Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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"Es scheint, als würde in Deutschland gerade ein letztes Tabu fallen"

Interview mit Charlotte Knobloch


31.1.2007
Misstrauisch beobachtet Charlotte Knobloch, dass antisemitische Vorurteile in einigen Gesellschaftsschichten breite Akzeptanz erfahren. Für die Schule fordert sie ein intensives Nachdenken über die Würde des Menschen – und darüber, wie aus Menschen Täter werden.

Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden, am Donnerstag, 2. November 2006 in Berlin.Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden, am Donnerstag, 2. November 2006 in Berlin. (© AP)
Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, über aktuelle antisemitische Vorfälle, die sie "tatsächlich an jene Zeit erinnern, die ich als Kind erleben musste", aber auch über Zeichen, die sie hoffen lassen, wie die wachsende Zahl neu errichteter Synagogen: "Wir zeigen damit, dass es Hitler nicht gelungen ist, uns zu vernichten." Das Gespräch führten Holger Kulick und Stefan Lampe.

Am 29. Januar gedachte der Deutsche Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. Ist das für Sie eher gesellschaftspolitische 'Pflichtübung' oder tatsächlich öffentliche Zeichensetzung, die auch einen Bewusstseinswandel in der Bundesrepublik dokumentiert?

Charlotte Knobloch: Für mich ist die Gedenkstunde des Bundestages alles andere als eine "Pflichtübung". Vielmehr machen die gewählten Repräsentanten des deutschen Volkes damit klar, dass sie sich gerade auch als politische Institution ihrer Verantwortung vor der Geschichte unseres Landes bewusst sind.

Wie nehmen Sie Antisemitismus im Alltag wahr? Hat sich da etwas gewandelt, nimmt er zu? Ist er plumper oder intellektueller geworden? Oder beides?

Stellenweise habe ich den Eindruck, dass antisemitische Vorurteile in einigen Gesellschaftsschichten breite Akzeptanz erfahren. Einige Vorfälle wie die Tatsache, dass im vergangenen Jahr ein Schüler in Parey gezwungen wurde, ein Schild zu tragen, dessen diffamierender Wortlaut wörtlich von einem Schild aus dem Jahr 1935 übernommen wurde, erinnern mich tatsächlich an jene Zeit, die ich als Kind erleben musste. An den Schmähbriefen, die bei den jüdischen Gemeinden eingehen, können wir erkennen, dass die Absender inzwischen auch den gebildeten Schichten zuzurechnen sind.

"Du Opfer! Du Jude!" sind immer gängigere Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen, berichten uns Lehrer. Ist das etwas, was auch Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland wahrnehmen? Was hat das für Auswirkungen auf betroffenen Schüler und wie sollte von Lehrern darauf reagiert werden? Was sollte sich an Schulen ändern, um Antisemitismus vorzubeugen? Oder auch in den Medien?

Es scheint, als würde in Deutschland gerade ein letztes Tabu fallen. Ich gehe nicht davon aus, dass alle Schüler, die "Du Jude" als Schimpfwort benutzen, einem rechtsextremen oder neonazistischen Umfeld zuzurechnen sind. Aber offensichtlich fehlt hier Sensibilität und historisches Bewusstsein – nicht zuletzt aus diesem Grund mache ich mich dafür stark, dass wir die Holocaust-Vermittlung an den Schulen überdenken.

Die moralische Dimension der Shoa und die Ableitung konkreter ethischer Handlungsanweisungen finden bei der Vermittlung historischer Fakten oftmals zu wenig Beachtung. Wir brauchen ein intensives Nachdenken über die Würde des Menschen, ein Verständnis für das "Wie" und "unter welchen Umständen" wurden und werden Menschen zu Tätern. Es müssen Transferleistungen zu den Herausforderungen der Gegenwart der Schülerinnen und Schüler erbracht werden.

Sie haben im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, als Sie sagten, "Antisemitische und rechtsradikale Attacken haben eine Offensichtlichkeit und Aggressivität erreicht, die an die Zeit nach 1933 erinnert". Ist dieser Vergleich für Sie noch aktuell? Und woran machen Sie das fest? Sind Politik und Gesellschaft seitdem wachsamer geworden?

Ich bin bereits darauf eingegangen, dass mich einige Vorfälle wie der geschilderte in Parey mich an die Zeit nach 1933 erinnern. Als Überlebende jener Jahre sind mir jene Szenen viel zu bewusst, als dass keine entsprechenden Erinnerungen geweckt werden würden. Ich habe den Eindruck, als sei meine Warnung auf einige offene Ohren gestoßen – im Frühjahr werde ich etwa bei einer Lehrerfortbildung in Sachsen-Anhalt über die solche Fragen und ihre konkrete Umsetzung im Unterricht sprechen.

"Du kannst also machen, was du willst, du erreichst nichts", formulierte Paul Spiegel einmal. Sie haben auf der Trauerfeier für Paul Spiegel hinzugefügt: "Wie froh hätte es uns alle gemacht, wenn Paul Spiegel diese Erkenntnis erspart geblieben wäre." Teilen sie inzwischen seine Erkenntnis?

Nein. Es gibt nämlich auch die anderen, positiven Entwicklungen, die zeigen, dass jüdisches Leben auch wieder zurückkommt. Deshalb bleibe ich Optimist.

Sie haben einen Demokratiegipfel angemahnt. Weil Sie Demokratie gefährdet sehen? Was sollte zum Kern eines solchen Gipfels gehören? Und wer gehört mit an den Tisch?

Ich habe das damals gefordert, weil ich der Meinung bin, dass wir uns immer wieder bewusst machen müssen, was es bedeutet, dass wir seit knapp sechzig Jahren in einer Demokratie leben dürfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, für dessen Bestand wir uns täglich einsetzen müssen – und mit "wir" meine ich nicht nur die Berufspolitiker, sondern uns alle als selbstbewusste Bürger dieses Landes.

Fühlen Sie sich ausreichend ernst genommen, was die Umsetzung eines solchen Gipfels betrifft? Und glauben sie, die Bundesregierung nimmt Antisemitismus und Rechtsextremismus ausreichend ernst?

In meinen Gesprächen mit Bundeskanzlerin Merkel habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Kanzlerin des Problems sehr bewusst ist und ganz konkret an Lösungsvorschlägen arbeitet.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland plant u.a. ein Symposium zur Rolle des Iran und der Zukunft im Nahen Osten. Lässt sich schon sagen, wann das sein wird, mit wem und welchem Ziel?

Die Vorbereitungen für eine solche Veranstaltung sind angelaufen. Wir werden die Öffentlichkeit rechtzeitig informieren, wann ein solches Symposium stattfinden wird, und wer die Teilnehmer sein werden.