Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland
Kann man von einer allgemeinen Verlagerung des Rechtsextremismus von West- nach Ostdeutschland sprechen? Der Autor meint: Nur unter bestimmten Voraussetzungen.I. Einführung
Die mediale Berichterstattung über rechtsextremistische Vorkommnisse in den letzten Jahren erweckte vielfach den Eindruck, es handele sich bei solchen politischen Tendenzen um ein typisch ostdeutsches Phänomen. Allein zwei Aussagen scheinen dies zu bestätigen: Die Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten ist in den neuen Bundesländern weitaus größer als in den alten, und die 'Deutsche Volksunion' (DVU) erreichte mit fast 13 Prozent der Wählerstimmen 1998 in Sachsen-Anhalt den größten Erfolg einer rechtsextremistischen Partei bei Landtagswahlen seit 1949. Angesichts dieser und anderer Vorkommnisse formulierten Beobachter der Entwicklung, es habe in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eine Verlagerung des Rechtsextremismus von West- nach Ostdeutschland gegeben. Der Parteien- und Rechtsextremismus-Forscher Richard Stöss bemerkte etwa, 'dass sich der Schwerpunkt des Rechtsextremismus seit Mitte der neunziger Jahre von West nach Ost verlagert hat', und dass seit längerer Zeit 'in Ostdeutschland der eher spontane, schwach organisierte und ideologisch gering fundierte, dafür aber besonders aggressive Protest vorherrscht' und ergänzt dazu, 'dass Wahlparteien - gemessen an Mitgliedern und Wählern - spätestens seit 1998 auf dem Vormarsch sind' [1]
Handelt es sich hierbei um eine zutreffende Einschätzung? Oder wurden einseitig einzelne Vorkommnisse zu einer solchen Bewertung herangezogen? Gilt die Aussage für alle Bereiche des Rechtsextremismus oder nur für einzelne Handlungsfelder? Wie ist die Entwicklung in diesem politischen Lager vergleichend einzuschätzen? Um diese und viele weitere ähnliche Fragen zu beantworten, bedarf es einer differenzierten Darstellung und Analyse des Rechtsextremismus in der erweiterten Bundesrepublik der neunziger Jahre. Hierbei ist nicht nur hinsichtlich der Entwicklungen in den östlichen und westlichen Bundesländern vergleichend zu fragen. Darüber hinaus gilt es für eine solche Analyse, die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Handlungsfelder des Rechtsextremismus gesondert zu betrachten [2] Und schließlich darf auch nicht die unterschiedliche gesellschaftliche Rahmensituation im Osten und Westen ignoriert werden, und zwar bezogen einerseits auf die jeweilige politische Kultur und deren historische Prägung und andererseits auf die unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Situation.
Fußnoten
- Richard Stöss, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, Bonn 1999, S. 8 und 153.
- Die vorliegende Darstellung wird aus Sicht der politikwissenschaftlichen Extremismusforschung vorgetragen. Zu den definitorischen und methodischen Grundauffassungen vgl. Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextemismus in der Bundesrepublik, München 1999, S. 11-20.
weitere Inhalte:
- Abschied vom Wachstum
- Angst vor der Spritze
- Die einsamen Inseln
- Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland
- Don Quijote und die Demografie
- Erwerbstätige nach Status
- Freizeitverhalten
- "Gesellschaftliche Probleme sind Chancen, Geld zu verdienen"
- Infrastruktur und Infrastrukturlücke in Ostdeutschland
- Kirchennähe und -ferne
- Kitas und Kindererziehung in Ost und West
- Lebenszufriedenheit
- Politisches Interesse
- Subjektives Wohlbefinden in Ost- und Westdeutschland
- Transferwirtschaft Ost
Dossier
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter...
Podiumsdiskussion
Rechter Terror und der Inlandsgeheimdienst oder: Wer überwacht die Überwacher?
Rechter Terror - wieso konnte jahrelang, ohne dass der Inlandsgeheimdienst von den rassistischen Morden Kenntnis erlangte, die rechtsextreme Organisation "Zwickauer Zelle" in Deutschland Menschenleben zerstören? Wie konnten die Taten mit rassistischen Hintergrund unentdeckt bleiben? Weiter...

Bündnis für Demokratie und Toleranz
Das von den Bundesministerien des Innern und der Justiz gegründete bundesweite Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) in der Bundeszentrale für politische Bildung will das zivilgesellschaftliche Engagement für Demokratie und Toleranz in unserem Land sichtbar machen und möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zum Einsatz für unsere Demokratie ermutigen. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 haben sich eine Vielzahl von Organisationen dem Bündnis angeschlossen - von großen Verbänden bis hin zu kleinen Aktionsgruppen. Weiter...
BundesprogrammZusammenhalt durch Teilhabe
Mit dem Programm "Zusammenhalt durch Teilhabe" fördert das Bundesministerium des Innern (BMI) Projekte für demokratische Teilhabe und gegen Extremismus in Ostdeutschland. Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sollen dort gefördert werden, wo sie entstehen: an der Basis. Das BMI hat die bpb mit der Umsetzung des Bundesprogramms betraut. Weiter...


