Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Die Rolle des Antisemitismus in der rechten Szene

Ein Interview mit Matthias Adrian, Aussteiger aus der rechtsextremen Szene


17.1.2007
Der Hass auf "die Juden" ist eine zentrale Figur in der rechtsextremen Ideologie. Aussteiger Matthias Adrian erklärt im Interview, wie tief er im rechtstextremen Weltbild verwurzelt ist.

Ex-Neonazi Matthias Adrian zeigt seinen ehemaligen Personalausweis, auf dem er einen Hitlerbart trägt. Berlin, 24.10.2006. Heute versucht er in der Berliner Initiative Exit-Deutschland auch andere Neonazis zum Ausstieg zu bewegen.In seinem Personalausweis dokumentierte Ex-Neonazi Matthias Adrian früher auf recht eindeutige Weise seine Gesinnung. (© AP)

Mitunter wird übersehen, dass der Hass auf Juden die zentrale Ideologiefigur im Rechtsextremismus ist. Matthias Adrian (30) ist seit 2000 Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Als aktives Mitglied der Jungen Nationaldemokraten – der Jugendorganisation der NPD – war Matthias Adrian von einer "jüdischen Weltverschwörung" überzeugt. Nach dem Verlassen der rechten Szene hat er sich über mehrere Jahre mit diesem menschenfeindlichen Weltbild kritisch auseinandergesetzt. Heute engagiert er sich bei der Aussteigerinitiative EXIT-Deutschland in Berlin. Er geht in Schulklassen und diskutiert mit den Schülerinnen und Schülern über die Gefahren rechtsextremer Einstellungen und Hintergründe ideologischer Argumentationen.

Ursula Gadermayer: Ist Antisemitismus eigentlich noch immer eine so zentrale Figur im Rechtsextremismus?

Matthias Adrian: Ja. Antisemitismus ist im Rechtsextremismus nach wie vor eines der wichtigsten Ideologiefragmente. Antisemitismus und Antijudaismus in der rechtsextremen Szene ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Handlungen und Gedanken. Zum Beispiel diese Idee von der von Juden beherrschten Wallstreet, das heißt die Grundthese des angeblich jüdischen Kapitalismus, die es schon im Nationalsozialismus und auch schon davor gab, die ist nach wie vor eine Konstante, die erhalten geblieben ist. Die internen Zirkel sind vielleicht modifiziert worden, aber die "Protokolle der Weisen von Zion", eine Hetzschrift gegen Juden, ist nach wie vor die Grundlage. Eine Veränderung, die es vielleicht gibt, ist die Abkopplung von der Rassenidee. Die Rechten sagen heute, nicht mehr so wie früher, dass die Juden eine Rasse sind, sondern die Juden sind ein eigener Kulturkreis, deren Vormachtsbestrebungen in der Religion angelegt sind. Die Fantasien vom Geld der Juden sind aber nach wie vor vorhanden.

Sie waren selbst ein Mitglied der rechten Szene, wie manifestiert sich der Antisemitismus?

Im Alltagsleben werden Juden von den Rechten für alles verantwortlich gemacht. Ich dachte damals, dass der Staat, die Regierung, die Exekutive von jüdischen Verschwörern gesteuert werden. Man lebt mit einem permanenten Verfolgungswahn. Für mich war die pyramidenförmige Spitze des Messeturms in Frankfurt, auf der Positionslichter für die Flugzeuge angebracht sind, der Beweis für die Vormacht der Juden über den Hauptfinanzplatz Europas. Das habe ich als Freimaurerpyramide gesehen und was da blinkt war nicht ein Positionslicht, sondern das Auge Zions, das über das Geld wacht. Davon war ich überzeugt. Ich erinnere mich, dass ich einmal verhaftet wurde, weil wir Flugblätter verteilten. Der Polizeichef, der mich verhörte, hat einen dicken Ring getragen. Ich habe diesen Ring sofort für einen Freimaurerring gehalten. Ich dachte, den haben sie jetzt geschickt, der kommt im direkten Auftrag der jüdischen Verschwörung. Ja, soweit geht das.

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in der jüdischen Gemeinde in Mainz. Das war kurz nach meinem Prozess und wir wollten uns damals symbolisch bei den Juden entschuldigen. Ich werde nie vergessen wie wir in dieses Gebäude kamen und alles war so bunkermäßig und musste gut bewacht werden. Mir wurde dort zum ersten Mal klar, dass die Juden in Deutschland Angst haben müssen. Es war eine total umgekehrte Welt, nicht die Juden haben alle Macht und haben sich gegen uns verschworen, sondern sie müssen Angst haben.

In der jüdischen Gemeinde hat man mir erzählt, dass einmal eine Schulklasse draußen eine Orangenschlacht gemacht hat und Apfelsinen ans Fenster geflogen sind. Alle im Gemeindehaus warfen sich auf den Boden, weil sie dachten, das ist ein Anschlag. Da hab ich gemerkt, was für ein Bedrohungspotential gegenüber den Juden besteht. Mittlerweile habe ich häufig Kontakt zu jüdischen Gemeinden. Es erscheint mir paradox, aber die Gerüchte über Juden, die in der rechtsextremen Szene kursieren, haben sich für mich im Nachhinein ins genaue Gegenteil verwandelt. Die Rechten glauben, dass die Juden überall Macht haben und alle Mächtigen beeinflussen. Mittlerweile weiß ich, dass die jüdischen Gemeinden vom Bürgermeister oder von Politikern oft überhaupt keine Unterstützung bekommen, sondern im Gegenteil als Problem wahrgenommen werden. Das war eine Überraschung für mich. Im Nachhinein kann ich mich darüber nur wundern.

Sie sind zwar seit sechs Jahren Aussteiger, haben aber immer noch Einblick in die Vorgänge der rechten Szene. Entstehen eigentlich Verbindungen zwischen Menschen, die sich für islamistische Ideologien interessieren und Neonazis?

Ideologisch gibt es da schon Verbindungen. Auf der Strasse gibt es sie nicht; da würden sie sich prügeln, weil die einen ja "die Ausländer" und die anderen ja "die Nazis" sind! Aber das Ideologiefragment Antisemitismus verbindet sie.

Was wären denn Beispiele für solche Verbindungen?

Horst Mahler und Udo Voigt sind beispielsweise bei einer islamistischen Konferenz an der TU Berlin aufgetaucht. Rechtsextreme beteiligen sich an der so genannten Al-Quds Demonstration gegen Israel in Berlin und rechte Webseiten unterstützen die Betreiber des Internetportals "Muslim Markt" gegen öffentliche Kritik an den islamistischen Inhalten des Portals.

Welche Erfahrungen haben Sie in punkto Antisemitismus in Schulen und bei Jugendlichen gemacht?

Ich stelle in Schulklassen immer als erstes die Frage: Wer von euch hat schon einmal rechte Musik gehört? Das ist unter den Lehrern eine gefürchtete Frage. Ungefähr 95 Prozent aller Schüler bejahen diese Frage. Musik als Medium generell und als Propagandamittel erreicht die Jugendlichen auf jeden Fall. Rechtsextreme sind mit ihrer Werbung und ihrer Musik sehr erfolgreich. Antisemitische Inhalte in Texten rechtsextremer Musik tauchen sowohl in versteckten Andeutungen, als auch in sehr konkreten Sprüchen auf. Auf der so genannten Schulhof-CD, die im Herbst 2005 von Rechtsextremen unter Jugendlichen aktiv verteilt wurde, wurden antisemitische Attacken nicht konkret benannt, um ein Verbot der Musik oder Indizierung zu verhindern. So treten in einzelnen Songs der CD beispielsweise Dunkelmänner im Kontext mit viel Geld und Macht auf. Solche Anspielungen beinhalten kulturell tradierte Bilder, die antisemitische Stereotype darstellen. Rechtsextreme wissen ganz genau, dass damit "der Jude" gemeint ist.