Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.2.2007 | Von:
Gabriel Landgraf

"Die Faszination, etwas Böses zu tun"

Gesprächsprotokoll Gabriel Landgraf

Fußball als Einstiegsdroge: So ging es Gabriel Landgraf. Der heute 30-Jährige beschreibt seinen Weg ins rechtsextreme Abseits, in dem er 15 Jahre seines Lebens verbracht hat.

Gabriel Landgraf im Gespräch mit Schülern bei einem Workshop der Amadeu Antonio Stiftung.Gabriel Landgraf im Gespräch mit Schülern bei einem Workshop der Amadeu Antonio Stiftung. (© Holger Kulick)
"Mit dem 13. Lebensjahr bin ich dort reingeraten durch den Fußball" beschreibt der heute 30-jährige Neonaziaussteiger Gabriel Landgraf seinen Einstieg in die Neonaziszene. Das war unmittelbar nach der Wende 1989/90. In Berlin gründete er später seine eigene Kameradschaft, die polizeilich verboten wurde. Erst Ende 2005 stiegt er aus der Szene aus. Schülerzeitungsredakteuren* schilderte er seine Erlebnisse und Einsichten und seine eigene "Sperre im Kopf".

Ich war seit dem 13. Lebensjahr in der rechten Szene, davon war ich sechs Jahre lang in der organisierten Neonaziszene, also in der militanten Szene. Mit dem 13. Lebensjahr bin ich dort reingeraten durch den Fußball, bei Hertha BSC im Stadion. Das war 1989/90 nach dem Mauerfall, da herrschte sowieso gerade im Osten, aber auch nach Westen hinein, ein großer Aufschwung der Neonazis, was von Politik und Polizei nicht richtig wahrgenommen wurde. Ich bin wie gesagt zum Fußball gegangen als kleiner 13-jähriger, und da herrschte eine große Szene von Hooligans, von teilweise Rockern, Fußballfans und halt auch...Neonazis. Und es haben auch Neonaziparteien gezielt in den Stadien probiert zu rekrutieren, probiert Stimmen zu bekommen für die Wahlen. Und mit 13 hatte das eben eine große Faszination, auch wenn man das als Außenstehender vielleicht nicht verstehen kann.


Also ich war auf der Suche vielleicht nach irgendwas, ich wollte provozieren, ich wollte auffallen, und habe eine Faszination verspürt für die Leute, die da im Stadion waren, einfach auch um ein bisschen Radau zu machen und ich bin dann über viele Jahre als Jugendlicher in diese Kreise hineingewachsen. Ich war natürlich am Anfang ein klassischer Mitläufer, also habe die Parolen einfach nachgebrüllt. Damals war die Stadionüberwachung noch nicht so ausgereift, sondern kam es vor, dass 300 Leute in dem Fanblock "Sieg heil" geschrieen haben, den rechten Arm erhoben haben. Ich hatte da einfach eine Faszination daran, irgendwas Böses zu tun oder einfach aufzufallen. Für mich war es ja in dem Moment eigentlich nicht böse, aber ich habe da nicht drüber nachgedacht, und bin über Jahre hinweg immer mitgelaufen, habe mitgebrüllt, und irgendwann lernte ich auch Kader kennen, ältere Leute, die mich zum Beispiel in Zehlendorf, das ist ein recht nobler Bezirk in Berlin, in ihre Villa eingeladen haben, meistens verbunden mit sehr viel Alkohol, und die über ihre Wehrmachtsgeschichten, über die SS-Geschichte erzählt haben und Jugendliche und auch mich zu dem Zeitpunkt sehr fasziniert haben.

Ich glaube heute, da wurde sich damals auch eingeschmeichelt, um an Spenden oder Erbschaften zu kommen. Also die ganze Geschichte drum herum war für mich damals sehr faszinierend, denn man sucht ja als Jugendlicher diese Geborgenheit, wie sie da über die Hitlerjugend vermittelt wurde: da wird die Jugend, beschäftigt, bekommt eine Aufgabe, ja man kümmert sich um sie. Und das war einfach so, ich habe mich da geborgen gefühlt. Und das ging dann immer so weiter.

"Wenn andere Hänsel und Gretel vorgelesen bekommen haben, habe ich Wehrmachtsgeschichten erzählt bekommen."

Irgendwann habe ich dann auch begonnen, da war ich so 16, 17, 18, dass ich weg wollte von diesem Nachbrüllen, also von diesem Mitläufertum, sondern mir selber diese Überzeugungen angeeignet habe, dass ich probiert habe, meinen Kopf selber ein bisschen zu benutzen und leider in die falsche Richtung. Und damit bin ich das erste Mal auch in der Schule aufgefallen. Ich habe im Geschichtsunterricht gesagt: das stimmt nicht, das ist eine Lüge, was Sie hier erzählen. Es gab dann auch eine Situation, wo ich meinen Großvater sehr verteidigt habe. Mein Großvater war jemand, der war Wehrmachtssoldat, der hatte diese Hitlerjugend und alles durchgemacht, und er ist bis zum heutigen Tage sicherlich noch jemand, der da eine gewisse Euphorie oder Zuneigung empfindet. Auf jeden Fall, würde ich nicht sagen, dass er Nazi ist, aber er unterscheidet nicht mehr richtig.

Jedenfalls wenn andere Hänsel und Gretel vorgelesen bekommen haben, habe ich Wehrmachtsgeschichten erzählt bekommen. Oder wo andere ein Schlaflied bekommen haben oder so, da habe ich die alten Nazilieder vorgepfiffen bekommen oder vorgesungen bekommen. Also ich konnte, glaube ich, schon mit 8 oder 10 Jahren das Horst-Wessel-Lied oder "Die Fahne hoch" pfeifen, ohne natürlich als Kind zu wissen, was ich da eigentlich mache. Und da habe ich dann immer in der Schule im Geschichtsunterricht gesessen und gedacht, so, ich muss meinen Großvater verteidigen, das war so eine Schutzreaktion, die ich eingenommen habe, und da bin ich natürlich dann auch das erste Mal so aufgefallen, dass meine Lehrerin wohl auch meine Mutter mal angerufen hatte, doch die hat das nicht wirklich so wahrgenommen. Sie meinte immer, das sei eine Phase, das ist Pubertät, das geht vorbei. Ihr war wichtig, dass ich keine Glatze trage. Darauf bestand sie.

Ich wurde dann 18, habe die Schule nun nicht mit dem Abschluss geschafft, wie ich es wollte, in der 10. Klasse vor allem im Geschichtsunterricht, wo ich dann teilweise wirklich blockiert habe, bin ich dann auch rausgeflogen, weil ich dort regelrecht probiert habe, meine Ideologie reinzubringen. Ich hatte dann eine schlechte Note im Geschichtsunterricht und einem anderen Fach und habe den Abschluss nicht bekommen. Ich habe dann eine Lehre begonnen als Metallbauer. Und in dieser Sparte, auf diesen Baustellen, herrschte auch immer ein sehr raues Klima. Dazu kamen auch immer wieder Kontakt zu Skinheads und ihrem Milieu beim Fußball. Und privat und an den Wochenenden gab´s dann bei uns, bei meinem Großvater, bei dem ich so ein bisschen aufgewachsen bin, immer auch Kontakte zu kleinen Nazigruppen. Natürlich gab es auch Alkohol, Skinheads, deren Musik, die Erzählungen meines Opas von damals, das alles war immer da. In der Lehre ging´s dann weiter, ich habe dann immer weiter gelesen und probiert, das alles natürlich sehr einseitig ausgerichtet, zu erforschen und mir dann wirklich irgendwann was aufzubauen, woran ich dann wirklich geglaubt habe.

Das alles hat dann für mich einen Wert gefunden, da war ich vollstens überzeugt. Machtergreifen, Machtherrschaft, das wurde auch irgendwie ein ganz selbstverständliches Ziel. Dass man sich gegen Juden wehren muss, gegen das Judentum, weil das angeblich überall die Fäden in der Hand hält. Ich habe da an alle Verschwörungstheorien geglaubt, die man haben und sich einreden lassen kann. Aber klar ist natürlich auch, dass man wirklich auffallen möchte. Das war bei mir ja auch so als Jugendlicher, ganz einfach: ich wollte provozieren, ich wollte irgendwie gegen etwas sein. Die Linke war mir wieder zu lieb gewesen. Ich hatte damals eine Bomberjacke mit Plakette "Deutschland den Deutschen". Es war toll damit in die U-Bahn einzusteigen und Blicke zu bekommen, also verhasste Blicke und abwertende Blicke, und ich habe damit provoziert. Diese Blickewaren für mich wie ein Sieg. Wie ein Sieger so habe ich mich gefühlt in so einem Fall.

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Autor: Gabriel Landgraf für bpb.de
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