Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

17.1.2007 | Von:
Nadja Müntsch

Antisemitismus im Fußball

Ein Besuch beim TUS Makkabi Berlin

"Wir vergasen euch" – wenn der TuS Makkabi den Rasen betritt, hagelt es mitunter widerliche Fan-Rufe. Aber die Mannschaft wünscht sich nicht nur Maßnahmen des Sportgerichts, sondern vor allem Zivilcourage.

2. Herrenmannschaft des TUS Makkabi Berlin.2. Herrenmannschaft des TUS Makkabi Berlin. (© TUS Makkabi)
"Was einmal reißt, das reißt immer", schimpft Jan und begutachtet seine schmerzende Wade. "Ein Bänderanriss vor einigen Monaten, jetzt trainiere ich das erste Mal seitdem, und wieder passiert mir das gleiche", ärgert sich der Fußballer, während sein Spielerkollege ihm Eisspray aufträgt und so versucht, den Schmerz zu mildern. Beide Männer spielen in der zweiten Herrenmannschaft des TuS Makkabi Berlin, einem jüdischen Fußballverein. Sein Dachverband, Makkabi Deutschland, ist der einzige jüdische Sportverband in Deutschland.

Auf den ersten Blick eine normale Mannschaft. Trainer Ilja Slavinski nimmt seine Jungs hart ran, lässt sie zwei Stunden lang dribbeln, in die Höhe springen und rennen. "Alte russische Schule" ruft da einer absichtlich laut, man foppt sich gegenseitig, redet über Persönliches, über Verletzungen, ein gesunde Prise sportlichen Ehrgeizes schwingt mit, vor allen Dingen aber spielt man zum eigenen Vergnügen.


Die Spieler lassen sich ihren Spaß am Fußball nicht nehmen, trotz der Geschehnisse der vergangenen Monate. Im September 2006 sind sie gegen den VSR Altglienicke angetreten, ein Spiel in der Regionalliga B. Kaum ist das Spiel angepfiffen, müssen sich die Makkabi-Spieler wüsteste antisemitische Beschimpfungen, auch Drohungen von VSR-"Fans" anhören: "Wir vergasen euch", "wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz" – solche und ähnliche Sprüche gegen die TuS-Spieler werden immer wieder von der Zuschauerbank laut. Der Schiedsrichter greift nicht ein. Später wird er zu Protokoll geben, nichts gehört zu haben, keinen Laut von den zehn bis fünfzehn Hooligans, die da auf der Zuschauertribüne stehen und ihre Hassparolen von sich geben.

Die Makkabi-Spieler setzen sich schließlich zur Wehr und stellen den Schiedsrichter wiederholt zur Rede. Warum reagiert er nicht? Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Der Schiedsrichter behauptet seinerseits, von den Makkabi-Fußballern als "Arschloch" und "Schwein" beschimpft worden zu sein. Der Spieler Raffael Tepmann sieht dafür die gelbe Karte. Als Makkabi-Kapitän Vernen Liebermann dann seine Mitspieler auffordert, den Rasen zu verlassen, sieht er Gelb-Rot. Liebermanns Platzverweis in der 78. Minute ist schließlich auch der Auslöser für die Mannschaft, den Platz geschlossen zu verlassen. Die Spieler des VSR Altglienicke entschuldigen sich für ihre Zuschauer. Einer aus der Altglienicker Mannschaft verständigt auch die Polizei. Aber als diese nach einer Stunde eintrifft, sind die Störer längst von der Zuschauerbank verschwunden.

Allerdings wurden die Makkabi-Fußballer auf dem Weg zum Parkplatz noch von einigen der Hooligans körperlich bedroht und provoziert, berichten sie später: "Die haben uns Schläge angedroht und es wohl darauf angelegt, dass wir zuerst zuschlagen. Wir sind aber nicht darauf eingegangen.", sagt Alexander Zoi.

Milde Maßnahmen

Wegen der Ausschreitungen hat es ein Nachspiel gegeben, das ist automatisch so bei Spielabbrüchen, sodass der Fall im Oktober 2006 vor dem Sportgericht des Berliner Fußballverbandes zur Verhandlung kam. Schiedsrichter Brüning wird nun lebenslänglich gesperrt. Der VSR Altglienicke bekommt zusätzliche Auflagen: die nächsten Spiele hat der Verein unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen, er muss künftig Ordner stellen und Trainer und Spieler müssen an einem Antirassismus-Seminar teilnehmen.

Auch das Spiel gegen Makkabi soll wiederholt werden. Ein Schiedsrichtergespann aus drei Referees soll dafür sorgen, Streitigkeiten zu verhindern. Die Kosten der Spielwiederholung müssen allerdings beide Vereine tragen – TuS Makkabi und VSR Altglienicke. Der TuS Makkabi hat Berufung eingelegt gegen die Entscheidung des Sportgerichts. "Wir als Verein hätten uns gewünscht, dass der Fußballverband ein stärkeres Zeichen gesetzt hätte. Das ist leider verpasst worden", betont Tuvia Schlesinger, der Vorsitzende des TuS Makkabi. Dennoch: Die Berufung wurde abgelehnt, es bleibt bei den gemeinschaftlich zu tragenden Kosten für die Spielwiederholung und bei den restlichen beschlossenen Maßnahmen.

Die meisten Spieler der Makkabi-Mannschaft hätten sich aber ein anderes Urteil gewünscht. Zu milde sind die Maßnahmen gegen den VSR Altglienicke ausgefallen, meint zum Beispiel Stürmer Alexander Zoi. Er hält die Entscheidung, dass VSR Altglienicke zwei Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen musste, für relativ wirkungslos: "In unserer Liga kommt sowieso nur eine Handvoll Zuschauer", sagt Zoi.

Zurück zum Training unter dem Regiment von Ilja Slavinski. Er lässt seine Jungs nun gegeneinander spielen. In roten und signalgelben Westen rennen sie über den Platz. Dazwischen abermals Gelächter, laute Rufe, Wortfetzen hauptsächlich auf Deutsch und Russisch. Die Mannschaft, deren Spieler 60 bis 70 Prozent jüdischen Glaubens sind, war schon immer eng miteinander verbunden, man hält zusammen, kommentiert Spieler Georgij Aidinjan. Daran hat sich auch seit der Partie im vergangenen September nichts geändert. "Ans Aufhören hat bei uns nach dem Vorfall keiner gedacht", stellt Kapitän Vernen Liebermann klar. "Aber", bedauert Trainer Slavinski, "zwei gute Spieler möchten nicht mehr in Ostberlin spielen." Dabei wohnen einige der Makkabi-Spieler selbst im Osten – "aber das sind Ausländer", fügt Alexander Zoi hinzu.

"Wir wünschen uns Zivilcourage"

Fußball dient als Integrationsinstrument von Menschen verschiedener Nationalität, Kultur und Religion. Ausgerechnet diese hervorragende Leistung scheint von vielen Fans nicht anerkannt zu werden. Der Makkabi-Vorsitzende Schlesinger beobachtet, dass seit der Fußballweltmeisterschaft vom vergangenen Sommer Spielerbeschimpfungen gehäuft vorgekommen sind. "Ich spreche da nicht nur von Dingen, die uns passieren, sondern allgemein, es sind in der Bundesliga ... und in der Regionalliga Spieler beschimpft worden, es gehört mittlerweile zu jedem Wochenende, dass so etwas passiert", sagt er. Für Tuvia Schlesinger erklärt sich diese Entwicklung aber auch durch die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien: "Bestimmte Dinge, die früher nur hinter vorgehaltener Hand gesagt wurden, werden jetzt offen ausgesprochen. Man schämt sich nicht mehr, zu beschimpfen."

Die Spieler der zweiten Mannschaft haben ihr Training beendet, man trifft sich auf eine Cola im Clubheim. Auch Jan ist kurz da, das Auftreten auf dem belasteten Bein fällt ihm noch schwer. Die Spieler sprechen, gefasst und ganz in Ruhe auch über die Spielwiederholung gegen Altglienicke, haben keine besonderen Erwartungen: "Wir möchten nur Revanche und ein faires Spiel." Die Vorkommnisse machen aber klipp und klar: Wo der Spaß am Spiel getrübt wird durch menschenverachtende Parolen, muss es ernst werden. Die Spitzenverbände haben inzwischen reagiert; der DFB gründete unlängst eine Task Force gegen Rassismus, der Berliner Fußballverband startete eine Plakataktion gegen Fremdenfeindlichkeit. Nur müssen die gut gemeinten Maßnahmen auch wirklich ankommen in den unteren Ligen. "Wir wünschen uns vor allem Zivilcourage", sagt Spieler Zoi. "Das ist viel wichtiger als Polizeischutz oder andere Maßnahmen."