Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.1.2007 | Von:
Holger Kulick

"Die Aufklärer aufklären"

Interview mit Wolfgang Benz

Wo beginnt Antisemitismus? Was sollten Lehrer wissen, um ihm zu begegnen? Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, im Interview mit Holger Kulick.

Gesehen auf einer Parkbank am Berliner Weissen See im Januar 2007.Gesehen auf einer Parkbank am Berliner Weissen See im Januar 2007. (© Kulick)

"2+2 ist 4" - Was Lehrer über Antisemitismus wissen sollten

Das "Geschäft der Wissensvermittlung, der Aufklärung ist sehr viel schwerer geworden", deshalb sei der Beruf des Lehrers anspruchsvoller, als er früher war, besonders, was Vermittlung von Wissen über das Dritte Reich, die Judenverfolgung und Antisemitismus betrifft, sagt Professor Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. In Berlin fragte ihn Holger Kulick um Rat.

Holger Kulick: Herr Professor Benz, wenn sich Schüler auf dem Schulhof mit "Du Opfer, du Jude!" beschimpfen – ist das schon Antisemitismus?

Wolfgang Benz: Es ist sehr schwierig, zu bestimmen, wo pure Gedankenlosigkeit in Absicht umschlägt. Wenn ich zum Beispiel sage, du handelst wie ein Jude, was in meiner Jugend völlig Gang und Gäbe war, habe ich mir nicht zwangsläufig irgendetwas böses dabei gedacht. Es gab zu meiner Jugendzeit auch ein Spiel, das hieß "Judeln", da wurden Geldstücke geworfen. Keiner von uns wusste, was ein Jude ist, von Antisemitismus hatte man keine Ahnung, wir waren brave, gutartige Schüler. Aber das soll jetzt nicht entwarnen. Irgendwann lassen sich nämlich solche Stereotypen, die ja da drin stecken auch instrumentalisieren, deshalb kann man sie nicht einfach abtun.


Bedenklich ist auf jeden Fall, wenn sich so ein Sprachgebrauch einschleicht, wenn "Du Jude" tatsächlich ein Schimpfwort wird, dann kann man es nicht abtun. In einer demokratischen Gesellschaft muss ein Lehrer das auch auffangen und besprechen, wenn jemand "Du Verlierer!" schimpft. Das ist ungefähr analog. Das kann man nicht einfach stehen lassen und sagen, das ist halt Neudeutsch oder ein Jugendslang, die meinen das nicht so. Sondern man muss aufmerksam sein und das hinterfragen.

Was aber tun, wenn sich Schüler nicht belehren lassen, sei es als junge Mitläufer aus der Neonaziszene, die meinen, ihren Opa zu verteidigen, oder als muslimische Schüler, die nichts über Israel und den Holocaust wissen wollen?

Ich kann immer nur empfehlen, nichts stehen lassen, nicht einknicken. Wenn ein Schüler, der aus einer arabischen Familie kommt, bei der Nennung des Begriffs Israel oder Holocaust aufsteht und sagt, das ist mit meiner Ehre nicht zu vereinbaren, ich kann das nicht anhören, kann man das nicht so stehen lassen. Dann muss man in aller gebotenen Freundlichkeit sagen, das ist Lehrstoff. Ich kann auch nicht sagen, Algebra ist mit meiner Familienehre nicht vereinbar oder Geometrie ist aus emotionalen Gründen für mich nicht hinnehmbar, nein, das ist Lehrstoff. Damit haben solche emotionalen Bekenntnisse nichts zu tun, oder aber sie werden mit der entsprechenden Note quittiert. Wir müssen denen dann aber auch klar machen, dass nicht in ihre Gesinnung eingegriffen werden soll und ihre Familienehre nicht zur Disposition steht.

Es gibt ein Grundwissen über den Staat Israel, ein Grundwissen über den Genozid an den Juden, das verbindlicher Lehrstoff ist, und das man nicht mit dieser Gebärde "mein Patriotismus erlaubt mir das nicht" stehen lassen kann. Das ist sicherlich eine Herausforderung für Pädagogen. Ich erlebe nicht selten, dass Lehrer unsicher reagieren und an dem Punkt kneifen. In Sachsen verteidigten sich Lehrer mit der Auffassung, das sei jetzt die neue Toleranz und die neue Demokratie, dass alle Meinungen gelten müssen. Und wenn nun der eine sagt, den Holocaust habe es nicht gegeben, weil sein Vater das glaubt, dürfe man dem nicht in die Parade fahren, sondern müsse das dann als Meinung tolerieren. Ein unglaublicher Fehler! Es gibt Wissensstoff, es gibt Tatsachen, die junge Leute zu ihrem Vorteil wissen müssen und wo man dann nicht, nur um seine Ruhe zu haben, oder um nicht das große Krakeelen in der Klasse zu kriegen, nachgeben darf.

Sind das denn vor allem Neonazis, die auf diese Weise auffallen?

Nicht unbedingt. Es können auch Schüler sein, wo einfach der Opa zu Hause herumgenölt hat und der Enkel das ohne zu hinterfragen als wahr in die Klasse transportiert und die Lehrerin nicht sagt, das ist Unsinn, das ist Quatsch, weil sie das für Meinungsfreiheit hält. Aber zwei und zwei ist nicht Meinungssache, ob das jetzt fünf, sechs oder sieben ist, sondern nach Erkenntnissen des Faches Mathematik ist zwei plus zwei vier. Und wer das nicht zu akzeptieren vermag, der hat dann in diesem Fach versagt. So ist das mit historischen Tatsachen oder demokratisch politischen Zusammenhängen natürlich auch: Es steht nicht zur Disposition, ob der Holocaust stattgefunden hat. Es steht nicht zur Disposition, ob es sechs Millionen Juden waren oder 200.000, wie in rechtsextremen Gazetten gelogen wird, sondern das ist ein wissenschaftlich gesicherter Fakt.

Ein Lehrer muss also unbedingt daran festhalten, dass es bei aller Toleranz und aller Meinungsfreiheit einen bestimmten Kanon von Tatsachen und Fakten gibt, die so akzeptiert werden müssen. Sicher ist das heute schwieriger, als vor 30 Jahren, heute haben die Lehrer andere Autoritätsprobleme, weil die Informationsrevolution im Internet vieles in den Bereich der Beliebigkeit gerückt hat. Es gibt zu jeder Meinung eine Gegenmeinung, zu jedem Satz auch eine esoterische Vermischung von Realität und Fiktion. Das Geschäft der Wissensvermittlung, der Aufklärung ist dadurch sehr viel schwerer geworden, deshalb ist der Beruf des Lehrers anspruchsvoller geworden, als er früher war. Dem muss man Rechnung tragen und die Lehrer entsprechend ausbilden und fortbilden und ehren, für das, was sie tun. Die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrers ist auch ein wichtiger Teil unserer Bildungspolitik. Daran mangelt es vielfach.

Wolfgang Benz auf der Konferenz "Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis" der Bundeszentrale fuer politische Bildung/bpb am 11. Dezember 2006 in BerlinWolfgang Benz auf der Konferenz "Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis" der Bundeszentrale fuer politische Bildung/bpb am 11. Dezember 2006 in Berlin
Wie erklärt ein guter Lehrer denn am besten Antisemitismus?

Sie wissen, das ist nicht einfach, denn beim Antisemitismus ist der Umstand ganz besonders ausgeprägt, dass jeder Deutungshoheit darüber beansprucht und viele beteuern, ach das habe ich doch gar nicht anisemitisch gemeint. Ich habe das bei der Möllemann-Affäre gelernt, als ich häufig vor Mikrofone und Kameras gebeten wurde. Zunächst einmal gibt es diese Nachdenklichkeit: Ja, da müssen wir aber erst mal nachdenken, was überhaupt Antisemitismus ist. Und jetzt scheiden sich die Geister, die einen hängen die Schwelle ganz niedrig, da ist also dann jeder schiefe Blick, den man einem Juden zukommen lässt, schon ein schwerer, zu äußerstem Alarm nötigender Fall von Antisemitismus. Und bei der anderen, und mindestens genauso verbreiteten Version ist Antisemitismus, wenn man pauschalisiert und sagt, "die Juden lügen", "die Juden betrügen alle" und "die Juden haben eine verbrecherische Religion".

Doch dann behaupten andere, das ist doch kein Antisemitismus, das ist doch nur eine Meinung, Antisemitismus beginne frühestens, wenn man einen Juden an der Gurgel packt. Also unterhalb brachialer Gewalt oder unterhalb staatlich verordneter Verfolgung gebe es gar keinen Antisemitismus. Aber das ist der Versuch, den Alltagsantisemitismus, die alltägliche Judenfeindschaft klein zu reden und zu sagen, das, was bei Hitler war, mit dem wollen wir natürlich nichts zu tun haben. Das war ganz schlecht. Und davon sind wir ganz weit distanziert und so etwas gibt es ja heute auch nicht. Und tatsächlich gibt es ja in der Bundesrepublik Deutschland kaum brachiale Gewalt, kaum Radau, selten offene antisemitistische Pöbeleien gegen Juden, sondern es spielt sich alles auf einer sehr viel feineren, verdeckteren Ebene ab.

Woran lässt sich das erkennen?

Für Außenstehende nicht einfach. Da gibt es Feinheiten, die sind längst eingeübt, also bestimmte Chiffren und Codes, um sich zu verständigen. Man muss sich ja nicht strafbar machen, indem man sagt, "die Juden sind eine betrügerische Bande von Leuten, die nur an Geld interessiert sind und an der Wallstreet das Finanzsystem der Welt in den Händen haben". Statt dessen können sich zwei Judenfeinde leicht mit dem Tarn-Begriff "Ostküste" verständigen, da ist das alles drin und gesagt. Man muss auch nicht grob und unflätig werden, sondern man sagt etwa "Die Herrschaften da, na Sie wissen schon" und hat sich darüber verständigt. In solchen Kreisen muss man nicht sagen, ich halte Juden für schlecht und ich kann Juden nicht ausstehen, sondern verständigt sich über solche Chiffren. Und das ist dann die Verständigung darüber, dass zum Beispiel die Juden angeblich viel zu viel Einfluss in der Politik, in der Wirtschaft, in der Presse, in der Kultur, wo immer man will, haben, oder dass sie viel zu viele Subventionen bekommen oder vom Staat erpressen. Das funktioniert alles über Chiffren, auch deshalb, weil offener Antisemitismus und Volksverhetzung in unserem Lande verpönt und kriminalisiert sind, gibt es diese stillschweigenden Verabredungen.

Nimmt das zu?

Ob das wiederum zunimmt oder abnimmt, das ist die schwierige Frage. Ich bin mit den Kollegen der Antisemitismusforschung eigentlich ziemlich einig, Judenfeindschaft nimmt nicht zu und es nimmt nicht ab, das ist eine ziemlich gleich bleibende Konstante. Der Bodensatz an judenfeindlicher Einstellung wird ja auch regelmäßig mit Mitteln der Demoskopie gemessen, klar, es gibt Ausschläge und auch immer Reaktionen auf mediale Ereignisse. Wenn ein großer Zeitungsartikel, sagt, dass es immer schlimmer wird mit den Friedhofsschändungen, zieht das garantiert Friedhofsschändungen nach sich, und dann wird es für einige Zeit schlimmer und dann beruhigt sich das wieder. Der langfristige Trend ist gleich bleibend mit vielleicht einer leicht abnehmenden Tendenz, bewirkt durch mehr Bildung und Aufklärung. Aber diese Schwankungen, sind so gering, dass man sie nicht hervorheben muss. Im Weltbild von ungefähr 20 Prozent der Deutschen spielen judenfeindliche Einstellungen eine Rolle.

Ist also jeder fünfte Deutsche ein Antisemit?

Nein, nicht automatisch. Denn zumindest ist nicht jeder Fünfte, wie das die Schlagzeile "Jeder fünfte Deutsche ein Antisemit!" Glauben macht, einer, der mit dem Messer durch die Straßen läuft und wie es in einem Nazi-Lied heißt, "Judenblut spritzen" sehen will, sondern das sind Leute, die mehr oder weniger starke Reserven haben gegenüber dem Jüdischen, die zum Teil ererbte Feindbilder haben, also Stereotypen, dass die Juden angeblich unverhältnismäßig stark in der Presse vertreten sind oder so etwas, ohne dass sie das als Hetze oder Verletzungsanweisung verstehen. Beispiel: Ein Mann wird gefragt "Möchten Sie, dass Ihre Tochter einen Juden heiratet?" "Nein", sagt er, und hat sich natürlich damit einen Platz erworben in der Skala der Leute mit antijüdischer Einstellung.

Er ist aber vielleicht ein fundamentalistischer Protestant. Für den ist das genauso schlimm, ob die Tochter einen Katholiken heiratet oder einen Juden, aber das wird nicht gefragt. Es wird nur gefragt "Möchten Sie als Schwiegersohn einen Juden?". Nein, das möchte er nicht, aber er möchte genauso wenig einen Katholiken "Möchten Sie gerne in einer Gegend wohnen, wo sehr viele Juden ihre Wohnungen haben?" Nein, möchten Sie nicht. Nicht weil Sie was gegen Juden haben, aber weil Sie ein ängstlicher Mensch sind und Rechtsextreme viel mehr fürchten als alles andere. Und in Gegenden, wo viele Juden wohnen, kommen dann vielleicht auch diese Neonazis und es gibt Radau und die Polizei kommt. "Ich will lieber unter Spießern wohnen, wo es ganz ruhig ist". Aber die Antwort bringt den, der sich so äußert, natürlich auf die Seite derer, die eine negative Einstellung gegenüber Juden haben.