Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

5.9.2006 | Von:
Anne Haeming

Korrespondent in national befreiter Zone

Rechtsextremismus in der Tageszeitung

Glatzköpfig, ostdeutsch – rechtsextrem: Dieses Klischee ist längst Vergangenheit, die Szene hat sich stark verändert. Besonders für Lokaljournalistinnen und -journalisten heißt das: Ein Auge auf die rechtsextreme Bewegung in ihrem Verbreitungsgebiet haben und über das Geschehen vor ihrer Redaktionstür berichten.

Ein Teilnehmer einer Demonstration von Rechtsextremen fasst sich vor dem Justizpalast in Nürnberg an seinen Pullover (Foto vom 14.10.06). Am Freitag (18.11.11) treffen sich die Innen- und Justizminister von Bund und Ländern in Berlin zu einer Sonderkonferenz zum Rechtsterrorismus. Anlass ist die jüngst bekannt gewordene Neonazi-Mordserie. Unter anderem soll beraten werden, wie die Erkenntnisse der verschiedenen Behörden über die rechte Szene zusammengeführt und besser ausgewertet werden können. Dazu ist eine sogenannte Verbunddatei ähnlich der Anti-Terror-Datei über islamitische Gewalttäter im Gespräch.Ein Teilnehmer einer Demonstration von Rechtsextremen fasst sich vor dem Justizpalast in Nürnberg an seinen Pullover. (© AP)

Am Anfang ging es nur um die Versteigerung eines ehemaligen Bundeswehrgeländes im Landkreis Verden bei Bremen. Welche Dimension diese Transaktion annehmen würde, konnte Anke Landwehr im Juni 2004 nicht ahnen, genauso wenig, wie sehr sich ihr Arbeitsalltag als Redakteurin der "Verdener Nachrichten" dadurch verändern würde. "Ich habe die Geschichte übernommen, weil ich gerade freiwar, es war reiner Zufall", erzählt die Journalistin rückblickend.

Vom Verlag abgeordnet

Neuer Besitzer des Geländes "Gut Heisenhof" war die unbekannte Wilhelm-Tietjen-Stiftung und somit, wie Landwehrs Recherchen schnell ergaben, auch der Rechtsanwalt Jürgen Rieger als Geschäftsführer der Stiftung. Rieger ist eine wichtige Figur in Neonazikreisen und wegen Volksverhetzung verurteilt. Der Heisenhof war als Zentrum eugenischer Forschung vorgesehen.


Dass die "Geschichte nicht Geschichte" bleiben, sondern sich zu einem Thema auswachsen würde, war schnell abzusehen. Die Redakteurin wurde vom Verlag freigestellt, damit sie sich ausschließlich diesem Komplex widmen konnte. Im Mai 2005 hat der Verlag eine aufwändig gestaltete Broschüre herausgegeben: "Sie marschieren wieder" ist eine Dokumentation der regionalen Neonazi-Szene, bestückt mit Artikeln von Landwehr und ihrer Bremer Kollegin Christine Kröger. Anke Landwehr ist eine Ausnahme. Dass eine Redakteurin sich auf ein einziges Thema einlassen kann, ist selten. "Zeit ist ein großes Problem", beschreibt Landwehr die Situation. "Es war purer Zufall, dass uns damals einige Studenten als freie Mitarbeiter zur Verfügung standen. Grundsätzlich aber müssen immer mehr Redaktionen mit immer weniger Personal auskommen – da wird eine gründliche Recherche zunehmend schwieriger." Doch nur wer die Argumentation und die ideologischen Hintergründe genau kennt, kann sich auch fundiert damit auseinandersetzen und rechtsextreme Tendenzen entlarven.

Die neuen Nazis

Die Szene hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, wie nicht zuletzt am professionelleren Auftreten der NPD und ihrem Einzug in den sächsischen Landtag im Herbst 2004 zu beobachten ist. "Ein NPD-Mitglied ist nicht automatisch dumm", die klassische Skinhead-Kluft "längst out" und Hartz IV statt Hitler Thema auf der rechtsextremen Agenda, wie "Zeit"-Autor Toralf Staud in seinem Buch "Moderne Nazis" die aktuelle "Faschisierung der Provinz" beschreibt. Auch Journalisten müssen sich an dieses neue Auftreten gewöhnen, noch genauer hinschauen. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz", kommentiert Dierk Borstel vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) die Situation. "Wenn ich nichts sehe, berichte ich nicht darüber." Er bietet "Community Coaching" an: Argumentationstraining, um sich für die Auseinandersetzung mit rechtsextremer Ideologie zu wappnen. "Aus dem Bauch heraus könnte ich 20, 30 Orte mit einer sehr starken rechtsextremen Szene nennen – und die lokale Presse schweigt." Im journalistischen Alltagsgeschäft, so seine Beobachtung, geht der Blick für übergeordnete Fragen verloren, Berichte über einschlägige Konzerte und Aktionen fänden keinen Weg ins Blatt. Der Alltag ist eine Sache. Dazu kommt, dass viele Verlagshäuser keine Notwendigkeit sehen, diesem Thema Priorität einzuräumen.

Infos doppelt überprüfen

Landwehr war von Anfang an in der glücklichen Position, vom Bremer Verlag unterstützt zu werden. "Andere journalistische Arbeiten waren zeitlich gar nicht möglich", erklärt sie. "Zum einen war das Thema Neuland: Wie aktiv und vernetzt die Alt- und Neonazis tatsächlich sind, ist mir erst im Laufe der Recherchen aufgegangen. Und ich muss stets jede Info doppelt überprüfen und abwägen, welche Namen, welche Fotos erscheinen dürfen. Das war ein Fall für unseren Hausjuristen." Längst geht ihre Berichterstattung weit über Jürgen Rieger und den Heisenhof hinaus. Schulhofoffensiven der NPD und der Kampf um die Kommunalparlamente finden den Weg ins Blatt, genauso wie illegale Neonazi-Konzerte. Sie schreibt "nicht über jeden NPD-Stand", erklärt Landwehr, aber eine ständige Berichterstattung ist ihr wichtig. "Ich beobachte das Geschehen, halte meine Kontakte in der Szene."

Totschweigen oder Dramatisieren

Kontinuität ist für Christoph Seils die zentrale Forderung, wenn es um die mediale Präsenz von rechtsextremen Themen geht. Er ist freier Journalist in Berlin und schreibt seit zwölf Jahren zum Thema. Sein Verständnis hängt mit den Ergebnissen seiner Diplomarbeit zusammen, in der er das Phänomen "Berichterstattung über Rechtsextremismus" untersuchte. Das ist zwar über zehn Jahre her, aber Seils bleibt dabei: "Ich halte die weitverbreitete These für falsch, die da lautet: Journalisten sorgen erst für die Bekanntheit der Bewegung, der Partei oder der Personen und dann für einen Zuwachs an Anhängern oder Stimmen." Es habe umgekehrt mehrere Fälle gegeben, so Seils, in denen im Vorfeld einer Wahl nicht über die Partei berichtet worden war, und diese dennoch Erfolg hatte. Generell werde meist erst hinterher berichtet: nach einem Wahlgewinn, nach Mölln, Solingen, Hoyerswerda. "In den letzten 15, 20 Jahren", so seine Bilanz, "schwankte die Haltung der Medien zwischen Skandalisierung und Totschweigen." Er plädiert für eine kontinuierliche und nüchterne Berichterstattung. Man könne die Probleme "weder wegschreiben noch wegschweigen, stattdessen muss man sie beschreiben", so Seils. "Es ist eine ständige gesellschaftliche Herausforderung, sich damit auseinander zu setzen. Das gilt vor allem für den Journalismus."

Recherche in Umkleidekabinen

Das Berliner ZDK hat sich gesellschaftliche Aufklärung zur Aufgabe gemacht. Dierk Borstel, der Leiter des Projekts Community Coaching, betont zwar, dass es Ausnahmen gebe, konstatiert aber eine enorme Ahnungslosigkeit bei vielen Journalisten. "An der Recherche hapert's", meint er. "Das Programm der NPD sollte man mindestens gelesen haben. Im Lichte der Ideologie wirken viele Anträge von NPD-Politikern ganz anders. Es kann auch aufschlussreich sein, was die Antragsteller auf Demos zum gleichen Thema sagen." Manchmal kommen Journalisten auf ihn zu, die über einen ZDK-Bericht von einer rechtsextremen Szene in ihrem Verbreitungsgebiet erfahren haben und erstaunt sind. "Zeigt's uns", sagen sie dann. Borstel rät dann, sich zwei Tage Zeit zu nehmen: "Geht in die Kneipen, unterhaltet euch mit dem Kioskbesitzer, hört zu, worüber in den Umkleidekabinen vom Sportverein geredet wird." An einem der Tage kommen die Experten dazu und helfen bei der Deutung von Zeichen, Symbolen, Argumenten.

Angstzonen-Reporter

Einer, der mit der Symbolik der Szene bestens vertraut ist, ist "Tagesspiegel"-Redakteur Frank Jansen. Der Theodor-Wolff-Preisträger 1995 genießt mittlerweile Experten-Status auf diesem Gebiet der Berichterstattung. Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit in den vergangenen 15 Jahren ist das Selbstverständnis als Bürger einer Demokratie. Alles begann mit dem Auftrag, die Brandenburg-Redaktion des "Tagesspiegel" in Frankfurt an der Oder aufzubauen. Er habe schnell begriffen, erzählt er, dass Rechtsextremismus ein "riesengroßes Thema" sein würde. "Mein prägendes Erlebnis war am 8. April 1991. Das war der Tag, an dem die Visumspflicht für polnische Bürger wegfiel. Ein Bus mit Polen fuhr aus Frankfurt/Oder raus, an der Grenze warteten 300 Neonazis, Steine flogen, die Polizei war überfordert." Am nächsten Tag musste Jansen erstaunt feststellen, dass sich auf der polnischen Seite niemand darüber aufregte. In Frankfurt ließen die Leute ihrem Hass auf Polen freien Lauf, als er nachfragte. Die Existenz von Angstzonen, "national befreiten Zonen", wie sie in der Szene genannt werden, sind bis heute Teil seiner Motivation. "Mir war klar, dass ich das abbilden müsste." Anfangs hatten seine Chefs das Thema für nicht so dringlich gehalten, "aber getreu der liberalen Einstellung des Hauses haben sie mich machen lassen". Seither hat sich viel verändert. Die Neonazi-Szene hat sich in den Jahren seiner Beobachtung radikal umstrukturiert, seine Recherchen nehmen andere Wege. Auch weil sein Gesicht inzwischen zu bekannt ist. Hass schlage ihm entgegen, Morddrohungen seien fast normal.

Praxistest Berichterstattung

Dass Lokalredaktionen mit derartigen Akten der Einschüchterung konfrontiert werden, ist nicht ungewöhnlich, meint Frank Jansen. Die berechtigte Angst vor Neonazis, so der "Tagesspiegel"-Autor, sei auch ein Grund, warum das Thema in manchen Regionalblättern nicht auftauche. "Die fragen sich: Warum soll ich mir den Kopf einschlagen lassen?" Mit Bedrohungen müsse man einfach rechnen, kommentiert Anke Landwehr von den "Verdener Nachrichten" trocken. Man dürfe sich aber nicht einschüchtern lassen. Als weiteren Grund sieht Jansen die Angst, sich mit der Leserschaft anzulegen: "Das ist geschäftsschädigend." Das Argument, rechtsextremen Stimmen kein Forum im Blatt bieten zu wollen, ist weitgehend verhallt. Diejenigen, die doch berichten, sind meist bestrebt, Hintergründe anzubieten, Artikel mit Kommentaren und Info-Kästen zu begleiten. Einzig beim Thema Interview gehen die Meinungen auseinander. Manche sind überzeugt, mit geschickten Fragen die Argumentation des Gesprächspartners entschleiern zu können, andere bleiben skeptisch. Die Tabuisierung von Interviews versteht der Journalist Christoph Seils nicht. Wenn es gut sei – warum nicht: "Auch das muss die Gesellschaft aushalten. Bestimmte Sätze tun halt weh." Sein "Tagesspiegel"-Kollege Jansen lehnt das rundheraus ab: "Wortlautinterviews? Nein, spätestens mit der Autorisierung hat man verloren. Rechtsextreme lassen sich so nicht entlarven. Wer rechtsextrem ist, der hat sich doch schon selbst entlarvt."

Opfer im Mittelpunkt

Er wählt einen anderen Weg, einen, der noch kaum beschritten wird. Für ihn stehen die Opfer rechtsextremer Übergriffe immer wieder im Mittelpunkt. Seit 1996 schreibt Jansen an einer Langzeitstudie: einmal im Jahr eine längere Reportage über einen Italiener, der mit einem Baseballschläger rollstuhlreif geprügelt worden war. "Über die Darstellung dieser Einzelschicksale ist es am ehesten möglich, den Lesern die Dimensionen von Rechtsextremismus zu veranschaulichen", erklärt der Journalist. Seit über fünfzehn Jahren schreibt Frank Jansen fast ausschließlich Texte über Rechtsextremismus. Manchmal fragt er sich, ob es die richtige Entscheidung war. Die Antwort ist immer die gleiche.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in "Redaktion", dem Jahrbuch für Journalisten. Es ist Teil des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. "Redaktion 2006" wird im Medienfachverlag Oberauer verlegt und kann über die Drehscheibe online (www.drehscheibe.org) bestellt werden.


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