Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Joachim Wolf

Fußball und Rechtsextremismus in Europa

Eine Übersicht

Seit einigen Jahren haben in der Südkurve des Olympia-Stadions – traditionell der Platz für den Fanblock des AS Rom – rechte Gruppen wie die "Boys" und "ASR Ultras" deutlich das Kommando übernommen- nur noch wenige "Roma"-Fans sind noch links orientiert. Der Slogan der "Boys" lautet dabei "Tradition und Elite" und ist damit identisch mit dem der rechtsextremen Forza Nuova. Diese 1997 gegründete Organisation hat dabei offensichtlich auch gute Kontakte zu deutschen NPD: So hielt im Jahr 2006 der NPD- Bundesvorsitzende Udo Voigt eine Rede beim "Sommerlager" der "Forza Nuova". Während der Verbotsdebatte im Jahr 2000 bekam die NPD nach Angaben der damaligen Bundesregierung breite Unterstützung von dieser rechtsextremen Gruppierung. Wohl auch deshalb wird die Forza Nuova auch heute noch auf der Website der NPD unter der Rubrik "befreundete ausländische Parteien" geführt.

Die zunehmende Präsenz von rechtsradikalen Fans bei beiden römischen Vereinen hat, so wird der Sprecher der Jüdischen Gemeinde und Roma-Fan Riccardo Pacifici zitiert, dazu geführt, "dass jüdische Fans in Rom lieber nicht mehr ins Stadion gehen". Und weiter: "Wir haben keine Angst vor Rechtsextremen, außerhalb des Stadions werden wir gut mit denen fertig. Aber innerhalb der Arena kann die Lage schnell unkontrollierbar werden" . Der Präsident des AS Rom, Franco Sensi, distanzierte sich bereits deutlich von den rechtsradikalen Fans. Und auch der römische Stürmer-Star Francesco Totti, der in Rom geboren wurde und schon seit langer Zeit bei der "Roma" spielt, drohte damit, seinen Verein und seine Stadt zu verlassen.

Diese Beispiele zeigen, dass sich etwas zu bewegen beginnt im italienischen Fußball. Und es gibt weitere positive Beispiele – auch aus Sizilien: Nach dem der dunkelhäutige Spieler André Zolo Kpolo 2006 bei einem Spiel zwischen dem FC Messina und Inter Mailand von den Inter-Fans bei jedem Ballkontakt mit Affenlauten und rassistischen Sprüchen beleidigt worden war, wurde der Abwehspieler von der Elfenbeinküste beim Spiel gegen den FBC Treviso mit der Kapitänsbinde ausgestattet. Dies sei, so der Präsident von Messina, Pietro Franza, ein "Symbol für den Kampf gegen Rassismus im gesamten italienischen Fußball". Ein weiteres positives Beispiel sind die "Mondiali Antirazzisti" in Norditalien, eine kleine "antirassistische Weltmeisterschaft", bei der sich jährlich bis zu 6.000 Fans zusammenfinden. Und: Vor dem Endspiel der Weltmeisterschaft in Deutschland verlasen die Kapitäne der italienischen und der französischen Nationalmannschaften Botschaften gegen Rassismus. "Man darf sich nicht auf Appelle und Worte beschränken, sondern muss mit dem eigenen Verhalten ein eindeutiges Zeugnis ablegen. Dies gilt insbesondere für uns Fußballspieler", schrieb der Italiener Fabio Cannavaro. Und der französische Fußballstar Zinédine Zidane erklärte: "Der Rassismus hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen – und schon gar nicht im Fußball" .

Frankreich: Rassistische Hetzjagd in Paris

Wie dringend dieser Appelle dabei sind, wie groß das Problem des Rassismus auch im französischen Fußball ist, zeigt ein Vorfall, der sich Ende November 2006 in Paris ereignete: Nach einem Uefa-Cup-Spiel zwischen Paris St. Germain (PSG) und Hapoel Tel Aviv machten ca. 150 PSG-Fans Jagd auf Anhänger des israelischen Vereins und hetzten dabei auch einen schwarzen Polizisten in Zivil, der einen verfolgten jüdischen Fan beschützen wollte. Gestützt auf Aussagen des Polizisten, berichtete der französische Innenminister Nicolas Sarkozy, der Beamte, der sich mehrmals als Angehöriger der Polizei zu erkennen gegeben hätte, habe von einem Angreifer einen Schlag gegen die Schläfe erhalten, von einem anderen einen Tritt in den Unterleib und sei kurz darauf zu Boden gestürzt.

Der so bedrängte Polizist habe sich daraufhin mit zwei Schüssen gewehrt, die einen jugendlichen PSG-Fan töteten und einen anderen schwer verwundeten. Ein Journalist, der Zeuge des Vorfalls wurde, spricht später von "Minuten extremer Gewalt". Dabei, so berichtet der Pariser Staatsanwalt Jean-Claude Marin, sei der jüdische Fan als "Drecksjude" und der Zivilpolizist als "dreckiger Neger" beschimpft worden. Außerdem hätten einige der Angreifer den Hitlergruß gezeigt und Parolen wie "Frankreich den Franzosen" oder "Le Pen Präsident" gerufen, so Marin weiter. Jean-Marie Le Pen, Chef des Front National, erstattete daraufhin Strafanzeige gegen den Staatsanwalt.

Der erschossene Jugendliche soll den so genannten "Boulogne Boys" angehört haben- einer wegen ihrer rechten Gesinnung bekannten Gruppierung. So tauchen im PSG- Fanblock immer wieder rechtsextreme Symbole bis hin zum Hakenkreuz auf. Außerdem werden farbige Spieler mit Affengeräuschen verhöhnt. Den "Boulogne Boys" werden dabei auch Kontakte zum Front National nachgesagt. So sollen am Pariser Tatort auch Aufkleber der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei gefunden worden sein.

Die Fans des PSG sind aber auch wegen ihrer Gewalttätigkeit berüchtigt: Immer wieder kommt es rund um das Prinzenpark-Stadion im Pariser Westen zu schweren Ausschreitungen- vor allem bei Spielen gegen den Erzrivalen Olympique Marseille. So wurde beispielsweise 2002 bei einer Schlägerei zwischen den Anhängern beider Vereine ein Fan aus der südfranzösischen Stadt lebensgefährlich verletzt. Aber auch bei einem Spiel gegen den israelischen Verein Maccabi Haifa kam es bereits im Jahr 1998 zu blutigen Auseinandersetzungen. Und: Im November verurteilte ein Gericht zwei PSG- Fans zu Gefängnisstrafen, weil sei einen dunkelhäutigen Franzosen angegriffen hatten.

Wegen dieser gefährlichen Mischung aus brutaler Gewalt und rechter Gesinnung beklagt der Vorsitzende des schwarzen Bürgerechtvereins CRAN, Patrick Lozes, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, dass sich viele Schwarze aus Angst vor den Hooligans nicht mehr trauten, zu den Spielen zu gehen. Lozes weiter: "Seit Jahren akzeptieren die verantwortlichen Autoritäten in Frankreich diese inakzeptablen Zustände" .

Der Leiter des Sicherheitsdienstes des PSG berichtete allerdings, dass seine Mitarbeiter bereits während des Spiels gegen Hapoel Tel Aviv rechtsradikale Äußerungen wie das Zeigen des Hitler-Grußes mit Videokameras aufgezeichnet hätten. Dutzende Fans seien daraufhin festgenommen und verhört worden. Dass sich die Gewalt dann außerhalb des Stadions entladen habe, sei möglicherweise auch eine Folge dieses Vorgehens gegen Rechtsradikale im Stadion gewesen, gab er zu. Alain Cayzac, Präsident von PSG, sagte in einer Stellungnahme zu den Vorfällen in Paris: "Ich schäme mich". Kurz darauf zog der Verein dann auch erste Konsequenzen: So wurden zwei Stehtribünen im Stadion, in denen sich bisher der harte Kern des rechten Fanpublikums konzentrierte, mittlerweile geschlossen.

Besondere Brisanz erhält der tragische Vorfall in Paris aber auch durch eine Aussage, die ein sozialistischer Regionalpolitiker nur wenige Tage zuvor über die französische Nationalmannschaft gemacht hatte. So hatte eine Lokalzeitung den Präsidenten der südfranzösischen Region Languedoc-Roussillon, Georges Freche, mit den Worten zitiert: "In dieser Mannschaft sind von elf Spielern neun schwarz. Normal wären drei oder vier. Das würde unsere Gesellschaft widerspiegeln." Weiße Kicker seien "Nieten", habe Freche weiter gesagt, deshalb gebe es so viele schwarze. Er empfinde das als "Schande für dieses Land". Der französische Sozialistenchef Francois Hollande verurteilte daraufhin die Aussagen seines Parteigenossen "aufs Schärfste" und verlangte eine sofortige Erklärung. Freche selbst lehnte allerdings eine Entschuldigung ab, denn seine Worte seien völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden.

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Autor: Joachim Wolf für bpb.de
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