Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

21.4.2007 | Von:

Symbolwandel

Neonazis und ihr Lifestyle

Pseudolinke Parolen

Links 'geklaute' Inhalte: Rechtsextremer Protest gegen Globalisierung, Arnstadt 2006. Foto:KulickLinks 'geklaute' Inhalte: Rechtsextremer Protest gegen Globalisierung, Arnstadt 2006. Foto:Kulick
Mit ihrem "Versteckspiel" trägt die rechtsextreme Szene zum einen dem verstärkten staatlichen und öffentlichen (Verfolgungs-) Druck Rechnung, der Mitte der 1990er Jahre nach den rassistisch motivierten Anschlägen und Morden in Mölln, Solingen und Rostock einsetzte. Und auch aus einer anderen Erfahrung wurden Konsequenzen abgeleitet: Wer bei rechtsextremen Aufmärschen auffällige Kleidung trägt, wird in der Regel besonders lange von der Polizei gefilzt oder gar aus dem Verkehr gezogen. Deshalb mahnen rechtsextreme Demonstrationsveranstalter ihre Gefolgschaft stets im Vorfeld, lieber neutrale Sachen anzuziehen oder sich ihren Gegnern anzupassen.

Mit der Kleidung kommt auch der Versuch zumindest eines Teils der Szene zum Ausdruck, sich ein "sozialrevolutionäres", ein "antikapitalistisches" oder ganz allgemein ein "systemoppositionelles" Image zu verschaffen. Dies zeigt sich beispielsweise auch daran, dass die "Freien Kameradschaften" genauso wie die NPD immer wieder versuchen, sich an sozialen Protesten zu beteiligen. Dabei werden auch tatsächlich oder vermeintlich linke Slogans oder Symbole übernommen bzw. umgedeutet. Damit greifen die Neonazis wiederum auch auf sozialistische Wurzeln der Hitler-Partei NSDAP zurück, um mit antikapitalistischen und antiglobalistischen Slogans insbesondere bei verunsicherten jugendlichen Wirtschaftsverlierern zu punkten. Dies bedeutet eine inhaltliche Verschiebung, die sich auch im Rückgriff auf die Ideologie und die Symbole des "sozialrevolutionären" Flügels der Nationalsozialisten zeigt.

Typische Kennzeichen

Dass die rechtsextreme Szene dabei allerdings nicht nur auf linke Symbolik, sondern auch auf ihre tatsächlichen historischen und ideologischen Vorbilder zugreift, zeigt ein (Ab-)Zeichen, dass sich auch heute noch bei vielen Rechtsextremen beispielsweise als Anstecker, aber auch auf Transparenten, findet: Ein mit einem Hammer gekreuztes Schwert, dass die Einheit (bzw. "Volksgemeinschaft") von Arbeiter und Soldat symbolisieren soll und bereits dem "nationalrevolutionären" Flügel der NSDAP und später der HJ als Symbol diente. Ein weiteres Beispiel ist die so genannte Schwarze Sonne, die als zwölfarmiges Hakenkreuz oder als Rad aus zwölf Siegrunen deutbar ist. Im Nationalsozialismus diente dieses Zeichen der SS als Sinnbild für die nordisch-heidnische Religion und für uraltes geheimes Wissen. So findet sich dieses Symbol beispielsweise in der ehemaligen SS-Ordensburg Wewelsburg. Heute symbolisiert die "Schwarze Sonne" für die rechtsextreme Szene die Verbundenheit mit der "eigenen Art und mit den arteigenen Wertvorstellungen". Beliebt ist dieses Zeichen in weiten Teilen der extremen Rechten.

Die klassischen Zahlencodes: 88, 18 und andere

Zu diesen Symbolen mit deutlichem nationalsozialistischem Bezug sind allerdings neue, verstecktere Zeichen hinzugekommen. Bekanntestes Beispiel hierfür sind wohl die in der Szene verwendeten Zahlencodes, eine beliebte Verschlüsselung für strafrechtlich relevante Begriffe, Grußformeln oder Organisationszeichen. Dass allerdings auch hier ein deutlicher Bezug zum Nationalsozialismus besteht – gerade dies macht ja die strafrechtliche Relevanz aus –, zeigt das Beispiel der in der rechtsextremen Szene oft verwendeten Zahl 88: Sie steht für den NS- Gruß "Heil Hitler". Als Basis für diesen wie für die meisten anderen internen Codes dient dabei die Stellung der verwendeten Buchstaben im Alphabet: Das H ist dort der achte Buchstabe, 88 steht somit für HH, was in der Neonazi-Szene als "Heil Hitler" gedeutet wird, das Alphabet rückwärts gezählt SS. Diese Codes lassen sich dabei fast beliebig verwenden und weiterführen:

Die Zahl 18 steht in der rechten Szene für AH (Adolf Hitler), die 74 für GD (Großdeutschland), die Kombinationen 13/47 für MDG (13ter, 4ter und 7ter Buchstrabe, Mit deutschem Gruß = "Hitler-Gruß") und 19/8 für SH (Sieg Heil). Und die Zahl 28 verweist auf das Kürzel des mittlerweile in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" (BH). Nur der Zahlencode "14" stellt eine Ausnahme dar: Er steht für "14 words", eine rassistische Losung des amerikanischen Rechtsextremisten David Lane, deren Wortlaut lautet: "We must secure the existence of our race and a future for white children" ( "Wir müssen die Existenz unserer Rasse und die Zukunft unserer weißen Kinder sichern").

Alle diese Zahlencodes finden sich beispielsweise in Organisations- oder Club-Namen der extremen Rechten wieder, zum Beispiel beim Terrornetzwerk "Combat 18" oder beim "Club 88" in Norddeutschland) und werden sehr häufig in E-Mail-Kennungen verwendet. Sie werden aber auch sehr häufig auf T-Shirts oder auf der Jacke getragen. Hierbei wird wiederum der neue pop- bzw. jugendkulturelle Bezug der Szene deutlich: So sind dort beispielsweise T-Shirts (oder T-Hemden, wie sie in der Sprache der Neonazis eingedeutscht heißen) oder Tops beliebt, auf denen zwei schwarze Billardkugeln abgebildet sind- tragen diese Kugeln doch die Zahl 8 und lassen sich somit dem oben beschriebenen Zahlencode entsprechend als 88 deuten. Allerdings ist hierbei zu beachten, dass Zahlenaufdrucke auf Kleidungsstücken bei Jugendlichen allgemein sehr beliebt sind- drücken sie doch eine gewisse Sportlichkeit aus, wenn sie beispielsweise als Rückennummer eines Fußballspielers deutbar sind. Sie müssen also nicht zwangsläufig eine politische Bedeutung haben. Wichtig ist deshalb der weitere Kontext, in dem diese Zahlen getragen und verwendet werden.


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