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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.5.2007 | Von:
Holger Kulick

Wenn Redaktionen Flagge zeigen

Rechtsextremismus in der Presse

Warnung vor Alarmismus und Sensationshascherei


Solche Fragen beschäftigen aber auch fertig ausgebildete Journalisten. Die Potsdamer electronic media school (ems) beispielsweise behandelt das Themenfeld regelmäßig für ihre Auszubildenden, darunter die Volontäre des RBB-Berlin. Dabei wird auch über solche Fragen gesprochen: Wann laufe ich selber Gefahr Rassismen zu verbreiten? Vor allem vor Verallgemeinerungen werden die Nachwuchsjournalisten gewarnt. Darf ich mich auf ein Interview mit Neonazis einlassen? Eine der Antworten: Ja, und zwar dann, wenn auch wirklich Fragen gestellt werden können und es auch Antworten gibt, die wiederum nachgefragt werden können. Und nie Geld für Bilder oder Interviews zahlen! In den 90er Jahren haben sensationssüchtige Fernsehteams gelegentlich Bilder bei Neonazicliquen "eingekauft" und so manche braune Zelle indirekt mitaufgebaut. Außerdem gilt: Nie zu konspirativen Treffs für Interviews oder Filmaufnahmen fahren. Wenn jemand was zu sagen hat, soll er öffentlich dazu stehen, also an keinem heimlichen Ort, an dem andere Journalisten ausgeschlossen sind. Alles andere ist Wichtigtuerei, die nicht unterstützt werden sollte.

Schweizer Medienstudie mahnt: Nicht auf Neonazi-Inszenierungen hereinfallen

Ohnehin gilt Vorsicht, wenn sich (nicht nur) Rechtsextreme ausschließlich inszenieren, aber nicht hinterfragen lassen wollen. Dazu rät auch eine neue Studie, die im Mai 2007 von Wissenschaftlern der Universität Zürich erstellt worden ist, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (siehe Text 10). Unter der Überschrift "Wie Medien und Rechtsextreme voneinander profitieren" bilanzieren die drei Verfasser Linards Udris, Patrik Ettinger und Kurt Imhof:

"Rechtsextremismus wurde in den letzten Jahren vor allem dann Thema der öffentlichen Kommunikation, wenn Rechtsextreme sich inszenieren und Medien und Politiker Skandale lancieren. Doch unter diesen Umständen kommt eine fundierte Auseinandersetzung zu kurz; besonders die Boulevardmedien neigen zu einer personalisierenden und emotionalisierenden Aufbereitung des Stoffes, was den rechtsextremen, Publizität suchenden Akteuren gelegen kommt."

Medien setzen sich also der Gefahr aus, Rechtsextremisten erst populär zu machen, denen egal ist, ob sie gute oder schlechte Presse haben, Hauptsache, ihre Selbstinszenierung wird zum Thema. Dies ist für Neonazifunktionäre auch wichtig für ihre Positionierung in der eigenen, stark von Konkurrenzkämpfen geprägten Szene. In der Schweizer Studie wird resümiert:

"Die zeitweise hohe Präsenz des Themas Rechtsextremismus in den Medien setzt die Politik unter Druck, Maßnahmen gegen rechtsextreme Tendenzen zu ergreifen. Doch die massenmediale Öffentlichkeit wird der wichtigen Aufgabe, die Politik für gesellschaftliche Probleme nachhaltig zu sensibilisieren, kaum gerecht; zu stark ist die Thematisierung des Rechtsextremismus durch Alarmismus und Sensationslust geprägt, zu wenig diskutieren Medien wie Politiker gesellschaftliche Ursachen und politische Lösungen, zu selten überprüfen sie die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen kritisch. Wenn die erste Aufregung verklungen ist, wenden sie sich neuen publizitätswirksamen Themen zu. Die geschürten Erwartungen stehen so im Gegensatz zu den tatsächlichen Reaktionen. Auf die Dauer gefährdet eine solche mediale Berichterstattung die politische Kultur und untergräbt das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik. Die Autoren raten daher den Medienschaffenden, das Thema Rechtsextremismus ernsthaft und kritisch zu begleiten, aber seine Thematisierung gut zu überdenken und nicht auf rechtsextreme Selbstinszenierungen einzusteigen..."

Warnung vor "vorauseilender Empörung"

Berichte also ja, aber nur, wenn sie gründlich vorbereitet sind. Dazu gehört, so empfiehlt es die Potsdamer "ems" als Grundbaustein: "Recherche, Recherche, Recherche" - und ohne jede Scheu das Einholen von Experten-Rat.

An der "ems" wurden schon im Frühjahr 2005 gemeinsam mit erfahreneren Journalistenkollegen aus dem Feld der Rechtsextremismusberichterstattung prinzipielle Verhaltensregeln aufgestellt. Darunter Tipps, wie: 1. Gelassenheit entwickeln, 2. Hausaufgaben machen, 3. Kontinuität entwickeln und 4. Zusammenhänge darstellen.

Allein dazu fehlen aber oft nicht nur Sendezeit oder genügend Zeilen in der Tageszeitung. Auch Recherchezeit ist Mangelware und wird in einigen Redaktionen auch nicht mehr extra bezahlt. Insbesondere bei der Berichterstattung über Rechtsextremisten falle auf: "Geldmangel, Zeitmangel, Stereotype anstelle von Analysen und mangelnde Kontinuität". Die Probleme in der Berichterstattung über Rechtsextremisten würden zusätzlich von psychologischen Faktoren überlagert: "Druck von Vertretern demokratischer Parteien auf Journalisten ("Ihr sollt entlarven!") und redaktionsinterner Druck ("Du darfst jetzt keinen Fehler machen")." Doch psychologischer Druck und Unsicherheiten seien die Grundbausteine für "Blackouts" und von "vorauseilender Empörung". Dies ziehe oft eine erkennbare Ungleichbehandlung von Vertretern demokratischer Parteien als "den Guten" und denen rechtsextremistischer Parteien als den "Bösen" nach sich. Genau deshalb sei "Mut zu journalistischer Unabhängigkeit" unerlässlich.

Nützliche Ratgebersites

Wer ordentlich recherchiert, findet zum fundierten Schreiben auf allerlei Infosites auch genügend Material, um sich unvoreingenommen zu rüsten. Zwei aktuelle Beispiele: als praktische Hilfe zur Vorbereitung auf Gespräche mit NPD-Funktionären hat der Informationsdienst redok.de Mitte Mai 2007 den Wortlaut einer Handreichung der NPD für ihre Funktionäre ins Netz gestellt. Es geht darum, wie NPD-Vertreter auf Fragen reagieren sollen, die sie als neonazistisch bloßstellen könnten. Eine ausgesprochen lehrreiche Publikation: (www.mut-gegen-rechte gewalt.de).

Aber auch solcherlei Rat gibt es im Netz: Um als Journalist nicht in rassistische oder Rassismen bestärkende Formulierungen zu verfallen, haben mehrere zivilgesellschaftliche Initiativgruppen eine Handreichung im Web publiziert, wie eigentlich mit "korrekter" Wortwahl über ausländerfeindliche und rassistische Taten berichtet werden sollte: War das Opfer eine Schwarzafrikaner? Farbiger? Schwarzer? Weißer? "Derbraunemob.de" hat die Antworten auf seiner Website gebündelt. (siehe Text Nummer 8).

Zitieren verboten?

Vieles klärt aber auch der gesunde Menschenverstand. Wer aufmerksam im Internet stöbert und studiert, was Neonazis allein auf ihren Websites entlarvendes von sich geben, der stößt mitunter auf recht einschüchternd gemeinte Formulierungen. Beispielsweise heißt es - Stand Mai 2007 - auf der Startseite des "Nationalen Widerstand Berlin-Brandenburg" (NWBB) u.a.:

"Verlinkungen auf diese Seite, Veröffentlichung von Inhalten oder das Zitieren von dieser Seite durch linksextreme oder behördliche Internetseiten oder andere Medien sind ausdrücklich untersagt und werden strafrechtlich verfolgt."

Juristisch eine Lachnummer, journalistisch eine Herausforderung. An dieser Stelle fängt eine gute Recherche zum Thema erst an.