"Erst kommen die Hassparolen, dann die Hasstaten"
Ein Interview mit dem Aussteiger Jörg Fischer
Jörg Fischer hat NPD und DVU von innen kennen gelernt. Mit 13 Jahren stieß er in die rechtsextreme Szene, die er mit 22 wieder verließ. Weil er schwul ist. Und weil er miterleben musste, wohin die Hassparolen führen.Jörg Fischer hat NPD und DVU von innen kennen gelernt. Mit 13 Jahren stieß er in die rechtsextreme Szene, die er mit 22 wieder verließ. Weil er schwul ist. Und weil er miterleben musste, wohin die Hassparolen führen. Ein Interview mit dem Aussteiger aus der Neonaziszene.
Herr Fischer, sie haben DVU und NPD erlebt. Nacheinander oder gleichzeitig?
Ich habe die rechtsextreme Szene in beiden Parteien als Jugendlicher erlebt. 1987, als die DVU als Partei gegründet wurde, gab es schon einmal ein Bündnis zwischen NPD und DVU, und darum waren mehrere NPD-Mitglieder als Gründungsmitglieder der DVU in München mit dabei.
Warum waren da denn Doppelmitgliedschaften möglich?
Das hat vor allem damit zu tun, dass die DVU durch ihren langjährigen Vorsitzenden Gerhard Frey, dem Herausgeber der berüchtigten "National-Zeitung", zwar große Finanzmittel im Rücken hat, damals aber kaum über Mitglieder verfügte, die praktische politische und organisatorische Erfahrungen hatten. Deshalb brauchte die DVU die Unterstützung von der NPD. Von daher waren Doppelmitgliedschaften in beiden Parteien nicht ungewöhnlich und sind es auch heute noch nicht.
Was unterscheidet für Sie beide Parteien in ihrer Struktur, Mitgliederschaft und Ideologie?
Die NPD ist eine Organisation mit einem funktionierenden Parteiapparat und funktionierenden organisatorischen Strukturen auf Landes- und Kreisebene. Die DVU hingegen ist faktisch eine Phantompartei, deren Untergliederungen - so wie ich das miterlebt habe - nur formal existierten, tatsächlich aber weder handlungsfähig waren, noch eigenständig wichtige Entscheidungen treffen durften. Die DVU wurde zentralistisch aus der Verlagszentrale Freys heraus gesteuert, wo auch alle Entscheidungen getroffen wurden. Zudem war die DVU in einer faktischen finanziellen Abhängigkeit von ihrem Parteivorsitzenden, den man auch eher als "Parteibesitzer" bezeichnen konnte.
Daraus resultieren auch die Unterschiede in der Mitgliedschaft. Die NPD verfügt über wesentlich aktivere, ideologisch geschulte Mitglieder, die zudem im Durchschnitt erheblich jünger sind als die der DVU. Ideologisch sind beide Parteien neonazistisch, die Unterschiede, die es gibt, sind eher zweitrangig und eher in der Art und Weise, wie sie ihre ideologischen Überzeugungen artikulieren. Beide Parteien haben als wichtigste inhaltliche Grundlage einen völkischen Kollektivismus, Rassismus und Antisemitismus. Beide Parteien relativieren oder leugnen sogar die Verbrechen des Nationalsozialismus und versuchen, den NS-Verbrecherstaat zu verteidigen. Daneben ist bei beiden Parteien zu beobachten, dass sie nicht nur verstärkt versuchen, soziale Themen zu instrumentalisieren, sondern es ist auch zu beobachten, dass sie islamistische Terroristen und Diktatoren wie etwa den iranischen Despoten und Holocaustleugner Ahmadinedschad immer stärker unterstützen. Hier spiegeln sich die antisemitischen und antiamerikanischen Überzeugungen wieder. Zudem ist die Annäherung zwischen Rechtsextremisten und Islamisten, die wir seit einiger Zeit verstärkt beobachten, eine äußerst gefährliche Entwicklung, der alle demokratischen Kräfte mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.
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