Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Joachim Wolf

Fußball und Rechtsextremismus in Europa

Eine Übersicht

Spanien: Rassistische Rufe von den Rängen

Wie in Italien und in Frankreich werden auch in Spanien während Fußballspielen immer wieder dunkelhäutige Spieler von Fans rassistisch beleidigt. So mussten sich im November 2004 während eines Länderspiels zwischen der spanischen und der englischen Nationalmannschaft in Madrid die farbigen Spieler der Gäste eine Vielzahl von Schmährufen anhören. Der Weltverband FIFA leitete daraufhin eine Untersuchung ein. Ende November 2004 kam es allerdings erneut zu rassistischen Zwischenfällen im Madrider Stadion: Bei einem Spiel zwischen Real Madrid und Bayer 04 Leverkusen wurden die beiden brasilianischen Spieler Juan und Roque Junior aus den Reihen der Real- Fans mit Affengeräuschen verhöhnt- beide Spieler sind dunkelhäutig. Diese Beleidigungen sollen dabei aus den Reihen der als rechtslastig geltenden "Ultras Sur" gekommen sein. Die Europäische Fußball- Union (UEFA) ermittelt in Zusammenhang mit diesem Spiel auch wegen des Zeigens von "Nazi- Grüßen".

Über die genaue Größe der "Ultras Sur" kann dabei nur spekuliert werden. Man geht aber von einem harten Kern von ca. 700 Fans aus, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert und der Vereinsführung unter anderem durch rassistische Schmährufe, durch die Verwendung rechtsextremer Symbole wie dem stilisierten Keltenkreuz und durch Gewalttaten immer wieder Probleme bereitet haben. Dabei genossen die "Ultras Sur" ebenso wie die italienischen "Irriducibili" sogar lange Zeit besondere Privilegien: Sie durften auf dem Stadiongelände ihre Fanartikel verkaufen und genossen in der Südkurve, der "Fondo Sur", uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Doch die Situation hat sich mittlerweile geändert, denn heute drohen auffälligen Randalierern nicht nur Geldstrafen, sondern auch Stadionverbote und die Löschung der Mitgliedschaft. Außerdem wurde der Aufenthaltsort der Ultras im Stadion mehrfach verlegt.

Polen: Rechtsextreme Hooligans

Vor der Fußball-WM 2006 wurde in Deutschland viel über die Gefahr durch polnische Hooligans diskutiert. Denn: Laut Aussage beispielsweise der deutschen Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist bei den polnischen Fußballfans das Gewaltpotential extrem hoch. Außerdem sei hier rechtsextremes Gedankengut weit verbreitet. Wie viele gewaltbereite Fußballfans es in Polen gibt, ist allerdings umstritten: Der Warschauer Polizeipräsident spricht von "einigen hundert", andere Schätzungen gehen von bis zu 20.000 gewaltbereiten Hooligans aus.

Vor allem nach einem Vorfall, der sich wenige Monate vor Beginn der WM ereignete, wurde in Deutschland und Polen über die Gefahr, die von polnischen Hooligans ausgeht, heftig diskutiert: Nach einem Spiel der beiden Krakauer Lokalrivalen Cracovia und Wisla Krakow wurde im März 2006 ein 21jähriger Wisla-Anhänger bei einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Fans getötet. Eine Gruppe von Cracovia-Fans hatte eine Gruppe Jugendlicher mit Knüppeln und Messern angegriffen. Die Krakauer Polizei richtete als erste Konsequenz aus dem Vorfall eine Sonderkommission ein, die sich ausschließlich mit Fan-Gewalt befasst. Im Parlament war bereits zuvor ein Gesetzesentwurf der Regierung eingebracht worden, der die Einrichtung von Schnellgerichten unter anderem bei Hooligan-Kriminalität vorsieht.

Dabei zeigt das Beispiel Krakau aber auch, wie weit rechtsextremes und antisemitisches Gedankengut unter polnischen Fans verbreitet sind– auch wenn sich die Lage in den vergangenen Jahren verbessert haben soll. Schon lange kämpfen in der südpolnischen Stadt die Wisla-"Hunde" gegen die "Juden" von Cracovia. Eine Krakauer Fangruppe nennt sich "Juden-Gang" und ist stolz darauf, als besonders brutal und böse zu gelten. Außerdem berichtet der antifaschistische Verein "Nigdy Wiecej!" (Nie wieder!) über antisemitische Hooligan-Schreie wie "Juden ins Gas!" und Transparente wie "Arbeit macht frei". Auch rechtsextreme Schmierereien sollen immer wieder an den Stadien auftauchen. Seit 1989 dokumentiert "Nigdy Wiecej!" rechtsextreme Übergriffe von Neonazis auf Juden, Ausländer, Homosexuelle, Linke und Obdachlose in ganz Polen. Etwa Hundert sollen es jährlich sein.

Ein weiteres pikantes Beispiel für die Verbindung zwischen Fußball, Gewalt und rechtem Gedankengut ist der Fall des polnischen Seewirtschafministers Rafal Wiechecki:1998 war das Mitglied der rechtsklerikalen "Liga der polnischen Familien" noch auf dem Titelbild der Wochenzeitschrift "Polityka" zusammen mit zwei weiteren Anhängern des Erstligisten Widzew Lodz mit hassverzerrter Mine und ausgestreckter Faust zu sehen. "Polityka" titelte damals: "Die Liga der Hooligans" . Dabei scheinen auch andere Mitglieder der "Liga der polnischen Familien" eine solche mehr als zweifelhafte Vergangenheit zu haben: So war der Vorsitzende der Partei, Roman Giertych, beispielsweise der Gründer der rechtsextremen "Allpolnischen Jugend". Mitte 2006 wurde er Vizepremier und Erziehungsminister der polnischen Regierung und sprach sich für einen Patriotismusunterricht in den Schulen aus. Von seiner rechtsextremen Vergangenheit will er nichts mehr wissen.

Die "Allpolnische Jugend" allerdings existiert noch. Sie trägt heute die Züge einer Neonazi-Kameradschaft und verstärkt ihre Reihen zunehmend mit rechten Schlägern der gewalttätigen Hooliganszene. In Warschau sollen beispielsweise Mitglieder der "Allpolnischen Jugend" gemeinsam mit Hooligans auf "Schwulenhatz" gehen. Das Hooligan-Problem existiert in Polen seit Mitte der 1990er Jahre. Immer wieder kam es zu Ausschreitungen mit vielen Verletzten, bei Auseinandersetzungen zwischen den beiden Krakauer Vereinen gab es bisher sogar fünf Tote. Zum Gewaltproblem und der Verbreitung von rechtsextremen Gedankengut kommt aber noch ein weiteres Problem hinzu: Laut dem Sprecher der Polizei in Südpolen sollen sich auch immer mehr Kriminelle unter die Fans in den Fußballstadien mischen. So werden beispielsweise die "Teddy Bears", eine Fangruppe des polnischen Meister Legia Warschau, dem organisierten Verbrechen zugeordnet .

Lange haben Politik und Sicherheitskräfte das Hooliganproblem in Polen ignoriert. Auch deshalb blieben – ähnlich wie in Italien und Frankreich –- viele Fans den Fußballstadien fern. Jetzt aber reagiert der Staat mit Härte. Besucher von Spielen werden gefilmt, Namen und Ausweise kontrolliert. Der Justizminister will Hooligans vor Schnellgerichte stellen und Stadionverbote aussprechen. Dieser Wandel steht dabei auch im Zusammenhang mit der Fußball-WM in Deutschland. So arbeiteten deutsche und polnische Behörden vor und während der Weltmeisterschaft eng zusammen, um das Hooliganproblem in den Griff zu bekommen. Neben diesen staatlichen Aktivitäten gibt es in Polen aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Gewalt und Rassismus in den Stadien. So lud der polnische Fußballverband auch Vertreter des europäischen Netzwerks "Football Against Racism in Europe" (FARE) zu einer Fußballkonferenz in die polnische Stadt Kielce, um sich über die Aktivitäten von FARE zu informieren.

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