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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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25.5.2007 | Von:
Holger Kulick

Wenn Redaktionen Flagge zeigen

Rechtsextremismus in der Presse

Wie sollen Zeitungen über Rechtsextremismus schreiben? Parteiisch, empört – oder lieber gar nicht? Bauschen sie gar ein Randthema auf? Holger Kulick, Fabian Stroetges und Caspar Rehner meinen: Nur was deutlich beim Namen genannt wird, kann auch repariert werden.
In Memoriam Caspar.

Regelmäßig vor Ort, wo kaum andere hingehen: Frank Jansen vom Tagesspiegel (2.v.l.) als Beobachter eines Neonazi-Aufzugs vor der Strafanstalt in Berlin Tegel 2006. Foto: KulickRegelmäßig vor Ort, wo kaum andere hingehen: Frank Jansen vom Tagesspiegel (2.v.l.) als Beobachter eines Neonazi-Aufzugs vor der Strafanstalt in Berlin Tegel 2006. (© H.Kulick)

In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Welche Ursachen das hat und was man dagegen tun kann, diskutieren Spitzenpolitiker, Gewerkschafter und Arbeitgeber immer wieder gerne aufs Neue. Nicht ganz neu, aber trotzdem beliebt: Greencards für "Computer-Inder". Doch der Fachkräftemangel beschränkt sich bekanntermaßen nicht auf den IT-Bereich. Eine Branche, die stark unter Fachkräftemangel leidet, ist der Fach-Journalismus. Jedenfalls, wenn es um Rechtsextremismus geht. Medien, die sich Fachredakteure zum diesem Thema leisten, sind rar gesät, das gilt im Fernsehen, Hörfunk und Printbereich. Vor allem auf den letzteren soll sich diese Betrachtung konzentrieren. Wer Medienspiegel aufmerksam verfolgt, die das Thema Rechtsextremismus erfassen, wird schnell feststellen: viele Fachautoren zum Thema Rechtsextremismus gibt es nicht.


Frank Jansen ist solch ein Fachredakteur. Als Journalist des Berliner Tagesspiegels beschäftigt er sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Thema Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus. Dafür ist er viel unterwegs, vor allem im Berliner Umland, in Brandenburg. Er trifft sich mit den Neonazis direkt, beobachtet deren Aufmärsche, besucht Gerichtsverfahren gegen Gewalttäter und spricht regelmäßig mit Opfern rechtsextremer Gewalt, die er auch Jahre nachdem sie zu Krüppeln gemacht wurden, noch besucht und über ihr Schicksal berichtet. Und eins fällt ihm dabei oft auf: "Bei Prozessen gegen neonazistische Gewalttäter vor Brandenburger Gerichten fragt man sich manchmal 'Wo sind eigentlich die anderen?'." Wenn etwas Besonderes passiere, was Schlagzeilen macht, "dann berichten alle, was aber fehlt, ist die kontinuierliche Berichterstattung." Die benötigt jedoch Ressourcen, denn der Arbeitsaufwand dafür füllt eine Redakteursstelle locker aus.

Und so bleibt Frank Jansen bei vielen seiner Ortstermine allein – auch mit der Berichterstattung. Dass er für das Thema vergleichsweise viel Freiraum erhält, ist seinen Texten zu verdanken, für die er eine Reihe Auszeichnungen erhielt. Auf diese Weise ließ sich seine Redaktion einfach überzeugen, wie wichtig eine kontinuierliche und facettenreiche Auseinandersetzung mit diesem Thema ist. "Noch kein Text, den ich vorgeschlagen habe, wurde nicht gedruckt", berichtet Jansen nicht ohne Stolz – und sein Output ist groß, manchmal sogar zwei oder drei Geschichten zum Thema in einer Ausgabe. Eine Ausnahmesituation, denn in anderen Redaktionen heißt es eher: Nicht schon wieder Neonazis als Thema, hatten wir doch neulich erst...

Der Faktor Angst

Mal scheinen sich Reporter, mal ganze Redaktionen für Rechtsextremismus kaum zu interessieren. Manche beugen sich dem kommunalpolitischen Druck, die guten Beziehungen zum Bürgermeister nicht zu gefährden, der nicht will, dass das Thema 'aufgebauscht' wird. Andere schieben Angst vor, es lieber nicht zu tun, andere Bei der Fachredaktion des Magazins stern www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, die es seit bald vier Jahren unter dem Dach der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung als Onlineredaktion gibt, melden sich regelmäßig Lokaljournalisten und bitten um Rat. Gar nicht so selten ist nach allen Fachfragen der Punkt: "Bei uns wird das jetzt auch zum Thema, muss ich Angst haben, dass mir dann ein Stein ins Fenster fliegt, wenn ich darüber berichte? Wissen Sie, ich habe nämlich Familie". So formulierte beispielsweise vor einigen Monaten ein Thüringer Kollege sein Unbehagen.

Der Rat an den Reporter aus der MUT-Redaktion: Nein, Angst müsse er keineswegs haben, im Gegenteil, wenn er fair über örtliche Rechtsextremisten berichte und deren Ideologie dabei sachlich entzaubere, wachse auch ihm gegenüber Respekt, schließlich wüssten die meisten Neonazifunktionäre selbst, wie verlogen sie argumentieren.

Außerdem würde es zum Eigentor der Rechtsaußen, einen bei seinen Lesern respektierten Reporter zu bedrohen – wenn der nämlich klug ist, berichtet er selbstverständlich darüber und hat die 'die Story' schlechthin. Seitdem schreibt der Thüringer Kollege regelmäßig über das Thema – unbedrängt. Nur das Wort erteilt er Neonazis nicht. "Allenfalls, wenn so ein rechtsextremer Kandidat einen kommunalpolitischen Vorschlag mit Hand und Fuß unterbreiten würde, müsste man darüber nachdenken. Bislang war das hier jedoch noch nicht der Fall", schildert er erleichtert. Eine andere Sorge, die er hat: "Kann ich denn über Initiativen gegen Extremismus berichten und dabei Fotos dieser Leute zeigen? Die gefährde ich dann doch..." Der Rat aus der MUT-Redaktion: Diese Leute wollen bewusst ihr Gesicht zeigen, sie wollen in die Zeitung um andere zu ermutigen, sich ebenso couragiert zu engagieren, also sei diese Sorge unangebracht. Außerdem bedeutet Öffentlichkeit gerade für Wagemutige etwas sehr wichtiges - nämlich Schutz.

Zeitungen, die Engagement betreiben

Thüringer Landeszeitung: Das Thema Rechtsextremismus ist auch ohne Sensationsgehalt ein Titelthema. Foto: KulickThüringer Landeszeitung: Das Thema Rechtsextremismus ist auch ohne Sensationsgehalt ein Titelthema. (© H.Kulick)
Eine Reihe Thüringer Lokalzeitungen hat sich einem immer offensiveren Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus verschrieben. Dazu gehört es auch, Bürger-Engagement gegen Rechtsextremismus zu bestärken, denn in Thüringen nehmen rechtsextreme Umtriebe und Gewalttaten deutlich zu. Als sich beispielsweise für den 4. März im Frühjahr letzten Jahres rund 110 Rechtsextremisten auch noch zu einer Art braunen 'Kaffeefahrt' mit mehreren Busstationen durch Thüringen ankündigten, platzte der Redaktion der Südthüringer Zeitung der Kragen. Das Redaktionsteam verfasste kurzentschlossen einen Aufruf an ihre Leser und gab Aufkleber und Plakate mit der Aufschrift "Nazis raus aus Thüringen" in Auftrag. Dazu kam eine entsprechende Sonderseite zum Herausreißen ins Blatt. Der damals zuständige Redaktionsleiter der "stz" aus Bad Salzungen, Dr. Christoph Witzel, begründete die journalistische Parteinahme in einem nachlesenswertem Leitkommentar:

"Die Redaktionskonferenzen der vergangenen beiden Tage verliefen intensiver als gewöhnlich. Die Diskussionen drehten sich dabei vor allem um eine Frage: Wie gehen wir als Zeitung mit jenen Neonazis um, die für den 4. März eine "Kaffeefahrt" mit Auftaktkundgebung auf dem Bad Salzunger Marktplatz geplant haben? Sollen wir überhaupt darüber berichten? Geben wir den braunen Spinnern damit nicht genau jene Aufmerksamkeit und jene Plattform, die sie sich wünschen? Wäre es nicht sinnvoller, die Sache einfach totzuschweigen?

Die Sache ist aber in der Welt, und deshalb mussten wir uns gegen das Totschweigen entscheiden. Und aus unserem Selbstverständnis heraus als eine Zeitung des demokratischen Rechtsstaats, die Extremismus jedweder Couleur ablehnt, haben wir uns entschlossen, in die Offensive zu gehen. Wir wissen, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen hier in Südthüringen ebenso wie die stz die braunen Horden ablehnt. Und es gibt Beispiele, wie sich Bürgerinnen und Bürger mit Mut, Zivilcourage und Pfiff – und ohne Gewalt – erfolgreich gegen sie wehren. Als vor einiger Zeit in Bad Salzungen eine ähnliche Versammlung stattfand, hat die hiesige Feuerwehr kurzerhand eine Technikschau auf dem Markt veranstaltet. Zwischen all dem Gerät, zwischen all den Wagen verlor sich dann der Trupp der Ewiggestrigen. In Fulda ließ vor ein paar Jahren der Pfarrer der evangelischen Christuskirche die Glocken seiner Kirche so laut läuten, als fielen Weihnachten und Ostern auf einen Tag – von der vorbeiziehenden Neonazi-Demo war kein Wort zu verstehen.

Sollte so etwas nicht wieder möglich sein, wenn der braune Mob am 4. März in Bad Salzungen einfällt? Die stz-Redaktion hat sich entschlossen voranzugehen: Das Plakat, das wir heute abdrucken, soll ein Anfang sein. Nehmen Sie sich die Seite heraus, kleben Sie sie an Autofenster und Hauswände, demonstrieren Sie damit! In der nächsten Woche bekommen wir lose Plakate und Aufkleber zur Verfügung gestellt, mit denen Sie ebenso Position gegen Rechts beziehen können. Kann man sich nicht vorstellen, dass am 4. März die Glocken läuten, Autos hupen, die Feuerwehr im Einsatz ist, ein friedliches Volksfest stattfindet – und die Neonazis dabei untergehen? Solidarisieren Sie sich, entwickeln Sie Ideen, teilen Sie sie uns mit – wir wollen diesen Kampf gewaltfrei, aber couragiert aufnehmen. Stehen wir gemeinsam auf gegen Rechts! Und nun sehen Sie, wozu Redaktionskonferenzen manchmal nützlich sein können ...".


Die Leserreaktionen, so auf Nachfrage Christoph Witzel von der stz, seien "fast ausschließlich positiv" gewesen. Auch innerhalb der Redaktion sei der Konsens, endlich etwas zu tun, sehr schnell zustande gekommen, intensiver debattiert worden sei nur die Frage, "wie dieser Konsens umgesetzt werden kann".

Thüringen vorn

Die Aktion hat Vorläufer, ebenfalls aus Thüringen. Die Thüringer Allgemeine druckt aus Anlass von Neonaziaufmärschen gelegentlich ganzseitig bunte Ampelmännchen aufs Titelblatt, die braunen Ungeist stoppen. Und schon seit dem Jahr 2000, so der Redaktionsleiter der Weimarer Lokalredaktion der Thüringer Landeszeitung TLZ, Thorsten Büker, sei auch sein Blatt "immer wieder in Städten unseres Verbreitungsgebietes - mit Sonderseiten erschienen, um die Zivilgesellschaft für ein gemeinsames Engagement gegen Rechts zu sensibilisieren". Dabei wurde, so Büker, "das eigentlich aus einem autonomen Umfeld stammende Piktogramm verwendet - eine Person schmeißt ein Hakenkreuz in die Tonne -, das als komplette Zeitungsseite im rheinischen Format und im herrlichen Rot erschien, damit Bürgerinnen und Bürger diese Seite in die Fenster hängen konnten. Noch heute ist das Motiv auf unserer Internetseite downloadbar - nach der Demo ist vor der Demo". Solches Engagement begründet Thorsten Büker mit einem einfachen Satz: Die Straße sei "viel zu schön, um sie rechten Rattenfängern zu überlassen".

Ein Engagement aus Überzeugung, weil die menschenfeindliche und demokratiefeindliche Haltung von Neonazis kein Geheimnis ist. Aber solche Parteinahme ist nicht unumstritten. "Weder ein Betroffenheits-Journalismus ist gefragt, noch ein Journalismus mit erhobenem Zeigefinger", mahnt etwa der Mainzer Publizistik-Professor Axel Buchholz in einer von "18 Thesen zur Berichterstattung über Rechtsextremismus", die er 2005 für Journalistenschulungen formuliert hat (siehe Schwerpunkt Text 6). Auch die Parteinahme für Gegeninitiativen müsse aus journalistischer Distanz erfolgen, denn es gelte "wie immer – der Grundsatz, dass der Journalist sich mit keiner Sache gemein machen sollte, auch nicht mit einer guten". Es gehöre sehr viel mehr zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus: statt emotionalem Einsatz vor allem Sachlichkeit.

Gutes Beispiel im Westen: Der Weser-Kurier

Schülerzeitung, Extrabeilage und Buch zum Thema Rechtsextremismus in der Region: Sonderveröffentlichungen des Weserkuriers. Foto: KulickSchülerzeitung, Extrabeilage und Buch zum Thema Rechtsextremismus in der Region: Sonderveröffentlichungen des Weserkuriers. (© H.Kulick)
Eine inhaltlich besonders engagierte Zeitung, die sich auch ohne aktuelle Anlässe intensiv mit Neonazis beschäftigt, ist der Weser-Kurier aus Bremen. "Wir sind traditionell sehr hellhörig und wach, wenn es um Rechtsradikalismus geht", sagt Chefredakteur Volker Weise zur Arbeit der Zeitung. Die Redaktion aus der Hansestadt berichtet nicht nur umfangreich und kontinuierlich über die rechtsextreme Szene, sie hat im April 2005 sogar ein Büchlein dazu herausgegeben: "Sie marschieren wieder". Es bündelt die lehrreichsten Texte der Redaktion zum Thema Rechtsextremismus – und füllt damit mehr als 100 Seiten.

Sieht man einmal von der linkspositionierten Tageszeitung taz mit ihren kontinuierlich über das Thema berichtenden Mitarbeitern Astrid Geisler und Andreas Speith ab, zu deren redaktionellem Selbstverständnis es gehört, kontinuierlich über Rechtsextremismus aufzuklären, ist das Beispiel des Weser-Kuriers einzigartig in der Bundesrepublik. Die für 2 Euro 50 vertriebene Broschüre ist längst vergriffen, aber online unter www.weser-kurier.de nach wie vor als PDF downloadbar. Außerdem gab die Zeitung im Januar 2006 unter dem Titel "Rechtzeitig gegen Rechts" eine Hochglanz-Zeitungs-Beilage im DIN-A-4-Format heraus, die in Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Professor Wilhelm Heitmeyer erstellt wurde. Sie gibt einen Überblick über die Verbreitung rechtsextremistischer Ansichten in der Mitte der Gesellschaft und stellt Lösungsansätze vor. Ihr Untertitel: "Warum Jugendliche den Neonazis ins Netz gehen und was Eltern, Lehrer, Medien und Politiker dagegen tun können".

Sogar Schülerzeitung vom Weser-Kurier gefördert

"In unserem Verbreitungsgebiet gibt es genug rechtsextreme Aktivitäten, über die man berichten kann", weiß Chefredakteur Volker Weise. Im nahen Verden etwa hat der Hamburger Neonazianwalt und NPD-Chef Jürgen Rieger versucht die Stadthalle zu kaufen, in benachbarten Doerverden erwarb er mit dem "Heisenhof" ein altes Bundeswehrgut und baute es zum Neonazizentrum aus, unterirdische Schießanlage inbegriffen. Auch hier fackelte der Weser-Kurier nicht lange. Ihr Ableger, die 'Verdener Nachrichten' finanzierten Schülern mehrerer Schulen drei Ausgaben einer gemeinsamen Schülerzeitung, die sich in einer Auflage von jeweils 8000 Stück mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen: 'KONTrassT'.

Dass sich der Weser-Kurier eine so umfangreiche Berichterstattung über Rechtsextreme leistet, hat auch mit dem besonderen Hintergrund von Verleger Werner Ordemann zu tun. Der hat nämlich noch miterlebt, wie es ist, wenn Rechtsextreme die Macht ergreifen: "Zwölf Jahre lang durften ausschließlich die offiziellen Meldungen des Reichspropagandaministeriums verbreitet werden. Und das waren meist perfide Lügen", schreibt er im Vorwort des Buches 'Sie marschieren wieder'. Wer diese Zeit miterlebt habe, erkenne "mit der Entwicklung des Neofaschismus eine unheimliche Duplizität der Ereignisse." Und deren Gefahren.

Auch hier beim Weser-Kurier ist es vor allem eine Redakteurin, Christine Kröger, die rund um Rechtsextremismus recherchiert und schreibt. Dass sie für eine Reportage über die rechte Hooliganszene im Weserstadion den Theodor-Wolff-Preis gewonnen hat, war eine weitere Bestätigung für die Zeitung, das Thema weiter zu verfolgen. Andere dagegen meinen, dass die Aufmerksamkeit, die man den Rechten schenkt, diese nur wichtiger erscheinen lasse als sie tatsächlich seien. "Lieber gar keine Öffentlichkeit" sei bei manchen Journalistenkollegen die Devise, heißt es in der Weser-Kurier-Redaktion. Doch dieses Geschenk solle man den Rechtsextremen nicht machen. Bei ihren Diskussionen um die Berichterstattung über die Rechtsaußen sei die Redaktion des Weser-Kuriers zum Schluss gekommen, dass es Auftrag der Zeitung sei, "über das, was da geschieht, auch zu berichten", sagt Chefredakteur Volker Weise. "Andere Medien kommen da vielleicht zu einem anderen Schluss."

Wachsendes Medienbewusstsein

Doch allmählich gibt es immer mehr Medien, die sich trauen, das Thema überhaupt zu behandeln, denn die guten Erfahrungen von der Werra und der Weser sprechen sich herum. Auch Journalisten, denen man das Thema nicht zugetraut hatte, ergreifen das Wort, in seiner regelmäßigen Kolumne bei t-online unlängst sogar Fernseh-Wetterfrosch Jörg Kachelmann. Sein Thema: "Es ist sinnlos, mit Neonazis zu diskutieren" (www2.onnachrichten.t-online.de). Solche Vorbilder sind nach wie vor wichtig, genauso mutmachend sind Preise, die renommierte Einrichtungen wie zum Beispiel das Grimme-Institut in Marl, die Nürnberger und Münchener Medienakademien oder Medienmagazine jährlich vergeben.


Andrea Röpke, seit über einem Jahrzehnt Reporterin für Panorama und zahlreiche Zeitungen über Rechtsextremismus wurde im Januar 2007 vom "MediumMagazin" als "Reporterin des Jahres" ausgezeichnet. Diese Auszeichnung hat auch eine Schutzfunktion für sie, denn mehrfach ist die Fachjournalistin tätlich angegriffen worden und die rechtsextreme Szene stellt Steckbrief von ihr ins Netz (siehe Text Nummer 7).

Journalistische Web-Angebote, die sich speziell mit Rechtsextremismus befassen, gehören inzwischen wie selbstverständlich auch in die Juryauswahl des Grimme Online Award, in diesem Jahr wurde der "npd-blog.org" von tagesschau.de-Mitarbeiter Patrick Gensing nominiert, im vergangenen Jahr war es die Fachwebsite www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, die in diesem Jahr wiederum in Nürnberg den Alternativen Medienpreis erhielt. Im Publikumsvoting des Grimme-Preises kam das "MUT-Portal", das der stern 2004 gesponsort hat, im vergangenen Jahr hinter der populären Video-Website 'ehrensenf.de' sogar auf den zweiten Platz, ein deutliches Zeichen, dass die Internet-Community Demokratieverteidigung belohnt.

Lokalblätter in der Klemme

Schülerdemonstration gegen geplantes Neonazischulungszentrum in Delmenhorst 2006. Die Bühne sponsorte die örtliche Tageszeitung. Foto: KulickSchülerdemonstration gegen geplantes Neonazischulungszentrum in Delmenhorst 2006. Die Bühne sponsorte die örtliche Tageszeitung. (© H.Kulick)
Für Lokalzeitungen ist der Anlauf oft schwieriger. Außer: es passiert etwas. So wurden in Delmenhorst im vergangenen Jahr Regionalzeitungen wie der Delmenhorster Kurier über Nacht mit dem Thema Rechtsextremismus konfrontiert, als der Hamburger Neonazianwalt Jürgen Rieger das zentrale Hotel am Stadtpark gegenüber dem Rathaus kaufen wollte. Eine Titelgeschichte jagte fortan die andere, bis der Kauf abgewendet werden konnte. Bei Demonstrationen wehten über der gesponsorten Bühne auch die Werbebanner der Zeitung. Im Lokaljournalismus ist solcher Sachzwang oft die treibende Kraft. Und der ergibt sich gegenwärtig immer häufiger.

Denn zunehmend müssen sich auch Kommunal-
verwaltungen des Problems Rechtsextremismus annehmen, zum einen aufgrund der steigenden Kurve rechter Gewalt, zum anderen, weil die NPD an ihre Türe klopft. Infolge wächst auch in Rathäusern und Parlamenten die Zahl der Anlässe, das Thema zu behandeln, auch für Hofberichterstatter in den Medien. Dritter Faktor: auch die Polizei wird stringenter geschult, Fälle von Jugendgewalt genauer zu hinterfragen: war Rassismus im Spiel bei einer Tat? Wird dies in den Polizeiberichten von vornherein vermerkt, wächst auch das Interesse von Journalisten für die Zusammenhänge.

Wichtig ist aber auch, das Thema nach einer Tat nicht nur zu behandeln, sondern auch zu vertiefen. Deshalb nehmen politische Akademien und journalistische Ausbildungsstätten das Thema "Rechtsextremismus und Medien" immer häufiger in ihre Programme auf. So schreibt gegenwärtig (im Mai 2007) das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung "n-ost e.V." sogar 20 Recherchestipendien zum Thema "Rechtsextremismus und Antisemitismus in Mittel-, Ost- und Südosteuropa" aus. Die Stipendien werden von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gefördert.

Vorbildliche Schülerzeitungen

Auch gesellschaftliche Institutionen sehen sich zunehmend in der Pflicht und geben Sonderveröffentlichungen zum Thema heraus, zumindest als Jugendzeitungen. Nur drei Beispiele aus der jüngsten Zeit: Im Rahmen von "zett", der "Zeitung für evangelische Jugendarbeit in Bayern" (Ausgabe 1/2007), entstand jüngst eine Themenausgabe unter dem Titel: "Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung mehr", in der Initiativvertreter, Aussteiger und Fachexperten zu Wort kommen.

Der Verband der Jugendpresse Deutschland produzierte ebenfalls im Januar 2007 eine 48-seitige Jugendzeitung gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung, die auf Anfrage kostenlos verteilt wird, aber auch im Internet nachlesbar ist: extrem* (Downwload als PDF). Dort kommen nicht nur Gewaltopfer, Sozialarbeiter, Täter und Wissenschaftler zu Wort, sondern es gibt auch Reportagen und Reflektionen die bundesweit aus Schülerzeitungen zusammengetragen wurden, um einmal aus Schülerperspektive ein Mosaik der Verbreitung von Rechtsextremismus zu zeichnen - und von cleveren Rezepten dagegen.

Auch die Initiative "Schule ohne Rassismus" publiziert jährlich eine solche Zeitung mit Zustandsbeschreibungen aus der gesamten Bundesrepublik. Ihr Titel: "Q-rage", sie wird zum Jahresende der taz beigelegt. Doch nicht nur die Zeitung, auch ein Radioprogramm wird inzwischen produziert: "Radio Q-rage". (www.schule-ohne-rassismus.org).

Um darüber hinaus Schüler zu ermutigen, sich mit den schwierigen Themen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu beschäftigen, hat die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" seit 2006 Jahren zwei Sonderpreise gestiftet, die jährlich im Rahmen des bundesweiten Schülerzeitungs-
wettbewerbs der Länder verliehen werden. In diesem Jahr werden die Preise am 15. Juni im Bundesrat verliehen. Gewinner sind die Schülerzeitungen "tempus" aus Nürtingen in Baden-Württemberg und "Das Martinshorn" aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Beide Texte werden in Kürze auf diesem Portal veröffentlicht.

In "tempus" recherchierte die gesamte Redaktion akribisch, woher Flohmarkthändler in Heidelberg eigentlich ihren Nachschub an Hitlerdevotionalien beziehen. Sie stießen dabei auf ungeahnte Möglichkeiten, über ebay zu ersteigern oder auch zu versteigern, was ein überzeugter Neonazi so braucht. Kritisch und penetrant hakten sie nach und machten deutlich, wer ihnen auf ihrer Recherchereise Antwort gab und wer nicht - Ebay zum Beispiel. Das "Martinshorn" zeichnete wiederum nach, wie verlogen sich ein privater Postdienst in Magdeburg weigerte, Briefmarkenentwürfe gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu akzeptieren, obwohl er sich zunächst damit einverstanden erklärt hatte, solche Entwürfe aus einem Kreativwettbewerb des Kultusministeriums auf Marken oder Markenstempel zu drucken.

"Klar sagen, was sich an einer demokratischen, humanistischen Schule gehört und was nicht"

"

Doch sollen sich Schülerzeitungen überhaupt mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen? "Ich bin sehr dafür", sagt der Buchautor von "Moderne Nazis", Toralf Staud. Auf Schülerfragen für die Jugendzeitung extrem* begründet er das wörtlich:

"...Meistens sind Schülerzeitungsmacher ja auch viel näher dran an dem Phänomen (z.B. auf dem Schulhof) als "normale" Journalisten. Klar kann man hinterher Ärger kriegen, aber das kann man bei vielen Themen. Ich empfehle jedem/r KollegIn, sich gut vorzubereiten, sich abzusichern (indem zum Beispiel die ganze Redaktion hinter einem Text steht und diesen dann auch gemeinschaftlich unterzeichnet - was ich übrigens besser finde, als unter Pseudonym oder anonym zu schreiben), gründlich zu recherchieren und nachzudenken und fair zu sein gegenüber evtl. Gesprächspartnern. Aber das gilt immer. Und wie genau sollten Schülerzeitungsredakteure das Thema angehen? Naja, erstmal klassisch nachrichtlich: Wenn an der Schule etwas passiert, dann gehört das aufgeschrieben, gemeldet. Opfer von rechtsextremer Gewalt sollten z.B. eine Stimme bekommen, interviewt werden. Dann müssen Schülerzeitungsredakteure Hintergründe liefern, zum Beispiel erklären, welche rechtsextremen Gruppen es in der Stadt gibt, was die genau wollen, wie sich die voneinander unterscheiden oder wie sie zusammenhängen. Oder was an "Thor Steinar" eigentlich rechtsextrem ist. Was an den Liedern auf der NPD-Schulhof-CD denn genau schlimm, rassistisch, antisemitisch oder einfach nur widerlich, falsch und ekelhaft ist.

Kommentar ohne Umschweife: Sächsische Schülerzeitung über Rechtsextremismus. Foto: KulickKommentar ohne Umschweife: Sächsische Schülerzeitung über Rechtsextremismus. (© H.Kulick)
Darüber hinaus sollten Schülerzeitungen natürlich auch kommentieren, Position beziehen, also z.B. klar sagen, was sich an einer demokratischen, humanistischen Schule gehört und was nicht. Sie sollen LehrerInnen interviewen, die aktiv sind gegen Rechtsextremismus und auch einen Direktor, der das Thema überhaupt nicht wahrhaben will und es verharmlost. Und wenn der kein Interview geben will, dann kann und sollte man auch das aufschreiben und zum Thema machen. Das wäre doch guter Schülerzeitungsjournalismus, oder?"

Warnung vor Alarmismus und Sensationshascherei


Solche Fragen beschäftigen aber auch fertig ausgebildete Journalisten. Die Potsdamer electronic media school (ems) beispielsweise behandelt das Themenfeld regelmäßig für ihre Auszubildenden, darunter die Volontäre des RBB-Berlin. Dabei wird auch über solche Fragen gesprochen: Wann laufe ich selber Gefahr Rassismen zu verbreiten? Vor allem vor Verallgemeinerungen werden die Nachwuchsjournalisten gewarnt. Darf ich mich auf ein Interview mit Neonazis einlassen? Eine der Antworten: Ja, und zwar dann, wenn auch wirklich Fragen gestellt werden können und es auch Antworten gibt, die wiederum nachgefragt werden können. Und nie Geld für Bilder oder Interviews zahlen! In den 90er Jahren haben sensationssüchtige Fernsehteams gelegentlich Bilder bei Neonazicliquen "eingekauft" und so manche braune Zelle indirekt mitaufgebaut. Außerdem gilt: Nie zu konspirativen Treffs für Interviews oder Filmaufnahmen fahren. Wenn jemand was zu sagen hat, soll er öffentlich dazu stehen, also an keinem heimlichen Ort, an dem andere Journalisten ausgeschlossen sind. Alles andere ist Wichtigtuerei, die nicht unterstützt werden sollte.

Schweizer Medienstudie mahnt: Nicht auf Neonazi-Inszenierungen hereinfallen

Ohnehin gilt Vorsicht, wenn sich (nicht nur) Rechtsextreme ausschließlich inszenieren, aber nicht hinterfragen lassen wollen. Dazu rät auch eine neue Studie, die im Mai 2007 von Wissenschaftlern der Universität Zürich erstellt worden ist, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (siehe Text 10). Unter der Überschrift "Wie Medien und Rechtsextreme voneinander profitieren" bilanzieren die drei Verfasser Linards Udris, Patrik Ettinger und Kurt Imhof:

"Rechtsextremismus wurde in den letzten Jahren vor allem dann Thema der öffentlichen Kommunikation, wenn Rechtsextreme sich inszenieren und Medien und Politiker Skandale lancieren. Doch unter diesen Umständen kommt eine fundierte Auseinandersetzung zu kurz; besonders die Boulevardmedien neigen zu einer personalisierenden und emotionalisierenden Aufbereitung des Stoffes, was den rechtsextremen, Publizität suchenden Akteuren gelegen kommt."

Medien setzen sich also der Gefahr aus, Rechtsextremisten erst populär zu machen, denen egal ist, ob sie gute oder schlechte Presse haben, Hauptsache, ihre Selbstinszenierung wird zum Thema. Dies ist für Neonazifunktionäre auch wichtig für ihre Positionierung in der eigenen, stark von Konkurrenzkämpfen geprägten Szene. In der Schweizer Studie wird resümiert:

"Die zeitweise hohe Präsenz des Themas Rechtsextremismus in den Medien setzt die Politik unter Druck, Maßnahmen gegen rechtsextreme Tendenzen zu ergreifen. Doch die massenmediale Öffentlichkeit wird der wichtigen Aufgabe, die Politik für gesellschaftliche Probleme nachhaltig zu sensibilisieren, kaum gerecht; zu stark ist die Thematisierung des Rechtsextremismus durch Alarmismus und Sensationslust geprägt, zu wenig diskutieren Medien wie Politiker gesellschaftliche Ursachen und politische Lösungen, zu selten überprüfen sie die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen kritisch. Wenn die erste Aufregung verklungen ist, wenden sie sich neuen publizitätswirksamen Themen zu. Die geschürten Erwartungen stehen so im Gegensatz zu den tatsächlichen Reaktionen. Auf die Dauer gefährdet eine solche mediale Berichterstattung die politische Kultur und untergräbt das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik. Die Autoren raten daher den Medienschaffenden, das Thema Rechtsextremismus ernsthaft und kritisch zu begleiten, aber seine Thematisierung gut zu überdenken und nicht auf rechtsextreme Selbstinszenierungen einzusteigen..."

Warnung vor "vorauseilender Empörung"

Berichte also ja, aber nur, wenn sie gründlich vorbereitet sind. Dazu gehört, so empfiehlt es die Potsdamer "ems" als Grundbaustein: "Recherche, Recherche, Recherche" - und ohne jede Scheu das Einholen von Experten-Rat.

An der "ems" wurden schon im Frühjahr 2005 gemeinsam mit erfahreneren Journalistenkollegen aus dem Feld der Rechtsextremismusberichterstattung prinzipielle Verhaltensregeln aufgestellt. Darunter Tipps, wie: 1. Gelassenheit entwickeln, 2. Hausaufgaben machen, 3. Kontinuität entwickeln und 4. Zusammenhänge darstellen.

Allein dazu fehlen aber oft nicht nur Sendezeit oder genügend Zeilen in der Tageszeitung. Auch Recherchezeit ist Mangelware und wird in einigen Redaktionen auch nicht mehr extra bezahlt. Insbesondere bei der Berichterstattung über Rechtsextremisten falle auf: "Geldmangel, Zeitmangel, Stereotype anstelle von Analysen und mangelnde Kontinuität". Die Probleme in der Berichterstattung über Rechtsextremisten würden zusätzlich von psychologischen Faktoren überlagert: "Druck von Vertretern demokratischer Parteien auf Journalisten ("Ihr sollt entlarven!") und redaktionsinterner Druck ("Du darfst jetzt keinen Fehler machen")." Doch psychologischer Druck und Unsicherheiten seien die Grundbausteine für "Blackouts" und von "vorauseilender Empörung". Dies ziehe oft eine erkennbare Ungleichbehandlung von Vertretern demokratischer Parteien als "den Guten" und denen rechtsextremistischer Parteien als den "Bösen" nach sich. Genau deshalb sei "Mut zu journalistischer Unabhängigkeit" unerlässlich.

Nützliche Ratgebersites

Wer ordentlich recherchiert, findet zum fundierten Schreiben auf allerlei Infosites auch genügend Material, um sich unvoreingenommen zu rüsten. Zwei aktuelle Beispiele: als praktische Hilfe zur Vorbereitung auf Gespräche mit NPD-Funktionären hat der Informationsdienst redok.de Mitte Mai 2007 den Wortlaut einer Handreichung der NPD für ihre Funktionäre ins Netz gestellt. Es geht darum, wie NPD-Vertreter auf Fragen reagieren sollen, die sie als neonazistisch bloßstellen könnten. Eine ausgesprochen lehrreiche Publikation: (www.mut-gegen-rechte gewalt.de).

Aber auch solcherlei Rat gibt es im Netz: Um als Journalist nicht in rassistische oder Rassismen bestärkende Formulierungen zu verfallen, haben mehrere zivilgesellschaftliche Initiativgruppen eine Handreichung im Web publiziert, wie eigentlich mit "korrekter" Wortwahl über ausländerfeindliche und rassistische Taten berichtet werden sollte: War das Opfer eine Schwarzafrikaner? Farbiger? Schwarzer? Weißer? "Derbraunemob.de" hat die Antworten auf seiner Website gebündelt. (siehe Text Nummer 8).

Zitieren verboten?

Vieles klärt aber auch der gesunde Menschenverstand. Wer aufmerksam im Internet stöbert und studiert, was Neonazis allein auf ihren Websites entlarvendes von sich geben, der stößt mitunter auf recht einschüchternd gemeinte Formulierungen. Beispielsweise heißt es - Stand Mai 2007 - auf der Startseite des "Nationalen Widerstand Berlin-Brandenburg" (NWBB) u.a.:

"Verlinkungen auf diese Seite, Veröffentlichung von Inhalten oder das Zitieren von dieser Seite durch linksextreme oder behördliche Internetseiten oder andere Medien sind ausdrücklich untersagt und werden strafrechtlich verfolgt."

Juristisch eine Lachnummer, journalistisch eine Herausforderung. An dieser Stelle fängt eine gute Recherche zum Thema erst an.
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