Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

21.4.2007 | Von:
Joachim Wolf

Symbolwandel

Neonazis und ihr Lifestyle

Anfang der 1990er Jahre war alles einfach: Zum Outfit eines Rechtsextremen gehörten schwere Stiefel, Glatze und Bomberjacke. Diese "Klassiker" gibt es heute zwar auch noch. Aber die Zeit ist vorbei, in der Neonazis eindeutig zu erkennen sind. Das hat auch taktische Gründe.

Modelabel Steinar, gesehen bei einer NPD-Demonstration im Herbst 2006 in Berlin.Modelabel Steinar, gesehen bei einer NPD-Demonstration im Herbst 2006 in Berlin. (© Holger Kulick)

Zum Einstieg zwei Szenebeschreibungen: Das erste Ereignis liegt schon etwas länger zurück, wiederholt sich seitdem aber jährlich. Im Dezember 2004 wurde ich Zeuge, wie überwiegend junge Mitglieder der rechtsextremen Szene im Bezirk Treptow-Köpenick erstmals für ein "nationales Jugendzentrum" demonstrierten, ein Jugendzentrum also, in das ihrer Ansicht nach nur rechtsnationale ''Voksdeutsche'', aber niemand aus dem Ausland dürfte. Aufgerufen hatte die mittlerweile verbotene "Berliner Alternative Süd-Ost" (BASO). Am S-Bahnhof, der gleichzeitig Treffpunkt der rechten Demo und der Gegendemo war, hatte die verblüffte Polizei erstmals große Schwierigkeiten, die Anhängerschaft der beiden Aufmärsche auseinander zu halten: Auf beiden Seiten trugen Teile der Jugendlichen schwarze Kapuzenpullis, schwarze Baseballcaps und dunkle Sonnenbrillen – ein Outfit, dass bisher vor allem der autonomen bzw. linken Szene zugerechnet worden war.

Auf der rechtsextremen Demonstration waren es nun die so genannten freien Kräfte bzw. autonomen Nationalisten, die diese Kleidung trugen. Man sah dort aber auch die "klassischen" Skinheads mit Bomberjacken und schwarz-weiß-roten Fahnen. Als die Demo der Rechtsextremen für längere Zeit zum Stehen kam, weil die Wegstrecke blockiert war, ließ sich beobachten, wie eine kleine Gruppe von Teilnehmern des rechten Aufzuges sich in einem Kreis zusammenstellte und improvisiert rappte. Sie trugen die entsprechende HipHop-Kleidung: Weite Hosen und Basecaps. Als die rechte Demo dann weiterzog, spielte der Lautsprecherwagen den Song "Steh auf, wenn du am Boden liegst" der Düsseldorfer Punkband "Die Toten Hosen". Zuvor waren von der rechten Demo auch Songs der Berliner Punkband "Die Ärzte" und der linken 68er Band "Ton Steine Scherben" zu hören. Eine gezielte Provokation für die Gegenseite? Oder andere Töne aus Überzeugung?

Ortswechsel: Auf zwei Demos im ostwestfälischen Gütersloh – eine davon ebenfalls für ein "nationales Jugendzentrum" – im März bzw. im September 2006 zeigte sich ein ganz ähnliches Bild – und seitdem an anderen Orten immer wieder: Auch hier trugen die Teilnehmer des rechtsextremen Aufzuges, der ebenfalls von Gruppierungen der "freien Kräfte" angemeldet wurde, neben Glatze und Bomberjacke überwiegend schwarze Baseball-Caps, schwarze Kapuzenpullis und dunkle Sonnenbrillen. Aber auch Palästinenser-Tücher (eigentlich lange Zeit ein linkes Symbol für die Solidarität mit Palästina) waren zu sehen. Auch Slogans und Design der Transparente waren an denen der Linken angelehnt: So war dort unter anderem die Aufschrift "Kapitalismus zerschlagen" zu lesen. Darunter waren zwei wehende Fahnen abgebildet – eine rote und eine schwarze – in einem Kreis sichtbar. Auch dies war bislang ein Symbol, das von der "Antifaschistischen Aktion" verwendet wurde. Bei den Neonazis ist allerdings im Zentrum der roten Fahne ein weißer Kreis zu sehen. Damit ähnelt dieses Symbol der Fahne der Nationalsozialisten: Einer roten Fahne mit einem schwarzen Hakenkreuz in einem weißen Kreis. Auf einem anderen Transparent war ein "Ninja-Turtel", eine vor allem bei Kindern beliebte Comic-Figur, in voller Kampfmontur zu sehen. In Gütersloh bzw. in der Region Westfalen machten sich die Linken allerdings diese Ähnlichkeit des Auftretens zu Nutze: Da auch sie ein überwiegend schwarzes Outfit trugen, ließen sie sich schweigend von der Polizei, die sie für Rechtsextremisten hielt, zum abgesperrten rechten Aufmarsch geleiten. Dort protestierten sie plötzlich lautstark und feixend, aber friedlich, gegen die Neonazis.

Diese beiden Beispiele zeigen: Zum einen hat bei den Neonazis ein Wandel stattgefunden. Die Szene hat sich anderen Jugendkulturen geöffnet und dabei auch Kleidung und Symbole des politischen Gegners übernommen wie beispielsweise der ebenfalls jugendkulturell geprägten Antifa. Zum anderen ist dieser Wandel weder ein Phänomen der Großstadt noch des Ostens. Es lassen sich in der ganzen Bundesrepublik ähnliche Beispiele wie aus Berlin oder Gütersloh finden. Gerade dieser Wandel macht die Neonazi-Szene dabei gefährlich, denn sie treten – von Demonstrationen abgesehen – dadurch weniger offen und eindeutig auf. Auf diese Weise kann die extreme Rechte in gesellschaftliche Bereiche einsickern, die ihr bisher verschlossen waren, in denen sie bisher verpönt war. Dazu gehören auch andere Subkulturen der Jugendkultur.

Der Wandel zum modischen Neonazi

Lange prägte das Bild vom Skinhead mit Bomberjacke und schweren Stiefeln das äußere Erscheinungsbild und die öffentliche Wahrnehmung der extremen Rechten – nicht nur in Deutschland. Dabei war auch diese Ende der 1960er Jahre entstandenen Jugend- und Subkultur, die ihre Wurzeln in der britischen Arbeiterklasse hat, nicht von Beginn an rechtsradikal. Es gab ebenso unpolitische und linke Skinheads. Gemeinsam war allen Teilen der Skinhead-Kultur neben der aggressiven Musik und dem Hang zum exzessiven Alkoholgenuss auch das Outfit: der kahl rasierte Schädel, die Bomberjacke und Stiefel, um sich Respekt zu verschaffen. Dieses Auftreten sollte dabei martialisch wirken, es diente zum einen der Stiftung einer gemeinsamen Identität nach innen und zum anderen der Abgrenzung von anderen Jugendkulturen nach außen. Und diesen anderen sollte es Angst einflössen – zur Steigerung des Selbstwertgefühls.

Dazu gehörte auch das Tragen bestimmter Modemarken wie Fred Perry, Ben Sherman oder Lonsdale. Vor allem Letztere galt lange als Marke der Rechtsradikalen. Mittlerweile versucht sich das britische Mode-Label aber von dieser Klientel zu distanzieren und hat damit bereits Boykott-Aufrufe radikaler Rechter auf sich gezogen. Alle die genannten Mode-Marken wurden freilich auch von unpolitischen und sogar linken Skinheads oder von Jugendlichen getragen, die sich gar nicht dieser Szene zugehörig fühlten, genauso wie Bomberjacken. Entscheidend waren vielmehr zusätzliche Zeichen der ideologischen Ausrichtung – wie beispielsweise Aufnäher der SHARP-Skins (Skinheads Against Racial Prejudice = Skinheads gegen Rassenvorurteile) oder das berühmt- berüchtigte "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein" bzw. eine schwarz-weiß-rote (Farben des Deutschen Reiches) Fahne.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich dieses Erscheinungsbild nun gewandelt: Die Rechtsextremisten haben sich anderen Jugendkulturen geöffnet und rekrutieren ihren Nachwuchs in vielerlei Milieus. So sind neben den klassischen rechtsextremen Skinheads weitere jugendkulturelle Elemente in die extreme Rechte eingeflossen. Und umgekehrt: Durch diese Öffnung konnten sich rechtsextreme Symbole auch außerhalb der (geschlossenen) Szene verbreiten. So sieht man – wie oben beschrieben- auf Demos der extremen Rechten eben auch Jugendliche in HipHop-Kleidung, mit langen Haaren, mit Piercings oder mit einem modischen Kinnbart, wie er in der Metal- bzw. Hardcore-Szene beliebt ist. Andererseits trifft man im Alltag zum Beispiel auf der Straße oder in der Schule zunehmend auf rechtsextreme Symbole bzw. auf Zeichen, die auch von der extremen Rechten benutzt werden, beispielsweise als Anstecker am Rucksack oder an der Jacke. Dabei müssen die Träger dieser Symbole nicht unbedingt der rechtsextremen Szene angehören oder ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben. Oftmals reicht bei ihnen allein schon das Gefühl rechtsaußen zu sein aus, um sich diese Zeichen anzustecken. Und doch lassen sich in ihrer Gedankenwelt zumindest Versatzstücke einer autoritären, ausgrenzenden, rassistischen und nationalistischen Ideologie feststellen.

Diese Durchmischung unterschiedlicher (Jugend-) Kulturen (also das, was die Neonazis ansonsten um jeden Preis verhindern wollen), dieser Wandel innerhalb der rechtsextremen Szene bedeutet, dass Rechtsextremisten nicht mehr allein anhand ihres Auftretens offen als solche erkennbar sind. Ausschlaggebend sind heute vielmehr kleine, oftmals versteckte Symbole, welche die politische Gesinnung ausdrücken – und auch dies nicht in jedem Fall. Die Agentur für soziale Perspektiven (ASP), die sich intensiv mit den Veränderungen innerhalb der Neonazi-Szene auseinandergesetzt hat, spricht deshalb auch von einem "Versteckspiel". Mehr als 120 solcher Symbole und Codes, die verschlüsselt oder offen eine rechte politische Orientierung ausdrücken, zählt die ASP. Diese Symbole und Codes dienen dabei als Erkennungsmerkmal für Gleichgesinnte und erzeugen ein gewisses Gruppengefühl.