Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

20.12.2006 | Von:
Joachim Wolf

Leugnen aus Tradition

Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Die Urteils-Verkündigung:

Am 19. August 1965 wurde das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess gesprochen: Zehn Angeklagte wurden wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an 28.910 Menschen, ein Angeklagter wegen gemeinschaftlichen Mordes in 342 Fällen, ein weiterer wegen Mordes in 14 Fällen, fünf Angeklagte wegen Mordes und gemeinschaftlichen Mordes verurteilt. Drei der Angeklagten wurden freigesprochen.

Oswald Kaduk befand das Gericht "des Mordes in zehn Fällen und des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens tausend, in einem anderen Fall an mindestens zwei Menschen" für schuldig. Er wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt [33]. Den Angeklagten Boger befand das Gericht "des Mordes in mindestens 114 Fällen und der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 10 Menschen" für schuldig. Das Gericht verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe sowie zu einer Strafe von fünf Jahren Zuchthaus. Außerdem wurden Wilhelm Boger auf Lebenszeit die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt [34]. Das Gericht befand Hans Stark "des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens 44 Fällen, davon in einem Fall begangen an mindestens 200 Menschen und in einem weiteren Fall an mindestens 100 Menschen" für schuldig. Es verurteilte ihn zu 10 Jahren Jugendstrafe, was der Höchststrafe des Jugendstrafrechts entsprach. Victor Capesius wurde wegen Beihilfe zum Mord zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Angeklagten Mulka befand das Gericht "des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens vier Fällen an mindestens je siebenhundertfünfzig Menschen" für schuldig. Er wurde zu einer vierzehnjährigen Zuchthausstrafe sowie zur Aberkennung der bürgerlichen Rechte auf zehn Jahre verurteilt [35].

In seiner Urteilsbegründung nannte Senatspräsident Hofmeyer zwar Hitler, Himmler, Göring und Heydrich als "Haupttäter" der Vernichtung der Juden [36]. Allerdings wäre es, so Hofmeyer weiter, "auch ein Fehler, zu sagen, daß die >kleinen Leute< deshalb nicht schuldig seien, weil sie das ganze Geschehen nicht eingeleitet haben. Sie waren genauso nötig, um den Plan der Vernichtung der Menschen in Auschwitz durchzuführen, wie diejenigen, die am Schreibtisch diesen Plan entworfen haben" [37].

Rezeption und Wirkung des Auschwitz- Prozesses:

Spätestens mit Ende des Prozesses war der Name des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers in der Bundesrepublik Deutschland zum Symbol und Synonym für die Massenverbrechen des NS-Regimes geworden. Dabei spielte auch die große mediale Öffentlichkeit, die der Auschwitz-Prozess von Anfang an bekam, eine wichtige Rolle. So berichteten Zeitungen eineinhalb Jahre lang über den Verlauf fast jeden Verhandlungstages. Und: Radio, Fernsehen und Illustrierte informierten regelmäßig über die Beweisaufnahme und die Zeugenaussagen. Außerdem nahmen etwa 20.000 Besucher am Prozess teil, darunter zahlreiche Schulklassen. Auch international fand der Auschwitz-Prozess eine große Öffentlichkeit. Eine der wichtigsten Leistungen des Frankfurter Auschwitz-Prozess war es also, "die Vernichtung der europäischen Juden vor einer breiten Öffentlichkeit thematisiert und als das zentrale Verbrechen des Nationalsozialismus überhaupt kenntlich gemacht zu haben" [38]. Rechtswissenschaftler kommen ebenfalls zu einem positiven Urteil über den Auschwitz-Prozess: "Das herausragende Verdienst dieses Prozesses ist die unanfechtbare Feststellung des Geschehenen. So ist das Auschwitz-Urteil ein bleibendes Zeugnis gegen jedes Leugnen des nationalsozialistischen Völkermordes" [39].

Literatur:

Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung (Fritz Bauer Institut, Pädagogische Materialien Nr. 8), Frankfurt am Main 2004

Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozess. Eine Dokumentation, Wien 1965

Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt, Berlin 2004

Werle, Gerhard/ Wandres, Thomas: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strajustiz, München 1995

Wojak, Irmtrud (Hg.): <>. Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz- Prozesses), Frankfurt am Main 2001

Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004

Besonders empfehlenswert ist auch die Dokumentation "Das Ende des Schweigens" des Hessischen Rundfunks über den Frankfurter Auschwitz- Prozess. Diese ist abrufbar unter: www.hr-online.de

Fußnoten

33.
Vgl.: Kingreen, Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965..., S. 65
34.
Vgl.: ebenda, S. 55

35.
Nach: Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 332

36.
Nach: Dirks, Christian: Selekteure als Lebensretter (in: Wojak, Irmtrud (Hg.): ...,S. 180

37.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

38.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

39.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

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