Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Neonazis auf YouTube

Rechtsextreme Selbstdarstellung im "Weltnetz"


25.5.2007
Rund 1000 neonazistische Internetauftritte werden bundesweit gezählt, in denen sich über Ideologie, Termine und Kontaktdaten ausgetauscht wird. Die rechtsextreme Szene nutzt aber auch ganz allgemeine Foren, die das Web 2.0 bietet, für mehr oder weniger subtile Propaganda. Zum Beispiel YouTube.

Youtube Video der rechtsextremen Ein-Mann-Band Division Germania. Screenshot vom 19.12.11Youtube Video der rechtsextremen Ein-Mann-Band Division Germania. Screenshot vom 19.12.11

Überzeugte Rechtsextremisten nennen das Internet eingedeutscht "Weltnetz". Es ist für sie mittlerweile das Medium schlechthin. Rund 1000 neonazistische Internetauftritte werden bundesweit gezählt, in denen sich über Ideologie, Termine und Kontaktdaten ausgetauscht wird oder einschlägiger Handel betrieben wird. Es gibt sogar braunes Online-Dating und Jobbörsen "von Kameraden für Kameraden" und Wikipedia ist längst zu einem Who's Who der rechtsextremen Szene avanciert. Doch Neonazis nutzen zusätzlich auch Videotechnik und entsprechende Foren, die das Web 2.0 bietet, für mehr oder weniger subtile Propaganda. Zum Beispiel YouTube.

Die Internetvideo-
tauschbörse YouTube wurde im Oktober 2006 von der Betreiberfirma der Suchmaschine Google geschluckt. Google stellte dafür seine eigene Tauschbörse für online-Videos ein. Die bisherigen Nutzer dieser Plattform wanderten zu YouTube oder zu anderen Tauschbörsen ab. YouTube bietet den Usern und den Videos einstellenden Mitgliedern einige Vorteile. Unter anderem den, dass es nicht dem deutschen, sondern dem US-amerikanischen Recht unterliegt. Der erste Zusatz der US-Verfassung garantiert eine sehr weit gefasste Meinungs- und Redefreiheit, dieses Recht nutzen verstärkt auch Extremisten aller Couleur und aller Nationen, die im Netz ihre eigene Sicht auf die Welt öffentlich machen. Auch deutsche Neonazis gesellen sich zu dieser im Hass auf andere Menschen geeinten Runde.

Sie offerieren tiefe Einsichten in braune Propaganda, historischen Revisionismus, Holocaustleugnung und szeneinterne Veranstaltungen. Besucher der Seiten hinterlassen in ihren Kommentaren zu eingestellten Videos ihre demokratiefeindlichen Einstellungen. Kritiker werden im Kommentarbereich unter übelsten Beleidigungen "niedergeschrieben". Bereits mehrfach in der jüngeren Vergangenheit wurden kritische Internetnutzer, Medienvertreter oder Politiker auf diese in Deutschland verbotenen Beiträge aufmerksam. Es gab Presseberichte in Print- und Fernsehreportagen, Kommentare von Medienwächtern und Versuche zur Abschaltung dieser extremistischen Videos. Jedoch scheiterten viele Eingriffsversuche an mangelnden Ansatzpunkten im US-Rechtssystem oder der internen Firmenpolitik von YouTube.

Warum ist es für den demokratischen Staat und die bürgerliche Zivilgesellschaft so schwierig, rechtsradikalen Inhalten im Internet im Allgemeinen und bei YouTube im speziellen beizukommen? Zu diesem Zweck folgt zunächst einmal der Versuch einer Zusammenfassung der auf YouTube eingestellten rechtsextremen Beiträge, um dann einen Überblick über die Möglichkeiten und die Grenzen des Vorgehens gegen extremistische Inhalte zu geben.

Historische Dokumentation oder Revisionismus?



Zunächst gibt es eine sehr umfangreiche Bandbreite an Dokumentationen, in der Regel Filmaufnahmen und Fotokollagen, zu allem, was mit dem zweiten Weltkrieg aus deutscher Sicht zu tun hat. Diese sind vielschichtig und reichen von Beschreibungen und Anschauungsmaterial einzelner Waffen (etwa dem gigantisch fehlgeschlagenen Artillerieprojekt "Dora" oder der Funktionsweise des Maschinengewehrs "Hitlersäge") über Dokumentationen einzelner Waffengattungen oder unterschiedlichen Einzelgefechten bis hin zu Gesamtschauen zur Wehrmacht und Waffen-SS. Diejenigen, die Videos auf Youtube uploaden, haben vollkommen unterschiedliche Motivationen für ihre Darstellungen. Zum Teil sind es tatsächlich historisch interessierte Menschen, teilweise sind es Kriegsbegeisterte, die offensichtlich einer Art "Waffenfetischismus" frönen, zum Teil wird aber auch eine offene Glorifizierung und Verherrlichung der deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg versucht. Hierfür werden oft bereits vorhandene Dokumentationen verwendet, etwa Fernsehmitschnitte aus Dokumentarfilmen, wobei die Tonspur des Filmes entfernt wird und durch Musik ersetzt wird. Wenn diese Musik aus martialischen Märschen, NS-Liedern älteren oder neueren Datums oder aus dröhnendem Rechtsrock besteht, dann hat sich die Bedeutung der ursprünglich aufklärenden und informierenden Dokumentarberichterstattung in ein nationalsozialistisches Propagandamaterial umgekehrt.

Fast allen militärdokumentarischen Beiträgen ist gemein, dass sie völlig unkritisch mit den historischen Ereignissen umgehen. Die dargestellten Geschehnisse, die teilweise heftige Kampfszenen, Zerstörungen oder menschenverachtende Ereignisse wie Hinrichtungen zeigen, werden nicht hinterfragt, kritisch bewertet oder sonst wie in den historischen Diskurs eingebunden, sondern einfach nur neutral oder sogar glorifizierend präsentiert. Die Kommentare, die von einigen Internetsurfern zu den Beiträgen geschrieben werden, reichen dementsprechend von Anmerkungen, die auf ein historisches Interesse rückschließen lassen, bis hin zu offen antisemitischen, rassistischen oder Gewalt verherrlichenden Aussagen.

Aktualisierte historische Propaganda



Einen Schritt weiter nach Rechts gehen auf YouTube eingestellte Videozusammenschnitte über den nationalsozialistischen Alltag im deutschen Reich nach der Machtergreifung der NSDAP. Hier werden Bilder aus NS-Publikationen, Fotos von Propagandatexten, Filmsequenzen aus Wochenschauen und NS-Propaganda-Filmen zusammengeführt. Zum Teil werden, wie bei einem Stummfilm, persönliche Aussagen der Filmautoren als Textfelder beigefügt. Diese beinhalten Drohungen und Gewaltaufrufe gegen politische Gegner und Andersdenkende oder sie rufen offen zu Fremdenhass und Antisemitismus auf. Unterlegt wird dieses dann wiederum durch Musikspuren, die aus alter NS-Musik oder neuem Rechtsrock besteht. Auf diese Art entstehen neue Propagandawerke aus einer Kombination von altem und neuem Material, die entweder die NS-Diktatur verherrlichen oder aber, im Zusammenschnitt mit Symbolen der aktuellen rechtsextremen Parteien (wie der NPD, den Republikanern oder der DVU) und Gruppierungen, die "Erfolge" der NS-Diktatur auf die modernen Rechtsextremen zu übertragen versuchen. Auch Rechtsrockbands (wie "Division Germania" oder die inzwischen als kriminelle Vereinigung verbotenen "Landser") veröffentlichen gerne ihre aktuellen Musikclips auf diese Art. So vermeiden sie es, sich selbst zu ihrer oft strafbaren Musik darstellen zu müssen und können gleichzeitig ihre radikalen Aussagen mehrschichtig transportieren.

Eigenwerbung rechter Gruppierungen



Rechtsextreme politische Parteien präsentieren sich gerne im Internet allgemeinen - und hier unter anderem auf YouTube -, da dies wesentlich kostengünstiger ist, als Plakate, Flyer oder sonstige Werbemittel zu produzieren. Zudem werden Jugendliche als anzusprechende Zielgruppe für den Parteinachwuchs so in ihrem ureigensten Territorium direkt angesprochen. Die Parteien stellen sich mit eigenen Werbefilmen dar, die zum Teil Zusammenschnitte aus neuen Bildern und alten NS-Propagandafilmen sein können, teilweise aber auch auf einem recht professionellen Niveau komplett neu inszeniert werden. So zeigt etwa die NPD ein blondes Mädchen in einem ländlichen deutschen Idyll, umrahmt von Adlern und untermalt mit der deutschen Nationalhymne und Wagners "Ritt der Walküren", welches dann von eingemischter arabischer Musik und dunklen Bildern überlagert wird als Symbol für eine drohende "Überfremdung" Deutschlands.

Daneben werden aktuelle Ereignisse am rechten Rand der Gesellschaft durch live-Mitschnitte von Parteitagen rechtsextremer Parteien, Kundgebungen, Wahlaktionen und Demonstrationen dokumentiert. Je nach Adressat sind diese Filmbeiträge auf YouTube inhaltlich abgestuft von eher harmlos und juristisch abgesichert über moralisch bedenkliche Aussagen bis hin zu kriminellen Darstellungen. Musikbands aus der rechten Szene stellen publikumswirksam Musikvideos oder Mitschnitte von geheim abgehaltenen Rechtsrockkonzerten ein. Kameradschaften zeigen ihre Schlagkraft durch Filme über abgehaltene Demonstrationen und Mahnwachen oder über Gewaltaktionen und Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern.

Übernahme gegnerischer Werbemittel



Da die politischen Gegner, insbesondere Antifa-Gruppierungen, ebenfalls sehr gerne auf das Medium Internet zurückgreifen, um dort ihre jeweiligen Aktionen gegen Rechtsextremismus zu dokumentieren, kommt es zu lehrreichen Überschneidungs-
phänomenen. Es werden Filmmaterialien der jeweils anderen Fraktion übernommen, neu zurechtgeschnitten, mit anderer Musik unterlegt und unter neuem Namen wieder eingestellt. So wird dann das eigentlich gegen die eigene Gruppierung eingesetzte Material "umgedreht" und wiederum gegen den ursprünglichen Ersteller genutzt, was gelegentlich zu kuriosen oder kaum noch nachvollziehbaren inhaltlichen Aussagen führt. Ein Beispiel hierfür ist etwa der Mitschnitt einer Demonstration in Deutschland für die Politik des Staates Israel, der Bilder der Demonstranten und von minutenlangen Interviews einzelner Personen beinhaltet. Dieser Film wird dann von einer rechtsgerichteten Gruppe einfach nur mit lautem Rechtsrock als einziger, neuer Tonspur unterlegt und hat letztlich für den Betrachter keine sinnvolle Aussage mehr.

Ein weiteres Beispiel ist der Mitschnitt einer Antifa-Demonstration in Wismar, die den Verlauf einer Kundgebung vor einem Haus einer Skinheadgruppierung wiedergibt. Einige der Skinheads fühlen sich durch die Demonstranten provoziert und greifen diese mit Knüppeln an, worauf die Demonstration begleitenden Polizisten die Demonstranten nur mit gezogener Dienstwaffe schützen können. Die Szene spricht eigentlich allein durch ihre Bildsprache für sich selber, wird aber zusätzlich durch den Originalton der Ereignisse und durch eine erklärende Überschrift verdeutlicht. Der gleiche Mitschnitt ist unter YouTube erneut zu finden, diesmal allerdings ohne Originalton, sondern stattdessen mit aggressivem Rechtsrock unterlegt und mit einer neuen Überschrift versehen, welche die Skinheads als angegriffene unschuldige Partei darstellt. Das Ergebnis dieses neu bearbeiteten Videos ist für den Betrachter bestenfalls irritierend, da die Visuelle- und die Tonsprache nicht mehr zueinander passen.


 

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