Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.12.2006 | Von:
Andrea Röpke

Mitten in der Öffentlichkeit

Journalisten als Opfer

Die Journalistin Andrea Röpke ist mehrfach zum Opfer rechtsextremer Gewalt geworden, zuletzt Anfang November 2006 in Blankenfelde. Im Internet lancieren Neonazis Steckbriefe von ihr. Einschüchtern lässt sie sich dadurch aber nicht. Ihr Erfahrungsbericht.

Die Teilnehmer einer deutschen Neo-Nazi-Demonstration mit schwarzen Stiefeln nehmen an einem Spaziergang durch die Straßen von Hagen teil. Etwa 150 Menschen folgten dem Aufruf der deutschen National Party. (© AP)

Der 4. November 2006 sollte eigentlich ein Recherchetag wie viele andere werden. Bereits früh brachen wir in Richtung Berlin auf, um den konspirativ organisierten "Märkischen Kulturtag" der neonazistischen "Heimattreuen Deutschen Jugend" zu beobachten und zu dokumentieren. An zwei im Süden Berlins gelegenen Schleusungspunkten sammelten sich Neonazis, um dann gegen halb zehn am Vormittag in Richtung Blankenfelde nahe dem brandenburgischen Zossen zu fahren. Gemeinsam mit einem Fotografen postierte ich mich unauffällig, etwa hundert Meter vom Veranstaltungslokal der Rechtsextremisten entfernt, im Schutze des Besucherstromes neben dem Eingang eines belebten Supermarktes. Wir filmten, als immer mehr völkisch gekleidete Rechtsaußen eintrafen und vor dem Lokal von Wolfram Nahrath, dem letzten Bundesführer der 1994 verbotenen "Wiking Jugend", begrüßt wurden.


Weitere Autos trafen ein, Frauen in langen Röcken luden Kinderwagen aus. Glatzköpfe zogen sich die blaue Uniformjacke über. Es herrschte "Kluftzwang" beim "Märkischen Kulturtag". Aus Sicherheitsgründen hatten wir im Vorfeld das Landeskriminalamt in Berlin auf die verfassungsfeindliche Neonazi-Veranstaltung hingewiesen und um Weitergabe auch an die Kollegen in Brandenburg gebeten. Vor der extrem rechten Feier wird seit Jahren im brandenburgischen Verfassungsschutzbericht gewarnt. Dennoch war von der Polizei an diesem Samstagmorgen in Blankenfelde weit und breit nichts zu sehen.

Einer schrie meinen Namen

Dadurch ist es auch zu erklären, wie es schließlich zu einem gewaltsamen Angriff der Neonazis gegen uns kommen konnte. Mitten in der Öffentlichkeit, am helllichten Tag. Während wir filmten und fotografierten, bemerkten wir eine Unruhe bei Nahrath, er schaute in unsere Richtung und kurze Zeit später setzten sich drei Neonazis gezielt in Bewegung. Sie mussten noch eine befahrene Straße überqueren, so hatten wir Zeit in den Supermarkt zu flüchten und uns zwischen den Regalen zu verstecken. Die drei stürmten hinterher, zwei von ihnen kamen durch die Menschenschlange vor den Kassen direkt auf uns zu. Einer schrie meinen Namen. Dann ging alles sehr schnell. Während der jüngere Neonazi meinen Kollegen angriff und ihn somit davon abhielt, mir zu helfen, stieß mich der mir bekannte Funktionär der "Heimattreuen Deutschen Jugend", Sebastian Räbiger, mehrfach zu Boden.

Ich spürte seine unbändige Wut. Als ich mich wehrte und ihn filmte, versuchte er mir die Kamera zu entreißen. Mein Kollege rief um Hilfe. Räbiger ließ von der Kamera ab und schlug mir dann mit einem gewaltigen Hieb ins Gesicht. Mit dieser Gewalt hatte ich nicht gerechnet. Seelenruhig verließen die Neonazis daraufhin das Geschäft. Die Polizei traf erst 45 Minuten nach dem Angriff in Blankenfelde ein. Grüppchen von Neonazis hatten sich bis dahin immer wieder vor dem Supermarkt aufgehalten und sogar unsere Autos und die ankommenden Rettungssanitäter fotografiert.

Nicht der erste Angriff

Es war nicht der erste Angriff von Anhängern der "Heimatttreuen Deutchen Jugend" gegen Journalisten. Ein ehemaliger "Wiking Jugend"-Führer hatte uns bereits im August in Detmold mit dem Auto verfolgt und versucht, uns von der Straße zu drängen, nachdem wir ein geheimes Kinder- und Jugendzeltlager gefilmt hatten. Am Wahlabend im September in Schwerin griff ein Lübtheener HDJ-Anhänger einen Kamera-mann des NDR an und verletzte ihn am Auge. Dann der dreiste Überfall in Blankenfelde. Zahlreiche Neonazi-Organisationen fürchten nichts mehr als die Öffentlichkeit. Sie wollen ihre demokratie-feindlichen Veranstaltungen ungestört im Verborgenen durchführen. Beobachter waren auch bei der "nationalen Schuloffensive" der NPD im Bremer Umland unerwünscht. Ungestört verteilten Anhänger der nieder-sächsischen NPD die eigene Schüler-Zeitung "Der Rebell" an Jugendliche. Erst nach Monaten, im Dezember 2004, gelang es dem Fotografen André Aden im Auftrag des "Weser-Kurier", eine weitere Neonazi-Aktion vor einer Schule zu beobachten. Als er jedoch zu fotografieren begann, fuhr ihn der ehemalige "Stützpunktleiter" der NPD in Verden mit seinem Auto an. Nicht nur während des folgenden Prozesses wurde klar: Neonazis betrachten Journalisten immer häufiger als Freiwild - die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt bedenklich.

Es ist kein Zufall, dass der Angeklagte Verdener Neonazi vor Gericht ausgerechnet vom Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger verteidigt wurde. Der mehrfach verurteilte Rechtsanwalt hatte bereits Anfang der 90er Jahre vor laufenden Fernseh-kameras gedroht, dass Reporter "dran sind", wenn es einmal zu einer Abrechnung käme. Riegers Mandant wurde vor dem Amtsgericht in Verden wegen gefährlicher Körperverletzung und Eingriff in den Straßenverkehr zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, verurteilt.

Die NPD bemüht sich seit längerem, Journalisten auf Partei-tagen, Festen und auch Pressekonferenzen nicht ungestört arbeiten zu lassen, schreibt die "taz". Beim Bundespartei der NPD im November in Berlin wurden zahlreiche Journalisten von den Ordnern der Partei drangsaliert und schikaniert. Kritische Berichte, die die Partei entlarven, hintergründige Recherchen, die Strukturen aufdecken, stören die Neonazis.

"Schweinejournalist, dich kriegen wir"

"Schweinejournalist, dich kriegen wir", drohen auch Kamerad-schaftsanhänger gerne bei ihren Aufmärschen, wo mal kurz geschubst, getreten und geschlagen wird. Ein Fotograf wurde vor kurzem so schwer in den Unterleib getreten, dass er ärztlich behandelt werden musste. Und insbesondere Jürgen Rieger gilt als Initiator einer braunen Anwaltsriege, die gezielte Aggressionen gegen Journalisten juristisch zu untermauern versucht. Angestachelt durch Hinweise in einschlägigen Rechtsberatern wie der Broschüre "Mäxchen Treuherz" oder durch Veröffentlichungen auf den Seiten von Riegers "Deutschen Rechtsbüro" in Hamburg, einer "Selbsthilfegruppe zur Wahrung der Grundrechte nationaler Deutscher", werden immer mehr Journalisten Opfer rechtsradikaler Einschüch-terungsmaßnahmen. Dahinter steckt eine gezielte Strategie der Rechten gegen die ihnen verhassten "Systemmedien". So behaupten Rieger und Co. auf ihrer Homepage, Fotografen dürften bei Neonazi-Aufmärschen keine Portraitaufnahmen anfertigen und sie fordern: "Wenn jemand (bei Demonst-rationen) zu Unrecht fotografiert wird, ist er berechtigt, Notwehr zu leisten. Das bedeutet, dass er dem unberechtigten Fotografen den Film mit den unberechtigten Fotos wegnehmen darf, auch wenn es dabei zu einer Sachbeschädigung der Kamera und der Bilder kommt."

Viele im Fußvolk folgen den Anweisungen der Szenejuristen nur allzu bereitwillig. Vor allem dann, wenn sie wie Rieger zur Jagd auf Journalisten blasen. Im Mai 2005 griffen der aggressive Advokat und einige Angehörige seines "Heisenhofes" in Dörverden zwei Journalisten vor dem ehemaligen Bundeswehr-gelände mit Gewalt an, "um sie der Polizei zuzuführen". Der Fotograf wurde dabei vor den Augen der Polizei blutig geschlagen. Kurze Zeit später verurteilte ein Gericht in Rotenburg Rieger wegen einer weiteren Bedrohung zu einer Geldstrafe. Er legte daraufhin Berufung ein. Anfang Januar steht Rieger in Magdeburg vor Gericht, weil er bei einem NPD-Aufmarsch einen Gegendemonstranten geschlagen haben soll.

Nach dem Kunsturhebergesetz ist es Pressevertretern erlaubt, Portraitaufnahmen anzufertigen. Erst eine Veröffentlichung unterliegt einigen gesetzlichen Einschränkungen. Dennoch lassen sich immer häufiger Polizeibeamte von Neonazis einschüchtern und gegen Journalisten aufbringen.

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Autor: Andrea Röpke für bpb.de
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