Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

20.12.2006 | Von:
Joachim Wolf

Leugnen aus Tradition

Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Die Überlebenden von Auschwitz

Die Überlebenden von Auschwitz wurden von Ende Februar bis Ende Mai 1964 im Rahmen der Beweisaufnahme als Zeugen befragt. Als die ersten dieser Zeugen mit ihren Schilderungen begannen, so schrieb Bernd Naumann, wuchs "die Ahnung, dass jetzt erst der Auschwitz- Prozess" beginnen würde. Denn: Die Zeugen waren die "Überlebende(n) der Massaker und Folterungen", waren "den Gaskammern und Feueröfen Entronnene" [19].

Hermann Langbein

In Auschwitz, so der Zeuge Hermann Langbein, wurde "auf vielerlei Art gestorben (...) Das Leben galt nichts. Einen Menschen zu töten war eine Kleinigkeit, es war überhaupt nicht der Rede wert" [20]. Der Zeuge berichtete dann unter anderem über das so genannte "Abspritzen", das gezielte Töten von Häftlingen durch eine Phenol-Injektion direkt ins Herz. Dabei belastete Langbein mit seiner Aussage vor allem den Angeklagten Josef Klehr, der in Auschwitz als Sanitätsdienstgrad tätig war. Nach intensivem Nachfragen des Vorsitzenden Richters, wie viele Menschen der Angeklagte auf diese Weise getötet habe, antwortete Klehr: "So 250 bis 300 werden es wohl gewesen sein". Dabei, so Bernd Naumann, kamen seine Worte "ohne besonderen Aufwand daher", fast klangen sie "nebensächlich" [21]. Langbein dagegen hatte seinen Bericht über das in Auschwitz Erlebte mit der Erklärung beendet, ihm hätten die Worte gefehlt, die furchtbare Atmosphäre so zu schildern, wie sie wirklich gewesen sei. Hermann Langbein war im August 1942 aus dem KZ Dachau nach Auschwitz gekommen. Dort war er jahrelang als Schreiber des Standortarztes tätig. Als solcher musste er unter anderem die Totenlisten führen.

Ludwig Wörl

Dass auch das Leben eines Kindes in Auschwitz nichts galt, machte der Zeuge Ludwig Wörl deutlich. Vor dem Frankfurter Schwurgericht berichtete er, er habe gesehen, wie der Angeklagte Kaduk mit einer Pistole mehrere Kinder zu den Gaskammern getrieben habe. Nach dieser Aussage, so berichtete ein Prozessbeobachter, sei Wörl plötzlich von seinem Zeugenstuhl aufgesprungen, habe sich in Richtung Anklagebank gedreht und gerufen: "Wo ist Kaduk? Die Pistole stießt du ihnen in den Rücken, so, so." Dabei habe der Zeuge gezeigt, wie Kaduk damals die Kinder in den Tod getrieben habe. Daraufhin, so berichtet der Beobachter weiter, sei auch Kaduk aufgesprungen und habe Wörl mit sich überschlagenden Worten angeschrieen – er sei dabei allerdings nicht zu verstehen gewesen. Erst als der Oberste Richter Hofmeyer gerufen habe "Hinsetzen! Schreien Sie nicht den Zeugen an!" und Polizisten den Angeklagten Kaduk wieder in seinen Stuhl zurückgedrückt hätten, hätte sich die Lage wieder beruhigt [22].

Josef Piwko

Auch der Zeuge Josef Piwko berichtete, wie in Auschwitz Kinder ermordet wurden. So sagte er aus, der Angeklagte Wilhelm Boger habe bei der Liquidierung des so genannten "Zigeunerlagers" mehrere Kinder im Alter zwischen vier und sieben Jahren umgebracht, indem er sie an den Beinen gepackt und gegen eine Wand geschleudert habe. Piwko über Boger: "Ich habe ihn behalten, weil er das schlimmste Leid stiftete: Er liquidierte Kinder" [23]. Nach dem Bericht des Zeugen merkte der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Raabe, an: "Das ist wahrscheinlich mit das Furchtbarste, was hier berichtet wurde. Es ist kaum fassbar." Dann fragte er fast ungläubig nach: "Haben Sie es wirklich gesehen?" Piwko war Anfang 1943 als politischer Häftling nach Auschwitz verschleppt worden.

Dr. Rudolf Vrba

Über die Ankunft in Auschwitz und die anschließenden Selektionen auf der Rampe berichtete der Zeuge Rudolf Vrba. Nachdem die Frauen, Männer und Kinder aus den ankommenden Zügen auf die Rampe getrieben worden waren, mussten sie sich dort für die Selektion aufstellen. Bei diesen Selektionen, so berichtete Vrba, sei jede Frau, die ein Kind hatte, automatisch in die Gaskammer gekommen. Denn: "Das wusste ja schon die SS, dass es da Skandal gibt, wenn man ein Kind von einer Frau, von einer Mutter, ein kleines Kind, abteilen will" [24]. Insgesamt seien bei den Selektionen zwischen 15 und 20 Prozent der Ankommenden herausgesucht und ins Lager gebracht worden. Der Rest habe auf bereitstehende Lastwagen steigen müssen und sei dann direkt zur Vergasung gebracht worden [25]. Vrba war im Sommer 1942 als 18-Jähriger zunächst in das KZ Majdanek und dann nach Auschwitz verschleppt worden, weil er jüdisch war. Von August 1942 bis Juni 1943 war er dem "Aufräumkommando" an der Rampe zugeteilt worden. Nach fast zwei Jahren in Auschwitz gelang ihm die Flucht. Vrba schrieb einen Bericht über den Massenmord im größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager und übergab ihn einer jüdischen Stelle in der Slowakei.

Filip Müller

Ein direkter Zeuge dieses fabrikmäßigen Massenmordes in Auschwitz wurde auch Filip Müller: Er, im Frühjahr 1942 in das Konzentrationslager verschleppt, gehörte zeitweise dem so genannten Sonderkommando an, das für die Leerung der Gaskammern nach den Vergasungen und für die anschließende Verbrennung der Leichen in den Krematorien zuständig war. Müller war dabei einer von nur zehn Menschen, die das Sonderkommando überlebten. In seiner Aussage vor dem Frankfurter Gericht berichtete er über die Vergasung polnischer Juden im Stammlager Auschwitz: "Nachdem das Gas vom Dach des Krematoriums in den Vergasungsraum geführt worden war, hörte man schweres Husten, Kinder und Erwachsene schrieen, alle durcheinander. Dann wurde es langsam ruhiger, das Husten leiser, und wir sahen Stark mit der Gasmaske vom Dach herunterkommen" [26]. Nach der Schilderung von Müller war im Gerichtssaal "atemlose Stille", so ein Prozessbeobachter: "Die Richter, die Geschworenen wirken wie leblose Figuren, aufgereiht wie eine steinerne Galerie." Über den Auschwitz-Überlebenden Müller heißt es dagegen: "Er ist der einzige, in dem Leben ist" [27].

Mit den Aussagen der Überlebenden von Auschwitz veränderte sich die Atmosphäre im Gerichtssaal grundlegend, denn die Berichte hatten eine starke Wirkung auf die Zuschauer und auch auf die Richter. Und: Nach den Aussagen der Zeugen über die Selektionen, Folterungen, Ermordungen und Vergasungen im größten Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes erschienen auch die Angeklagten in einem völlig anderen Licht.

Der weitere Verlauf des Prozesses:

Mit den Aussagen der Überlebenden von Auschwitz konfrontiert, änderten die Angeklagten zumindest teilweise ihr Verhalten. Sie gaben nun einzelne Taten zu. Dabei war der Angeklagte Klehr einer der Ersten, der – wie oben bereits erwähnt – zugab, 250 bis 300 Menschen durch Phenol-Injektionen getötet zu haben. Allerdings berief er sich bei seinem Geständnis auf einen angeblichen Befehlsnotstand: Er habe sich in einer "eisernen Zwangsjacke" befunden, und es wäre gar nicht denkbar gewesen, gegen solche Befehle anzugehen, behauptete Klehr [28]. Etwas mit den Vergasungen zu tun gehabt zu haben, bestritt der Angeklagte dagegen hartnäckig. Auch die meisten anderen Angeklagten beriefen sich, soweit sie einzelne Taten zugaben, auf einen angeblichen Befehlsnotstand. Allerdings: Das im Auschwitz-Prozess vorgestellte Gutachten 'Befehl und Gehorsam' hatte bereits vorher jede Behauptung vom Tisch gewischt, die Straftaten in Auschwitz seien in einem solchen Befehlsnotstand begangen worden [29]. Letztendlich setzten sich die Schlussworte "der Menschen(...), die in SS- Uniformen Auschwitz erlebt hatten" dann wieder aus "Leugnen, Ausflüchten" und "Phrasen" zusammen [30]. Als einziger Angeklagter zeigte Hans Stark zumindest ein "Fünkchen" [31] Reue. In seinem Abschlussstatement gestand er: "Ich habe an der Tötung vieler Menschen mitgewirkt" [32].

Fußnoten

19.
Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 98
20.
Ebenda, S. 109
21.
Beides: ebenda, S. 82ff
22.
Vgl.: Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung (Fritz Bauer Institut, Pädagogische Materialien Nr. 8), S. 63
23.
Naumann, Bernd: Auschwitz...., S. 123
24.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 316
25.
Vgl.: ebenda , S. 306
26.
Nach: Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozess...,S. 462
27.
Nach: Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965..., S. 28
28.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 498
29.
Wandres, Thomas/ Werte, Gerhard: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz, S. 58
30.
Alles: ebenda, S. 47
31.
http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
32.
Nach: Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 337
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