Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

20.12.2006 | Von:
Joachim Wolf

Leugnen aus Tradition

Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Die Leugnung des Holocaust hat Tradition: Schon im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 leugneten viele der nationalsozialistischen Täter ihre Schuld. Ihre Strategie aus Lüge und Verfälschung wirkt bis heute nach.

Am 20.12.1963 beginnt im Frankfurter Rathaus Römer der Auschwitz-Prozess. Es ist der größte Strafprozess der deustchen Nachkriegsgeschichte.Am 20.12.1963 beginnt im Frankfurter Rathaus Römer der Auschwitz-Prozess. Es ist der größte Strafprozess der deustchen Nachkriegsgeschichte. (© AP)

Der Frankfurter Auschwitz-Prozess wurde im Dezember 1963 eröffnet. Angeklagt waren insgesamt 20 Personen – darunter Adjutanten des Lagerkommandanten, Mitglieder der Lager-Gestapo, KZ-Ärzte und ein Lager-Apotheker. Ihnen wurde vorgeworfen, in den Jahren 1940 bis 1945 im KZ Auschwitz "durch mehrere selbstständige Handlungen teils alleine, teils gemeinschaftlich mit anderen, aus Mordlust und sonst aus niederen Beweggründen, heimtückisch und grausam sowie teilweise mit gemeingefährlichen Mitteln (...) Menschen getötet zu haben"[1].

In einem Artikel über den Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel schrieb der Thüringische Landesvorsitzende der NPD, Frank Schwerdt, Ende 2005 auf der Website der rechtsextremen Partei: "Der Holocaust ist inzwischen zur wichtigsten Legitimation des gegenwärtigen politischen Systems in der BRD geworden. Leugnen, anzweifeln oder relativieren wird massiv verfolgt". Und: "Zweifel an der offiziellen Darstellung der Geschehnisse werden weggewischt mit dem Glaubenssatz: Der Holocaust ist offenkundig und keiner Beweisführung zugänglich". Eine vorsätzliche Lüge Zündels. Denn gerade um diese Beweisführung ging es im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Denn: Dort sagten die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers gegen die Angeklagten aus, damit diesen Straftaten, die sie in Auschwitz begangen haben, nachgewiesen werden konnten. Durch die Aussagen der Zeugen wurde dabei auch zum ersten Mal in der bundesdeutschen Öffentlichkeit Konkretes aus dem KZ Auschwitz berichtet. Durch die Aussagen der Zeugen wurde das, was in Auschwitz geschah, oftmals überhaupt erst "real, gegenwärtig und greifbar"[2]. Im Frankfurter Gerichtssaal standen sich dabei Opfer und Täter zum ersten Mal seit Ende des Krieges gegenüber. Viele der insgesamt 211 Auschwitz-Überlebenden hatten sich unter teilweise schweren psychischen Qualen entschlossen, nach Deutschland zu kommen, um gegen ihre ehemaligen Peiniger auszusagen.


Die Täter von Auschwitz

Auch wenn in den ersten beiden Monaten des Prozesses nur äußerst selten die Rede davon war, was in Auschwitz geschehen ist, so zeichnete sich doch bereits hier die Verteidigungsstrategie der Angeklagten ab, die die meisten von ihnen (fast) den gesamten Prozess über beibehalten sollten: Die Angeklagten behaupteten, sie würden sich an nichts erinnern, oder sie hätten von nichts gewusst bzw. nur ihre Pflicht getan. Geradezu "beispielhaft" hierfür ist die Aussage von Josef Hofer, zuständig für die Registrierung der Arbeitsfähigen und somit bei Selektionen auf der Rampe von Auschwitz anwesend: "Es lief alles automatisch und war so ziemlich geheim. Was ich doch noch erfuhr, weiß ich heute nicht mehr" [3]. Prozess-Beobachter sprachen auch davon, die Angeklagten hätten eine "Mauer des Schweigens" um sich herum errichtet.

Oswald Kaduk

Ganz im Gegensatz zu dieser "Mauer des Schweigens" stand dabei allerdings das Auftreten der Angeklagten. So berichtete beispielsweise der Journalist Bernd Naumann: "Der Angeklagte Kaduk wird aufgerufen. Mit derbem, anmaßendem Schritt kommt er nach vorn, ein dünnes Lächeln umspielt die Mundwinkel an den leicht herabgezogenen Enden des schmalen Lippenstrichs. Vor dem Richtertisch schlägt er knapp und dezent die Hacken zusammen und legt die geöffneten Hände mit Daumen und Zeigefinger an die Hosenbeine. Dann verbeugt er sich leicht, aber genüsslich, der Ironie seines Auftritts wohl bewusst (...)" [4]. Oswald Kaduk – Freiwilliger der Waffen-SS, in Auschwitz Block- bzw. Rapportführer und nach dem Krieg von seinen Patienten "Papa Kaduk" genannter Krankenpfleger in West-Berlin – wurde von den Zeugen immer wieder als brutaler Schläger beschrieben. Ein ehemaliger Häftling über Kaduk: "Es war sein Hobby, er musste Menschen töten" [5]. Im Auschwitz-Prozess wurde Kaduk beschuldigt, eigenmächtig selektiert und zahlreiche Häftlinge erschossen oder auf andere Art getötet zu haben.

Victor Capesisus

Auch Victor Capesius wurde vorgeworfen, an Selektionen teilgenommen und damit über Leben und Tod der Häftlinge entschieden zu haben. Außerdem soll er Zyklon B in die Gaskammern gefüllt haben. Aber auch Capesius bestritt diese Vorwürfe. Und: Auch sein Verhalten vor dem Frankfurter Gericht war bezeichnend – vor allem das, den Zeugen gegenüber. So behauptete Capesius pauschal, die Zeugen müssten ja schließlich etwas Belastendes aussagen, sonst wären sie ja nicht nach Frankfurt bestellt worden [6]. Anderen Zeugen unterstellte er gar ein "Komplott" [7]. Und: Als der Zeuge berichtete, dass Capesius ihm einmal direkt mit dem Tode gedroht habe, musste der Vorsitzende Richter den Angeklagten Capesius zurechtweisen: "Das ist eigentlich gar keine Veranlassung zum Lachen" [8]. Eine Zeugin über das Verhalten von Capesius im Frankfurter Gerichtssaal: "Schrecklich. Das kommt mir vor wie in Auschwitz" [9]. Der Rumäne Victor Capesius hatte sich im Sommer 1943 zur SS gemeldet und war im Februar 1944 von Dachau nach Auschwitz versetzt worden. Dort war er bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945 Leiter der SS-Apotheke. Nach dem Krieg eröffnete Capesius eine Apotheke und einen Kosmetiksalon in Reutlingen. Als er verhaftet wurde, war er verheiratet und hatte drei Kinder.

Wilhelm Boger

Neben der Beschuldigung, an Selektionen und Exekutionen mitgewirkt zu haben, wurde Wilhelm Boger auch vorgeworfen, bei so genannten "verschärften Vernehmungen" Häftlinge so schwer misshandelt zu haben, dass sie unmittelbar danach starben. So berichteten Zeugen in Frankfurt mehrfach von brutalen Misshandlungen auf der "Schaukel", einem von Boger entwickelten Folterinstrument, bei dem der Häftling an Händen und Füßen gefesselt über ein Gestell gehängt wurde und so den brutalen Schlägen seines Peinigers schutzlos ausgeliefert war. Dabei habe Boger gezielt auf die Geschlechtsteile seines Opfers geschlagen, berichteten mehrere Zeugen. Ein Zeuge über die von Boger misshandelten Häftlinge: "Sie sahen nicht mehr wie Menschen aus, und ich habe sie nicht wieder erkannt" [10]. Als Wilhelm Boger 1958 verhaftet wurde, war er in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern. Von 1950 an hatte er bei einer Flugzeugfirma in Zuffenhausen gearbeitet. 1929 war Boger in die NSDAP und in die SA eingetreten. Ein Jahr später ging er zur SS. Nach Auschwitz wurde Wilhelm Boger 1942 versetzt. Ein ehemaliger Häftling bezeichnete Boger auch als den "Satan des Lagers" [11].

Hans Stark

Dabei gab es, nach Aussage der Überlebenden Ella Lingens, in Auschwitz nur wenige Sadisten: "Nicht mehr als fünf bis zehn Prozent waren Triebverbrecher im klinischen Sinne. Die anderen waren ganz normale Menschen, die durchaus wussten, was Gut und Böse ist" [12]. Auch ein psychiatrisches Gutachten über den in Frankfurt angeklagten Hans Stark scheint dies zu bestätigen. Dort heißt es: "Er ist ein Beispiel dafür, wie ein durchschnittlich begabter, durchaus normal und unauffällig veranlagter junger Mensch bereitwillig das mit sich geschehen lässt, was man als eine Umkehrung des Gewissens bezeichnen kann. Er ist ein Beispiel für die Anfälligkeit des Menschen, sich zum Werkzeug totalitärer Machthaber pervertieren zu lassen" [13]. Hans Stark kam mit 16 Jahren zur SS. Zunächst leistete er Wachdienst in den Konzentrationslagern Oranienburg, Buchenwald und Dachau. 1940 kam Stark 19jährig nach Auschwitz. Im Juni 1941 gelangte er zur Politischen Abteilung des Lagers. Im Auschwitz- Prozess wurde Hans Stark beschuldigt, auf der Rampe Menschen selektiert, im Lager Häftlinge erschossen und Zyklon B in die Gaskammern gefüllt zu haben.

Robert Mulka

Für den Bau der Gaskammern von Auschwitz und für die Beschaffung von Zyklon B verantwortlich war unter anderem Robert Mulka – von Mai 1942 bis März 1943 Adjutant des Lagerkommandanten Höß. Auch er hatte sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet – aus dem Gefühl heraus, wie er sagte, bis zu diesem Zeitpunkt nichts zur Kriegsführung beigetragen zu haben [14]. Außerdem habe er bei der Wehrmacht nur als einfacher Soldat dienen können, was er als unzumutbar abgelehnt habe, sagte Mulka weiter aus [15]. In Frankfurt wurde er beschuldigt, in seiner Eigenschaft als Führer einer Wacheinheit und als Adjutant des Lagerkommandanten an der Tötung einer unbestimmten Zahl von Häftlingen mitgewirkt zu haben. Während des Prozesses behauptete aber auch Mulka, er habe von den Geschehnissen in Auschwitz nichts gewusst. Auch deshalb fragte der Vorsitzende Richter die Auschwitz-Überlebende Ella Lingens: "Halten Sie es für möglich, dass der Adjutant des Lagerkommandanten von all diesen Zuständen nichts gewusst hat?" Lingens: "Ich halte es für absolut unmöglich" [16]. Und dann fügte sie noch hinzu: "Sie haben alle gewusst, was da geschieht" [17].

Zu der Behauptung der Angeklagten, sie hätten "von nichts gewusst" nahm auch ein weiterer ehemaliger Häftling Stellung: Er habe zwei Tage, nachdem er in Auschwitz angekommen war, gewusst, was dort mit den Häftlingen geschieht. Außerdem erzählte er von einem 16jährigen Jungen, der zu ihm gesagt habe: "Ich weiß, dass ich sterben werde". Der Zeuge: "Dieser Junge hat es gewusst – und diese Herren nicht?" [18]. Dass dem Zeugen, als er die Geschichte des Jungen erzählte, beinahe die Stimme versagte, dass er dabei kurz davor war, zu weinen, ist durchaus typisch für die Aussagen derer, die Auschwitz überlebten und über das dort Erlebte im Frankfurter Gerichtssaal berichteten. Andere sprachen allerdings bei ihren Aussagen sehr ruhig und trugen dem Gericht völlig sachlich ihre Erlebnisse in Auschwitz vor, ohne zu zeigen, wie aufgewühlt sie in ihrem Inneren waren.

Fußnoten

1.
Nach: Wojak, Irmtrud: Der erste Frankfurter Auschwitz- Prozeß (in: Dies. (Hg.): Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz- Prozesses), S. 24
2.
Werle, Gerhard/ Wandres, Thomas: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz, S. 46
3.
Nach: Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt, S. 210
4.
Nach: ebenda, S. 65
5.
HR: http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
6.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, S. 349
7.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, S. 349
8.
Nach: ebenda, S. 352
9.
Nach: ebenda, S. 361
10.
Nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 114
11.
Nach: ebenda, S. 117
12.
Nach: ebenda, S. 103
13.
Nach: ebenda, S. 238
14.
Vgl.: Naumann: Auschwitz..., S. 16
15.
Vgl.: Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozeß. Eine Dokumentation, S. 163
16.
Nach: Naumann: Auschwitz..., S. 105
17.
Nach: ebenda, S. 103
18.
HR: http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Joachim Wolf für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.