Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Werner Bergmann

Antisemitismus im Rechtsextremismus

Wer den Antisemitismus verstehen will, muss die Geschichte der Judenfeindschaft kennen, in der das negative Judenbild geprägt wurde. Denn der heutige Antisemitismus greift auf alte Vorurteile zurück und aktualisiert sie.

Schwarz-Weiß-Foto: Antisemitisches Hinweisschild an einer Wand des Olympia-Verkehrsamtes für den Skiclubs Patenkirchen vom 25. Oktober 1935: "Juden: Zutritt verboten". Aufgrund der antisemitischen Diskreminierungen im Deutschen Reich - die Seitens der NS-Behörden im Vorfeld der Olympischen Spiele stets dementiert oder beschönigt wurden - entstand v.a. in den USA eine Kontroverse über einen möglichen Boykott der Spiele. (© AP)

Einleitung

Rechtsextremismus ist der Sammelbegriff für ein ideologisches Weltbild, das verschiedene, eng miteinander verknüpfte Dimensionen besitzt, zu denen die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur (Führerprinzip), Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus zählen.[1]

Auch wenn man die Fixierung der Forschung auf nationalsozialistische Ideologieelemente, vor allem auf einen biologischen Rassismus mit seinen Überlegenheits- bzw. Minderwertigkeitsvorstellungen, als überholt kritisiert und statt dessen ein ethnopluralistisches Denken als typisch für den modernen europäischen Rechtsextremismus ansieht, der Differenzen kulturalistisch und relativistisch bestimmt,[2] bleibt Antisemitismus zumindest in Deutschland ein für ihn konstitutives Merkmal. Für den Rechtsextremismus stellt die ethnische Homogenität des eigenen Volkes zur Sicherung kultureller, rassischer und nationaler Identität den höchsten Wert dar.Das rechtsextreme Lager sieht drei zentrale Bedrohungen, gegen die es sich zur Wehr setzt.[3]

Erstens: Die nationale Identität wird durch die pluralistische Demokratie und ein westliches Werteverständnis gefährdet, die den Deutschen nicht adäquat und nach 1945 von "Angloamerikanern" und Juden mittels "Umerziehung" oktroyiert worden seien. Gegen diese "geistige Knechtschaft durch das Besatzungsregime" in "Koalition mit der Holocaust-Industrie", die sich unter anderem solcher Mittel wie Globalisierung und EU-Erweiterung bedienen, setzt sich das rechtsextreme Lager unter dem Etikett der "nationalen Selbstbehauptung" zur Wehr.[4] Der geringe Erfolg verlangt nach einer Erklärung, die verschwörungstheoretisch geliefert wird: Mächtige Gruppen im Hintergrund üben Druck auf die Eliten aus, manipulieren die öffentliche Meinung ("Kartellmedien") und entmündigen das Volk durch Konsumversprechen.[5] Zweitens: Zuwanderung und ethnische Minderheiten gelten als Bedrohung der ethnischen Homogenität. Antisemitismus kommt hier in doppelter Weise ins Spiel: Juden werden als "fremdvölkische Minderheit" abgelehnt, und man sieht die Einwanderung der vergangenen Jahrzehnte und die multikulturelle Gesellschaft als ein von "Hintergrundkräften" gesteuertes Vorhaben zur Schwächung der ethnischen Substanz Deutschlands.[6] Juden werden nicht nur als Fremde betrachtet, sondern gelten, wie schon für die Nationalsozialisten, geradezu als "Anti-Volk" und als "unser ewiger Feind", dessen "Händlergeist" und "nomadische Lebensweise" sich mit dem "Deutschtum" nicht vertrage. Drittens: Als Bedrohung wird auch die kritische Aufarbeitung der Geschichte des "Dritten Reiches" gesehen, da sie einem positiven Selbstbild der Deutschen entgegensteht und die NS-Ideologie entwertet, von der sich rechtsextreme Gruppierungen nur partiell verabschiedet haben und mit der sie von außen identifiziert werden. Dabei stellt der Holocaust das größte Problem dar, dem man einerseits durch Verschweigen, Relativieren, Leugnen, andererseits mit antisemitischen Umdeutungen, indem man die Opfer nachträglich zu Schuldigen und die Überlebenden zu Profiteuren des Holocaust-Gedenkens macht, seine historische Bedeutung zu nehmen sucht.

Antisemitismus steht im rechtsextremen Diskurs also in verschiedenen Kontexten und fungiert - anders als Ausländerfeindlichkeit - als Theorie zur Erklärung (fast) aller das nationale Kollektiv schädigenden Phänomene in Gegenwart und Vergangenheit. Antisemitische Annahmen werden einerseits - neuerdings wieder vermehrt - zur Deutung aktueller Erscheinungen (Globalisierung, Irak-Krieg, Terrorismus, Nahostkonflikt) herangezogen, doch haben sie im Rechtsextremismus immer auch eine vergangenheitsbezogene Stoßrichtung, da die Schuld der Deutschen am Holocaust wie auch die Kränkung durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg durch Projektion auf "die Juden" abgewehrt werden müssen.

Insofern bilden antisemitische Erklärungsmuster einen integralen Bestandteil rechtsextremer Geschichtsdeutung. Im Kampf gegen herrschende Geschichtsbilder reagiert die rechtsabweichende, sich als nonkonformistisch begreifende Subkultur auch auf den "Normalismus" der Mehrheitsgesellschaft, in der antisemitische Äußerungen ein zentrales Tabu darstellen.[7] Dies macht die Angriffe auf Juden und die "Vergangenheitsbewältigung" so attraktiv, denn der rechtsextreme Code funktioniert als Negation des Mehrheitsdiskurses, indem er dessen (zum Teil strafbewehrte) Normen durchbricht:[8] Der "verordnete" Philosemitismus wird in einem teilweise rabiaten Antisemitismus negiert und dabei oft ins Lächerliche gezogen.

Antisemitische Positionen werden im gesamten rechtsextremen Spektrum vertreten und haben eine Integrationsfunktion. Dennoch gibt es Unterschiede, sowohl was die Zentralität dieses Ideologieelements als auch was die Offenheit seines Auftretens betrifft.

Rechtsextreme und antisemitische Einstellungen

Betrachtet man die Größe der Einstellungspotenziale in den genannten Dimensionen des Rechtsextremismus, dann rangiert der Antisemitismus (23 %) hinter chauvinistischen (32 %), den Nationalsozialismus verharmlosenden (29 %) und fremdenfeindlichen (26 %) Einstellungen. Er fällt aber höher aus als sozialdarwinistische Überzeugungen (13 %) und die Zustimmung zu einer rechtsautoritären Diktatur (19 %). Dabei gibt es teilweise erhebliche Ost-West-Unterschiede: Insgesamt zeigen Ostdeutsche anderthalb Mal so häufig rechtsextreme Orientierungen wie Westdeutsche, seltener aber antisemitische und den Nationalsozialismus verharmlosende Anschauungen.[9]

Was die Ursachen antisemitischer Einstellungen angeht, so weisen empirische Analysen auf ihre Diffusität hin. Die größte Erklärungskraft besitzen Faktoren, die auf der Ebene von Ideologie und Wertorientierungen liegen (rechte politische Orientierung; konservative Wertorientierungen, vor allem Nationalstolz und Autoritarismus; Unzufriedenheit mit der Demokratie).[10]

Situative Einflüsse, wie Probleme des Arbeitsmarktes und Verteilungskonflikte, beeinflussen antisemitische Einstellungen wenig.[11] Allerdings begünstigen Krisen, wie die Erfolgsphasen des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik zeigen, Rechtsparteien, die in ihren Publikationen antisemitische und geschichtsrevisionistische Ansichten verbreiten.[12]

Antisemitische Einstellungen führen keineswegs immer zur Wahl einer rechtsextremen Partei, wie die Verteilung der Parteipräferenzen zeigt. Rechtsextreme wählen rechtsextreme und konservative Parteien aber überdurchschnittlich häufig.[13] Wechselt man die Perspektive und betrachtet die Wählerschaft der rechtsextremen Parteien, dann wird deutlich, dass sie ein Sammelbecken für antisemitisch Eingestellte sind. In einer Studie von 1993 stimmten die Hälfte der Anhänger (52 %) und der Stammwähler (53 %) sowie über ein Drittel der Protestwähler (39 %) der "Republikaner" einer Liste antijüdischer Stereotypen zu (Gesamtbevölkerung: 22 %).[14] Antisemitismus steuert die Präferenzen für politische Parteien also nur partiell.

Fußnoten

1.
Vgl. Oskar Niedermayer/Richard Stöss, Rechtsextreme Einstellungen in Berlin und Brandenburg, Berlin 2005, S. 3.
2.
Vgl. Mathias Brodkorb, Rechtsextremismus im postmodernen Umfeld. Für eine Metatheorie des Rassismus, in: Berliner Debatte Initial, 16 (2005) 3, S. 59 - 69.
3.
Vgl. Werner Bergmann/Rainer Erb, Rechtsextremismus und Antisemitismus, in: Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 27, (1996), S. 330 - 343. Exemplarisch dafür die Website des Berlin-Briefes (9. 3. 2004): "Wir wollen unser Deutschtum erhalten und wehren uns energisch gegen jede weitere Dominanz jüdischer Ideen, Fremdkulturen und Umerziehung. Deutschland muß wieder frei werden, aber nicht mit dem Judentum. Deutsche Menschen sind weder Leibeigene der Bonner Proselyten noch sind sie Untertanen des Judentums." Zit. nach Senatsverwaltung für Inneres, Abt. Verfassungsschutz, Antisemitismus im extremistischen Spektrum Berlins, Berlin 2004, S. 37.
4.
Vgl. Deutsche Stimme, (2004) 8, S. 6; dort wird "BRD" mit "Besatzungs-Republik-Deutschland" übersetzt.
5.
Auf dem NPD-Parteitag 2004 in Leinefelde (Thüringen) wurde auf einem Plakat das ZDF als "Zionistische Desinformations-Fabrik" bezeichnet.
6.
So wird z.B. Michel Friedman vorgeworfen, er verfolge die "Strategie, das ethnisch-kulturelle Immunsystem des deutschen Gastgebervolkes zu schwächen", vgl. Deutsche Stimme, (2002) 7.
7.
Vgl. zu diesem Ansatz: Manfred Lauermann, Der Rechtsradikalismus - eine Form "krimineller Subkultur"?, in: Berliner Debatte Initial, 16 (2005) 3, S. 46 - 58.
8.
Im vom "Deutschen Rechtsbüro" herausgegebenen Band "Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln. Rechtsratgeber für den politischen Aktivisten zur Verwirklichung von Grundrechten und Rechtsstaatlichkeit", Oberboihingen o. J., finden sich zahlreiche Hinweise darauf, was man über Juden Negatives straflos äußern darf und was nicht.
9.
Vgl. Richard Stöss u.a., Projekt "Gewerkschaften und Rechtsextremismus", Abschlussbericht, Dezember 2004, S. 90 - 93 u. 104; eine andere Rangfolge in: O.Niedermayer/R. Stöss (Anm. 1), S. 5ff.
10.
Vgl. Werner Bergmann/Rainer Erb, Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland 1996, in: Richard Alba u.a. (Hrsg.), Deutsche und Ausländer: Freunde, Fremde oder Feinde?, Opladen 2000, S. 401 - 443.
11.
Laut einer Studie von 2004 gibt es keinen signifikanten Zusammenhang von Antisemitismus mit sozialstruktureller Desintegration; schwache Zusammenhänge bestehen mit dem Gefühl politischer Machtlosigkeit und fehlender Anerkennung. Vgl. Kirsten Endrikat/Wilhelm Heitmeyer, Desintegration und Gruppenbezogenene Menschenfeindlichkeit (GMF). Was muss und kann soziale Arbeit beeinflussen?, Workshop der Freudenberg-Stiftung, Weinheim 2005, S. 9.
12.
Hinsichtlich der Leugnung des Holocaust gibt es große Unterschiede im rechten Lager. Während sie für den Neonazismus zum ideologischen Kernbestand zählt, glaubten 1994 nur 8 % der "Republikaner"-Anhänger, "daß an der These, es sei nur Propaganda der Siegermächte, daß die Nazis Millionen von Menschen umgebracht haben, etwas dran" sei; vgl. Forsa-Umfrage, Die Deutschen und der Nationalsozialismus, Mai 1994.
13.
In der Studie von Niedermayer und Stöss (Anm. 1) erklärten 26 % der Berliner und 31 % der Brandenburger Befragten mit rechtsextremem Weltbild, sie würden eine rechtsextreme Partei wählen (gegenüber 4 % bzw. 7 % der sonstigen Befragten).
14.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Rechtsextremismus in Deutschland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18.3. 1993.