Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.5.2007 | Von:
Holger Kulick

Wenn Redaktionen Flagge zeigen

Rechtsextremismus in der Presse

Gutes Beispiel im Westen: Der Weser-Kurier

Schülerzeitung, Extrabeilage und Buch zum Thema Rechtsextremismus in der Region: Sonderveröffentlichungen des Weserkuriers. Foto: KulickSchülerzeitung, Extrabeilage und Buch zum Thema Rechtsextremismus in der Region: Sonderveröffentlichungen des Weserkuriers. (© H.Kulick)
Eine inhaltlich besonders engagierte Zeitung, die sich auch ohne aktuelle Anlässe intensiv mit Neonazis beschäftigt, ist der Weser-Kurier aus Bremen. "Wir sind traditionell sehr hellhörig und wach, wenn es um Rechtsradikalismus geht", sagt Chefredakteur Volker Weise zur Arbeit der Zeitung. Die Redaktion aus der Hansestadt berichtet nicht nur umfangreich und kontinuierlich über die rechtsextreme Szene, sie hat im April 2005 sogar ein Büchlein dazu herausgegeben: "Sie marschieren wieder". Es bündelt die lehrreichsten Texte der Redaktion zum Thema Rechtsextremismus – und füllt damit mehr als 100 Seiten.

Sieht man einmal von der linkspositionierten Tageszeitung taz mit ihren kontinuierlich über das Thema berichtenden Mitarbeitern Astrid Geisler und Andreas Speith ab, zu deren redaktionellem Selbstverständnis es gehört, kontinuierlich über Rechtsextremismus aufzuklären, ist das Beispiel des Weser-Kuriers einzigartig in der Bundesrepublik. Die für 2 Euro 50 vertriebene Broschüre ist längst vergriffen, aber online unter www.weser-kurier.de nach wie vor als PDF downloadbar. Außerdem gab die Zeitung im Januar 2006 unter dem Titel "Rechtzeitig gegen Rechts" eine Hochglanz-Zeitungs-Beilage im DIN-A-4-Format heraus, die in Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Professor Wilhelm Heitmeyer erstellt wurde. Sie gibt einen Überblick über die Verbreitung rechtsextremistischer Ansichten in der Mitte der Gesellschaft und stellt Lösungsansätze vor. Ihr Untertitel: "Warum Jugendliche den Neonazis ins Netz gehen und was Eltern, Lehrer, Medien und Politiker dagegen tun können".

Sogar Schülerzeitung vom Weser-Kurier gefördert

"In unserem Verbreitungsgebiet gibt es genug rechtsextreme Aktivitäten, über die man berichten kann", weiß Chefredakteur Volker Weise. Im nahen Verden etwa hat der Hamburger Neonazianwalt und NPD-Chef Jürgen Rieger versucht die Stadthalle zu kaufen, in benachbarten Doerverden erwarb er mit dem "Heisenhof" ein altes Bundeswehrgut und baute es zum Neonazizentrum aus, unterirdische Schießanlage inbegriffen. Auch hier fackelte der Weser-Kurier nicht lange. Ihr Ableger, die 'Verdener Nachrichten' finanzierten Schülern mehrerer Schulen drei Ausgaben einer gemeinsamen Schülerzeitung, die sich in einer Auflage von jeweils 8000 Stück mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen: 'KONTrassT'.

Dass sich der Weser-Kurier eine so umfangreiche Berichterstattung über Rechtsextreme leistet, hat auch mit dem besonderen Hintergrund von Verleger Werner Ordemann zu tun. Der hat nämlich noch miterlebt, wie es ist, wenn Rechtsextreme die Macht ergreifen: "Zwölf Jahre lang durften ausschließlich die offiziellen Meldungen des Reichspropagandaministeriums verbreitet werden. Und das waren meist perfide Lügen", schreibt er im Vorwort des Buches 'Sie marschieren wieder'. Wer diese Zeit miterlebt habe, erkenne "mit der Entwicklung des Neofaschismus eine unheimliche Duplizität der Ereignisse." Und deren Gefahren.

Auch hier beim Weser-Kurier ist es vor allem eine Redakteurin, Christine Kröger, die rund um Rechtsextremismus recherchiert und schreibt. Dass sie für eine Reportage über die rechte Hooliganszene im Weserstadion den Theodor-Wolff-Preis gewonnen hat, war eine weitere Bestätigung für die Zeitung, das Thema weiter zu verfolgen. Andere dagegen meinen, dass die Aufmerksamkeit, die man den Rechten schenkt, diese nur wichtiger erscheinen lasse als sie tatsächlich seien. "Lieber gar keine Öffentlichkeit" sei bei manchen Journalistenkollegen die Devise, heißt es in der Weser-Kurier-Redaktion. Doch dieses Geschenk solle man den Rechtsextremen nicht machen. Bei ihren Diskussionen um die Berichterstattung über die Rechtsaußen sei die Redaktion des Weser-Kuriers zum Schluss gekommen, dass es Auftrag der Zeitung sei, "über das, was da geschieht, auch zu berichten", sagt Chefredakteur Volker Weise. "Andere Medien kommen da vielleicht zu einem anderen Schluss."

Wachsendes Medienbewusstsein

Doch allmählich gibt es immer mehr Medien, die sich trauen, das Thema überhaupt zu behandeln, denn die guten Erfahrungen von der Werra und der Weser sprechen sich herum. Auch Journalisten, denen man das Thema nicht zugetraut hatte, ergreifen das Wort, in seiner regelmäßigen Kolumne bei t-online unlängst sogar Fernseh-Wetterfrosch Jörg Kachelmann. Sein Thema: "Es ist sinnlos, mit Neonazis zu diskutieren" (www2.onnachrichten.t-online.de). Solche Vorbilder sind nach wie vor wichtig, genauso mutmachend sind Preise, die renommierte Einrichtungen wie zum Beispiel das Grimme-Institut in Marl, die Nürnberger und Münchener Medienakademien oder Medienmagazine jährlich vergeben.


Andrea Röpke, seit über einem Jahrzehnt Reporterin für Panorama und zahlreiche Zeitungen über Rechtsextremismus wurde im Januar 2007 vom "MediumMagazin" als "Reporterin des Jahres" ausgezeichnet. Diese Auszeichnung hat auch eine Schutzfunktion für sie, denn mehrfach ist die Fachjournalistin tätlich angegriffen worden und die rechtsextreme Szene stellt Steckbrief von ihr ins Netz (siehe Text Nummer 7).

Journalistische Web-Angebote, die sich speziell mit Rechtsextremismus befassen, gehören inzwischen wie selbstverständlich auch in die Juryauswahl des Grimme Online Award, in diesem Jahr wurde der "npd-blog.org" von tagesschau.de-Mitarbeiter Patrick Gensing nominiert, im vergangenen Jahr war es die Fachwebsite www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, die in diesem Jahr wiederum in Nürnberg den Alternativen Medienpreis erhielt. Im Publikumsvoting des Grimme-Preises kam das "MUT-Portal", das der stern 2004 gesponsort hat, im vergangenen Jahr hinter der populären Video-Website 'ehrensenf.de' sogar auf den zweiten Platz, ein deutliches Zeichen, dass die Internet-Community Demokratieverteidigung belohnt.

Lokalblätter in der Klemme

Schülerdemonstration gegen geplantes Neonazischulungszentrum in Delmenhorst 2006. Die Bühne sponsorte die örtliche Tageszeitung. Foto: KulickSchülerdemonstration gegen geplantes Neonazischulungszentrum in Delmenhorst 2006. Die Bühne sponsorte die örtliche Tageszeitung. (© H.Kulick)
Für Lokalzeitungen ist der Anlauf oft schwieriger. Außer: es passiert etwas. So wurden in Delmenhorst im vergangenen Jahr Regionalzeitungen wie der Delmenhorster Kurier über Nacht mit dem Thema Rechtsextremismus konfrontiert, als der Hamburger Neonazianwalt Jürgen Rieger das zentrale Hotel am Stadtpark gegenüber dem Rathaus kaufen wollte. Eine Titelgeschichte jagte fortan die andere, bis der Kauf abgewendet werden konnte. Bei Demonstrationen wehten über der gesponsorten Bühne auch die Werbebanner der Zeitung. Im Lokaljournalismus ist solcher Sachzwang oft die treibende Kraft. Und der ergibt sich gegenwärtig immer häufiger.

Denn zunehmend müssen sich auch Kommunal-
verwaltungen des Problems Rechtsextremismus annehmen, zum einen aufgrund der steigenden Kurve rechter Gewalt, zum anderen, weil die NPD an ihre Türe klopft. Infolge wächst auch in Rathäusern und Parlamenten die Zahl der Anlässe, das Thema zu behandeln, auch für Hofberichterstatter in den Medien. Dritter Faktor: auch die Polizei wird stringenter geschult, Fälle von Jugendgewalt genauer zu hinterfragen: war Rassismus im Spiel bei einer Tat? Wird dies in den Polizeiberichten von vornherein vermerkt, wächst auch das Interesse von Journalisten für die Zusammenhänge.

Wichtig ist aber auch, das Thema nach einer Tat nicht nur zu behandeln, sondern auch zu vertiefen. Deshalb nehmen politische Akademien und journalistische Ausbildungsstätten das Thema "Rechtsextremismus und Medien" immer häufiger in ihre Programme auf. So schreibt gegenwärtig (im Mai 2007) das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung "n-ost e.V." sogar 20 Recherchestipendien zum Thema "Rechtsextremismus und Antisemitismus in Mittel-, Ost- und Südosteuropa" aus. Die Stipendien werden von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gefördert.

Vorbildliche Schülerzeitungen

Auch gesellschaftliche Institutionen sehen sich zunehmend in der Pflicht und geben Sonderveröffentlichungen zum Thema heraus, zumindest als Jugendzeitungen. Nur drei Beispiele aus der jüngsten Zeit: Im Rahmen von "zett", der "Zeitung für evangelische Jugendarbeit in Bayern" (Ausgabe 1/2007), entstand jüngst eine Themenausgabe unter dem Titel: "Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung mehr", in der Initiativvertreter, Aussteiger und Fachexperten zu Wort kommen.

Der Verband der Jugendpresse Deutschland produzierte ebenfalls im Januar 2007 eine 48-seitige Jugendzeitung gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung, die auf Anfrage kostenlos verteilt wird, aber auch im Internet nachlesbar ist: extrem* (Downwload als PDF). Dort kommen nicht nur Gewaltopfer, Sozialarbeiter, Täter und Wissenschaftler zu Wort, sondern es gibt auch Reportagen und Reflektionen die bundesweit aus Schülerzeitungen zusammengetragen wurden, um einmal aus Schülerperspektive ein Mosaik der Verbreitung von Rechtsextremismus zu zeichnen - und von cleveren Rezepten dagegen.

Auch die Initiative "Schule ohne Rassismus" publiziert jährlich eine solche Zeitung mit Zustandsbeschreibungen aus der gesamten Bundesrepublik. Ihr Titel: "Q-rage", sie wird zum Jahresende der taz beigelegt. Doch nicht nur die Zeitung, auch ein Radioprogramm wird inzwischen produziert: "Radio Q-rage". (www.schule-ohne-rassismus.org).

Um darüber hinaus Schüler zu ermutigen, sich mit den schwierigen Themen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu beschäftigen, hat die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" seit 2006 Jahren zwei Sonderpreise gestiftet, die jährlich im Rahmen des bundesweiten Schülerzeitungs-
wettbewerbs der Länder verliehen werden. In diesem Jahr werden die Preise am 15. Juni im Bundesrat verliehen. Gewinner sind die Schülerzeitungen "tempus" aus Nürtingen in Baden-Württemberg und "Das Martinshorn" aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Beide Texte werden in Kürze auf diesem Portal veröffentlicht.

In "tempus" recherchierte die gesamte Redaktion akribisch, woher Flohmarkthändler in Heidelberg eigentlich ihren Nachschub an Hitlerdevotionalien beziehen. Sie stießen dabei auf ungeahnte Möglichkeiten, über ebay zu ersteigern oder auch zu versteigern, was ein überzeugter Neonazi so braucht. Kritisch und penetrant hakten sie nach und machten deutlich, wer ihnen auf ihrer Recherchereise Antwort gab und wer nicht - Ebay zum Beispiel. Das "Martinshorn" zeichnete wiederum nach, wie verlogen sich ein privater Postdienst in Magdeburg weigerte, Briefmarkenentwürfe gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu akzeptieren, obwohl er sich zunächst damit einverstanden erklärt hatte, solche Entwürfe aus einem Kreativwettbewerb des Kultusministeriums auf Marken oder Markenstempel zu drucken.

"Klar sagen, was sich an einer demokratischen, humanistischen Schule gehört und was nicht"

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Doch sollen sich Schülerzeitungen überhaupt mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen? "Ich bin sehr dafür", sagt der Buchautor von "Moderne Nazis", Toralf Staud. Auf Schülerfragen für die Jugendzeitung extrem* begründet er das wörtlich:

"...Meistens sind Schülerzeitungsmacher ja auch viel näher dran an dem Phänomen (z.B. auf dem Schulhof) als "normale" Journalisten. Klar kann man hinterher Ärger kriegen, aber das kann man bei vielen Themen. Ich empfehle jedem/r KollegIn, sich gut vorzubereiten, sich abzusichern (indem zum Beispiel die ganze Redaktion hinter einem Text steht und diesen dann auch gemeinschaftlich unterzeichnet - was ich übrigens besser finde, als unter Pseudonym oder anonym zu schreiben), gründlich zu recherchieren und nachzudenken und fair zu sein gegenüber evtl. Gesprächspartnern. Aber das gilt immer. Und wie genau sollten Schülerzeitungsredakteure das Thema angehen? Naja, erstmal klassisch nachrichtlich: Wenn an der Schule etwas passiert, dann gehört das aufgeschrieben, gemeldet. Opfer von rechtsextremer Gewalt sollten z.B. eine Stimme bekommen, interviewt werden. Dann müssen Schülerzeitungsredakteure Hintergründe liefern, zum Beispiel erklären, welche rechtsextremen Gruppen es in der Stadt gibt, was die genau wollen, wie sich die voneinander unterscheiden oder wie sie zusammenhängen. Oder was an "Thor Steinar" eigentlich rechtsextrem ist. Was an den Liedern auf der NPD-Schulhof-CD denn genau schlimm, rassistisch, antisemitisch oder einfach nur widerlich, falsch und ekelhaft ist.

Kommentar ohne Umschweife: Sächsische Schülerzeitung über Rechtsextremismus. Foto: KulickKommentar ohne Umschweife: Sächsische Schülerzeitung über Rechtsextremismus. (© H.Kulick)
Darüber hinaus sollten Schülerzeitungen natürlich auch kommentieren, Position beziehen, also z.B. klar sagen, was sich an einer demokratischen, humanistischen Schule gehört und was nicht. Sie sollen LehrerInnen interviewen, die aktiv sind gegen Rechtsextremismus und auch einen Direktor, der das Thema überhaupt nicht wahrhaben will und es verharmlost. Und wenn der kein Interview geben will, dann kann und sollte man auch das aufschreiben und zum Thema machen. Das wäre doch guter Schülerzeitungsjournalismus, oder?"