Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

23.4.2007 | Von:
Holger Kulick

Erlebnisorientierte Gruppen

Was unterscheidet rechts- und linksextreme Jugendliche? Interview mit dem Berliner Polizeidirektor Oliver Tölle

Basecap, Skaterschuh, Kapuzenpulli – und rechtsextrem? Immer stärker durchmischen sich szentypische Codes und Kleidung. Das macht es für die Polizei schwer, Rechtsextreme von Linksextremen zu unterscheiden. Ein Interview mit dem Berliner Polizeidirektor Oliver Tölle.

Herr Tölle, Hat sich für Sie aus Sicht der Polizei im Laufe der Zeit das Bild von Neonazis gewandelt?

Ja, es gibt eine Wandlung. Es ist mit Sicherheit so, dass der klassische alte Nationalsozialismus noch die ideologische Grundlage ist. Aber vorsichtig! Ich denke, dass wir eine Neonazikultur, eine Rechtsextremistenkultur kriegen, die differenziert. Der Nationalsozialismus ist vielleicht die gemeinsame untere Wurzel. Aber die Realität bestimmt er nicht mehr. Wir haben es viel mehr mit sehr erlebnisorientierten Gruppen zu tun – Kameradschaften, die Nachfahren der Wehrsportgruppen sind, die sich aus dem sehr politischen, also ideologischen Bereich, mehr wegentwickelt haben und hinentwickelt haben zu so sozialen Problemen des Alltags. Sie sind auf dem Wege oder sind es schon, eine Jugendkultur zu sein. Sie haben ihre eigene Mode, die sich wenig unterscheidet von der der Linken, zum Teil eigene Marken als schicke Outdoor-Klamotten.

Also die Zeiten, wo die alle mit so einer Adolf-Frisur und dem Versuch eines Bärtchens und Knickerbocker durch die Gegend gelaufen sind, die sind vorbei. Die gibt's auch noch, diese wirklich ewig Gestrigen. Da gibt's so einige, wenn die eine schwarze Uniform anziehen sagt man: ja, so wird es wohl gewesen sein.

Aber Vorsicht! Das Gros dieser Leute, der jungen Leute, driftet in eine andere Richtung. Was passiert da? Für uns ist das schwer zu durchdringen. Das fängt zum Beispiel damit an, dass sich Leute hier bei uns in Berlin-Lichtenberg, als Autonome Nationale bezeichnen. Das ist ein Widerspruch in sich. Denn die Autonomen stehen für alles, was die Nationalen eigentlich ablehnen – Herrschaftsstruktur, kleine Kommandostrukturen usw. Und das zeigt für mich, dass sich da im Grunde genommen eine Jugendrichtung rausbildet, die weniger in der Ideologie verhaftet ist, als vielmehr nur in allgemeinen Werten. Und da kriegen Sie das Phänomen, dass letztendlich es ziemlich egal ist, ob das ein Autonomer ist oder ob das ein Rechtsextremer ist. Die Beweggründe nach meiner Auffassung, da reinzugehen, sich dem anzuschließen, da mitzumischen, sind weitgehend in beachtlich großem Maß identisch. Da haben wir eine sehr große Schnittmenge. Und das Merkwürdige ist, dass die Historie zeigt, dass es so etwas schon gegeben hat. Auch der Goebbels ist von links gekommen, allein der Name Nationalsozialistische Partei heißt, dass die durchaus auch starke Flügel und Wurzeln im linken Bereich hatten.

Für mich ist dahinter eine ganz klare Formel zu sehen. Da sind junge Leute, die suchen Anschluss, Leitbilder, Anlehnung, Bestätigung, und die finden sie. Die einen bei den Autonomen, die anderen da. Die politischen Parteien bieten ihnen nichts mehr. Die quatschen in deren Augen, und die rechten Parteien bewirken nichts, jedenfalls werden sie in der Bundespolitik auf absehbare Zeit keine Rolle spielen. Und deswegen wenden sich auch junge Leute häufig von diesen Parteien ab und gehen in diese Kameradschaften. Kameradschaften ihrerseits sind kleine Verbände, kleine Gruppen, straff durchorganisiert, mit aber sonst keiner Infrastruktur. Die haben sich gebildet als Antwort auf Vereinsverbote. Ein Verein verliert beim Verbot sein Vermögen, seine Räumlichkeiten, die Gegenstände die sie haben, Druckpressen usw. Das haben die alles nicht, abgesehen vom Internet. Wir verbieten letztendlich einen Zusammenschluss von Leuten. Wie wollen Sie das machen? Deswegen zeigen sie sich von solchen Verboten weitgehend unbeeindruckt.

Was bringt die jungen Leute dahin, ausgerechnet in so einer Szene mitzulaufen?

Junge Leute bringt dahin, dass sie gemeinsam irgendwelche Übungen machen, dass sie gemeinsam was unternehmen. Sie sind auf der Straße im Grunde genommen wie die Antifa. Sie kleben hier was, sie schmieren da Hakenkreuze. Sie gehen auf Demos, die sie auch veranstalten, wo es dann auf einmal heißt: für Kitas in Lichtenberg und für Köpenick, für Lehrmittelfreiheit. Also irgendwelche allgemeine Themen, die da sind. Was wird ihnen geboten?

Zum Beispiel die Kameradschaft "Tor", die wir hatten,, diese Kameradschaft hatte geschlossen eine abgewandelte Form des Jujitso trainiert. Das geht in die Richtung Straßenkampf, hauptsächlich das Kombinieren von Fuß, Ellbogen, Knie. Die haben das zusammen trainiert. Aber auch irgendwelche Zeltlager, Heimatabende usw. passieren. Und ein durchaus harter Umgang miteinander, auch mit Frauen, wir wissen das zum Beispiel aus der "Berliner Alternative Südost", die sich in Köpenick stark gemacht hatte. Also ziemlich grottös das ganze. Vorweg ein paar Typen, die wissen, wie man auf die Besuchertribüne ins Parlament kommen kann, wie man Fahrpläne zusammenstellt, damit ist so jemand für viele, die da rumlungern, einfach ein Gott, weil er denen sagen kann, wo es lang geht. Die hängen da rum, betreuungslos, perspektivlos, und dann kommt da einer, und bietet denen was an: wir gehen Schwimmen, Lagerfeuer, Lesungen, Grillabende und irgend so was. Und zu Demonstrationen wächst dann der Abenteuergeist, ähnlich wie auf der linken Seite. Taktiken, Aussehen, Parolen und Sprüche, plötzlich stimmt da sehr viel überein.

Die Rechten bilden schwarze Blöcke bei Demonstrationen, sie organisieren sich für Durchbruchsversuche, sie kundschaften vorher aus, sie haben die gleichen Taktiken, dass man anfängt runterzuzählen. um gleich loszurennen: 5, 4, 3, 2... Sie machen solche Mätzchen. Und wenn ihnen irgendetwas nicht passt, dann lösen sie die Versammlung auf, das könnte dann eben heißen, ab jetzt strömt auseinander als Teil eines taktisches Spiels, das es auch bei linken 1. Mai-Demonstrationen schon gab. Rechte Sprüche sind "Hoch die nationale Solidarität", früher war es links "Hoch die internationale Solidarität" und "Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!" – haben die Linken auch, die haben es allerdings erfunden, "USA internationale Folterhauptzentrale" wird auch skandiert, und die außenpolitischen Standpunkte sind nahezu identisch. Also wenn wir zum Beispiel mal den Libanon-Konflikt nehmen, original identische Standpunkte. Könnten beide genau dasselbe machen. Das Feindbild stimmt überein und das ist für mich ein starkes Indiz, dass es vielen Jugendlichen weniger um zentrale politische Grundsatzauseinandersetzungen geht, bin ich ein völkischer Mensch oder ein weltoffener, sondern es geht letztendlich – meine ich – nur um die ureigensten Dinge, um Anerkennung in der Gemeinschaft.

Sind demnach beide Gruppen einander näher, als sie glauben?

Ich sage mal so: Ob einer zum rechtsextremistischen Lager kommt oder zum linksextremistischen Lager kommt, wird in ein paar Jahren vielleicht wesentlich allein davon geprägt sein, wo der aufgewachsen ist. Kommt der aus Friedrichshain, ist er mit seinen Kumpels bei Links, kommt er aus Lichtenberg, um den Bahnhof unten herum, ist er mit seinen Kumpels bei Rechts.

Wenn man sich mal anguckt, wie da einige von denen zum Teil leben, alles ist gegenseitig konspirativ. Wenn man morgens aufsteht, putzt man sich nicht bei Licht die Zähne, sondern im Dunkeln und verlässt auf unregelmäßigen Wegen das Haus, um dann schnell im Gewühl unterzutauchen. Man macht organisiert gegenseitig Jagd aufeinander. Man hat so gewisse Gebiete, man nutzt Demonstrationen, um in die Homelands der anderen vorzudringen. Also die Rechten wollen ständig nach Friedrichshain mit ihren Demos rein, und die Linken wollen ständig nach Lichtenberg mit ihren Demos rein, nur um jeweils dem anderen zu zeigen: Eh Baby, ich sitz vor deiner Tür!

Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter, aber das ist mehr Cowboy-und-Indianer-Spielen, mehr Pünktchen und Anton, als eine Grundsatzauseinandersetzung im politischen Bereich, denn da kommt nichts. Da wird nicht mit Intellektuellen nächtelang diskutiert in irgendwelchen Zellen, wie es das zum Teil früher immer in der linken Szene gab, und anschließend ein ellenlanges Positionspapier rausgebracht oder so. Nein, ist es gar nicht. Es ist ein punktueller Aktionismus auf Sichtweite.

Fortsetzung nächste Seite


Dossier Rechtsextremismus

Initiativenblog

Welche Konzepte gegen die extreme Rechte sowie gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Abwertungen gibt es? Hier stellen sich Initiativen mit ihren eigenen Ideen und Berichten aus der praktischen Arbeit vor: Ein Initiativenblog, der stetig wächst und die Vielfalt an konzeptionellen Ansätzen abbildet.

Mehr lesen

Mediathek

Die Arier

In einer sehr persönlichen Reise begibt sich die Afrodeutsche Mo Asumang auf die Suche nach den Ursprüngen des Arierbegriffs und dessen Missbrauch durch Rassisten in Deutschland und den USA.

Jetzt ansehen

Mediathek

Kombat Sechzehn

Der 16-jährige Georg zieht von Frankfurt am Main nach Frankfurt an der Oder um, weil sein Vater dort einen neue Arbeit gefunden hat. Nur schwer findet er sich in der neuen Situation zurecht. In seiner Isolation und Orientierungslosigkeit gerät Georg zunehmend in den Sog einer rechtsextremen Clique...

Jetzt ansehen

Rassismus, Antisemitismus, Homophobie… Aspekte der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit begegnen uns in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die "Begegnen-Reihe" soll in unterschiedlichen Formaten auf Aussagen und Handlungen vorbereiten, in denen Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Mehr lesen

Sie benötigen ein Bild zur Illustration Ihres Presseartikels, wollen sich einen Überblick über das bpb-Angebot zum Thema verschaffen oder Pressemitteilungen nachlesen? Hier finden Sie Informationen zum breiten Engagement der bpb gegen Rechtsextremismus.

Mehr lesen

Hier finden Sie Publikationen der bpb zum Thema Rechtsextremismus.

Mehr lesen

Fortbildungskonzept

Qualifiziert handeln!

Bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und abwertenden Haltungen gewinnt ein Thema mehr und mehr an Bedeutung: Qualifiziertes Handeln. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat daher in Kooperation mit drei ausgewählten Partnern ein umfassendes Fortbildungskonzept entwickelt: Das DGB-Bildungswerk Bund, der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben und die Evangelischen Akademien in Deutschland führen Fortbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit jeweils besonderen Schwerpunkten durch.

Mehr lesen

Das von den Bundesministerien des Innern und der Justiz gegründete bundesweite Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) in der Bundeszentrale für politische Bildung will das zivilgesellschaftliche Engagement für Demokratie und Toleranz in unserem Land sichtbar machen und möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zum Einsatz für unsere Demokratie ermutigen. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 haben sich eine Vielzahl von Organisationen dem Bündnis angeschlossen - von großen Verbänden bis hin zu kleinen Aktionsgruppen.

Mehr lesen auf buendnis-toleranz.de

Mit dem Programm "Zusammenhalt durch Teilhabe" fördert das Bundesministerium des Innern (BMI) Projekte für demokratische Teilhabe und gegen Extremismus in Ostdeutschland. Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sollen dort gefördert werden, wo sie entstehen: an der Basis. Das BMI hat die bpb mit der Umsetzung des Bundesprogramms betraut.

Mehr lesen auf zusammenhalt-durch-teilhabe.de