Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

23.1.2007 | Von:
Beate Küpper/Andreas Zick

Antisemitismus in Deutschland

Das traditionelle Vorurteil und seine Transformationen

Antisemitismus ist ein soziales Vorurteil, eine Einstellung, die erlernt und weitergegeben wird. Andreas Zick und Beate Küpper untersuchen das Phänomen Antisemitismus – und fordern zivilgesellschaftliche Antworten.

Ausgangspunkt

Gesehen in Schierke in Sachsen-Anhalt im Harz.Gesehen in Schierke in Sachsen-Anhalt im Harz. (© Foto: MUT-Archiv)
Man könnte den Antisemitismus als ein unscharfes, problematisches oder gar heikles Phänomen betrachten, berücksichtigt man viele aktuelle Diskurse, in denen Einstellungen gegenüber Juden und dem Judentum im Kontext einer Beurteilung der Lage im Nahen Osten geäußert werden. Protagonisten unterschiedlichster politischer Couleur weisen erbost jeden Vorwurf des Antisemitismus zurück, wenn sie die israelische Politik als Politik jüdischer Mehrheiten kritisieren. Während die einen dies als legitime Kritik interpretieren, beurteilen andere die entsprechend vorgebrachten Argumente als Ausdruck eines modernen Antisemitismus.

Einige Experten schätzen den aktuellen Antisemitismus als besonders neu und gefährlich ein, andere sehen das mit dem Verweis auf die Geschichte gelassener. Einige beurteilen den Antisemitismus als singuläres Phänomen, andere als Facetten einer generalisierten Feindseligkeit. Viele Diskussionen über den Antisemitismus sind dadurch aufgeladen [1], und die Debatte ist bei aller Fokussierung auf den 'deutschen Sonderfall' weltweit angespannt. Da muss eine Einschätzung über das Potenzial und die Ursachen antisemitischer Mentalitäten schwer fallen. Und vielleicht liegt auch deshalb noch immer keine Konzeption des Antisemitismus vor, die auf einem Konsens beruht. Es fehlt eine systematische kulturvergleichende Studie, und die Interpretationen und Kommentierungen des Antisemitismus lassen auch eine mehr oder minder gewollte klare Positionierung des eigenen Standpunktes vermissen.


Im vorliegenden Beitrag wird der Versuch unternommen, sich der Einschätzung sozialpsychologisch zu nähern, das heißt
  1. mit gebotener normativer Distanz
  2. dem Motiv, auf der Grundlage einer klaren Begrifflichkeit und Annahmen zu argumentieren, die sich aus einer theoretischen Position ergeben und
  3. einer empirischen Orientierung, die danach fragt, wie und ob sich in der Meinung von Befragten unterschiedliche Facetten des Antisemitismus identifizieren lassen, wie diese und mit welchen anderen Faktoren sie zusammenhängen.
Dabei werden die empirischen Analysen auf der Grundlage der Daten aus Umfragen des Projektes "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" durchgeführt[2] (weitere Ergebnisse aus anderen Umfragen siehe auch Zick/Küpper 2005a).

Ausgangspunkt ist dabei ein grundsätzliches Verständnis des Antisemitismus als soziales Vorurteil, das aus einer sozialpsychologischen Perspektive zunächst auf denselben Mechanismen basiert und dieselben Funktionen erfüllt, wie andere Vorurteile auch. Vorurteile lassen sich anhand von fünf zentralen Merkmalen definieren:
  1. Vorurteile stellen aus sozialpsychologischer Sicht 'intergruppale Phänomene' dar. D.h. sie sind negative individuelle Affekte, Kognitionen und Verhaltensintentionen, die ein Individuum auf der Basis seiner Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen (Ingroup) gegenüber anderen sozialen Gruppen (z.B. Juden, Judentum) oder Individuen (Juden), weil sie Mitglieder von Outgroups sind, äußert (Zick 1997; zum Antisemitismus vgl. Klug 2003). Der Kern des Vorurteils besteht darin, dass es Gruppen ungleich in ihrem Wert macht.
  2. Die wesentliche soziale Funktion des Vorurteils ist, dass sie eine Aufwertung oder Stabilisierung jenes Selbstwertes bietet, der durch die Mitgliedschaft und soziale Identität, die aus der Gruppenzugehörigkeit resultiert, definiert ist (Tajfel 1982). Daneben erfüllen Vorurteile wie der Antisemitismus nach Annahmen der Theorie Sozialer Dominanz (Sidanius/Pratto, 1999) die Funktionen einer Legitimierung der Abwertung vermeintlich statusniedriger Gruppen und ihrer Mitglieder (Überlegenheit) sowie Wissensfunktionen (das Vorurteil wird als Mythos geglaubt) (vgl. zur Theorie auch Zick/Küpper 2006a).
  3. Gerade weil Vorurteile einen gemeinsamen Kern teilen und unterschiedliche Vorurteile dieselben Funktionen erfüllen können, hängen Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Gruppen eng zusammen und bilden u.E. ein Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2002). Das heißt, wenn eine Person antisemitische Einstellungen hat, dann ist es auch wahrscheinlich, dass sie Vorurteile gegenüber anderen Gruppen hat.
  4. Dabei ergeben sich die Charakteristika eines spezifischen Vorurteils – wie eben des Antisemitismus – aus historisch überlieferten Stereotypen sowie der besonderen Beziehung und dem Kontext der Beziehung zwischen Ingroups und Outgroups.
  5. Ferner wäre unter Berücksichtigung zentraler Befunde der Vorurteilsforschung zu unterscheiden zwischen traditionell offenen Ausdrucksformen und modernen subtilen Vorurteilen, die versteckt geäußert werden, im Kern aber wie traditionelle Vorurteile letztendlich auch die Ungleichwertigkeit von Gruppen akzentuieren.[3] Während es weitgehend Übereinstimmung über traditionelle Vorurteile gibt, sind moderne Vorurteile theoretisch genauer zu entschlüsseln.[4]
Auf der Grundlage dieser Grundkonzeption wird im Folgenden zunächst eine empirische Einschätzung traditioneller antisemitischer Vorurteile in Deutschland vorgenommen, bevor eine theoretisch und empirisch engere Analyse des modernen Antisemitismus vorgeschlagen wird, den wir als transformierten Antisemitismus verstehen.

Fußnoten

1.
aber nicht allein dadurch. Der Antisemitismus hat in der Propaganda eine tradierte Rolle, auf die der vorliegende Beitrag nicht näher eingehen kann.
2.
Die GMF-Studie führt seit 2002 jährlich eine repräsentative Meinungsumfrage durch sowie begleitend eine Längsschnittstudie, in der immer dieselben Personen befragt werden. Die Studie wird von Wilhelm Heitmeyer (Universität Bielefeld) geleitet und von einem Stiftungskonsortium der Volkswagen, Möllgaard und Freudenberg Stiftung gefördert. Wesentliche Ergebnisse sind jährlich in dem Band "Deutsche Zustände", hrsg. von W. Heitmeyer, Suhrkamp Verlag, dokumentiert.
3.
Ob sich offene und subtile Vorurteilsfacetten unterscheiden lassen, ist bereits eine empirische Frage.
4.
Es liegt eine Vielzahl von Theorien moderner Vorurteile vor, die sich z.B. darin unterscheiden, ob sie meinen, dass sich subtile Vorurteile eher im Verhalten zeigen, oder von unterschiedlichen Ursachen subtiler Vorurteile ausgehen (zur Übersicht vgl. Zick 1997).

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