Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

17.1.2007 | Von:
Anetta Kahane

Praxisangebote gegen Antisemitismus

Was tun gegen Antisemitismus? Anetta Kahane stellt die Aufgaben der Praxis vor und nennt mögliche Partner in der Zivilgesellschaft.

Einige wichtige Gesichtspunkte der Praxis gegen Antisemitismus

Aktionswochen gegen Antisemitismus im November 2006 / Tagung in der Amadeu Antonio Stiftung.Aktionswochen gegen Antisemitismus im November 2006 / Tagung in der Amadeu Antonio Stiftung. (© AAS)
Die klassische Antwort auf den Antisemitismus heißt Aufklärung und Bildung.

Trotz der offensichtlichen Schwächen dieses Ansatzes sehen wir (die Amadeu Antonio Stiftung) uns in dieser Tradition: Wir versuchen mit unseren Projekten und Initiativen auf die Bildung der Kinder und Jugendlichen innerhalb und außerhalb der Schule einzuwirken und wir versuchen zur Fortbildung der Lehrer und anderer Erwachsener beizutragen. Bei unserem Ansatz bemühen wir uns einige Schwächen zu kompensieren, die mit dem Ansatz Aufklärung und Bildung verbunden werden: In der Praxis der Schule reduziert sich häufig die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus auf die Kombination von Information und moralischem Appell. Dieser Ansatz erweist sich bei heutigen Jugendlichen als relativ wirkungslos. Vor allem in der postkommunistischen Gesellschaft, die sich durch eine gewisse Imprägnierung gegen moralische Appelle auszeichnet, sind andere Vorgehensweisen erforderlich, wenn man Jugendliche emotional erreichen will. Das gleiche gilt auch für den Westen: eine Moral ohne praktische Folgen wirkt zu Recht unaufrichtig und wird daher abgelehnt.

Wirkungsvoller ist ein Ansatz, der es erlaubt selbst Erfahrungen zu machen und der auf eigenes Handeln zielt.

Dazu gehören Begegnungen, Projekte, Aktionen, Simulationsspiele. Um Verschwörungstheorien zu durchschauen, entwickelt man am besten selbst eine. Bei einem Active monitoring genannten Vorgehen, beschränken sich die Akteure nicht darauf, Vorfälle publik zu machen und zu beklagen, sondern organisieren gleichzeitig praktische Reaktionen. Wenn z. B. ein Friedhof geschändet wird, dann beteiligt man sich an der Reparatur oder organisiert ein Fundraising. Wenn Gemeinden geschädigt werden, kann ihren Vertretern Hilfe angeboten werden, wenn Personen bedroht werden, kann man sie begleiten. Wenn historische Gebäude beseitigt werden sollen, kann dagegen protestiert werden und wo Stolpersteine beschmutzt oder herausgerissen werden, können Schüler auf sie aufpassen.


Antisemitismus ist gewiss ein notwendiger Stoff in der Schule, aber man sollte so weit wie möglich induktiv vorgehen, d. h. von realen Konflikten ausgehen und auf Situationen reagieren, in denen antisemitische Argumentationen benutzt werden.

Die Anlässe können sehr unterschiedlich und regional sehr spezifisch sein. Es ist z.B. ein großer Unterschied, ob die Situation durch einen Konflikt mit muslimisch-arabischen Jugendlichen bestimmt wird oder mit rechtsextremistischen Jugendlichen in der ostdeutschen Provinz. In beiden Fällen muss es eine kompetente Auseinandersetzung geben, aber auch eine deutliche Unterstützung derer, die antisemitische Positionen nicht teilen. Dabei können auch innovative Materialien helfen: Filmanalysen sind ein gutes Mittel zur Aufdeckung von Demagogie, aber auch Planspiele oder Computergames, die "heikle" Themen wie Israel oder Globalisierungskritik als eine mögliche Form des aktuellen Antisemitismus nicht ausklammern. Die Pädagogen brauchen parallel Fortbildung, bei der ebenfalls von konkreten Situationen ausgegangen werden sollte.

So wichtig Unterricht ist, so bedarf es doch eines komplexen Ansatzes: die Aktivitäten der Jugendhilfe müssen mit der Schule koordiniert, die Eltern einbezogen werden, die Unterstützung durch die kommunale Politik und die Presse gesichert werden.

Die Bekämpfung des Antisemitismus ist eine Aufgabe, die man nicht Lehrern und Schülern allein auf die Schultern legen kann. Daher werden mit der Bildungsarbeit Aktivitäten verbunden, die auf Schulöffnung und Zusammenarbeit mit der Kommune zielen. Es hat keinen Zweck eine Stunde guten Unterricht zu haben um danach in ein Schulklima zurückzukehren, in dem andere abgewertet werden, Lehrer und Schüler sich unwohl fühlen und niemand sich zu kümmern scheint.

Eine besondere Aufgabe sehen wir in der Unterstützung und Vernetzung der engagierten Initiativen gegen die modernen Formen des Antisemitismus, die (vor allem in Ostdeutschland) sehr isoliert sind.

Dabei sind gerade solche Initiativen wichtig, die sich mit der lokalen Geschichte des Antisemitismus während der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR auseinandersetzen. Das hat bisher nicht stattgefunden. Dadurch kann aber deutlich gemacht werden, wie stark in Ostdeutschland auch heute antisemitische Stereotype im Gewand des Antizionismus und der linken, wie der rechtsextremen ideologischen Israelkritik verbreitet sind. Aktionen und Diskussionen in den Kommunen anzuregen, die sich mit der lokalen Geschichte verknüpfen lassen, ist in ganz Deutschland sehr wichtig um antisemitische Stimmungen nicht selbstverständlich werden zu lassen.

Die neuen Formen des Antisemitismus sind sehr komplex, daher ist uns eine enge Zusammenarbeit mit Wissenschaft wichtig.

Ein praktisches Problem war und ist z.B., dass oft die Furcht besteht, eine Kritik an der Politik der israelischen Regierung nicht unterschieden zu können von einer in den Antisemitismus übergehenden fundamentalen Verurteilung Israels als Unrechtsstaat. Hier ist ein genaues Monitoring durch eine wissenschaftliche Aufklärung und Begleitung nützlich. Ferner ist es wichtig, die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Elementen des aktuellen Antisemitismus – Rassismus, antijüdische, antiamerikanische Haltungen, Kapitalismus- und Globalisierungskritik, Entwicklung von Verschwörungstheorien genau zu beobachten, um angemessene Gegenstrategien entwickeln zu können.

Wenn es richtig ist, dass Antisemitismus zu einem Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gehört, hinter dem eine prinzipielle Ablehnung der Annahme der Gleichwertigkeit von Menschen steht, dann ergeben sich daraus Folgerungen für die weitere Entwicklungsarbeit. So wollen wir die Aufklärung über den politischen Mythos des Antisemitismus ergänzen durch die Entwicklung von pädagogischen Initiativen, die auf die Menschenrechte und Menschenwürde zielen und dabei gezielt junge Einwanderer ansprechen. Veranstaltungen bei denen junge moderate Muslime ermutigt werden, selbst deutlich gegen radikale Tendenzen bei Mitschülern oder Nachbarn die Stimme zu erheben, sind ebenso wichtig wie Veranstaltungen gegen den jährlichen antisemitischen so genannten Al Quds Tag, bei dem sich Hunderte Islamisten versammeln. Auch solche Beratungen von Jugendeinrichtungen gehören dazu, in denen es verstärkt zu antisemitischen Vorfällen und Übergriffen kommt.

Was ist notwenig? Partner in der Zivilgesellschaft

Alle Aktivitäten brauchen auch Public Relation.

So wie guter Unterricht ohne entsprechendes Schulklima wenig bewirkt oder reines Monitoring ohne gleichzeitige Aktivierung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, so wichtig ist es, das alles zu tun und es dabei öffentlich zu machen. Antisemitische Vorkommnisse sollten genauso veröffentlicht werden, wie gute Praxisbeispiele, die dagegen halten. Sie können auf die Weise wiederum eine multiplizierende und ermutigende Wirkung haben. So gibt es in der Stiftung z.B. eine Ausstellung über die aktuellen Formen des Antisemitismus, eine gute Sammlung interessanter Websites auf www.projekte-gegen-Antisemitismus.de, eine Broschüre zu Antisemitismus und Antiamerikanismus und regelmäßige Berichterstattung auf www.mut-gegen-rechte-gewalt.de über viele engagierte Personen und Initiativen.

Um diese Ziele verwirklichen zu können brauchen wir funktionierende Netzwerke. Sie sollten in den Kommunen aktiv sein, auf die Schule und Jugendarbeit wirken können, die Fortbildung von Lehrern ermöglichen und antisemitische Straftaten und Vorfälle beobachten können. Die Amadeu Antonio Stiftung kooperiert mit solchen Netzwerken, hat einige von ihnen aufgebaut oder ist selbst aus Netzwerken hervorgegangen. Für die Arbeit gegen Antisemitismus sind Partner besonders wichtig. Eine Reihe von Initiativen, Projekten und Bildungsinstituten, die sich explizit gegen Antisemitismus wenden, arbeiten mit der Stiftung zusammen und haben verschiedene Netzwerke angeregt, sich ebenfalls diesem Thema zuzuwenden. Diese Anregung und Beratung ermöglicht, dass auch sie Teil eines effektiven Netzwerkes gegen Antisemitismus sind oder werden:

Beratungszentren für Opfer rechtsextremer Gewalt

Die Opferberatungsstellen gibt es in sechs Bundesländern. Sie begleiten und beraten vor allem Menschen, die Opfer rechter Gewalt geworden sind. Da die Mitarbeiter die Opfer aufsuchen, sind sie immer sehr nah an der Wirklichkeit in den Kommunen. Sie können einen wichtigen Beitrag zum aktiven Monitoring leisten, da sie von Übergriffen oder anderen Straftaten in der Regel als erste hören. Mit ihnen als Partner können sowohl potentiellen Opfern geholfen werden, als auch eine gute Übersicht erstellt und ggf. öffentliche Kampagnen initiiert werden. Internetadressen sind etwa: www.opferperspektive.de in Brandenburg, www.mobile-opferberatung.de in Sachsen-Anhalt, www.amal-sachsen.de oder www.lobbi-mv.de in Mecklenburg-Vorpommern.

Mobile Beratungsteams

Es gibt in verschiedenen Bundesländern im Osten wie auch im Westen Projekte bzw. Teams, die Kommunen beraten, wenn es auffällige Probleme mit starken rechtsradikalen bzw. anderen undemokratischen Bewegungen gibt. Diese Teams haben mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung nun auch Erscheinungsformen des Antisemitismus auf der Agenda. Sie sind jetzt in der Lage Beratungen zu diesem Thema anzubieten und auch zu helfen kommunale Veranstaltungen zu organisieren. Auch sie sind wichtige Partner bei der Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit. Im Internet: www.mbr-berlin.de in Berlin, www.mobit.org in Thüringen, www.miteinander-ev.de in Sachsen-Anhalt.