Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Die Armee der weißen Rasse

Neonazis und andere Rechtsextremisten in Osteuropa


7.9.2007
Fremdenfeindliche Parolen, verbale und körperliche Gewalt haben auch in Russland und vielen Staaten Osteuropas Konjunktur. Wie die rechtsextremen Strukturen konkret aussehen und welche Verbindungen es zu deutschen Neonazis gibt, erklärt Anton Maegerle.

Studenten protestieren gegen ein Gerichtsurteil in der Nähe eines Gerichtsgebäudes in St. Petersburg am 23.10.2006. Sie halten Fotos des vietnamesischen Studenten Vu Tuan An, der von einer Gruppe angetrunkener Jugendlicher überfallen und mit mehr als 30 Messerstichen getötet worden ist., in ihren Händen. Am 13. November 2006 hatte das St. Petersburger Stadtgericht bereits alle 17 Angeklagten freigesprochen.Studentenprotest im Herbst 2006 in St. Petersburg. Zwei Jahre zuvor war der vietnamesische Student Vu An Tuan von Rechtsextremisten ermordet worden. (© AP)

Russland: Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres starben hier 36 Menschen nach Überfällen von Neonazis und Skinheads. Im Juli wurde beispielsweise ein Umweltaktivist von Rechtsextremisten in einem Protestcamp in Sibirien zu Tode geprügelt. Das Moskauer Forschungsinstitut "Sowa", das sich mit Fremdenfeindlichkeit und Gewalt befasst, zählte im Jahr 2005 landesweit 461 Opfer rassistischer bzw. rechtsextrer Übergriffe; davon 47 Tote. 2006 gab es 541 rechtsextreme Überfälle mit 55 Toten. Am häufigsten geschehen rassistische Übergriffe im Großraum Moskau. Dort wurden im vergangenen Jahr 24 Tote und 84 Verletzte gezählt. Nach Sowa-Umfragen sympathisieren 15 Prozent der russischen Jugendlichen mit rassistischen Ideen. Das Sowa-Zentrum schätzt die Zahl russischer Neonazis auf 60.000 bis 70.000.

Im Vielvölkerstaat Russland verschlechtert sich Jahr für Jahr das Verhältnis zwischen Russen und anderen Nationalitäten. Für weltweite Schlagzeilen sorgte im August eine Videoaufnahme, die die bestialische Hinrichtung eines Dagestaners und eines Tadschiken im Internet zeigt. Tatort war ein Waldstück, eine Hakenkreuzfahne hing hinter den Opfern. Zur Tat bekannte sich eine "National-Sozialistische Partei Russlands" (NSPR). Fremdenfeindlichkeit schürt in Russland maßgeblich die "Bewegung gegen illegale Einwanderung" (DPNI), die für die Vertreibung aller Ausländer aus Russland kämpft und mit populistischen Parolen gegen Menschen aus dem Kaukasus mobil macht. Geführt wird die 2002 gegründete Gruppierung mit geschätzten 20.000 Mitgliedern in mehr als 30 russischen Regionen von Alexander Below. Die DPNI, die bemüht ist, sich im Rahmen der Verfassung zu bewegen, gilt als Ersatzorganisation für diverse rechtsextreme, verbotene Gruppen. Ins gleiche Horn wie die DPNI posaunt die nationalistische Partei "Rodina" (Vaterland), die fordert, Russland müsse die illegalen Einwanderer "loswerden".

Skinheads drohen sogar Kindern mit dem Tod



Gewaltorientiert ist die Hitlertreue "Nationalsozialistische Gesellschaft" (NSO) unter Vorsitz von Dmitrij Rumjantsew. Rumjantsew tritt offen für Konzentrationslager für Ausländer ein. Die NSO bezeichnet als ihr Ziel die "Vereinigung aller russischen Territorien im Rahmen eines Großrussland" und die "Propaganda der Ideologie des russischen Nationalsozialismus". Neben ideologischen Schulungen stehen bei der NSO auch Wehrsportübungen in paramilitärischen Ausbildungslagern auf dem Programm. Paramilitärischer Ableger der NSO ist die Neonazi-Truppe Format 18. Ihr derzeit inhaftierter Führer Maxim Marzinkewitsch wird Tesak ("das Beil") genannt. In einem Interview erläuterte Tesak, warum russische Skinheads gerne Jagd auf Kinder machen: "Wir sollten nicht nur die Erwachsenen töten. Wir müssen auch die Kinder loswerden. Wenn du Kakerlaken zerquetscht, dann nicht nur die großen. Du tötest auch die kleinen."

''Konföderation der weißen Völker''



In mehr als 30 Regionen ist die mit der Skinheadszene verzahnte "Volksnationale Partei" (VNP) von Alexander Iwanow-Sucharewski aktiv. Der gelernte -FilmRegisseur, der acht Kindheitsjahre als Sohn eines Geheimdienstoffiziers in der DDR verbrachte, verbreitet Parolen wie "Russland den Russen". Die deutsche NPD gilt für den rechtsextremen Politiker als "ein Zeichen der Wiedergeburt Deutschlands", wie er in der Juni-Ausgabe des NPD-Blattes "Deutsche Stimme" betonte. Als "Symbol der deutsch-russischen Freundschaft" würde Iwanow-Sucharewski gerne gemeinsam mit der NPD einen Kongress in "Königsberg" (heute: Kaliningrad) durchführen. Das "Maximalprogramm" seiner VNP besteht laut Iwanow-Sucharewski "in der Schaffung einer Konföderation der weißen Völker". Ihr Hauptziel sei es, "unser Blut, Russland und Europa zu retten". In Broschüren rühmt der Politiker den "Übermenschen" und präsentiert seine Truppe als "Armee der weißen Rasse". Ebenfalls eng mit der Skinheadszene vernetzt ist die "Partei der Freiheit" (PS) von Jurij Beljajew, die in St. Petersburg ihren Sitz hat.

Die in den neunziger Jahre landesweit aktive Partei "Russische Nationale Einheit" (RNE) ist heute zersplittert: so existieren heute die von Ex-RNE-Führer Alexander Barkaschow dominierte RNE-1, die RNE-2 der Brüder Lalotschkin, die "Russische Wiedergeburt" (RW) der Barkaschow-Widersacher Oleg Kassin und Juri Wasin sowie der "Slawische Bund" (Slawianski Sojus), abgekürzt SS, von Dmitrij Demuschkin. Demuschkin soll im Sommer 2005 an einem Sprengstoffanschlag auf eine Moschee bei Moskau beteiligt gewesen sein. Im Frühjahr 2006 zeichnete ihn der damalige Parlamentarier Nikolai Kurjanowitsch von den Liberaldemokraten (LDPR) mit einem Orden aus. Heute gehört Kurjanowitsch, der aus der LDPR ausgeschlossen wurde, dem Zentralrat der "SS" an. Mehrfach hat der Slawische Bund Internetseiten von Menschenrechtsorganisationen und jüdischen Organisationen in Russland lahmgelegt. Alexander Barkaschow, der die extrem antisemitische und fremdenfeindliche "Russische Nationale Einheit" im Oktober 1990 ins Leben gerufen hatte, genießt bei deutschen Neonazis hohes Ansehen. So wurde er 1994 von der mitgliederstarken "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG), als "Freund des deutschen Volkes und seiner nationalen Rechten!" gefeiert.