Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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18.1.2007 | Von:
Joachim Wolf

Schulungsort für den Massenmord

Die NS-Vergangenheit der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau

Hetzreden gehörten hier zum Programm: In der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau wurden Funktionsträger der NSDAP geistig vorbereitet auf die verbrecherischen Ziele des Nationalsozialismus.

3. Juli 1935: Der Vortrag von Julius Streicher

Fassade der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: WolfFassade der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: Wolf
Für die Auseinandersetzung mit dem heutigen, modernen Antisemitismus ist die Kenntnis der Geschichte des Holocaust unumgänglich. Wie die verbrecherische NS- Ideologie dabei in die Köpfe der Menschen, die an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt waren, "eingepflanzt" wurde, zeigt die Geschichte der ehemaligen Schule des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB) in Bernau bei Berlin. Denn während der der NS-Zeit war, so Prof. Dr. Deutschland, die Bernauer Schule ein Ort, "an dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit geplant und Menschen für den Massenmord geschult wurden". Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist ein Plädoyer für selbständiges, kritisches Denken, für die "Immunisierung" gegen jegliche Form von Antisemitismus.

Hetzreden gehörten hier zum Programm. So hielt beispielsweise der Herausgeber der antisemitischen Hetzzeitung "Der Stürmer", Julius Streicher, am 23. Juli 1935 in der Aula der Schule einen Vortrag, bei dessen Schlussteil es sich laut Philip Wegehaupt, Student der Berliner Technischen Universität, "möglicherweise um die früheste und radikalste antisemitische Äußerung eines prominenten Nationalsozialisten" handelt.


Am Ende seines Vortrags zum Thema "Judentum" hatte Streicher gesagt: "Aller Kampf ist umsonst, wenn der Kampf gegen die Juden nicht zu Ende geführt wird. Ja, man kann sagen, es genügt nicht, wenn wir den Juden aus Deutschland verbannen, nein, er muss auf der ganzen Welt totgeschlagen werden, damit die Menschheit von ihm befreit wird. Der Jude bereitete die Französische Revolution von 1789 vor. Der Jude schuf auch den Boden für die Revolte von 1918. Wenn Deutschland die Judenfrage löst, dann wird es gute Strahlen abgeben auch auf andere Völker. Es werden bestimmt noch schwere Tage kommen". Anschließend hatte Streicher noch gefordert, "im Kampf gegen die Juden konsequent" zu bleiben, "auch wenn es sich um die persönlichen Belange des Einzelnen handeln" würde.

In diesem "Aufruf zum weltweiten Judenmord" wird dabei laut Wegehaupt "eine Geisteshaltung offenbar, die den Holocaust schon Anfang/ Mitte der 30er Jahre als nahe liegend (und möglicherweise schon damals geplant) und nicht als letzte Stufe einer schrittweisen Radikalisierung nationalsozialistischer Judenpolitik begreifen lässt". Anhand dieser Äußerung sei erkennbar, dass bereits 1935 der Mord an den europäischen Juden wenigstens bei einem Teil der nationalsozialistischen Führungsclique "auf der Agenda stand". Das Dokument werfe sogar die Frage auf, ob es schon kurz nach der "Machtergreifung" so etwas wie einen "internen Masterplan" für die Vernichtung der Juden gegeben habe. Jedenfalls, so der Student der Geschichtswissenschaft, könne man festhalten, dass Julius Streicher bereits im Juli 1935, also noch vor den Nürnberger Gesetzen, eine physische Lösung der "Judenfrage" propagiert" habe.

Warum Streicher in seinem Vortrag so offen von der weltweiten Ermordung der Juden reden konnte, wird deutlich, wenn man sich die Doppelstrategie vor Augen führt, die das NS- Regime kurz nach der "Machtergreifung" verfolgte. Hannes Schneider, zu jenem Zeitpunkt Leiter der Schule in Bernau, erläutert diese Strategie: "Nur wenige erfassen den tiefen Inhalt des NS und ziehen die Konsequenzen, Propaganda richtet sich an die Massen, sie muß taktisch vorgehen, oft Zugeständnisse machen, ohne allerdings das Endziel aus den Augen zu verlieren. Die Schulung, die Erziehung richtet sich an die Auslese, (sie) kann und muß ein offenes Wort reden".

Gehört haben Streichers' "offene Worte" über die Ermordung der Juden in der Bernauer Schule schätzungsweise zweihundert "Studentenführer", die dort vom 10. bis zum 30. Juli 1935 an einer Schulung des "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes" teilgenommen haben. Hier sollten sie mit dem nötigen "ideologischen Rüstzeug" für kommende studentische Sommerlager ausgestattet werden. Der Plan dieser Schulung umfasste dabei neben der "fach-praktischen Schulung" und der "körperlichen Schulung" auch die "weltanschaulich-geistige Schulung". Ein Unterkomplex dieser "weltanschaulich-geistigen Schulung" war neben der "Vererbungslehre" und der "Bastardisierung und Bildung des Parasitentums" auch "das Judentum" - Streichers Vortrag gehörte zu diesem Unterkomplex. Bezeichnend ist dabei, daß ausgerechnet der Herausgeber des "Stürmer" einen solchen Vortrag hielt, betrieb dieses Blatt doch bereits seit 1923 eine besonders vulgäre Form der Hetzpropaganda gegen die jüdische Bevölkerung.

1933-1936: "Reichsführerschule"

Auf der Tagung des Zentrums fuer Antisemitismusforschung am 9.12.2006 in einem Hoersaal der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: WolfAuf der Tagung des Zentrums fuer Antisemitismusforschung am 9.12.2006 in einem Hoersaal der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: Wolf
Zwischen 1933 und 1936 fanden in der ehemaligen Bundesschule des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB) rund 25 solcher weltanschaulichen Schulungen statt. Alle liefen dabei zumindest nach einem ähnlichen Muster ab. Behandelt wurden hier Themen wie "Der ewige Kampf der Unvernunft mit der Vernunft, der liberal-marxistisch-bolschewistischen Welt mit der Welt organisch göttlicher Gesetzmäßigkeit" und "Kampf als Quelle des Lebens, die Polarität der Kräfte, das Recht des Stärkeren, Werte und Kräfte". Im Themenkomplex "Rassenlehre" ging es unter anderem um "die biologische, anatomische und physikalische Begründung der Rassen und ihrer Unterschiede". Schon an diesen Titeln lässt sich unschwer der "verbrecherisch-pseudowissenschaftliche Inhalt der Schulungen" (Wegehaupt) erkennen.

In der "Reichsführerschule" konnten dabei längere und damit intensivere Schulungen vor einem größeren Publikum durchgeführt werden als in anderen Schulen dieser Art. In der Ankündigung des Lehrplans für das Jahr 1936 heißt es dementsprechend, in der Bernauer Schule würde die "höchste Form der Schulung" stattfinden. Die Schulungskurse dauerten dabei jeweils drei bis vier Wochen. Die Kapazitäten der Schule reichten aus, um permanent 120 Personen zu schulen, zu verpflegen und unterzubringen. Aus all diesen Gründen nennt Philip Wegehaupt die Schule die "wichtigste nationalsozialistische Schulungsanstalt in den Anfangsjahren der Diktatur".

Bereits wenige Monate nach der "Machtergreifung", am 16. Juli 1933, war die Bernauer Schule als "Reichsführerschule" der NSDAP und der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) in Anwesenheit von Adolf Hitler mit einem großen Festakt eröffnet worden. Das NS- Regime hatte dabei- wie bei der Schaffung vieler anderer weltanschaulicher Schulungsorte auch- auf eine bereits vorhandene schulische Infrastruktur "zurückgegriffen": Am 2. Mai 1933 war die ADGB Bundesschule in Bernau von den Nationalsozialisten besetzt und geräumt worden. Diese Besetzung und Räumung verlief dabei laut Dagmar Lieske – wie Wegehaupt Mitglied einer Arbeitsgruppe um den Berliner Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz – vergleichsweise "friedlich" und "unspektakulär". Denn: In ganz Deutschland hatten das NS-Regime an diesem Tag damit begonnen, die "Fundamente der Arbeiterbewegung" zu zerschlagen – Partei- und Gewerkschaftsbüros wurden besetzt, Funktionäre und Mitglieder verhaftet, gefoltert und später umgebracht.

Während der Eröffnung der "Reichsführerschule" im Juli 1933 verkündete der Chef der "Deutschen Arbeitsfront", Robert Ley, dass die Schule – aus seiner Sicht einst "Festung des Marxismus" und Mittelpunkt des "geistigen Zerfalls Deutschlands" – nun zu einem "Symbol für das Wiedererstarken Deutschlands" geworden sei. Laut Ley sollten hier nun "die Führer der Partei auf die kommende Phase des Kampfes um Deutschland" vorbereitet werden. Dieser Kampf sei dabei erst beendet, "wenn der letzte anständige Deutsche Nationalsozialist geworden ist und die nationalsozialsozialistische Weltanschauung im Volk so verankert ist, daß für Jahrhunderte und Jahrtausende niemand anders den Anspruch auf die geistige Führung Deutschlands erheben kann als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei". Das Kernstück und die Basis dieser nationalsozialistischen Weltanschauung war dabei der Rassismus bzw. der Antisemitismus.

In diesem Sinne wurde von der Eröffnung der "Reichsführerschule" an in dem einstigen ADGB- Gebäude die NS- Elite geschult. Die Bernauer Schule war somit zu einer "Pflegestätte der NS- Weltanschauung" geworden. Hier wurden hochrangige Parteimitglieder und Funktionsträger "mental auf die verbrecherischen Ziele des Nationalsozialismus vorbereitet" (Wegehaupt). Der Vortrag von Julius Streicher ist nur ein Beispiel hierfür.

1936-1945: "SD-Führerschule"

Im Laufe des Frühjahrs 1936 übernahm dann das Sicherheitshauptamt der SS von der Reichsorganisationsleitung der NSDAP den Gebäudekomplex in Bernau, der nun unter der Bezeichnung "SD- Führerschule Bernau" als Ausbildungs- und Tagungsort der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS genutzt wurde. Die Schule hatte dabei eine nach militärischem Muster organisierte Führung: Sie wurde von einem Kommandeur geleitet, dem ein Adjutant zur Seite stand. Erklärtes Ziel der dort stattfinden Schulungen war die Verknüpfung von beruflicher Ausbildung und ideologischer Indoktrination. Über Sinn und Zweck dieser ideologischen Indoktrination hatte sich der "Spiritus Rector" des Sicherheitsdienstes der SS, Reinhard Heydrich, bereits im Oktober 1935 geäußert, als er gefordert hatte, man müsse sich "erst einmal geistig gleichrichten, daß jeder über jeden Gegner gleichermaßen denkt, ihn gleich grundsätzlich ablehnt". Zu den Referenten der "SD- Führerschule" in Bernau gehörte dementsprechend neben dem Leiter des Sicherheitsdienstes innerhalb des RSHA, Otto Ohlendorf – nach dem Überfall auf die Sowjetunion verantwortlich für die Ermordung von ca. 90.000 Zivilisten –, auch der zentrale Organisator der Deportation von über 3 Mio. Juden und der "Endlösung", Adolf Eichmann.

Ein Beispiel für die erfolgreiche Indoktrination mit der antisemitischen NS-Ideologie ist der SD-Mitarbeiter Rolf Mühler, der in einem als Teil der Abschlussprüfung der Bernauer Schule verfassten Arbeit schreibt: "Bei der Bekämpfung der liberalistischen Weltanschauung und ihrer verschiedenen Erscheinungsformen ist heute maßgeblich die Tatsache, dass sich diese weltanschaulichen Gruppen, die selbst zu schwach sind, um aktiv in die Politik eingreifen zu können, hinter Moskau verschanzen. Ausschlaggebend ist, dass sowohl in Sowjetrussland als auch in den großen Demokratien die Juden die treibenden Kräfte sind." Dass diejenigen, die in Bernau geschult wurden, dann auch an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, zeigt ein weiteres Beispiel: Karl Tschierschky, der sich 1931 zu SS gemeldet hatte und 1935 hauptamtlicher Mitarbeiter im "Rasse- und Siedlungshauptamt" geworden war, hatte nach Kriegsbeginn die Leitung der Einwandererzentralstelle (EWZ) Litzmannstadt inne, die für die Ansiedlung von etwa 500.00 "volksdeutschen Umsiedlern" in den ehemaligen westpolnischen Gebieten zuständig war. Damit verbunden war auch die Deportation und Ermordung der dort ansässigen Polen und Juden. Von Juni 1941 bis Ende 1942 war er Stabsangehöriger der Einsatzgruppe A, die im Baltikum bis Frühjahr 1942 für den Mord an 248.000 Juden verantwortlich zeichnete. Ein Jahr vor Kriegsbeginn hatte Tschierschky in der Bernauer Schule "erfolgreich" am zweiten "Sturmbann – Lehrgang" (17. Januar bis 12. Februar 1938) teilgenommen und war dann einer der wenigen gewesen, die anschießend ins SD-Hauptamt versetzt worden waren.

Somit waren die Lehrgänge, die in der Bernauer Schule stattfanden, "schon vor Kriegsbeginn das Mittel, um weltanschaulich hoch motivierte und vielseitig einsetzbare SS-Führer heranzubilden, die als Exekutoren des Völkermordes in allen Teilen des nationalsozialistischen Herrschaftsgebiets in Erscheinung traten". Nach Kriegsausbruch hätten dann die in den "weltanschaulichen Schulungen" transportierten rassistischen Grundaussagen lediglich dahingehend eine Erweiterung erfahren, "daß die Begründung für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg insbesondere in Osteuropa stärker in den Mittelpunkt" gerückt seien, so das Mitglied der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Wolfgang Benz, Mario Menzel weiter.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als "eine dringliche Aufgabe"

Das studentische Forschungsprojekt hatte sich vor gut drei Jahren auf Anregung des Vorsitzenden des Vereins "baudenkmal bundesschule bernau", Prof. Dr. Heinz Deutschland, gegründet. Deutschland hatte bei Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, angefragt, ob Studenten der Technischen Universität Berlin nicht im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten die NS-Geschichte der ehemaligen ADGB – Bundesschule in Bernau erforschen wollten. Am 9. Dezember 2006 stellte die Forschungsgruppe ihre Ergebnisse in der Bernauer Schule vor. Die ausführlichen Beiträge der Studenten und Absolventen werden im Frühjahr 2007 in Form einer Broschüre erscheinen.

Dabei war, so Wolfgang Benz, die Erforschung der NS- Vergangenheit der Bernauer Schule ein "Stück notwendige Aufklärung". Denn: Damit sich die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 nicht wiederholten, sei die Kenntnis der Geschichte dieser Zeit notwendig. Auch Prof. Deutschland nannte die Auseinandersetzung mit der NS- Vergangenheit "angesichts der uns bekannten und beunruhigenden Aktivitäten von Neonazis und Rechtsextremisten, (...) eine besonders aktuelle und dringliche Aufgabe".
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