Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Andreas Böni und Ulrika Sickenberger

"Affe, Bimbo, Nigger" - Interview mit Adebowale Ogungbure

Wie verarbeitet es ein Spieler, wenn er regelmäßig Opfer rassistischer Beleidigungen in einem Fußballstadion wird? Im Novemer 2006 berichtete der Leipziger Spieler Adebowale Ogungbure der Zeitung "Sport-BILD" seine bedrückenden Erfahrungen.

Adebowale Ogungbure im Zweikampf.Adebowale Ogungbure im Zweikampf. (© AP)
Wie verarbeitet es ein Spieler, wenn er regelmäßig Opfer rassistischer Beleidigungen in einem Fußballstadion wird? Im Novemer 2006 berichtete der Leipziger Spieler Adebowale Ogungbure (25) der Zeitung "Sport-BILD" seine bedrückenden Erfahrungen. Die Autoren Andreas Böni und Ulrika Sickenberger leiteten das Gespräch mit dem Satz ein: "Wer das liest, versteht Deutschland nicht mehr".

Herr Ogungbure, wenn Sie mit Sachsen Leipzig in der Oberliga spielen, werden Sie immer wieder beschimpft, weil Sie eine andere Hautfarbe haben. Warum machen Menschen so was?

Adebowale Ogungbure: Ganz einfach: Weil diese Leute Idioten sind. Die sind dumm, haben keine Erziehung und in der Schule nichts gelernt. Wenn sie gebildet wären, würden sie das nicht tun.

Nach Beleidigungen im Spiel gegen den Halleschen FC waren Sie in der Seele so verletzt, dass Sie den Hitler-Gruß gezeigt haben.

Ich habe damals fast geweint. Über 90 Minuten wurde ich aufs Übelste beleidigt. Als ich das Feld Richtung Kabine verließ, riefen die Idioten von der Haupttribüne: "Scheiß-Nigger!", "Bimbo!", "Affe, verpiss dich!" Mit gesenktem Kopf bin ich weiter und weiter gelaufen. Aber auf einmal standen sieben, acht Halle-Fans vor mir. Die spuckten mich an und ließen mich nicht vorbei. Einer versuchte mich zu schlagen. Da habe ich ihnen den Hitler-Gruß gezeigt. Ein paar Zuschauer stürmten dann das Feld, würgten und bespuckten mich. Aber ich musste mich doch wehren...

Sie bekamen wegen des Hitler-Grußes mit der Polizei großen Ärger, es kam zur Anzeige, weil das in Deutschland eine verbotene Geste ist.

Ja. Das kam sogar auf BBC in Nigeria. Mein Vater hat es da gesehen, es war für ihn ein Riesenschock. Jetzt ist er gesundheitlich angeschlagen und braucht immer Medikamente. Trotzdem sagt er: "Ade, du bleibst in Deutschland. Ich will dich wieder in der Bundesliga sehen. Beiß dich durch!" Zum Glück hat Sachsen Leipzig voll hinter mir gestanden. Christoph Zenker, einer unserer Fans, hatte die Idee zur Aktion "Wir sind Ade!". Meine Mitspieler bemalten ihr Gesicht mit schwarzer Farbe und ich meines mit weißer.

Doch vor gut fünf Wochen gegen Halle wurden Sie wieder beleidigt.

Ja. Schlimmer als je zuvor. Denn die Fans riefen meinen Namen. Immer "Adebowale, Scheiß-Nigger!" oder "Adebowale, Bimbo!". Das hat noch viel, viel mehr wehgetan. Zum Glück ist Leipzig ein Fifa-Stadion mit Kameras. Ich hoffe, dass jetzt die Täter gefasst werden. Und der Schiedsrichter hat es aufgeschrieben. Dafür wurde Halle ja bestraft.

Sie sind bald acht Jahre hier. Wann wurden Sie zum ersten Mal mit Rassismus konrontiert?

Es begann vor rund einem Jahr. Wir gewannen 2:0 gegen Pößneck. Da kamen erstmals die U-U-U-U-Rufe, und ein paar Idioten nannten mich immer wieder Bimbo oder Affe. Komisch war: Nach diesem Spiel kam das nachher fast jede Woche vor.

Jede Woche?

Ja. Die ersten zwei, drei Spiele versuchte ich, es zu verdrängen. Einige Leute sagten mir: "Ade, du bist Profi, du musst das ignorieren." Nein, ich bin auch ein Mensch. Wenn du das einmal, zweimal, dreimal, viermal hörst, geht es irgendwann nicht mehr. Du kannst an nichts anderes mehr denken, es geht nicht mehr aus deinem Kopf. Du kannst irgendwann einfach nicht mehr.

Hatten Sie irgendwann Angst, zu den Spielen zu fahren?

Angst kenne ich nicht. Aber ich mache mir Sorgen wegen dieser Idioten. Immer im Kopf dieses U-U-U-U, die Nigger- oder Bimbo-Rufe. Die sollen mich einfach in Ruhe lassen. Aber: Dieses rassistische Denken kommt auch von Spielern.

Inwiefern?

Gegen Meuselwitz zum Beispiel hat ein Spieler mich mit dem N-Wort beschimpft. Da habe ich ihn getreten. Wissen Sie, im Fußball kann mich einer A...loch nennen oder sagen: Verpiss dich! Das ist okay. Aber zwei Dinge kann ich nicht akzeptieren: Wenn jemand meine Mutter beleidigt oder mich wegen meiner Hautfarbe. Aber es ist ein Gesellschaftsproblem in Deutschland.

Ist der Rassismus im Osten verbreiteter als im Rest der Republik?

Als ich in Cottbus spielte, hätte ich das verneint, obwohl ein Freund von mir, auch ein Farbiger, dort fremdenfeindlich beschimpft wurde. Aber meine Sichtweise hat sich verändert, seit ich in Leipzig wohne.

Sie wurden privat angefeindet?

Ja. Das schlimmste Erlebnis war an einer Ampel. Ich stand da, weil rot war. Eine ältere Frau und ihr Mann schauten zu mir ins Auto. Sie sagte zu ihrem Mann: "Schau, was der Nigger für ein Auto fährt!" Ich hatte die Fenster geschlossen, konnte es aber von ihren Lippen lesen. So etwas tut weh. Und das ist anders als in Nürnberg oder München. Da sind die Leute viel toleranter. Das Schwierige ist aber...

Ja, bitte ...?

...du kannst die Gedanken des Nazitums in Deutschland nicht einfach wegschmeißen. Man kann das nicht von heute auf morgen ändern. Ich glaube, die Täter haben keine Arbeit. Denen ist langweilig: Wenn du um acht Uhr aufstehst, schon Bier trinkst, wirst du frustriert. Aber man müsste die Nazis viel konsequenter einsperren und da wie kleine Kinder unterrichten.

Anti-Rassismus-Kurse also.

Ja, den ganzen Idioten erklären, wie es auf der Welt funktioniert – die haben keinen Horizont. Viele von denen wohnen hier und sind noch nicht mal nach Berlin gekommen. Ein Beispiel: Wenn im Fernsehen etwas über Afrika kommt, zeigen die immer nur Löwen, Elefanten oder Antilopen. Das ist Klischee. Man muss mehr über die Völker erfahren. Völkerkunde sollten diese Idioten im Knast kriegen. Und das jeden Tag, inklusive Sonntag, ohne Pause. Bis sie es kapieren.

Sie planen jetzt eine Aktion gegen den Rassismus. Wie soll die aussehen?

Ich möchte Rassismus-Opfer wie Gerald Asamoah, Patrick Owomoyela, Moses Sichone, Marvin Compper, Daniel Gunkel oder Francis Kioyo für ein Benefizspiel gewinnen und dann gegen eine deutsche Auswahl spielen. Wir suchen Sponsoren, vielleicht macht ja Adidas mit. Mit den Einnahmen möchte ich in Nigeria ein Haus für Jugendliche bauen.

Warum gerade da?

Ich sehe da Kinder, die mit Drogen oder Waffen auf der Straße sind. Ich versuche, mit ihnen zu reden, ihnen Perspektiven zu zeigen. Ich bringe dann immer Fußballschuhe und Trikots aus Deutschland mit. Das sind zwar Kleinigkeiten, aber das hilft ein bisschen.

Haben Sie realisiert, welche Wahlerfolge die NPD in Mecklenburg-Vorpommern feiern konnte?

Ja, das hat mich beunruhigt. Ich habe das gesehen, weil ich täglich N24 schaue. Ich interessiere mich für alles, was in Deutschland passiert. Weil ich schon seit fast acht Jahren hier lebe und Deutschland meine zweite Heimat geworden ist.

Das ist doch schizophren, nach allem, was passiert ist. Warum?

Das fragen mich alle Leute. Es hat zwei Gründe: Zum einen identifiziere ich mich total mit der Mentalität der Leute. Wissen Sie, die, die solche Sachen schreien, sind Idioten. Idioten gibt es überall, auch in Nigeria. Zum Zweiten: Mein Sohn Jethro Ayo lebt hier in Nürnberg bei seiner Mutter. Ich kann doch nicht einfach mein Kind im Stich lassen, nur weil ein paar Idioten mich beschimpfen.

Erstveröffentlichung: 13.11.2006 Sport-BILD. Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung der Redaktion.

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Autor: Andreas Böni und Ulrika Sickenberger für bpb.de
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