Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Joachim Wolf

Fußball und Rechtsextremismus in Europa

Eine Übersicht

Großbritannien: Erfolgreicher Kampf gegen Rassismus

Im Gegensatz zu Italien, Spanien, Frankreich und Polen und wohl auch im Gegensatz zu Deutschland scheint man in Großbritannien das Problem Rassismus weitestgehend im Griff zu haben. So gibt es im Mutterland des Fußballs nur noch selten offene Formen von Rassismus und Antisemitismus auf den Rängen der Stadien. Dort hat sich eine "Kultur der Null-Toleranz etabliert, die dem konsequent und aggressiv entgegentritt", so Lucy Falkner von der "Football Association" (FA) auf einer Konferenz am 5. Mai 2006 in Berlin, die von der britischen Botschaft unter dem Motto "Fußball für alle – Fußball, ethnische Minderheiten und die Weltmeisterschaft" organisiert worden war und bei der sich Experten aus England und Deutschland über ihre Erfahrungen aus der antirassistischen Arbeit im Fußball austauschen konnten. Die Veranstalter schrieben dabei dem Fußball eine besondere Kraft zu, "gesellschaftliche Barrieren zu beseitigen und Menschen aller sozialen Schichten zu inspirieren". Gleichzeitig wiesen sie aber auch darauf hin, dass "auch Homophobie, sexuelle Belästigung und Antisemitismus (in den Stadien) nicht totgeschwiegen werden dürfen".

Die Strafen für diskriminierende Äußerungen oder Verhaltensweisen sind dabei in Großbritannien durchaus drastisch: Bis zu 3 Jahre Haft kann ein Fan dafür bekommen. In der Regel werden aber hohe Geldstrafen und ein langes Stadionverbot verhängt. Tätern wird dabei meist in einem Schnellverfahren der Prozess gemacht. Dass diese Strafen dabei auch angewendet werden, zeigt ein Beispiel von September 2004: Nachdem ein Zuschauer bei einem Spiel der Blackburn Rovers gegen Birmingham City einen farbigen Spieler mit rassistischen Schmährufen beleidigt hatte, wurde der Rovers-Fan zu einer Geldstrafe von 1300 Euro und fünf Jahren Stadionverbot verurteilt. Der Fall erreichte in Großbritannien dabei sogar die höchste politische Ebene: So sprach der britische Sport- Minister Richard Caborn von einem inakzeptablen Verhalten gegenüber dem Spieler aus Trinidad. Rassismus dürfe in keiner Weise akzeptiert werden, so Caborn weiter.

Der Rückgang von rassistischen und diskriminierenden Verhaltensweisen in den englischen Stadien ist dabei allerdings keineswegs nur auf harten Strafen und das Eingreifen der Politik zurückzuführen. Vielmehr sind in den britischen Stadien seit 13 Jahren antirassistische Initiativen wie "Kick it out" aktiv. Außerdem haben sich die dunkelhäutigen Spieler selbst massiv gegen rassistische Diskriminierungen zur Wehr gesetzt.

Die antirassistischen Fan-Initiativen werden dabei kontinuierlich finanziell und organisatorisch von der britischen "Football Association" unterstützt. Aber auch die Vereine und die Spielergewerkschaft unterstützen die antirassistische Arbeit. So kündigt beispielsweise der FC Arsenal an: "Wir tolerieren keine Beschimpfungen und rassistischen Rufe in unserem Stadion. Egal ob Arsenal-Anhänger oder Gäste-Fans, wir schreiten ein – notfalls auch mit Klagen vor Gericht - um dieses inakzeptable Verhalten auszurotten." Und auch die britische Wirtschaft finanziert mittlerweile die Arbeit der Fans gegen Rassismus. Diese massive gesellschaftliche Akzeptanz und Unterstützung ist dabei sehr wichtig für die Fans, ermöglicht sie doch ihren Initiativen eine kontinuierliche Arbeit gegen Rassismus.

Die Kampagnen der antirassistischen Initiativen sind dabei möglichst breit angelegt, um möglichst viele Fans und Stadienbesucher zu erreichen. So werden die Zuschauer in den Stadionheften und auf den Anzeigetafeln aufgefordert, diskriminierende Rufe zu melden. Dafür gibt es sogar extra eine kostenlose Telefon-Hotline. Außerdem hielten Fans des FC Arsenal bei einem Ligaspiel Karten mit der Aufschrift "Arsenal für jeden" hoch, die in den Farben des Vereins gestaltet waren.

Am selben Tag führten die Fans des Vereins Sheffield United im Stadion eine Choreographie mit der Botschaft "Fußball verbindet" durch. Organisiert hat diese Aktion die in Sheffield beheimatete Organisation "Football unites, racism divides" (Furd). "Furd" arbeitet schon seit vielen Jahren eng mit dem Verein "Sheffield United" zusammen. Sie führen beispielsweise regelmäßig gemeinsam einen so genannten "Community Day" durch, an dem neben Information, Straßenfußball und Musik vor allem der Austausch unter den verschiedenen kulturellen Gruppen der Stadt im Vordergrund steht. Unterstützung erfährt die antirassistische Initiative auch von den lokalen Behörden.

Neben publikums- und medienwirksamen Aktionen führte "Furd" aber auch einen Kongress zum Thema Rassismus und Rechtsextremismus im europäischen Fußball durch. Über 70 Personen aus 14 Ländern waren dazu in die britische Stadt eingeladen. Auf dieser Konferenz war auch eine dritte britische Initiative vertreten: Die Kampagne "Show racism the red card", zu der es auch ein deutsches Pendant gibt. Alle drei Initiativen sind im antirassistischen europaweiten Netzwerk "Football Against Racism in Europe" (FARE) organisiert.

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Autor: Joachim Wolf für bpb.de
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