Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Einstiegsdroge Musik

Wie NPD & Co. versuchen Jugendliche zu ködern


23.4.2007
Vom Rechtsrock bis zum Nazi-Barden für heimelige Abende am Sonnenwend-Lagerfeuer: Im rechtsextremen Milieu ist Musik wesentliches Bindeglied, Lockmittel und wichtige Einnahmequelle. Auch die NPD hat die Macht der Musik entdeckt.

Bekenntnis zu Musik als Waffe: Neonazi-T-Shirt bei einem Aufmarsch in Arnstadt 2006.Bekenntnis zu Musik als Waffe: Neonazi-T-Shirt bei einem Aufmarsch in Arnstadt 2006. (© Holger Kulick)

Am 22. April 2007 fanden Kreistagswahlen in Sachsen-Anhalt statt, stimmberechtigt waren Jugendliche ab 16 Jahren. Um sie zu ködern, verfolgte die NPD eine nicht ganz neue, aber effektive Strategie: Über rechtsextreme Musik wollten die Nationaldemokraten die Sympathie junger Wähler gewinnen. Im Vorfeld der Wahlen seien angeblich 10.000 "NPD-Schulhof-CDs" an Schulen und Jugendklubs verteilt worden, teilte ein Sprecher des NPD-Landesverbands in Magdeburg mit. Es sei das Anliegen der Partei, dass sich die Jugend wieder verstärkt mit deutscher Musik identifiziere. Die CD solle zudem ein "erster Anreiz" dafür sein, dass die Jugendlichen am Wahltag in die Wahllokale gingen.

Bereits im Sommer 2004 trug sich in Sachsen-Anhalt Ähnliches zu. Damals ließen die Rechtsextremen verlauten, rechtzeitig zum Schuljahresende eine kostenlose Schulhof-CD mit Rechtsrock in sechsstelliger Auflage an Schüler zu verteilen. Das Neue daran: der Zusammenschluss von 56 rechtsorientierten Vertrieben, Initiativen und Organisationen zur "Aktion Schulhof" stellte eine neue Dimension der Kooperation innerhalb der Szene dar. Die Staatsanwaltschaft Halle ließ daraufhin zwar zahlreiche CDs beschlagnahmen, konnte aber nicht verhindern, dass die meisten Titel frei verfügbar im Internet landeten.

"Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden", hat Nazi-Rock Pionier Ian Stuart einmal in einem Fernsehinterview erläutert. Rechtsrock bietet dabei oftmals den ersten Kontakt zur extrem rechten Ideologie. Im Umfeld rechtsextremer Aufmärsche ist für viele Teilnehmer oft wichtiger, anschließend an konspirativem Ort ein Rechtsrockkonzert zu besuchen oder eine Party mit viel szenetypischer Musik. Politik muss dabei gar nicht mal im Vordergrund stehen.



Leicht zugänglich sind vor allem Jugendliche, bei denen schon eine Disposition für solche Positionen besteht, die aus der elterlichen Erziehung, dem Kontakt mit Freunden, den Erlebnissen in der Schule oder dem in den Medien gezeichneten Gesellschaftsbild resultieren. In Zeiten von Hartz IV und neuer Unterschichtdebatten bemühen sich rechte Drahtzieher verstärkt, ihre Ideologie in der gesellschaftlichen Mitte hoffähig zu machen. Moderates Auftreten, der Trend zur Tarnung und die Verwendung nicht mehr eindeutig zuzuordnender Symbole und Codes machen eine schnelle Identifikation der Rechtsextremen durch die Jugendlichen oft unmöglich. Einmal für die Sache gewonnen soll die Botschaft der Texte, die vorhandenen rechten Denkstrukturen festigen und mit Versatzstücken der rechten Ideologie erweitern, indem die Gefühlsebene der Jugendlichen angesprochen wird.

Was ist Rechtsrock?



Mit Rechtsrock ist vor allem die Musik rechtsextremer Skinheadbands gemeint. Im deutschen Sprachraum wird hauptsächlich dieser Begriff gebraucht, während im englischsprachigen Raum White Power Music, White Noise oder Rock Against Communism (RAC) die gängigen Bezeichnungen sind. Eine einheitliche deutsche Rechtsrockszene gibt es nicht. Vielmehr gibt es unterschiedliche Akteure mit verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Inhalte produzieren und verbreiten. Sie tragen ihre politische Botschaft aber auch in weiteren Stilen der Pop- und Rockmusik vor: Rock, (Nazi-)Punk, Dark Wave, Heavy Metal, Death Metal, Black Metal, Hardcore, Hatecore, Balladen/Liedermacher (z.B. Frank Rennicke), Volksmusik, Neofolk und neuerdings auch Rap.

Dementsprechend sind auch die Hörer keine homogene Gruppe. Die Konsumenten lassen sich in den seltensten Fällen definitiv einer einzigen Subkultur zuordnen. Und entsprechend der ausgedehnten Phase des Jugendalters gibt es auch immer mehr Hörer jenseits der 30. Unter Rechtsrock kann aber jegliche Art von Musik zusammengefasst werden, deren Message, mehr oder weniger offen, rassistisch, nationalistisch, antisemitisch oder neonazistisch ist.

Rechtsextreme Musik war von Anfang an vom etablierten Musikmarkt ausgeschlossen. Keine rechtsextreme Band hat einen Vertrag mit einem Major Label. Entsprechende Musik ist auch nicht im öffentlichen Handel zu erwerben. Das Geschäft blüht insbesondere im Internet. Längst gibt es Szene-eigene Musikversände, geworben wird in Internetforen, mit Mund-zu-Mund-Propaganda oder auf einschlägigen Neonazi-Treffen wie Konzerten. Konzerttermine werden häufig per SMS weitergeben und gelegentlich werden Musikvideos gezielt bei Anbietern wie YouTube platziert. Zwei Ziele stehen im Vordergrund: die politische Indoktrination von Jugendlichen und der wirtschaftliche Erfolg.

Die Ursprünge der White Noise-Musik



Rechtsrock hat sich aus der Musik der extrem rechten Skinheads entwickelt. Die Alternativszene der Skins war aber nicht immer eine überwiegend von Rechten geprägte Jugendkultur. Die Skinheadbewegung entstand in den späten 1960er Jahren in London als Kultur der Arbeiterklasse. Der Kleidungsstil der Szene erinnert noch heute an diese Herkunft. Ihre Musik war damals Reggae und Ska. Und obwohl es auf Konzerten normal war, dass Weiße und Schwarze gemeinsam tanzten, gab es bereits rassistische Tendenzen, die sich vor allem gegen die pakistanischen Einwanderer entluden. Die Szene war aber bereits bis Mitte der 1970er Jahre wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Erst mit dem Aufkommen von Punk erlebte die Skinhead-Kultur ein Revival.

Skins galten nach wie vor als gewaltbereite Jugendliche, die zwar systemkritisch waren, aber trotzdem dem Vaterland verbunden blieben. Genau dieses Potenzial wollte die National Front in England ausnutzen. Mit nationalistischen und rassistischen Slogans versuchte sie die Jugendlichen auf der Straße, in Fußballstadien und auf Konzerten zu rekrutieren. Rassistisch motivierte Übergriffe auf Migranten nahmen zu dieser Zeit zu. Es entstand das Bild vom Skinhead als rassistischen Schläger.

Es gab allerdings auch weiterhin linke Skins. Sie verfochten in ihren Texten vor allem sozialistische Ansichten. Diese Ausdifferenzierung ist der Grund für die Unübersichtlichkeit der Skinhead-Szene von heute: Es gibt rechtsextreme, unpolitische (sog. Oi!s) und linke Skinheads (SHARPS und Reds).

Textlich kann man den Ursprung der Skinheadszene in der klassischen "Arbeiterklasse" und den "Skinhead-Kult" sehr gut in dem Lied Stolz der "Böhsen Onkelz" nachvollziehen:

"Einer von vielen mit rasiertem Kopf / Du steckst nicht zurück, denn Du hast keine Angst / Shermans, Braces, Jeans und Boots, Deutschlandfahne, denn darauf bist du stolz / Man lacht über Dich, weil Du Arbeiter bist, doch darauf bin ich stolz, ich hör nicht auf den Mist! / Refrain: Du bist Skinhead, du bist stolz / Du bist Skinhead, schrei´s heraus / Du bist Skinhead, du bist stolz / Du bist Skinhead, schrei´s heraus!"

Wie der Rechtsrock nach Deutschland kam



Rechtsrock ist untrennbar mit dem Namen Ian Stuart verbunden. Mit der englischen Band Skrewdriver war 1977 zunächst eine Punkband entstanden, die er 1982 als erste Rechtsrock-Band neu formierte, heute die unumstrittene Kult-Band der Neonazi-Szene. Skinheadmusik verstand Stuart in erster Linie als Sprachrohr der rechtsextremen Szene und so machten Skrewdriver in ihren Texten keinen Hehl aus ihrer politischen Meinung:

"The streets are still / the final battle has ended / Flushed with the fight / we proudly hail the dawn / See over the streets / the white man´s emblem is waving / Triumphant standards of a race reborn" (Refrain des Liedes "Hail the new Dawn").

Mit Blood & Honour gründete Stuart 1985 eine Organisation, die die Nazi-Ideologie einem breiteren Publikum näher bringen sollte. Nebst der Vernetzung und kollektiven Vermarktung der Skinheadbands in ganz Europa, der Organisation von Konzerten und der Entwicklung einer Infrastruktur knüpfte B & H auch Kontakte zu rechtsextremen Organisationen weltweit und baute eigene, internationale Strukturen auf. In vielen Ländern gibt es heute Ableger, so genannte Divisionen.

Gerade in Deutschland sah man aufgrund vieler unbelehrbarer Altnazis aus dem Dritten Reich und ihrer Kinderskinder einen guten Nährboden für rechtsextremes Gedankengut. Außerdem hatten deutsche Neonazis in den 1970er und 1980er Jahren entscheidende Vorarbeit geleistet – vor allem die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) und die Nationalistische Front (NF). Beide Organisationen hatten trotz ideologischer Unterschiede unabhängig voneinander das Potenzial, von Jugendsubkulturen erkannt und frühzeitig damit begonnen bevorzugt in Fußballstadien aktiv Propaganda zu betreiben. Rechtsradikale kamen somit in die Fanblocks und prägen in vielen Vereinen bis heute das Bild, lange nach dem die ANS/NA verboten und aufgelöst wurde.

Als sich die Skinheadsubkultur Mitte der 1980er in Deutschland und in deutschen Fußballstadien ausbreitete, war sie daher viel stärker rechtsextrem geprägt als in England. Die organisierte Rechte war gern bereit dieses Potenzial in die politische Arbeit zu integrieren. Peter Dehoust, Mitherausgeber des rechtsextremen Theorieorgans Nation & Europa, forderte 1987, sie müssten sich dieser jungen Deutschen annehmen und froh sein, dass es nicht nur angepasste Deutsche gebe. Es sei Aufgabe, sie für das "Volksganze" zu gewinnen. Um diese Jugendlichen zu erreichen sei es notwendig, sich mit den Modetrends in der Jugendszene ernsthaft zu befassen. Die neue Jugendsubkultur barg neben dem politischen aber auch ein ökonomisches Potenzial. In der Folgezeit entstanden parteinahe Versand- und Produktionsfirmen wie der Klartext-Versand – vornehmliches finanzielles Standbein der NF. Außerdem unterhielt die NF mehrere Schulungszentren.

Dennoch war die Szene immer noch überschaubar und gruppierte sich um eine Handvoll deutsche Bands, die ihren internationalen Vorbildern nacheiferten. Die Situation änderte sich erst nach der Wiedervereinigung. Überfremdungsängste und politischer Unmut angesichts von Sozialabbau und wachsender Arbeitslosigkeit wurden von Teilen der Politik und Medien mit Parolen vom "vollen Boot" beantwortet. Eine Welle von Gewalt gegen AusländerInnen und AsylbewerberInnenheime folgte: Hoyerswerda, Rostock und Solingen sind nur die bekanntesten Fanale dieser Gewalt. Auch die Skinhead-Szene wuchs nach dem Mauerfall stark an, oftmals entleert von ihrer ursprünglichen subkulturellen Herkunft. Skinhead sein hieß in jener Zeit vor allem, "stolz auf Deutschland" und "gegen Ausländer" zu sein. Der Refrain des Liedes Rechte Polizei der Gruppe Störkraft spiegelt diese Meinung wider:

"Wir sind Deutschlands rechte Polizei, wir machen die Straßen wirklich frei. Wir sind Deutschlands rechte Polizei, mit deutscher Moral – wir bleiben dabei."

Hochkonjunktur Anfang der 1990ger Jahre



Mit der Hochkonjunktur der deutschen Rechtsrockmusik Anfang der 1990er Jahre, weit über die Grenzen der Skinheadsubkultur hinaus, versuchten immer mehr Anbieter am wirtschaftlichen Erfolg teilzuhaben. Durch spektakuläre Fernsehauftritte wurden rechtsextreme Bands wie Störkraft oder Kraftschlag plötzlich einem immer größer werdenden Publikum präsentiert und konnten so öffentlich für sich, ihre Musik, aber auch für ihre Gesinnung Werbung machen.

Nach diesen öffentlichen Auftritten kam es seitens des Staates zu einer Repressionswelle gegen rechtsextreme Musik, rechtes Schriftgut sowie rechtsextreme Organisationen. Dadurch kamen die Produktion neuer Musik und die Durchführung von Konzerten temporär fast völlig zum Erliegen. Der Markt wurde neu geordnet und es formten sich zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle heraus. Ein Teil der an diesem Business beteiligten Firmen und Individuen beschränkte sich darauf, legale Platten und Merchandising-Produkte herzustellen und zu vertreiben. Dort wurden alle CDs von Rechtsanwälten geprüft, denn die Indizierung oder die Beschlagnahmung bereits produzierter Alben hätten erhebliche finanzielle Einbußen mit sich gebracht. Produzenten wie Torsten Lemmer und Herbert Egoldt wurde vorgeworfen nur den eigenen Profit im Auge gehabt zu haben und nicht das Wohl der Bewegung.

Organisationen wie Blood & Honour oder die Hammerskin Nation haben hingegen in erster Linie den Ehrgeiz, mit der Musik politische Botschaften zu vermitteln, was aber nicht heißt, dass man nicht auch vom Rechtsrockboom finanziell profitieren wollte. Sie setzten deshalb weiterhin auf gesetzwidrige Formen, um die Musik mit strafbaren Texten vermarkten zu können. Die Indizierung eines Titels gilt in dieser Szene oft erst als Ritterschlag.

Landser als kriminelle Vereinigung



Eine der beliebtesten Bands in diesem Segment war die Neonazi-Gruppe "Landser". Nie hatten Landser auch nur den Versuch unternommen, eine ihrer CDs in den legalen Vertrieb zu bringen. Sie bauten bewusst das Image einer Untergrundband auf. In ihren Songs verbanden Landser Stimmungsmusik mit konkret volksverhetzenden Texten und sangen beispielsweise davon, das Trinkwasser in Berlin-Kreuzberg mit 100.000 Litern Strychnin zu vergiften oder "im feldgrauen Ehrenkleide" in Polen einzumarschieren, um Deutschlands Osten heimzuholen. Des Weiteren fielen Landser dadurch auf, dass ihre Lieder mehrmals zu "Begleitmusik" rechtextremer Gewalttaten wurden. Im August 1999 hatten sieben Neonazis zwei Vietnamesen fast totgetreten und dabei den Landser-Refrain "Fidschi, Fidschi, Gute Reise" skandiert. Im Jahr 2001 führten Ermittlungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Verhaftung der vier Bandmitglieder Michael "Luni(koff)" Regener, Andreas "Möhre" Möricke, Christian Wenndorf und Jean-Rene Bauer. Die Gruppe wurde letztinstanzlich im März 2005 vom Bundesgerichtshof als erste Musikband zur kriminellen Vereinigung erklärt.

Neue Tendenzen



Im vergangenen Jahr 2006 wurden laut Innenministerium 114 professionell produzierte Rechtsrock-Tonträger veröffentlicht und 230 bis 240 Konzerte veranstaltet. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1991 und 1998 1,5 Millionen Rechtsrock-CDs als Originale im Umlauf waren. Bis 2002 wurde die Zwei-Millionen-Grenze sehr wahrscheinlich deutlich überschritten. Originale machen heute aber nur den kleinsten Teil aus. Erheblich höher ist der Anteil von Demo-CDs, kopierten CDs und aus dem Internet herunter geladenen Alben, die in den Zahlen nicht enthalten sind.

Das Internet trug wesentlich zur einfacheren Verbreitung von rechtsextremer Musik bei. Rechtsextremisten verwenden inzwischen auch in wachsendem Maße Web-2.0-Angebote. Da sich Videoplattformen in letzter Zeit – insbesondere bei Jugendlichen – außerordentlicher Beliebtheit erfreuen, werden diese nun auch von Rechtextremen genutzt. Somit kann man sich kostenfrei einem größeren Publikum, auch außerhalb der Szene, präsentieren. Vor allem aber Tauschbörsen versorgen die rechtsextreme Gemeinde mit musikalischem Futter.

Dadurch ist der Konsumentenkreis von Rechtsrock mittlerweile nicht mehr überschaubar. Für einen Teil von Heranwachsenden gehört die Musik inzwischen zum Standard-Repertoire, andere hören sie parallel zu Rap oder Techno. Verlässliche Zahlen oder Einschätzungen gibt es nicht.

Jugendliche, die über herkömmliche Medien nur schwer erreichbar sind, können über das Internet sehr einfach mit rechtem Gedankengut in Kontakt kommen. Dabei spielt die Faszination strafbarer Inhalte gewiss eine Rolle. Die Gefahr liegt vor allem in der weitgehend risikolosen, anonymen Streuung rechtsextremistischer Propaganda, hauptsächlich über ausländische Provider. Der Effekt auf Jugendliche wird durch das Angebot multimedialer Elemente, d.h. Ton- und Videosequenzen, beträchtlich gesteigert.

Die staatliche Repression bis zur Mitte der 1990er Jahre ist dabei wichtig zum Verständnis der heutigen Situation. Mit dem Boom des Rechtsrock seit Anfang der 1990er Jahre stieg die Anzahl der Bands und der so genannten Fanzines ins Unermessliche. Nach der Repressionswelle blieben vor allem jene übrig, die offen neo-nationalsozialistisches Gedankengut verbreiteten. Diese Bands wechselten häufig zu einem Label im Ausland mit weniger rigider Gesetzgebung.

Der Anbietermarkt in Deutschland hat sich nach der Repression stark differenziert. Dominierte bis zum Anfang der 1990er Jahre quasi als Alleinanbieter das Brühler Label "Rock-O-Rama", gibt es inzwischen eine Vielzahl kleiner Plattenfirmen und Mailorder-Anbieter. Ob sich das Geschäft mit dem Rechtsrock wirklich lohnt, ist aus diesem Grunde umstritten. Denn die gestiegene Konkurrenz verringert den möglichen Gewinn für alle. Die Herstellung einer CD kostet ca. 3 €, der Verkaufspreis liegt bei ca. 15 €. Auch durch das Herunterladen von Dateien und Brennen von CDs entgeht dieser Szene viel Geld. Die Bands werden oft nur mit einigen Frei-Exemplaren entlohnt, richtige Honorare sind die Ausnahme. Auch der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Szene nicht sehr vermögend ist und deshalb vermehrt auf das Internet setzt, wo das Publizieren sehr billig ist.

Wirkungslose Sanktionen



Das Sanktionieren rechtsextremer Musik hat den Boom der Rechtsrock-Szene nicht brechen können. Eher hat es zu einer Professionalisierung beigetragen, die überwiegend von Kadern politischer Organisationen forciert wird. Diese besitzen das Wissen und die Kontakte, um eine optimale Arbeit garantieren zu können. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sowohl Fanzine-Macher als auch Eigentümer von Plattenfirmen und Vertrieben mit politischen Organisationen verbunden sind oder ihnen sehr nahe stehen.

Als zwischen 1992 und 1995 die offen neonazistischen Organisationen verboten wurden, orientierten sich die einstigen Gefährten um. An Einfluss gewann die NPD und ihre Jugendorganisation JN. Infolgedessen wandelte sich auch die Form der NPD von einer Wahl- zu einer Kampfpartei. Ihre gegenwärtige Konzeption fußt auf dem Aktionismus, den die frischen Mitglieder mit in die Partei brachten. Die NPD macht sich die Beliebtheit des Rechtsrock zu nutze und garniert ihre Kundgebungen mit anschließenden Musikveranstaltungen.

Noch bedeutender für die Skinhead-Szene war und ist aber das Konzept der Freien Kameradschaften. Als Lehre aus den Verboten setzen sie nicht mehr auf große, überregionale Organisationen, sondern bevorzugen das Modell kleiner lokaler Gruppen, wo Verbote nur einen relativ begrenzbaren Schaden anrichten können. Im Unterschied zur NPD geben sie offen zu, gegen Demokratie und Pluralismus zu sein und auf deren Abschaffung hinzuarbeiten. Inhaltlich steht den Freien Kameradschaften die bereits erwähnte, rechtsextreme Skinhead-Organisation Blood & Honour nahe, obwohl sie international agiert. Trotz ihres Verbots im September 2000 kommt B&H immer noch eine maßgebliche Rolle bei der Veranstaltung von Konzerten zu.

Jene Tonträger allerdings, die unter dem Sammelbegriff "Schulhof-CDs" kursieren, stellen eine eindeutig neue Qualität der gezielten Einflussnahme auf Jugendliche dar. Deutliches Anzeichen dafür ist die öffentlichkeitswirksame Ankündigung dieser CDs. Die Initiatoren erreichen so mit Hilfe der Presse schon vor dem tatsächlichen Erscheinen der Tonträger die ersehnte Aufmerksamkeit. Hinzu kommt das flexible Reagieren auf das Bemühen des Staates, die Verbreitung der CDs einzuschränken: inhaltlich entgehen sie meistens gerade noch der Indizierung, so dass die Staatsanwaltschaften ihre Verbreitung nicht verbieten können.

Oft verklärte inhaltliche Botschaft



Wie bereits erwähnt, kann man Rechtsrock erst durch den Text von normaler Rockmusik oder anderen Musikstilen unterscheiden. Entscheidend für das Genre ist der Bezug auf Deutschland als "Vaterland". Gemeint ist damit allerdings nicht die Bundesrepublik Deutschland, sondern das Reich in seinen Grenzen von 1939/42. Kaum wird dabei – um etwaigen Indizierungen zu entgehen – ausdrücklich vom Dritten Reich geredet, sondern eher vom Deutschland in den alten Reichsfarben schwarz-weiß-rot. Gegen die Gesellschaft von heute wird der Stolz auf die Vergangenheit gesetzt, in der noch Disziplin, Fleiß und Pflichtgefühl vorherrschend gewesen seien. Verpönt am Deutschland von heute ist vor allem dessen "rassische Durchmischung". In den Texten wird weiterhin suggeriert, dass Deutschland durch Ausländer "völkisch" bedroht sei und die deutsche Kultur im Untergehen sei.

Die Liedtexte arbeiten mit vielen Andeutungen, die zwar in der Szene verstanden werden, aber oft keine rechtliche Handhabe liefern. Sie verwenden zahlreiche Bilder und Symbole, bewegen sich im ideologisch Unklaren oder auf der abstrakten Ebene eines Gut-Böse-Schemas. Selbst Germanenkult und verschrobene Mystik (Titel "Ein Krieger" der Gruppe "Nahkampf") stehen immer noch auf dem Programm.

Rassismus ist ein immanenter Bestandteil in den Texten, auch wenn er häufig verklausuliert ausgedrückt wird, um nicht strafrechtlich belangt werden zu können. Die Bands empfinden sich dabei nicht als Repräsentanten einer Minorität, sondern als die "Stimme des Volkes". Insbesondere in den Schulhof CDs wird ganz bewusst versucht, an die Lebenswelt der Jugendlichen anzuknüpfen und sich als deren Stimme und als die Interessenvertretung des 'kleinen Mannes' darzustellen. Hier ist auch die Schnittstelle zur gesellschaftlichen Mitte zu finden: In einem von den Medien gezeichneten Bild von der Überfremdung des Gesellschaft und in teilweise populistischen Äußerungen verschiedener Parteien.

Zum Feindbild der Radikalen gehören aber nicht nur Ausländer, sondern auch "Bolschewisten" und "Volksverräter". Gemeint sind damit alle, die sich gegen die extreme Rechte wenden bzw. angeblich den "Interessen des Volkes" nicht hinreichend dienen. Theoretisch gehören dazu genauso Anhänger der etablierten Parteien als auch Gewerkschaftler und Antifaschisten, "Bonzen und Bürokraten" sowie Polizei und Justiz. Diese Frontstellung ergibt sich letztlich aus der Ablehnung des politischen Systems ("Demokratendiktatur"), der liberalen Gesellschaft und der BRD an sich. Gegen die Demokratie oder die Republik als Staatsform wird die Restauration des Reiches bzw. des Nationalsozialismus gestellt und unverhohlen ein Geschichtsrevisionismus betrieben (z.B. die "Vertriebenenballade" von "Noie Werte"), gekoppelt mit mehr oder weniger offenem Antisemitismus. Oft wird in den Texten auch das Trugbild von einer Bedrohung des "Weltjudentums", das die Weltherrschaft an sich reißen wolle, wiederholt (z.B. "Die Macht des Kapitals" von "Faustrecht").

Dieses Repertoire wird mit tagespolitischen Themen ergänzt. Der Titel "Frieden durch Krieg" von "Odem" nimmt beispielsweise Bezug auf den Irak-Krieg.

Fazit



Bei der Rekrutierung neuer Aktivisten für den organisierten Rechtsextremismus nehmen Musik und die Anziehungskraft der Skinhead-Subkultur eine herausragende Stellung ein und spielen ferner eine wichtige Rolle bei der Vernetzung der internationalen Rechtextremismusszene. Verbote und Verhaftungen waren bisher nicht das geeignete Mittel, die Strukturen effektiv zu schwächen.

Auch wenn die Labels nicht mehr so viel Profit abwerfen, so sichern sie doch zumindest das Auskommen der Betreiber. Deren Macht liegt in erster Linie in ihrer Position als Szene-Elite begründet. Sie haben Kontakte zu Aktivisten und Bands, sie führen Konzerte durch und bewerben sie, sie gewinnen Nachwuchs und sind Idole für diesen.

Die Analyse der Texte zeigt eine stereotype Darstellung von Vorbild, Selbstbild und Feindbild auf. Fast allen Texten gemeinsam ist die Tatsache, dass sie Ursache und Wirkung vermischen und populistisch argumentieren. Es zeigt sich jedoch, dass diese oberflächlichen Muster für viele einen gewissen Reiz besitzen und nicht wirkungslos bleiben, weil sie vermeintlich Klarheit in eine komplexe, unübersichtliche Welt bringen.

Gerade bei der verstärkten Nutzung des Internets wird es letzten Endes nicht ausreichen, Jugendliche von solchen Inhalten abzuschotten. Sie müssen vielmehr aufgeklärt und ausgebildet werden, mit solchen Inhalten bewusst und qualifiziert umzugehen.

Literatur

Dornbusch, Christian & Raabe, Jan (Hrsg.), RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster 2002.

Flad, Henning, Zur Ökonomie der rechtsextremen Szene – Die Bedeutung des Handels mit Musik, in: Klärner, Andreas & Kohlstruck, Michael (Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Bonn 2006, S. 102-115.

Pötsch, Sven, Rechtsextreme Musik, in: Grumke, Thomas & Wagner, Bernd (Hrsg.), Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft, Opladen 2002, S. 117-127.

Searchlight u.a. (Hrsg.), White Noise. Rechtsrock, Skinhead-Musik, Blood & Honour – Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene, Hamburg/Münster 2000.

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