"Offener Rassismus und ein ausgeprägtes Feindbild"
Interview mit Gunter Pilz
Der Soziologe Gunter Pilz macht vor allem in den neuen Bundesländern rechtsextreme Fußballfans aus. Das habe auch damit zu tun, dass es dort besonders viele "Wiedervereinigungsverlierer" gebe – und die Stadien im Westen schon früher Gegenmaßnahmen ergriffen hätten.Prof. Dr. phil., Dipl. Soziologe Gunter A. Pilz (geb. 1944) arbeitet seit 1975 am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover. Er ist als Akad. Oberrat am Institut. für Sportwissenschaft der Universität Hannover Leiter des Arbeitsbereichs "Individuen und Gesellschaft" und Honorarprofessor und Lehrbeauftragter für Jugendgewalt und Gewaltprävention an der evangelischen Fachhochschule Hannover, Fachbereich Sozialwesen. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Gewalt in der Gesellschaft und im Sport. Er ist außerdem Mitbegründer und wissenschaftlicher Begleiter des Fußball-Fan-Projektes Hannover. Das Gespräch mit ihm führte Holger Kulick nach den Krawallen bei Lok Leipzig im Februar 2007.
Herr Professor Pilz, in Leipzig hat der 1. FC Lok-Leipzig in seinem Fanshop auch nach den Krawallen von Mitte Februar für 12 Euro 50 einen Schal mit der Aufschrift "Böhse Lokfanz" in seinem Online-Angebot. Können Sie sich eine solche Unsensibilität erklären?
Es verwundert mich keineswegs in einem Verein, dessen Präsident selbst einmal Hool war. Er behauptet zwar, er sei geläutert. Aber man weiß auch, dass Lok Leipzig einen Ordnungsdienst hatte, der durchsetzt war von Skinheads, von Rechten und von Hooligans. Lok Leipzig hat auf diese Weise einfach zu lange weggeschaut. Ich hoffe, dass sich das jetzt dort ändern wird, aber nicht nur dort. Das Übersehen von verbaler, symbolischer und tätlicher Gewalt unter Fans hat ja auch bei einigen anderen sächsischen Vereinen eine gute Tradition, zum Beispiel bei Dynamo Dresden.
Die Rockband Böhse Onkelz, der der Name "Böhse Lokfanz" entlehnt ist, hat auch einmal rechts außen begonnen. Wie rechtsextrem unterwandert ist denn das Fußball-Fanmilieu?
Im Osten mehr als im Westen, da ist aber die Zeit einer Borussenfront längst vorbei, weil einfach viel mehr Gegenmaßnahmen in den Stadien ergriffen wurden: Konsequente Fanarbeit in jedem Verein, eine deutliche Hausordnung und sorgfältige Kontrollen. Das macht es rechten Hools dort inzwischen schwerer, im Osten wird ihnen der Zugang dagegen vielerorts immer noch leicht gemacht und ihre Zielgruppe ist größer. Rechtsradikale Gruppierungen suchen sich bekanntlich vor allem die gesellschaftlichen Bereiche aus, von denen sie glauben, dass ihre Botschaften dort besonders gut ankommen. Und es gibt vor allem in den neuen Bundesländern in vielen Fußballfan-Gruppierungen nicht wenige, die sich zum Rechtsextremismus und Rassismus bekennen. Einer der Gründe ist eben, dass es dort besonders viele Menschen gibt, die man als "Wiedervereinigungsverlierer" bezeichnen kann, die von daher rechtsextremen Parolen gegenüber offen sind. Das sind zum Teil junge Menschen, die ohne Perspektive sind. Die holen sich ihr Selbstwertgefühl über das Zusammenrotten in Jugendgruppen, über Gewalt und über Machtgefühle, wenn sie sich mit einem Verein identifizieren
Wenn Sie solche "Wendeverlierer" als besonderes Mitläuferpotenzial betrachten, wäre dann ein Patentrezept zur Lösung der Gewaltfrage schlicht und einfach "Zukunft-Schaffen"?
Zukunft muss ja nicht nur heißen, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern ihnen Perspektiven eröffnen oder die Chance zu geben, so etwas wie ein Selbstwertgefühl aufzubauen, eigene Selbstwertigkeit zu erfahren. Es gibt ja sehr nachvollziehbare Thesen in Gewaltgutachten, dass gerade in der Schule junge Menschen viel zu wenig erfahren, was sie können und viel zu viel erfahren, was sie nicht können. Deshalb ist unerlässlich, was Zukunftsperspektiven anbelangt, dass man diese junge Menschen in der Schule, im Freizeitbereich, in den Vereinen zeigt, also dass man das, was diese junge Menschen können, auch ein stückweit reflektiert, respektiert und ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten.
Das klingt auch nach einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe...
Ist es auch. Wir können jetzt nicht so tun, als bräuchten wir uns nur darum zu kümmern, was unmittelbar im Stadion und vor dessen Eingangstoren passiert. Aber hier ist natürlich ein wichtiger Ansatzpunkt, wo auch Netzwerke gebildet werden müssen, in denen vereinsspezifische und kommunale Jugendsozialarbeit zusammenkommen. Und das zunehmend in Orten mit Vereinen aus den unteren Ligen. Wir haben das im letzten Jahr in einer Studie nachgewiesen über Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball. Wir beobachten ein Abwandern der Gewalt von den sicheren Stadien und den sicheren ersten, zweiten, dritten Ligen hin in die Amateur- und Jugendbereiche, wo die soziale öffentliche Kontrolle nicht in der gleichen Weise greift. Also bei Vereinen und in Kommunen, in denen relativ wenig oder gar nichts passiert, entwickelt sich für solch rechtes Potenzial natürlich eine Sogwirkung.
Das verwundert in Leipzig dann schon.
Es ist nicht so, dass das Problem dort nicht erkannt wurde, aber auch die Stadt hat es eher nachlässig angegangen. So darf das zukünftig nicht mehr laufen. Dort war bislang ein Sozialarbeiter für zwei nicht gerade befreundete Fußballclubs zuständig. Das geht nicht, weil er ja auch bei den Fans Vertrauen herstellen muss. Aber wenn die Fans untereinander verfeindet sind, dann kann er nicht beide Vereine wirksam bedienen. Überdies müssen auch nicht nur vereinsbezogene Fanbeauftragte, bzw. Fußballsozialarbeiter zum Einsatz kommen. Wir haben ja in den Städten so was wie Straßensozialarbeit, "aufsuchende Jugendarbeit" genannt. Sie will junge Menschen dort aufsuchen, wo sie sich aufhalten. Es steht nirgendwo geschrieben, dass diese Arbeit einer Straßensozialarbeit vor den Toren eines Stadions enden soll und muss. Wenn sich viele Problemjugendliche am Wochenende im Stadion und Stadionumfeld aufhalten, dann muss sich dort eben auch die Sozialarbeit hinbegeben.
Warum fällt denn gerade Sachsen so auffällig negativ aus dem Rahmen?
Weil es hier schwerwiegende Versäumnisse auch auf Landesebene gibt. So hatte sich noch Ende letzten Jahres die sächsische Landesregierung aus der Finanzierung gezielter Fanprojekte verabschiedet, obwohl im nationalen Konzept eine Drittelfinanzierung vorgesehen war: ein Drittel Verein, ein Drittel das Land und ein Drittel die Kommune. Doch um einen Beitrag von knapp 100.000 Euro einzusparen, zog sich Sachsen aus der Finanzierung zurück. Das ist typisch für kurzsichtiges politisches Handeln. Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird nach mehr Polizei gerufen, nach neuen Gesetzen - und mit einem Mal sind sie auch wieder bereit, ein Fanprojekt zu finanzieren. Diesen Mangel an Einsicht in präventives Handeln betrachte ich als schizophren.
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