durchschnittlich alle zwei Monate spielen deutsche Bands jenseits der Alpen und die glatzköpfigen Fans reisen hinterher. Die italienische Polizei beobachtet nur, sie greift nicht ein. Und vor allem scheint sie nicht einmal im Vorfeld eines Konzertes zu versuchen, die Veranstaltung zu verhindern – und das unterscheidet Italien von anderen europäischen Ländern. In Belgien wird die Polizei zumindest im Vorfeld eines Neonazi-Gigs aktiver als früher, nachdem bei einer Razzia in der Szene Waffen gefunden wurden. Im Elsass reagiert die Polizei nach Friedhofs-Schändungen etwas aufmerksamer auf die Szene. Konzert-Stürmungen sind allerdings auch dort keine bekannt.

Und in Österreich sowie der Schweiz sieht sich die Polizei nach Fehlleistungen von der Öffentlichkeit unter Druck gesetzt. In der Schweiz sind 2005 Straftaten bei einem Konzert gefilmt und im Fernsehen ausgestrahlt worden. In Österreich offenbarte 2006 ein verdeckter Dreh, wie sich Polizisten mit Nazis in einem Konzertsaals augenscheinlich amüsierten – und sich schließlich beim Sound-Check per Handschlag verabschiedeten. Danach kam es ebenfalls zu Straftaten, die ungeahndet blieben.