Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

21.4.2007 | Von:

Symbolwandel

Neonazis und ihr Lifestyle

Typische Kleidung: T-Shirts, Turnschuhe, mitunter Handschuhe

Wie oben bereits beschrieben hat sich die Kleidung der Neonazis vor allem in zwei Richtungen verändert: Zum einen weg vom martialischen Stil der Skinhead-Subkultur hin beispielsweise zum Style der HipHoper, Raver oder Hardcore-Fans, Basecaps inbegriffen. Und zum anderen weg von bislang szenetypischen Marken wie beispielsweise Lonsdale, hin zu anderen Modemarken bzw. eigenen Marken der Szene, oft mit nicht auf Anhieb politischen Sprüchen. Zumindest bei Demonstrationen fällt aber oft auch im Sommer ein szenetypisches Zubehör in der Hosentasche griffbereit auf - Handschuhe, um im Ernstfall besser zuschlagen zu können, ohne dass sich dabei die eigene Hand verletzt.

Was die Bekleidung betrifft, sind in der bekennenden rechtsextremen Szene beispielsweise Jacken der Marke Alpha Industries beliebt. Deren Logo erinnert an das verbotene Zivilabzeichen der SA. Doch darf man dem Hersteller der Marke damit keine Verbindungen zur Neonazi-Szene unterstellen. Und auch hier gilt: Diese Marke wird auch außerhalb der Szene getragen. Das bekannteste Beispiel für eine in der extremen Rechten sehr beliebte Jacke ist aber wohl die der Marke Thor Steinar. Denn: Das Symbol dieser Marke setzte sich aus einer Kombinationen von Runen zusammen, die während der NS-Zeit verwendet wurden: der Todesrune (auch Tyr-Rune, im NS Abzeichen der SA und SS) und einer Mischung aus Sieg-Rune (auch S-Rune, im NS als Doppel-Rune Zeichen der SS, als einzelne Rune Zeichen der HJ) und Gibor-Rune (auch Wolfsangel, im NS leicht abgeändert Abzeichen der HJ und der SS). Aufgrund von öffentlichem, politischem und juristischem Druck wurde das Zeichen allerdings Anfang 2005 geändert. Dabei stellt auch das neue Logo der Marke eine Rune dar – diese fand allerdings im Nationalsozialismus keine Verwendung. Und Trotzdem: Durch die Verwendung von Symbolen und Namen aus der nordischen Mythologie ist die Bekleidung von Thor Steinar auch weiterhin in der rechten Szene sehr beliebt.

Eine weitere populäre Marke der extremen Rechten ist Consdaple. Die Kleidung dieser Marke ist szeneintern beliebt, weil im Markenname das Kürzel NSDAP enthalten ist. So werden beispielsweise T-Shirts mit dem Schriftzug Consdaple in der rechten Szene gerne so unter der Jacke getragen, dass nur noch der Name der Hitler-Partei zu lesen ist. Ähnliches gilt für Kleidung des Boxsportausrüsters Lonsdale, der sich aber zunehmend gegen den Missbrauch von Rechtsextremen wehrt. Bei Consdaple ist zusätzlich der Adler, der ebenfalls als Logo der Marke dient, dem Reichsadler sehr ähnlich. Anders als beispielsweise bei Alpha Industries handelt es sich bei Consdaple um eine Marke von Nazis für Nazis: Sie wird ausschließlich in neonazistischen Läden oder Versanden vertrieben. So beispielsweise beim Patria-Versand, der neben Baseballschlägern (hier als "Sportgeräte" deklariert) auch T-Shirts mit dem Aufdruck "Division 88" verkauft. Neben Jacken und T-Shirts gibt es aber auch Schuhmarken, die unter Neonazis sehr beliebt sind. So beispielsweise die Marke New Balance, deren Symbol ein aufgenähtes N ist, das im neonazistischen Spektrum als Abkürzung für Nationalist bzw. Nationalsozialist gedeutet wird. Aber auch hier gilt: Nicht jeder Träger der Marke ist ein Anhänger der rechten Szene. Und: New Balance hat sich vom neonazistischen Kundenkreis distanziert.

Fazit: ein taktisches Spiel

In den vergangenen 10 Jahren war die Neonazi-Szene starken Umbrüchen ausgesetzt. Die vormals dominierende Kultur der rechten Skinheads hat ihre Führungsrolle verloren. Neben ihr existieren verschiedene andere rechte Jugendkulturen. Durch diesen Wandel haben diverse Musikrichtungen und Dresscodes in die Neonazi-Szene Einzug gehalten. Auf eine eindeutige stilistische Abgrenzung zur restlichen Gesellschaft wird zunehmend verzichtet und neue, dezentere Codes werden geschaffen.

Alle genannten Beispiele beschreiben den Wandel, der zumindest in Teilen der Neonazi-Szene stattgefunden hat: Die Grenzen zu anderen Jugendkulturen sind fließender geworden, innerhalb der Szene existieren heute mehrere jugendkulturelle Elemente nebeneinander, der "Klassiker", der Skinhead mit Glatze, Stiefeln und Bomberjacke ist zwar nicht verschwunden, er dominiert die rechtsextreme Szene aber auch nicht mehr wie beispielsweise noch in den 1980er Jahren oder Anfang der 1990er. Zu diesem Wandel gehört auch die Übernahme bzw. Umdeutung von Symbolen und Inhalten, die ursprünglich aus der ebenfalls jugendkulturell geprägten linken Szene stammen. Darin drückt sich auch zumindest der Versuch der rechten Szene aus, sozialpolitische Themen aufzugreifen und sich als "Systemopposition" darzustellen.

Die genannten Beispiele zeigen aber auch, dass die Neonazis nach wie vor gerne eine Art "Versteckspiel" betreiben, so dass Anhänger der rechtsextremen Szene nicht mehr so leicht zu erkennen sind, wie es vor einigen Jahren noch der Fall war. Es sind oftmals nur kleine, unauffällige Codes und Zeichen, die Jugendliche als rechtsextrem kennzeichnen, die aber oft nur Anhänger der Szene verstehen. Andererseits reicht das alleinige Tragen dieser Symbole oder Modemarken heute nicht mehr aus, um Anhänger der rechtsextremen Szene zwangsläufig als solche zu identifizieren. Häufig ist es die Kombination aus mehreren Symbolen und bestimmten modischen Accessoires, die einen Jugendlichen als Neonazis kenntlich macht. Andererseits kann ein Jugendlicher sich auch rechtsextrem äußern, ohne durch Kleidung oder Symbole seine Gesinnung nach außen zu tragen. Und unter Schülern mahnen rechtsextreme Sammlungsbewegungen wie die Sammlungsbewegung "Freier Widerstand" sogar dazu, eine gewisse Unsichtbarkeit aufrecht zu erhalten: "Wenn ihr noch nicht als Nationalist bekannt geworden seid, hängt es nicht an die große Glocke. Es bringt niemandem etwas, wenn er es weiß", heißt es etwa in einem internen Verhaltensmaßregelkatalog.

Die Nichterkennbarkeit hat also einerseits taktische Gründe. Und sie kann als Teil der in der rechtsextremen Szene propagierten Strategie der Erreichung einer "kulturellen Hegemonie" verstanden werden (auch diese ist im Übrigen ein von der Linken "übernommenes" Konzept). "Kulturelle Hegemonie" meint dabei im Sinne der Neonazis, gezielt in möglichst allen Bereichen des alltäglichen Lebens rechtsextreme und rassistische Einstellungen sowie einen rechten Lebensstil zu etablieren. Um dies zu erreichen haben in den letzen Jahren "Freie Kameradschaften" und NPD gezielt versucht, Jugendliche und ihre Kultur für sich zu gewinnen und zu beeinflussen. Dies geschieht nicht nur beispielsweise über Musik oder Demonstrationen, die gerade für Jugendliche einen großen 'Erlebnisfaktor' darstellen, sondern auch über Nachhilfe- oder Beratungsangebote. Diese Strategie trägt bereits gefährliche Früchte: Die Wählerreservoirs, welche die rechtsextreme NPD bei Wahlen in den vergangenen Jahren besonders gut ausschöpfen konnte, sind überwiegend Erst- und Jungwähler, also die Träger von Jugendkultur.


Dossier Rechtsextremismus

Initiativenblog

Welche Konzepte gegen die extreme Rechte sowie gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Abwertungen gibt es? Hier stellen sich Initiativen mit ihren eigenen Ideen und Berichten aus der praktischen Arbeit vor: Ein Initiativenblog, der stetig wächst und die Vielfalt an konzeptionellen Ansätzen abbildet.

Mehr lesen

Mediathek

Die Arier

In einer persönlichen Reise begibt sich die Afrodeutsche Mo Asumang auf die Suche nach den Ursprüngen des Arierbegriffs und dessen Missbrauch durch Rassisten in Deutschland und den USA.

Jetzt ansehen

Mediathek

Kombat Sechzehn

Der 16-jährige Georg zieht von Frankfurt am Main nach Frankfurt an der Oder um, weil sein Vater dort einen neue Arbeit gefunden hat. Nur schwer findet er sich in der neuen Situation zurecht. In seiner Isolation und Orientierungslosigkeit gerät Georg zunehmend in den Sog einer rechtsextremen Clique...

Jetzt ansehen

Rassismus, Antisemitismus, Homophobie… Aspekte der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit begegnen uns in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die "Begegnen-Reihe" soll in unterschiedlichen Formaten auf Aussagen und Handlungen vorbereiten, in denen Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Mehr lesen

Sie benötigen ein Bild zur Illustration Ihres Presseartikels, wollen sich einen Überblick über das bpb-Angebot zum Thema verschaffen oder Pressemitteilungen nachlesen? Hier finden Sie Informationen zum breiten Engagement der bpb gegen Rechtsextremismus.

Mehr lesen

Hier finden Sie Publikationen der bpb zum Thema Rechtsextremismus.

Mehr lesen

Fortbildungskonzept

Qualifiziert handeln!

Bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und abwertenden Haltungen gewinnt ein Thema mehr und mehr an Bedeutung: Qualifiziertes Handeln. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat daher in Kooperation mit drei ausgewählten Partnern ein umfassendes Fortbildungskonzept entwickelt: Das DGB-Bildungswerk Bund, der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben und die Evangelischen Akademien in Deutschland führen Fortbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit jeweils besonderen Schwerpunkten durch.

Mehr lesen

Das von den Bundesministerien des Innern und der Justiz gegründete bundesweite Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) in der Bundeszentrale für politische Bildung will das zivilgesellschaftliche Engagement für Demokratie und Toleranz in unserem Land sichtbar machen und möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zum Einsatz für unsere Demokratie ermutigen. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 haben sich eine Vielzahl von Organisationen dem Bündnis angeschlossen - von großen Verbänden bis hin zu kleinen Aktionsgruppen.

Mehr lesen auf buendnis-toleranz.de

Mit dem Programm "Zusammenhalt durch Teilhabe" fördert das Bundesministerium des Innern (BMI) Projekte für demokratische Teilhabe und gegen Extremismus in Ostdeutschland. Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sollen dort gefördert werden, wo sie entstehen: an der Basis. Das BMI hat die bpb mit der Umsetzung des Bundesprogramms betraut.

Mehr lesen auf zusammenhalt-durch-teilhabe.de