Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.5.2007 | Von:
Holger Kulick

Wenn Redaktionen Flagge zeigen

Rechtsextremismus in der Presse

Wie sollen Zeitungen über Rechtsextremismus schreiben? Parteiisch, empört – oder lieber gar nicht? Bauschen sie gar ein Randthema auf? Holger Kulick, Fabian Stroetges und Caspar Rehner meinen: Nur was deutlich beim Namen genannt wird, kann auch repariert werden.

In Memoriam Caspar.

Regelmäßig vor Ort, wo kaum andere hingehen: Frank Jansen vom Tagesspiegel (2.v.l.) als Beobachter eines Neonazi-Aufzugs vor der Strafanstalt in Berlin Tegel 2006. Foto: KulickRegelmäßig vor Ort, wo kaum andere hingehen: Frank Jansen vom Tagesspiegel (2.v.l.) als Beobachter eines Neonazi-Aufzugs vor der Strafanstalt in Berlin Tegel 2006. (© H.Kulick)

In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Welche Ursachen das hat und was man dagegen tun kann, diskutieren Spitzenpolitiker, Gewerkschafter und Arbeitgeber immer wieder gerne aufs Neue. Nicht ganz neu, aber trotzdem beliebt: Greencards für "Computer-Inder". Doch der Fachkräftemangel beschränkt sich bekanntermaßen nicht auf den IT-Bereich. Eine Branche, die stark unter Fachkräftemangel leidet, ist der Fach-Journalismus. Jedenfalls, wenn es um Rechtsextremismus geht. Medien, die sich Fachredakteure zum diesem Thema leisten, sind rar gesät, das gilt im Fernsehen, Hörfunk und Printbereich. Vor allem auf den letzteren soll sich diese Betrachtung konzentrieren. Wer Medienspiegel aufmerksam verfolgt, die das Thema Rechtsextremismus erfassen, wird schnell feststellen: viele Fachautoren zum Thema Rechtsextremismus gibt es nicht.


Frank Jansen ist solch ein Fachredakteur. Als Journalist des Berliner Tagesspiegels beschäftigt er sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Thema Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus. Dafür ist er viel unterwegs, vor allem im Berliner Umland, in Brandenburg. Er trifft sich mit den Neonazis direkt, beobachtet deren Aufmärsche, besucht Gerichtsverfahren gegen Gewalttäter und spricht regelmäßig mit Opfern rechtsextremer Gewalt, die er auch Jahre nachdem sie zu Krüppeln gemacht wurden, noch besucht und über ihr Schicksal berichtet. Und eins fällt ihm dabei oft auf: "Bei Prozessen gegen neonazistische Gewalttäter vor Brandenburger Gerichten fragt man sich manchmal 'Wo sind eigentlich die anderen?'." Wenn etwas Besonderes passiere, was Schlagzeilen macht, "dann berichten alle, was aber fehlt, ist die kontinuierliche Berichterstattung." Die benötigt jedoch Ressourcen, denn der Arbeitsaufwand dafür füllt eine Redakteursstelle locker aus.

Und so bleibt Frank Jansen bei vielen seiner Ortstermine allein – auch mit der Berichterstattung. Dass er für das Thema vergleichsweise viel Freiraum erhält, ist seinen Texten zu verdanken, für die er eine Reihe Auszeichnungen erhielt. Auf diese Weise ließ sich seine Redaktion einfach überzeugen, wie wichtig eine kontinuierliche und facettenreiche Auseinandersetzung mit diesem Thema ist. "Noch kein Text, den ich vorgeschlagen habe, wurde nicht gedruckt", berichtet Jansen nicht ohne Stolz – und sein Output ist groß, manchmal sogar zwei oder drei Geschichten zum Thema in einer Ausgabe. Eine Ausnahmesituation, denn in anderen Redaktionen heißt es eher: Nicht schon wieder Neonazis als Thema, hatten wir doch neulich erst...

Der Faktor Angst

Mal scheinen sich Reporter, mal ganze Redaktionen für Rechtsextremismus kaum zu interessieren. Manche beugen sich dem kommunalpolitischen Druck, die guten Beziehungen zum Bürgermeister nicht zu gefährden, der nicht will, dass das Thema 'aufgebauscht' wird. Andere schieben Angst vor, es lieber nicht zu tun, andere Bei der Fachredaktion des Magazins stern www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, die es seit bald vier Jahren unter dem Dach der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung als Onlineredaktion gibt, melden sich regelmäßig Lokaljournalisten und bitten um Rat. Gar nicht so selten ist nach allen Fachfragen der Punkt: "Bei uns wird das jetzt auch zum Thema, muss ich Angst haben, dass mir dann ein Stein ins Fenster fliegt, wenn ich darüber berichte? Wissen Sie, ich habe nämlich Familie". So formulierte beispielsweise vor einigen Monaten ein Thüringer Kollege sein Unbehagen.

Der Rat an den Reporter aus der MUT-Redaktion: Nein, Angst müsse er keineswegs haben, im Gegenteil, wenn er fair über örtliche Rechtsextremisten berichte und deren Ideologie dabei sachlich entzaubere, wachse auch ihm gegenüber Respekt, schließlich wüssten die meisten Neonazifunktionäre selbst, wie verlogen sie argumentieren.

Außerdem würde es zum Eigentor der Rechtsaußen, einen bei seinen Lesern respektierten Reporter zu bedrohen – wenn der nämlich klug ist, berichtet er selbstverständlich darüber und hat die 'die Story' schlechthin. Seitdem schreibt der Thüringer Kollege regelmäßig über das Thema – unbedrängt. Nur das Wort erteilt er Neonazis nicht. "Allenfalls, wenn so ein rechtsextremer Kandidat einen kommunalpolitischen Vorschlag mit Hand und Fuß unterbreiten würde, müsste man darüber nachdenken. Bislang war das hier jedoch noch nicht der Fall", schildert er erleichtert. Eine andere Sorge, die er hat: "Kann ich denn über Initiativen gegen Extremismus berichten und dabei Fotos dieser Leute zeigen? Die gefährde ich dann doch..." Der Rat aus der MUT-Redaktion: Diese Leute wollen bewusst ihr Gesicht zeigen, sie wollen in die Zeitung um andere zu ermutigen, sich ebenso couragiert zu engagieren, also sei diese Sorge unangebracht. Außerdem bedeutet Öffentlichkeit gerade für Wagemutige etwas sehr wichtiges - nämlich Schutz.

Zeitungen, die Engagement betreiben

Thüringer Landeszeitung: Das Thema Rechtsextremismus ist auch ohne Sensationsgehalt ein Titelthema. Foto: KulickThüringer Landeszeitung: Das Thema Rechtsextremismus ist auch ohne Sensationsgehalt ein Titelthema. (© H.Kulick)
Eine Reihe Thüringer Lokalzeitungen hat sich einem immer offensiveren Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus verschrieben. Dazu gehört es auch, Bürger-Engagement gegen Rechtsextremismus zu bestärken, denn in Thüringen nehmen rechtsextreme Umtriebe und Gewalttaten deutlich zu. Als sich beispielsweise für den 4. März im Frühjahr letzten Jahres rund 110 Rechtsextremisten auch noch zu einer Art braunen 'Kaffeefahrt' mit mehreren Busstationen durch Thüringen ankündigten, platzte der Redaktion der Südthüringer Zeitung der Kragen. Das Redaktionsteam verfasste kurzentschlossen einen Aufruf an ihre Leser und gab Aufkleber und Plakate mit der Aufschrift "Nazis raus aus Thüringen" in Auftrag. Dazu kam eine entsprechende Sonderseite zum Herausreißen ins Blatt. Der damals zuständige Redaktionsleiter der "stz" aus Bad Salzungen, Dr. Christoph Witzel, begründete die journalistische Parteinahme in einem nachlesenswertem Leitkommentar:

"Die Redaktionskonferenzen der vergangenen beiden Tage verliefen intensiver als gewöhnlich. Die Diskussionen drehten sich dabei vor allem um eine Frage: Wie gehen wir als Zeitung mit jenen Neonazis um, die für den 4. März eine "Kaffeefahrt" mit Auftaktkundgebung auf dem Bad Salzunger Marktplatz geplant haben? Sollen wir überhaupt darüber berichten? Geben wir den braunen Spinnern damit nicht genau jene Aufmerksamkeit und jene Plattform, die sie sich wünschen? Wäre es nicht sinnvoller, die Sache einfach totzuschweigen?

Die Sache ist aber in der Welt, und deshalb mussten wir uns gegen das Totschweigen entscheiden. Und aus unserem Selbstverständnis heraus als eine Zeitung des demokratischen Rechtsstaats, die Extremismus jedweder Couleur ablehnt, haben wir uns entschlossen, in die Offensive zu gehen. Wir wissen, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen hier in Südthüringen ebenso wie die stz die braunen Horden ablehnt. Und es gibt Beispiele, wie sich Bürgerinnen und Bürger mit Mut, Zivilcourage und Pfiff – und ohne Gewalt – erfolgreich gegen sie wehren. Als vor einiger Zeit in Bad Salzungen eine ähnliche Versammlung stattfand, hat die hiesige Feuerwehr kurzerhand eine Technikschau auf dem Markt veranstaltet. Zwischen all dem Gerät, zwischen all den Wagen verlor sich dann der Trupp der Ewiggestrigen. In Fulda ließ vor ein paar Jahren der Pfarrer der evangelischen Christuskirche die Glocken seiner Kirche so laut läuten, als fielen Weihnachten und Ostern auf einen Tag – von der vorbeiziehenden Neonazi-Demo war kein Wort zu verstehen.

Sollte so etwas nicht wieder möglich sein, wenn der braune Mob am 4. März in Bad Salzungen einfällt? Die stz-Redaktion hat sich entschlossen voranzugehen: Das Plakat, das wir heute abdrucken, soll ein Anfang sein. Nehmen Sie sich die Seite heraus, kleben Sie sie an Autofenster und Hauswände, demonstrieren Sie damit! In der nächsten Woche bekommen wir lose Plakate und Aufkleber zur Verfügung gestellt, mit denen Sie ebenso Position gegen Rechts beziehen können. Kann man sich nicht vorstellen, dass am 4. März die Glocken läuten, Autos hupen, die Feuerwehr im Einsatz ist, ein friedliches Volksfest stattfindet – und die Neonazis dabei untergehen? Solidarisieren Sie sich, entwickeln Sie Ideen, teilen Sie sie uns mit – wir wollen diesen Kampf gewaltfrei, aber couragiert aufnehmen. Stehen wir gemeinsam auf gegen Rechts! Und nun sehen Sie, wozu Redaktionskonferenzen manchmal nützlich sein können ...".


Die Leserreaktionen, so auf Nachfrage Christoph Witzel von der stz, seien "fast ausschließlich positiv" gewesen. Auch innerhalb der Redaktion sei der Konsens, endlich etwas zu tun, sehr schnell zustande gekommen, intensiver debattiert worden sei nur die Frage, "wie dieser Konsens umgesetzt werden kann".

Thüringen vorn

Die Aktion hat Vorläufer, ebenfalls aus Thüringen. Die Thüringer Allgemeine druckt aus Anlass von Neonaziaufmärschen gelegentlich ganzseitig bunte Ampelmännchen aufs Titelblatt, die braunen Ungeist stoppen. Und schon seit dem Jahr 2000, so der Redaktionsleiter der Weimarer Lokalredaktion der Thüringer Landeszeitung TLZ, Thorsten Büker, sei auch sein Blatt "immer wieder in Städten unseres Verbreitungsgebietes - mit Sonderseiten erschienen, um die Zivilgesellschaft für ein gemeinsames Engagement gegen Rechts zu sensibilisieren". Dabei wurde, so Büker, "das eigentlich aus einem autonomen Umfeld stammende Piktogramm verwendet - eine Person schmeißt ein Hakenkreuz in die Tonne -, das als komplette Zeitungsseite im rheinischen Format und im herrlichen Rot erschien, damit Bürgerinnen und Bürger diese Seite in die Fenster hängen konnten. Noch heute ist das Motiv auf unserer Internetseite downloadbar - nach der Demo ist vor der Demo". Solches Engagement begründet Thorsten Büker mit einem einfachen Satz: Die Straße sei "viel zu schön, um sie rechten Rattenfängern zu überlassen".

Ein Engagement aus Überzeugung, weil die menschenfeindliche und demokratiefeindliche Haltung von Neonazis kein Geheimnis ist. Aber solche Parteinahme ist nicht unumstritten. "Weder ein Betroffenheits-Journalismus ist gefragt, noch ein Journalismus mit erhobenem Zeigefinger", mahnt etwa der Mainzer Publizistik-Professor Axel Buchholz in einer von "18 Thesen zur Berichterstattung über Rechtsextremismus", die er 2005 für Journalistenschulungen formuliert hat (siehe Schwerpunkt Text 6). Auch die Parteinahme für Gegeninitiativen müsse aus journalistischer Distanz erfolgen, denn es gelte "wie immer – der Grundsatz, dass der Journalist sich mit keiner Sache gemein machen sollte, auch nicht mit einer guten". Es gehöre sehr viel mehr zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus: statt emotionalem Einsatz vor allem Sachlichkeit.