Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Antisemitismus


17.1.2007
Antisemitismus ist eine Gesellschaftstheorie, die so viel Anreiz bietet, weil sie für alles Schlechte dieser Welt einen Schuldigen benennt. Hat es also gar keinen Sinn, etwas dagegen zu tun? Anetta Kahane meint: nein. Ein Plädoyer für den entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus.

Ausstellungstafeln der Amadeu Antonio Stiftung im Bundespresseamt über verschwiegenen Antisemitismus.Ausstellungstafeln der Amadeu Antonio Stiftung im Bundespresseamt über verschwiegenen Antisemitismus. (© H.Kulick)

Es ist offensichtlich, was so abstoßend ist am Rassismus. Das gleiche gilt für die Verachtung von Frauen, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma. Das Widerliche am Antisemitismus ist noch etwas anderes als der offene, brutale und tödliche Hass auf Juden und das vermeintlich Jüdische. Synonyme für Antisemitismus sind von je her auch alles Üble, Dunkle und Geheime in der Welt. Die Juden stehen für unsichtbare Macht, für die Erklärung des Undeutbaren, ihnen unterstellt man die miesesten Motive. Wie eine ewige Krankheit zieht sich der Antisemitismus durch die Geschichte, weil die Menschen immer jemanden und etwas brauchen, von dem sie sich im Guten unterscheiden und dem sie das Schlechte zuschreiben können.

Krank ist Antisemitismus deshalb, weil alle den Juden unterstellten Eigenschaften aus dem Eigenen kommen, der eigenen Aggression, der eigenen Schwäche, der eigenen Unanständigkeit, der eigenen Phantasie über das Böse. Das alles hat mit den realen jüdischen Menschen absolut nichts zu tun. Egal, wie die sich verhalten, immer wird ihnen die Unterstellung folgen. Antisemitismus ist Begriff, der eine Sicht auf die Welt beschreibt, eine politische und gesellschaftliche Deutung der Verhältnisse, eine Theorie, die leicht erklären soll, was schwer zu beschreiben ist. Antisemitismus mag immer neue Formen finden und doch ist er stets das Alte: die Abwehr der Moderne, der Komplexität, der Offenheit und der Rationalität. Er ist das düstere Abbild menschlicher Enge, Niedrigkeit und Aberglaubens.

Dass Antisemitismus genug Hass erzeugen kann, um Millionen von Menschen industriell zu ermorden hat sich im Deutschland des Nationalsozialismus gezeigt. Doch hat dies nun, etliche Jahrzehnte später dazu geführt, den Antisemitismus als unzivile Barbarei aus der Gesellschaft zu bannen? Hat die Abschlachtung der Millionen eine Art Heilung dieser Krankheit herbeigeführt? Die Antwort ist: nein. Der Antisemitismus hat sich verkrochen. Nur bei jedem 5. Deutschen zeigt er sich unverstellt. Viele andere aber, die weder den Holocaust leugnen, noch offen sagen, die Juden hätten zu viel Macht und wären an allem Schuld, pflegen ihren Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen der Verbrechen der Nazis.

Nicht Trauer oder Scham bestimmen ihr Gefühl, sondern dumpfes Abblocken, Wut auf die Opfer und das ständige Bedürfnis den Massenmord an den Juden zu relativieren. Gerade weil dieses Abschlachten so einmalig war, messen die verdrucksten Antisemiten allein daran, was in ihren Augen antisemitisch ist und was nicht. Nur der Holocaust selbst und seine heutigen Befürworter oder Leugner gelten noch als Antisemiten. Diejenigen jedoch, deren Antisemitismus sich hinter den Bildern der Zeit verkriecht, wehren sich mit aller Macht gegen diesen Begriff. Sie tun dies vor allem natürlich aus Furcht, dass er auf sie angewandt werden könnte. Daraus ist ein Kampf geworden, der mehr bedeutet als nur die Diskussion um das Wort.

Gerade in den letzten zwei Jahren ist immer wieder zu beobachten, wie der Antisemitismus durch die Verbannung des Begriffs unsichtbar gemacht werden soll. Es sei kein Antisemitismus, heißt es, wenn der Zionismus und Israel kritisiert würden. Dass sich jedoch in dieser Kritik alle alten Stereotype wieder finden, spielt keine Rolle. Es ist überhaupt in diesem Zusammenhang üblich geworden, statt Jude lieber Zionist zu sagen. Die "zionistische Weltverschwörung" klingt gewiss moderner als die "jüdische" und doch bleibt es Antisemitismus. Der Nahost Konflikt ist inzwischen zur weltweiten Projektionsfläche für all jene geworden, die ohnehin meinen, dass Juden stur und rachsüchtig seien, kleine Kinder schlachten, eine globale Intrige spinnen und die Armen und Unterdrückten auf zynische Weise zum Terror zwingen. Und obwohl die Medien Tag für Tag äußerst kritisch die Politik Israels kommentieren, schwebt über allem die Unterstellung, man dürfe Israel nicht kritisieren – gerade so, als gäbe es doch eine unsichtbare Macht, die dies zu verhindern trachtet. Das aber sind die alten Bilder. Doch nennt man sie heute beim Namen, als das was sie sind – Antisemitismus - schlägt einem eine Welle der Empörung entgegen. Die Analogie zwischen Israel und dem "ewig Jüdischen" entspricht nicht der Realität, sondern projiziert in die nahöstliche Ferne, was sich direkt nicht mehr offen aussprechen lässt.


Inzwischen wird sogar bestritten, dass Anschläge auf jüdische Einrichtungen oder gar Angriffe auf Juden irgendetwas mit Antisemitismus zu tun hätten. Vandalismus wird es genannt, oder Rassismus. Oder es werden Erklärungen, ja Entschuldigungen vorgetragen, nicht selten versehen mit dem Hinweis in Richtung Israel, von diskriminierten Jugendlichen aus Einwandererfamilien oder solchen ohne Arbeit. Dann wird auch häufig der Rassismus als das schlimmere Übel dem Antisemitismus entgegengesetzt. Gerade Menschen, die gegen Rassismus eingestellt sind, beschreiben den Antisemitismus als eine untergeordnete Kategorie; als eine Spielart des Rassismus sozusagen.

Dass jedoch Antisemitismus auch ein grundsätzliches Menschenbild ist, wollen die Kategorisierer nicht hören. Sie wollen nicht wissen, dass Antisemitismus eine ewige Methode ist, sich aller Widersprüchlichkeiten zu entledigen, eine Art Menschen zu dämonisieren und Entwicklungen in der Welt den Juden als Verschwörung anzudichten – kurz: eine Theorie der Welterklärung, die durch alle Zeiten funktioniert hat und deren Funktionieren auch heute nichts im Wege steht. Sie bestreiten einfach, dass es so ist. Antisemitismus sei ein Kampfbegriff, sagen einige und andere meinen, man solle doch lieber Judenfeindschaft sagen, wenn es so was denn gibt, denn schließlich wären die Araber auch Semiten. Sogar ein bekanntes Internetlexikon hat den Begriff einfach gelöscht. Natürlich will niemand Antisemit genannt werden, auch wenn er die Stereotypen gern weiter benutzen möchte.

Besonders in folgenden Zusammenhängen ist der Antisemitismus ausgeprägt und wird gleichzeitig heftig bestritten:
  1. der Antisemitismus in Ostdeutschland, der sowohl aus dem äußerst weit verbreiteten Rechtsextremismus als auch aus dem postkommunistischen Antizionismus stammt,
  2. der islamische Antisemitismus vor allem in desintegrierten Einwandererkommunities im Westen, z.B. in Berlin,
  3. der Antisemitismus im Mainstream, der sich auch in globalisierungskritischen Haltungen und Strömungen findet.
Die moderne Transformation des direkten Antisemitismus wie zum Beispiel via Israel bringt noch andere Gefahren. Er ist im Gegensatz zu seinen klassischen Formen ein Antisemitismus der Schlauen. In vielen Studien wurde belegt, dass dieser Antisemitismus weit in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht und nicht nur von Menschen aus bildungsfernen Schichten geäußert wird. Außerdem gibt es einzelne Elemente dieses Antisemitismus, die sich wie umher fliegende Splitter in den verschiedensten sozialen und politischen Milieus verbreiten. Beides zusammen bildet ein Einfallstor nicht nur für den Antisemitismus als solchen, sondern auch für Vorurteile gegen eine ganze Reihe anderer Gruppen. Rassismus, Vorurteile gegen sozial Schwache, gegen Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, gegen Muslime, gegen Frauen und eben Antisemitismus – das alles wird oft als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit beschrieben. Der Antisemitismus als die gröbste und älteste Art von Verschwörungsidee, die einer Gruppe zugeschrieben wird, kann sich mit gegebenen Anlässen entzünden. Und er kann gewissermaßen ansteckend sein. Denn wer erstmal einer Idee folgt, ist auch anfällig für andere. Wer sich die Welt von gut und böse in mehr oder auch weniger intelligenter Form mit dem Klischee der allmächtigen und niederträchtigen Juden erklärt, ist auch bereit, andere Menschen ihrer Gruppenzugehörigkeit wegen zu verachten. Diese Splitter und Stimmungen, diese Versatzstücke antisemitischen Denkens können also wie ein Magnet wirken, der auch andere Vorurteile und Abwertungen anzieht. Je mehr solcher großen und kleinen Stücke der alten antisemitischen Stereotype unseren Alltag überziehen, desto normaler erscheinen sie und desto weniger werden sie als Problem und als Gefahr wahrgenommen.Für die Praxis in der Bildung bedeutet dies, das eine endlich mit dem anderen zu verbinden, anstatt so zu tun, als hätte man mit dem einen das andere bereits bekämpft. Beides hat in Deutschland eine Tradition. Einerseits ist man noch immer der Meinung, mit "Holocaust-Education" könne man dem Rassismus vorbeugen, indem ein moralischer Druck erzeugt wird, der einen imprägnierenden Prozess gegen alle Bösartigkeit auslöst. Andererseits gibt es erhebliche Bemühungen, den Begriff Antisemitismus und auch die damit zusammenhängende Praxis ganz zum Verschwinden zu bringen. Anstelle dessen sei Rassismus und entsprechend Anti-Rassismus die richtige Strategie und Antisemitismus lediglich eine zweifelhafte Untergruppe, die vom Eigentlichen ablenke und ohnehin am Aussterben wäre. Doch die Realität zeigt: diese Aspekte sollten nicht konkurrierend oder zueinander im Widerspruch wahr- und ernst genommen, sondern als Anfechtung des Zivilen insgesamt gesehen werden. Wer den Antisemitismus in seiner Eigenheit, seiner Geschichte und seinen Mechanismen ignoriert, kann auch nicht wirkungsvoll verhindern, dass zu anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit die Leute ihre "Sau durchs Dorf" treiben. Wer über den Antisemitismus heute nicht nachdenken will, hat auch keine überzeugende Kraft, wenn er über den von einst referiert. Wer antisemitische Elemente duldet, selbst im gut gemeinten Kampf gegen Rassismus, entwertet damit sein ganzes Vorhaben. Antisemitismus ist kein Nebenwiderspruch, den man eben so hinnehmen kann oder muss, wenn es um Verbesserungen in dem einen oder anderen sozialen Feld geht. So kann es nicht sein, dass z.B. in Jugendgruppen oder Schulklassen interkulturelle Kompetenzen erworben werden, mehr oder weniger subtile Formen von Antisemitismus aber nicht thematisiert und problematisiert werden. Antisemitismus ist der Kern einer alten und sehr resistenten Krankheit der Menschheit und daher gewiss ist sie schwer zu bekämpfen. Und auch wenn keineswegs die Gefahr besteht, dass der Antisemitismus aktuell wieder in einen Völkermord ausartet, steckt genau dieses Bild, diese Konsequenz in jeder einzelnen seiner Ausdrucksformen. Die Krankheit mit all ihren Folgen kann nur kuriert werden, wenn Antisemitismus benannt wird, wenn sich die Strategien zu seiner Bekämpfung seinen modernen Formen anpassen und wenn er nach wie vor auch Ächtung erfährt. Jeden Tag und in jeder Situation. Denn es gibt nichts Gutes im Schlechten.



 
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