Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Neue Dimension der Gewalt?


16.2.2007
Zur Fußballweltmeisterschaft im Juni 2006 schien die deutsche Fan-Welt noch in Ordnung. Die Welt war zu Gast bei friedlichen Freunden. Jetzt aber sind die Schlagzeilen andere. Brutale Fan-Gewalt und rechtsextreme Parolen bringen den deutschen Fußball um seinen Ruf.

Fahndungsbilder der Leipziger Randale.Fahndungsbilder der Leipziger Randale. (© Polizei Leipzig)
Eine beklemmende Fußballpremiere. Zum ersten Mal in der DFB-Geschichte wurden am Wochenende des 17. und 18. Februars 2007 im sächsischen Raum rund 60 Spiele von der Kreisklasse bis zur Landesliga abgesetzt "Die Vereine setzen ein deutliches Zeichen der Solidarität in Richtung der Polizei und zeigen, dass Gewalt in und um die Fußballplätze Sachsens nicht toleriert werden kann", begründete der Präsident des Deutschen Fußballverbands Theo Zwanziger die symbolische Maßnahme. Eine "Gefechtslage" sei eingetreten, so das Oberhaupt des DFB: "Die Beamten sind unsere Freunde, die anderen sind unsere Feinde - damit die Gefechtslage klargestellt ist".

Kriegszustand im Fußballstadion? Offensichtlich ja.



Eine bedrückende Kulisse hatte am Wochenende zuvor für diese Entscheidung gesorgt. Beim Pokalspiel zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der zweiten Mannschaft von Erzgebirge Aue (0:3) war alles zusammengekommen, was Fußball hässlich macht. Erst führten Leuchtfeuer zur Spielunterbrechung, dann wurden Sprechchöre hörbar wie "Juden Aue" sowie "Aue und Chemie - Judenkompanie". Und am Ende schlugen 300 Randalierer auf Polizisten ein, angestachelt von weiteren 500 Hooligans. Auf einen Polizisten wurde aus nächster Nähe mit einer Schreckschusspistole geschossen. "Im Cocktail der Beteiligten traten zahlreiche Leute in den Vordergrund, die sich erkennbar neonazistisch gaben. Mit Reichsadler-Emblemen, die sich mit einem Lok-Symbol kombinierten und mit einem schwarz-weiß-roten Signum 'Weiße Wölfe'", beobachtete der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski, der sich seit 12 Jahren mit Fußball-Fanszenen unter anderem für das Bündnis aktiver Fußballfans (Baff) beschäftigt. Seine Analyse in der taz vom 15.2.2007: "Indem mit dem Finger auf Ränder gezeigt wird, verdrängt die Öffentlichkeit, dass die für solche Gewaltexzesse grundlegenden Elemente gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, sozialdarwinistischer Einstellungsmuster und systemischer Frustration ebenso fest in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. Das belegen zahlreiche, auch empirische Studien."

Und der Fanforscher Prof. Gunter Pilz aus Hannover analysierte: "Ich fürchte, dass das italienische Vorbild herübergeschwappt ist und Leipzigs Hooligans extra mobilisiert hat". Das habe "eine neue Dimension erreicht." Diese Hooligans würden glauben, dass sie eh nichts zu verlieren haben. "Sie holen sich ein Stück Selbstwertgefühl durch das Ausleben von Gewalt", so Pilz, der die "um ein vielfaches schlechteren Lebens- und Zukunftsperspektiven" in den neuen Bundesländern als Grund für die neuerliche Randale sieht. Die Gesellschaft müsse diesen Menschen wieder eine bessere Perspektive bieten.

Doch reichen diese simplen Erklärungsmuster aus? Sicherlich gibt es solche Sorgen auch anderswo. Aber nach und nach wird deutlich, dass es gerade in Leipzig auf diesem Gebiet schwere Versäumnisse gab. Nur ein Jugendarbeiter war dort in den letzten sieben Jahren dafür zuständig, die Fans zweier nicht gerade befreundeter Vereine zu betreuen. "Da ist es natürlich nahezu unmöglich, erfolgreich präventiv zu arbeiten", sagt der 37-jährige Sozialarbeiter Udo Ueberschär.

Offensichtlich gelang es noch nicht einmal dort einzuschreiten, wo – wie auf www.lok-fan.de – Fandevotionalien verkauft werden. Ein Verkaufsschlager ist dort für 12 Euro 50 der Fanschal mit Aufschrift "Böhse Lokfanz", so nennt sich einer der Fanclubs des Vereins. Im Online-Shop wird von Lok-Fans durchaus diskutiert, ob die Wortwahl so gelungen sei, aber die Begriffe "hammerhart" und "geil" überwiegen. Und einer der Fans schreibt: "Ich finde diesen Schal einfach nur Hammer! Und das böhse passt da auch voll gut rein, oder etwa nicht? Als Lokfan kann man eben nicht immer nur lieb und nett sein! Wenn zb.ne Schabe kommt und dir den Schal zocken will, kannst du doch auch nicht sagen 'nein bitte nicht, ich bin ein netter lokfan!' Ein bisschen 'böhser' Lokfan ist immer gut...". Erstaunlich – seit dem 19. Mai 2005 wurde dieser Eintrag nicht entfernt.

Kein Wunder, dass DFB-Chef Theo Zwanziger nun in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung vom 13.2.2007 die Vereinsstrukturen namentlich von Leipzig, aber auch von Dresden kritisiert: "Wir haben nicht die sichere Erkenntnis, dass es ein klares Distanzieren von Gewalttätern gibt. Die Vereinsführungen müssen die Trennung von Gut und Böse knallhart durchziehen, Stadionverbote werden nach wie vor relativ lax gehandhabt statt deutlich zu machen: Die haben hier nichts zu suchen."


 

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