Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Einstiegsdroge Musik

Wie NPD & Co. versuchen Jugendliche zu ködern


23.4.2007
Vom Rechtsrock bis zum Nazi-Barden für heimelige Abende am Sonnenwend-Lagerfeuer: Im rechtsextremen Milieu ist Musik wesentliches Bindeglied, Lockmittel und wichtige Einnahmequelle. Auch die NPD hat die Macht der Musik entdeckt.

Bekenntnis zu Musik als Waffe: Neonazi-T-Shirt bei einem Aufmarsch in Arnstadt 2006.Bekenntnis zu Musik als Waffe: Neonazi-T-Shirt bei einem Aufmarsch in Arnstadt 2006. (© Holger Kulick)

Am 22. April 2007 fanden Kreistagswahlen in Sachsen-Anhalt statt, stimmberechtigt waren Jugendliche ab 16 Jahren. Um sie zu ködern, verfolgte die NPD eine nicht ganz neue, aber effektive Strategie: Über rechtsextreme Musik wollten die Nationaldemokraten die Sympathie junger Wähler gewinnen. Im Vorfeld der Wahlen seien angeblich 10.000 "NPD-Schulhof-CDs" an Schulen und Jugendklubs verteilt worden, teilte ein Sprecher des NPD-Landesverbands in Magdeburg mit. Es sei das Anliegen der Partei, dass sich die Jugend wieder verstärkt mit deutscher Musik identifiziere. Die CD solle zudem ein "erster Anreiz" dafür sein, dass die Jugendlichen am Wahltag in die Wahllokale gingen.

Bereits im Sommer 2004 trug sich in Sachsen-Anhalt Ähnliches zu. Damals ließen die Rechtsextremen verlauten, rechtzeitig zum Schuljahresende eine kostenlose Schulhof-CD mit Rechtsrock in sechsstelliger Auflage an Schüler zu verteilen. Das Neue daran: der Zusammenschluss von 56 rechtsorientierten Vertrieben, Initiativen und Organisationen zur "Aktion Schulhof" stellte eine neue Dimension der Kooperation innerhalb der Szene dar. Die Staatsanwaltschaft Halle ließ daraufhin zwar zahlreiche CDs beschlagnahmen, konnte aber nicht verhindern, dass die meisten Titel frei verfügbar im Internet landeten.

"Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden", hat Nazi-Rock Pionier Ian Stuart einmal in einem Fernsehinterview erläutert. Rechtsrock bietet dabei oftmals den ersten Kontakt zur extrem rechten Ideologie. Im Umfeld rechtsextremer Aufmärsche ist für viele Teilnehmer oft wichtiger, anschließend an konspirativem Ort ein Rechtsrockkonzert zu besuchen oder eine Party mit viel szenetypischer Musik. Politik muss dabei gar nicht mal im Vordergrund stehen.



Leicht zugänglich sind vor allem Jugendliche, bei denen schon eine Disposition für solche Positionen besteht, die aus der elterlichen Erziehung, dem Kontakt mit Freunden, den Erlebnissen in der Schule oder dem in den Medien gezeichneten Gesellschaftsbild resultieren. In Zeiten von Hartz IV und neuer Unterschichtdebatten bemühen sich rechte Drahtzieher verstärkt, ihre Ideologie in der gesellschaftlichen Mitte hoffähig zu machen. Moderates Auftreten, der Trend zur Tarnung und die Verwendung nicht mehr eindeutig zuzuordnender Symbole und Codes machen eine schnelle Identifikation der Rechtsextremen durch die Jugendlichen oft unmöglich. Einmal für die Sache gewonnen soll die Botschaft der Texte, die vorhandenen rechten Denkstrukturen festigen und mit Versatzstücken der rechten Ideologie erweitern, indem die Gefühlsebene der Jugendlichen angesprochen wird.

Was ist Rechtsrock?



Mit Rechtsrock ist vor allem die Musik rechtsextremer Skinheadbands gemeint. Im deutschen Sprachraum wird hauptsächlich dieser Begriff gebraucht, während im englischsprachigen Raum White Power Music, White Noise oder Rock Against Communism (RAC) die gängigen Bezeichnungen sind. Eine einheitliche deutsche Rechtsrockszene gibt es nicht. Vielmehr gibt es unterschiedliche Akteure mit verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Inhalte produzieren und verbreiten. Sie tragen ihre politische Botschaft aber auch in weiteren Stilen der Pop- und Rockmusik vor: Rock, (Nazi-)Punk, Dark Wave, Heavy Metal, Death Metal, Black Metal, Hardcore, Hatecore, Balladen/Liedermacher (z.B. Frank Rennicke), Volksmusik, Neofolk und neuerdings auch Rap.

Dementsprechend sind auch die Hörer keine homogene Gruppe. Die Konsumenten lassen sich in den seltensten Fällen definitiv einer einzigen Subkultur zuordnen. Und entsprechend der ausgedehnten Phase des Jugendalters gibt es auch immer mehr Hörer jenseits der 30. Unter Rechtsrock kann aber jegliche Art von Musik zusammengefasst werden, deren Message, mehr oder weniger offen, rassistisch, nationalistisch, antisemitisch oder neonazistisch ist.

Rechtsextreme Musik war von Anfang an vom etablierten Musikmarkt ausgeschlossen. Keine rechtsextreme Band hat einen Vertrag mit einem Major Label. Entsprechende Musik ist auch nicht im öffentlichen Handel zu erwerben. Das Geschäft blüht insbesondere im Internet. Längst gibt es Szene-eigene Musikversände, geworben wird in Internetforen, mit Mund-zu-Mund-Propaganda oder auf einschlägigen Neonazi-Treffen wie Konzerten. Konzerttermine werden häufig per SMS weitergeben und gelegentlich werden Musikvideos gezielt bei Anbietern wie YouTube platziert. Zwei Ziele stehen im Vordergrund: die politische Indoktrination von Jugendlichen und der wirtschaftliche Erfolg.

Die Ursprünge der White Noise-Musik



Rechtsrock hat sich aus der Musik der extrem rechten Skinheads entwickelt. Die Alternativszene der Skins war aber nicht immer eine überwiegend von Rechten geprägte Jugendkultur. Die Skinheadbewegung entstand in den späten 1960er Jahren in London als Kultur der Arbeiterklasse. Der Kleidungsstil der Szene erinnert noch heute an diese Herkunft. Ihre Musik war damals Reggae und Ska. Und obwohl es auf Konzerten normal war, dass Weiße und Schwarze gemeinsam tanzten, gab es bereits rassistische Tendenzen, die sich vor allem gegen die pakistanischen Einwanderer entluden. Die Szene war aber bereits bis Mitte der 1970er Jahre wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Erst mit dem Aufkommen von Punk erlebte die Skinhead-Kultur ein Revival.

Skins galten nach wie vor als gewaltbereite Jugendliche, die zwar systemkritisch waren, aber trotzdem dem Vaterland verbunden blieben. Genau dieses Potenzial wollte die National Front in England ausnutzen. Mit nationalistischen und rassistischen Slogans versuchte sie die Jugendlichen auf der Straße, in Fußballstadien und auf Konzerten zu rekrutieren. Rassistisch motivierte Übergriffe auf Migranten nahmen zu dieser Zeit zu. Es entstand das Bild vom Skinhead als rassistischen Schläger.

Es gab allerdings auch weiterhin linke Skins. Sie verfochten in ihren Texten vor allem sozialistische Ansichten. Diese Ausdifferenzierung ist der Grund für die Unübersichtlichkeit der Skinhead-Szene von heute: Es gibt rechtsextreme, unpolitische (sog. Oi!s) und linke Skinheads (SHARPS und Reds).

Textlich kann man den Ursprung der Skinheadszene in der klassischen "Arbeiterklasse" und den "Skinhead-Kult" sehr gut in dem Lied Stolz der "Böhsen Onkelz" nachvollziehen:

"Einer von vielen mit rasiertem Kopf / Du steckst nicht zurück, denn Du hast keine Angst / Shermans, Braces, Jeans und Boots, Deutschlandfahne, denn darauf bist du stolz / Man lacht über Dich, weil Du Arbeiter bist, doch darauf bin ich stolz, ich hör nicht auf den Mist! / Refrain: Du bist Skinhead, du bist stolz / Du bist Skinhead, schrei´s heraus / Du bist Skinhead, du bist stolz / Du bist Skinhead, schrei´s heraus!"