Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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20.12.2006 | Von:
Joachim Wolf

Leugnen aus Tradition

Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Die Leugnung des Holocaust hat Tradition: Schon im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 leugneten viele der nationalsozialistischen Täter ihre Schuld. Ihre Strategie aus Lüge und Verfälschung wirkt bis heute nach.
Am 20.12.1963 beginnt im Frankfurter Rathaus Römer der Auschwitz-Prozess. Es ist der größte Strafprozess der deustchen Nachkriegsgeschichte.Am 20.12.1963 beginnt im Frankfurter Rathaus Römer der Auschwitz-Prozess. Es ist der größte Strafprozess der deustchen Nachkriegsgeschichte. (© AP)

Der Frankfurter Auschwitz-Prozess wurde im Dezember 1963 eröffnet. Angeklagt waren insgesamt 20 Personen – darunter Adjutanten des Lagerkommandanten, Mitglieder der Lager-Gestapo, KZ-Ärzte und ein Lager-Apotheker. Ihnen wurde vorgeworfen, in den Jahren 1940 bis 1945 im KZ Auschwitz "durch mehrere selbstständige Handlungen teils alleine, teils gemeinschaftlich mit anderen, aus Mordlust und sonst aus niederen Beweggründen, heimtückisch und grausam sowie teilweise mit gemeingefährlichen Mitteln (...) Menschen getötet zu haben"[1].

In einem Artikel über den Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel schrieb der Thüringische Landesvorsitzende der NPD, Frank Schwerdt, Ende 2005 auf der Website der rechtsextremen Partei: "Der Holocaust ist inzwischen zur wichtigsten Legitimation des gegenwärtigen politischen Systems in der BRD geworden. Leugnen, anzweifeln oder relativieren wird massiv verfolgt". Und: "Zweifel an der offiziellen Darstellung der Geschehnisse werden weggewischt mit dem Glaubenssatz: Der Holocaust ist offenkundig und keiner Beweisführung zugänglich". Eine vorsätzliche Lüge Zündels. Denn gerade um diese Beweisführung ging es im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Denn: Dort sagten die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers gegen die Angeklagten aus, damit diesen Straftaten, die sie in Auschwitz begangen haben, nachgewiesen werden konnten. Durch die Aussagen der Zeugen wurde dabei auch zum ersten Mal in der bundesdeutschen Öffentlichkeit Konkretes aus dem KZ Auschwitz berichtet. Durch die Aussagen der Zeugen wurde das, was in Auschwitz geschah, oftmals überhaupt erst "real, gegenwärtig und greifbar"[2]. Im Frankfurter Gerichtssaal standen sich dabei Opfer und Täter zum ersten Mal seit Ende des Krieges gegenüber. Viele der insgesamt 211 Auschwitz-Überlebenden hatten sich unter teilweise schweren psychischen Qualen entschlossen, nach Deutschland zu kommen, um gegen ihre ehemaligen Peiniger auszusagen.


Die Täter von Auschwitz

Auch wenn in den ersten beiden Monaten des Prozesses nur äußerst selten die Rede davon war, was in Auschwitz geschehen ist, so zeichnete sich doch bereits hier die Verteidigungsstrategie der Angeklagten ab, die die meisten von ihnen (fast) den gesamten Prozess über beibehalten sollten: Die Angeklagten behaupteten, sie würden sich an nichts erinnern, oder sie hätten von nichts gewusst bzw. nur ihre Pflicht getan. Geradezu "beispielhaft" hierfür ist die Aussage von Josef Hofer, zuständig für die Registrierung der Arbeitsfähigen und somit bei Selektionen auf der Rampe von Auschwitz anwesend: "Es lief alles automatisch und war so ziemlich geheim. Was ich doch noch erfuhr, weiß ich heute nicht mehr" [3]. Prozess-Beobachter sprachen auch davon, die Angeklagten hätten eine "Mauer des Schweigens" um sich herum errichtet.

Oswald Kaduk

Ganz im Gegensatz zu dieser "Mauer des Schweigens" stand dabei allerdings das Auftreten der Angeklagten. So berichtete beispielsweise der Journalist Bernd Naumann: "Der Angeklagte Kaduk wird aufgerufen. Mit derbem, anmaßendem Schritt kommt er nach vorn, ein dünnes Lächeln umspielt die Mundwinkel an den leicht herabgezogenen Enden des schmalen Lippenstrichs. Vor dem Richtertisch schlägt er knapp und dezent die Hacken zusammen und legt die geöffneten Hände mit Daumen und Zeigefinger an die Hosenbeine. Dann verbeugt er sich leicht, aber genüsslich, der Ironie seines Auftritts wohl bewusst (...)" [4]. Oswald Kaduk – Freiwilliger der Waffen-SS, in Auschwitz Block- bzw. Rapportführer und nach dem Krieg von seinen Patienten "Papa Kaduk" genannter Krankenpfleger in West-Berlin – wurde von den Zeugen immer wieder als brutaler Schläger beschrieben. Ein ehemaliger Häftling über Kaduk: "Es war sein Hobby, er musste Menschen töten" [5]. Im Auschwitz-Prozess wurde Kaduk beschuldigt, eigenmächtig selektiert und zahlreiche Häftlinge erschossen oder auf andere Art getötet zu haben.

Victor Capesisus

Auch Victor Capesius wurde vorgeworfen, an Selektionen teilgenommen und damit über Leben und Tod der Häftlinge entschieden zu haben. Außerdem soll er Zyklon B in die Gaskammern gefüllt haben. Aber auch Capesius bestritt diese Vorwürfe. Und: Auch sein Verhalten vor dem Frankfurter Gericht war bezeichnend – vor allem das, den Zeugen gegenüber. So behauptete Capesius pauschal, die Zeugen müssten ja schließlich etwas Belastendes aussagen, sonst wären sie ja nicht nach Frankfurt bestellt worden [6]. Anderen Zeugen unterstellte er gar ein "Komplott" [7]. Und: Als der Zeuge berichtete, dass Capesius ihm einmal direkt mit dem Tode gedroht habe, musste der Vorsitzende Richter den Angeklagten Capesius zurechtweisen: "Das ist eigentlich gar keine Veranlassung zum Lachen" [8]. Eine Zeugin über das Verhalten von Capesius im Frankfurter Gerichtssaal: "Schrecklich. Das kommt mir vor wie in Auschwitz" [9]. Der Rumäne Victor Capesius hatte sich im Sommer 1943 zur SS gemeldet und war im Februar 1944 von Dachau nach Auschwitz versetzt worden. Dort war er bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945 Leiter der SS-Apotheke. Nach dem Krieg eröffnete Capesius eine Apotheke und einen Kosmetiksalon in Reutlingen. Als er verhaftet wurde, war er verheiratet und hatte drei Kinder.

Wilhelm Boger

Neben der Beschuldigung, an Selektionen und Exekutionen mitgewirkt zu haben, wurde Wilhelm Boger auch vorgeworfen, bei so genannten "verschärften Vernehmungen" Häftlinge so schwer misshandelt zu haben, dass sie unmittelbar danach starben. So berichteten Zeugen in Frankfurt mehrfach von brutalen Misshandlungen auf der "Schaukel", einem von Boger entwickelten Folterinstrument, bei dem der Häftling an Händen und Füßen gefesselt über ein Gestell gehängt wurde und so den brutalen Schlägen seines Peinigers schutzlos ausgeliefert war. Dabei habe Boger gezielt auf die Geschlechtsteile seines Opfers geschlagen, berichteten mehrere Zeugen. Ein Zeuge über die von Boger misshandelten Häftlinge: "Sie sahen nicht mehr wie Menschen aus, und ich habe sie nicht wieder erkannt" [10]. Als Wilhelm Boger 1958 verhaftet wurde, war er in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern. Von 1950 an hatte er bei einer Flugzeugfirma in Zuffenhausen gearbeitet. 1929 war Boger in die NSDAP und in die SA eingetreten. Ein Jahr später ging er zur SS. Nach Auschwitz wurde Wilhelm Boger 1942 versetzt. Ein ehemaliger Häftling bezeichnete Boger auch als den "Satan des Lagers" [11].

Hans Stark

Dabei gab es, nach Aussage der Überlebenden Ella Lingens, in Auschwitz nur wenige Sadisten: "Nicht mehr als fünf bis zehn Prozent waren Triebverbrecher im klinischen Sinne. Die anderen waren ganz normale Menschen, die durchaus wussten, was Gut und Böse ist" [12]. Auch ein psychiatrisches Gutachten über den in Frankfurt angeklagten Hans Stark scheint dies zu bestätigen. Dort heißt es: "Er ist ein Beispiel dafür, wie ein durchschnittlich begabter, durchaus normal und unauffällig veranlagter junger Mensch bereitwillig das mit sich geschehen lässt, was man als eine Umkehrung des Gewissens bezeichnen kann. Er ist ein Beispiel für die Anfälligkeit des Menschen, sich zum Werkzeug totalitärer Machthaber pervertieren zu lassen" [13]. Hans Stark kam mit 16 Jahren zur SS. Zunächst leistete er Wachdienst in den Konzentrationslagern Oranienburg, Buchenwald und Dachau. 1940 kam Stark 19jährig nach Auschwitz. Im Juni 1941 gelangte er zur Politischen Abteilung des Lagers. Im Auschwitz- Prozess wurde Hans Stark beschuldigt, auf der Rampe Menschen selektiert, im Lager Häftlinge erschossen und Zyklon B in die Gaskammern gefüllt zu haben.

Robert Mulka

Für den Bau der Gaskammern von Auschwitz und für die Beschaffung von Zyklon B verantwortlich war unter anderem Robert Mulka – von Mai 1942 bis März 1943 Adjutant des Lagerkommandanten Höß. Auch er hatte sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet – aus dem Gefühl heraus, wie er sagte, bis zu diesem Zeitpunkt nichts zur Kriegsführung beigetragen zu haben [14]. Außerdem habe er bei der Wehrmacht nur als einfacher Soldat dienen können, was er als unzumutbar abgelehnt habe, sagte Mulka weiter aus [15]. In Frankfurt wurde er beschuldigt, in seiner Eigenschaft als Führer einer Wacheinheit und als Adjutant des Lagerkommandanten an der Tötung einer unbestimmten Zahl von Häftlingen mitgewirkt zu haben. Während des Prozesses behauptete aber auch Mulka, er habe von den Geschehnissen in Auschwitz nichts gewusst. Auch deshalb fragte der Vorsitzende Richter die Auschwitz-Überlebende Ella Lingens: "Halten Sie es für möglich, dass der Adjutant des Lagerkommandanten von all diesen Zuständen nichts gewusst hat?" Lingens: "Ich halte es für absolut unmöglich" [16]. Und dann fügte sie noch hinzu: "Sie haben alle gewusst, was da geschieht" [17].

Zu der Behauptung der Angeklagten, sie hätten "von nichts gewusst" nahm auch ein weiterer ehemaliger Häftling Stellung: Er habe zwei Tage, nachdem er in Auschwitz angekommen war, gewusst, was dort mit den Häftlingen geschieht. Außerdem erzählte er von einem 16jährigen Jungen, der zu ihm gesagt habe: "Ich weiß, dass ich sterben werde". Der Zeuge: "Dieser Junge hat es gewusst – und diese Herren nicht?" [18]. Dass dem Zeugen, als er die Geschichte des Jungen erzählte, beinahe die Stimme versagte, dass er dabei kurz davor war, zu weinen, ist durchaus typisch für die Aussagen derer, die Auschwitz überlebten und über das dort Erlebte im Frankfurter Gerichtssaal berichteten. Andere sprachen allerdings bei ihren Aussagen sehr ruhig und trugen dem Gericht völlig sachlich ihre Erlebnisse in Auschwitz vor, ohne zu zeigen, wie aufgewühlt sie in ihrem Inneren waren.

Die Überlebenden von Auschwitz

Die Überlebenden von Auschwitz wurden von Ende Februar bis Ende Mai 1964 im Rahmen der Beweisaufnahme als Zeugen befragt. Als die ersten dieser Zeugen mit ihren Schilderungen begannen, so schrieb Bernd Naumann, wuchs "die Ahnung, dass jetzt erst der Auschwitz- Prozess" beginnen würde. Denn: Die Zeugen waren die "Überlebende(n) der Massaker und Folterungen", waren "den Gaskammern und Feueröfen Entronnene" [19].

Hermann Langbein

In Auschwitz, so der Zeuge Hermann Langbein, wurde "auf vielerlei Art gestorben (...) Das Leben galt nichts. Einen Menschen zu töten war eine Kleinigkeit, es war überhaupt nicht der Rede wert" [20]. Der Zeuge berichtete dann unter anderem über das so genannte "Abspritzen", das gezielte Töten von Häftlingen durch eine Phenol-Injektion direkt ins Herz. Dabei belastete Langbein mit seiner Aussage vor allem den Angeklagten Josef Klehr, der in Auschwitz als Sanitätsdienstgrad tätig war. Nach intensivem Nachfragen des Vorsitzenden Richters, wie viele Menschen der Angeklagte auf diese Weise getötet habe, antwortete Klehr: "So 250 bis 300 werden es wohl gewesen sein". Dabei, so Bernd Naumann, kamen seine Worte "ohne besonderen Aufwand daher", fast klangen sie "nebensächlich" [21]. Langbein dagegen hatte seinen Bericht über das in Auschwitz Erlebte mit der Erklärung beendet, ihm hätten die Worte gefehlt, die furchtbare Atmosphäre so zu schildern, wie sie wirklich gewesen sei. Hermann Langbein war im August 1942 aus dem KZ Dachau nach Auschwitz gekommen. Dort war er jahrelang als Schreiber des Standortarztes tätig. Als solcher musste er unter anderem die Totenlisten führen.

Ludwig Wörl

Dass auch das Leben eines Kindes in Auschwitz nichts galt, machte der Zeuge Ludwig Wörl deutlich. Vor dem Frankfurter Schwurgericht berichtete er, er habe gesehen, wie der Angeklagte Kaduk mit einer Pistole mehrere Kinder zu den Gaskammern getrieben habe. Nach dieser Aussage, so berichtete ein Prozessbeobachter, sei Wörl plötzlich von seinem Zeugenstuhl aufgesprungen, habe sich in Richtung Anklagebank gedreht und gerufen: "Wo ist Kaduk? Die Pistole stießt du ihnen in den Rücken, so, so." Dabei habe der Zeuge gezeigt, wie Kaduk damals die Kinder in den Tod getrieben habe. Daraufhin, so berichtet der Beobachter weiter, sei auch Kaduk aufgesprungen und habe Wörl mit sich überschlagenden Worten angeschrieen – er sei dabei allerdings nicht zu verstehen gewesen. Erst als der Oberste Richter Hofmeyer gerufen habe "Hinsetzen! Schreien Sie nicht den Zeugen an!" und Polizisten den Angeklagten Kaduk wieder in seinen Stuhl zurückgedrückt hätten, hätte sich die Lage wieder beruhigt [22].

Josef Piwko

Auch der Zeuge Josef Piwko berichtete, wie in Auschwitz Kinder ermordet wurden. So sagte er aus, der Angeklagte Wilhelm Boger habe bei der Liquidierung des so genannten "Zigeunerlagers" mehrere Kinder im Alter zwischen vier und sieben Jahren umgebracht, indem er sie an den Beinen gepackt und gegen eine Wand geschleudert habe. Piwko über Boger: "Ich habe ihn behalten, weil er das schlimmste Leid stiftete: Er liquidierte Kinder" [23]. Nach dem Bericht des Zeugen merkte der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Raabe, an: "Das ist wahrscheinlich mit das Furchtbarste, was hier berichtet wurde. Es ist kaum fassbar." Dann fragte er fast ungläubig nach: "Haben Sie es wirklich gesehen?" Piwko war Anfang 1943 als politischer Häftling nach Auschwitz verschleppt worden.

Dr. Rudolf Vrba

Über die Ankunft in Auschwitz und die anschließenden Selektionen auf der Rampe berichtete der Zeuge Rudolf Vrba. Nachdem die Frauen, Männer und Kinder aus den ankommenden Zügen auf die Rampe getrieben worden waren, mussten sie sich dort für die Selektion aufstellen. Bei diesen Selektionen, so berichtete Vrba, sei jede Frau, die ein Kind hatte, automatisch in die Gaskammer gekommen. Denn: "Das wusste ja schon die SS, dass es da Skandal gibt, wenn man ein Kind von einer Frau, von einer Mutter, ein kleines Kind, abteilen will" [24]. Insgesamt seien bei den Selektionen zwischen 15 und 20 Prozent der Ankommenden herausgesucht und ins Lager gebracht worden. Der Rest habe auf bereitstehende Lastwagen steigen müssen und sei dann direkt zur Vergasung gebracht worden [25]. Vrba war im Sommer 1942 als 18-Jähriger zunächst in das KZ Majdanek und dann nach Auschwitz verschleppt worden, weil er jüdisch war. Von August 1942 bis Juni 1943 war er dem "Aufräumkommando" an der Rampe zugeteilt worden. Nach fast zwei Jahren in Auschwitz gelang ihm die Flucht. Vrba schrieb einen Bericht über den Massenmord im größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager und übergab ihn einer jüdischen Stelle in der Slowakei.

Filip Müller

Ein direkter Zeuge dieses fabrikmäßigen Massenmordes in Auschwitz wurde auch Filip Müller: Er, im Frühjahr 1942 in das Konzentrationslager verschleppt, gehörte zeitweise dem so genannten Sonderkommando an, das für die Leerung der Gaskammern nach den Vergasungen und für die anschließende Verbrennung der Leichen in den Krematorien zuständig war. Müller war dabei einer von nur zehn Menschen, die das Sonderkommando überlebten. In seiner Aussage vor dem Frankfurter Gericht berichtete er über die Vergasung polnischer Juden im Stammlager Auschwitz: "Nachdem das Gas vom Dach des Krematoriums in den Vergasungsraum geführt worden war, hörte man schweres Husten, Kinder und Erwachsene schrieen, alle durcheinander. Dann wurde es langsam ruhiger, das Husten leiser, und wir sahen Stark mit der Gasmaske vom Dach herunterkommen" [26]. Nach der Schilderung von Müller war im Gerichtssaal "atemlose Stille", so ein Prozessbeobachter: "Die Richter, die Geschworenen wirken wie leblose Figuren, aufgereiht wie eine steinerne Galerie." Über den Auschwitz-Überlebenden Müller heißt es dagegen: "Er ist der einzige, in dem Leben ist" [27].

Mit den Aussagen der Überlebenden von Auschwitz veränderte sich die Atmosphäre im Gerichtssaal grundlegend, denn die Berichte hatten eine starke Wirkung auf die Zuschauer und auch auf die Richter. Und: Nach den Aussagen der Zeugen über die Selektionen, Folterungen, Ermordungen und Vergasungen im größten Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes erschienen auch die Angeklagten in einem völlig anderen Licht.

Der weitere Verlauf des Prozesses:

Mit den Aussagen der Überlebenden von Auschwitz konfrontiert, änderten die Angeklagten zumindest teilweise ihr Verhalten. Sie gaben nun einzelne Taten zu. Dabei war der Angeklagte Klehr einer der Ersten, der – wie oben bereits erwähnt – zugab, 250 bis 300 Menschen durch Phenol-Injektionen getötet zu haben. Allerdings berief er sich bei seinem Geständnis auf einen angeblichen Befehlsnotstand: Er habe sich in einer "eisernen Zwangsjacke" befunden, und es wäre gar nicht denkbar gewesen, gegen solche Befehle anzugehen, behauptete Klehr [28]. Etwas mit den Vergasungen zu tun gehabt zu haben, bestritt der Angeklagte dagegen hartnäckig. Auch die meisten anderen Angeklagten beriefen sich, soweit sie einzelne Taten zugaben, auf einen angeblichen Befehlsnotstand. Allerdings: Das im Auschwitz-Prozess vorgestellte Gutachten 'Befehl und Gehorsam' hatte bereits vorher jede Behauptung vom Tisch gewischt, die Straftaten in Auschwitz seien in einem solchen Befehlsnotstand begangen worden [29]. Letztendlich setzten sich die Schlussworte "der Menschen(...), die in SS- Uniformen Auschwitz erlebt hatten" dann wieder aus "Leugnen, Ausflüchten" und "Phrasen" zusammen [30]. Als einziger Angeklagter zeigte Hans Stark zumindest ein "Fünkchen" [31] Reue. In seinem Abschlussstatement gestand er: "Ich habe an der Tötung vieler Menschen mitgewirkt" [32].

Die Urteils-Verkündigung:

Am 19. August 1965 wurde das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess gesprochen: Zehn Angeklagte wurden wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an 28.910 Menschen, ein Angeklagter wegen gemeinschaftlichen Mordes in 342 Fällen, ein weiterer wegen Mordes in 14 Fällen, fünf Angeklagte wegen Mordes und gemeinschaftlichen Mordes verurteilt. Drei der Angeklagten wurden freigesprochen.

Oswald Kaduk befand das Gericht "des Mordes in zehn Fällen und des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens tausend, in einem anderen Fall an mindestens zwei Menschen" für schuldig. Er wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt [33]. Den Angeklagten Boger befand das Gericht "des Mordes in mindestens 114 Fällen und der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 10 Menschen" für schuldig. Das Gericht verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe sowie zu einer Strafe von fünf Jahren Zuchthaus. Außerdem wurden Wilhelm Boger auf Lebenszeit die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt [34]. Das Gericht befand Hans Stark "des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens 44 Fällen, davon in einem Fall begangen an mindestens 200 Menschen und in einem weiteren Fall an mindestens 100 Menschen" für schuldig. Es verurteilte ihn zu 10 Jahren Jugendstrafe, was der Höchststrafe des Jugendstrafrechts entsprach. Victor Capesius wurde wegen Beihilfe zum Mord zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Angeklagten Mulka befand das Gericht "des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens vier Fällen an mindestens je siebenhundertfünfzig Menschen" für schuldig. Er wurde zu einer vierzehnjährigen Zuchthausstrafe sowie zur Aberkennung der bürgerlichen Rechte auf zehn Jahre verurteilt [35].

In seiner Urteilsbegründung nannte Senatspräsident Hofmeyer zwar Hitler, Himmler, Göring und Heydrich als "Haupttäter" der Vernichtung der Juden [36]. Allerdings wäre es, so Hofmeyer weiter, "auch ein Fehler, zu sagen, daß die >kleinen Leute< deshalb nicht schuldig seien, weil sie das ganze Geschehen nicht eingeleitet haben. Sie waren genauso nötig, um den Plan der Vernichtung der Menschen in Auschwitz durchzuführen, wie diejenigen, die am Schreibtisch diesen Plan entworfen haben" [37].

Rezeption und Wirkung des Auschwitz- Prozesses:

Spätestens mit Ende des Prozesses war der Name des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers in der Bundesrepublik Deutschland zum Symbol und Synonym für die Massenverbrechen des NS-Regimes geworden. Dabei spielte auch die große mediale Öffentlichkeit, die der Auschwitz-Prozess von Anfang an bekam, eine wichtige Rolle. So berichteten Zeitungen eineinhalb Jahre lang über den Verlauf fast jeden Verhandlungstages. Und: Radio, Fernsehen und Illustrierte informierten regelmäßig über die Beweisaufnahme und die Zeugenaussagen. Außerdem nahmen etwa 20.000 Besucher am Prozess teil, darunter zahlreiche Schulklassen. Auch international fand der Auschwitz-Prozess eine große Öffentlichkeit. Eine der wichtigsten Leistungen des Frankfurter Auschwitz-Prozess war es also, "die Vernichtung der europäischen Juden vor einer breiten Öffentlichkeit thematisiert und als das zentrale Verbrechen des Nationalsozialismus überhaupt kenntlich gemacht zu haben" [38]. Rechtswissenschaftler kommen ebenfalls zu einem positiven Urteil über den Auschwitz-Prozess: "Das herausragende Verdienst dieses Prozesses ist die unanfechtbare Feststellung des Geschehenen. So ist das Auschwitz-Urteil ein bleibendes Zeugnis gegen jedes Leugnen des nationalsozialistischen Völkermordes" [39].

Literatur:

Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung (Fritz Bauer Institut, Pädagogische Materialien Nr. 8), Frankfurt am Main 2004

Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozess. Eine Dokumentation, Wien 1965

Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt, Berlin 2004

Werle, Gerhard/ Wandres, Thomas: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strajustiz, München 1995

Wojak, Irmtrud (Hg.): <>. Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz- Prozesses), Frankfurt am Main 2001

Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004

Besonders empfehlenswert ist auch die Dokumentation "Das Ende des Schweigens" des Hessischen Rundfunks über den Frankfurter Auschwitz- Prozess. Diese ist abrufbar unter: www.hr-online.de
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Fußnoten

1.
Nach: Wojak, Irmtrud: Der erste Frankfurter Auschwitz- Prozeß (in: Dies. (Hg.): Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz- Prozesses), S. 24
2.
Werle, Gerhard/ Wandres, Thomas: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz, S. 46
3.
Nach: Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt, S. 210
4.
Nach: ebenda, S. 65
5.
HR: http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
6.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, S. 349
7.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, S. 349
8.
Nach: ebenda, S. 352
9.
Nach: ebenda, S. 361
10.
Nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 114
11.
Nach: ebenda, S. 117
12.
Nach: ebenda, S. 103
13.
Nach: ebenda, S. 238
14.
Vgl.: Naumann: Auschwitz..., S. 16
15.
Vgl.: Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozeß. Eine Dokumentation, S. 163
16.
Nach: Naumann: Auschwitz..., S. 105
17.
Nach: ebenda, S. 103
18.
HR: http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
19.
Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 98
20.
Ebenda, S. 109
21.
Beides: ebenda, S. 82ff
22.
Vgl.: Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung (Fritz Bauer Institut, Pädagogische Materialien Nr. 8), S. 63
23.
Naumann, Bernd: Auschwitz...., S. 123
24.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 316
25.
Vgl.: ebenda , S. 306
26.
Nach: Langbein, Hermann: Der Auschwitz- Prozess...,S. 462
27.
Nach: Kingreen, Monica: Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965..., S. 28
28.
Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 498
29.
Wandres, Thomas/ Werte, Gerhard: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz, S. 58
30.
Alles: ebenda, S. 47
31.
http://www.hr-online.de/website/static/spezial/auschwitzprozess/index.html
32.
Nach: Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 337
33.
Vgl.: Kingreen, Der Auschwitz- Prozess 1963- 1965..., S. 65
34.
Vgl.: ebenda, S. 55

35.
Nach: Vgl.:Wojak, Irmtrud (Hg.): Auschwitz- Prozeß..., S. 332

36.
Nach: Dirks, Christian: Selekteure als Lebensretter (in: Wojak, Irmtrud (Hg.): ...,S. 180

37.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

38.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

39.
Alles nach: Naumann, Bernd: Auschwitz..., S. 275

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Autor: Joachim Wolf für bpb.de
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