Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Britta Schellenberg

Rechtsextremismus und Medien

Die Medien prägen den politischen Diskurs zum Thema Rechtsextremismus auf allen Ebenen. Inwieweit werden sie dem Phänomen Rechtsextremismus aber gerecht? Wie kann ein angemessener Umgang mit dem Thema aussehen?

Die Debatte um ein "sichtbares Zeichen" gegen Vertreibung spiegelte sich auch in der polnischen und deutschen Presse. Foto: AP  (© AP)

Einleitung

Der politische Diskurs zum Thema Rechtsextremismus, die öffentliche und private Einschätzung des Gefahrenpotenzials und schließlich der Umgang mit dem Rechtsextremismus werden maßgeblich durch die Medien geprägt. Gleichzeitig können Themensetzung und -gestaltung nicht unabhängig von öffentlichen und politischen Diskursen verstanden werden. Medienmacher kommen nicht umhin - als Rezipienten und in der Gestaltung von Beiträgen, die sich an Personen in einem spezifisch gesellschaftlichen Umfeld richten - Meinungen und Bilder vom Rechtsextremismus aufzugreifen und zu vermitteln. Die Frage, inwieweit die Medien dem Phänomen Rechtsextremismus gerecht werden, ist daher auch eine gesellschaftliche Frage.

Eine Analyse der Berichterstattung über Rechtsextremismus schließt nicht nur den Blick auf die Qualität der journalistischen Arbeit ein, die sich im Spannungsfeld zwischen Chronistenpflicht und Aufklärung bewegt. Es ist auch zu fragen, wie verschiedene Rezipientengruppen bestimmte Sendungen wahrnehmen und verarbeiten. Neben den Wirkungen einzelner Sendungen ist - mit einem breiteren Blick auf die Entwicklungen in der Berichterstattung über mehrere Jahre hinweg - zu untersuchen, wie präzise die Medien die Ereignislage zum Rechtsextremismus und dessen aktuellen Charakter (etwa Anzahl und Schwere der Gewalttaten oder Verbreitung rechtsextremer Einstellungsmuster) abbilden und inwiefern es ihnen gelingt, ein adäquates Bild des Gefahrenpotenzials zu zeichnen. Ist die Darstellung oder Konstruktion des Rechtsextremismus in den Medien realitätsgetreu? Inwieweit wird das Thema durch die Intensität und die Inhalte der Berichterstattung dramatisiert oder verharmlost? Wird Rechtsextremismus als mediengerechtes Phänomen gestaltet, und kann das Phänomen als Medienstory eine Eigendynamik entwickeln? Wie kann das verhindert werden?[1]

Nach diesen unterschiedlichen Blicken auf das Thema Rechtsextremismus in den Medien ist in einem zweiten Schritt abzuwägen, wie die Berichterstattung gestaltet sein muss, damit sie ein realitätsnahes Bild des Rechtsextremismus bietet und sowohl die Ereignislage nachzeichnet als auch für verschiedene Rezipientengruppen aufklärende Wirkung entfaltet. Die Herausforderungen einer kompetenten Berichterstattung über Rechtsextremismus bedeuten eine schwierige Gratwanderung für die Verantwortlichen: Journalisten befinden sich in einem vielfältigen Dilemma, zwischen Chronistenpflicht und möglicher kontraproduktiver Wirkung, zwischen politischer Positionierung (oftmals der persönliche Anspruch, die eigene Abneigung gegen Rechtsextremismus auszudrücken), Aufklärerrolle und Zuschauerzahlen. Es wird auf der einen Seite Distanz zum Gegenstand des Berichts verlangt, zum anderen kann ein Beitrag zum Rechtsextremismus nicht ohne eine eigene Positionierung auskommen. Zu dieser problematischen Ausgangsposition gehört auch, dass der Journalist auf allgemeine medienspezifische Rahmenbedingungen Rücksicht nehmen muss: So ist in den vergangenen Jahren ein Rückgang der politischen Berichterstattung zugunsten einer zunehmenden Orientierung an Personen, Emotionen, Unterhaltung sowie "starken" Bildern ("Emotainment") festzustellen. Zudem werden die Nachrichtenfaktoren Negativismus, Konflikthaftigkeit, Kontroverse, Aggression und Schaden von Zuschauern bevorzugt aufgenommen.[2] Auch hier müssen Journalisten eine Gratwanderung zwischen Rücksichtnahme auf eben diese Rahmenbedingungen und einer realitätsgetreuen und sachgerechten Darstellung vollziehen.

Kontinuierlichkeit

Spätestens seit den frühen neunziger Jahren steht der Rechtsextremismus in Deutschland auf der Tagesordnung (im Jahr 2004 kam es zu 776 rechtsextrem, fremdenfeindlich oder antisemitisch motivierten Gewalttaten).[3] Das Wählerpotenzial von rechtsextremen Parteien ist keineswegs gering.[4] Vor allem fremdenfeindliche Einstellungen sind in der Bevölkerung verbreitet und haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen.[5] Tatsächlich ist Rechtsextremismus ein sowohl latentes als auch manifestes Phänomen, wenngleich rechtsextreme Parteien bei Wahlen auf Bundesebene im Vergleich etwa zu Belgien oder Frankreich bislang relativ erfolglos geblieben sind. In Deutschland zeigt sich Rechtsextremismus gegenwärtig vor allem durch häufige und teilweise schwere Gewalttaten, im jugendkulturellen Bereich und in der Alltagskultur - vor allem in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands - und prägt den öffentlichen Diskurs, etwa zu Themen wie Integration und Globalisierung. Genauso wenig, wie es sich um ein plötzlich aufgetauchtes, neues Problem handelt, ist zu erwarten, dass der Rechtsextremismus in den nächsten Jahren plötzlich verschwinden könnte. Im Gegenteil: Der Problemhaushalt der Gesellschaft, ökonomische und soziale Verunsicherung, Zukunftsängste gepaart mit Mentalitätsbeständen in der Bevölkerung könnten den Rechtsextremen eher verstärkten Zuspruch einbringen.

Differenziertheit und Konstanz sind keine Vokabeln, die den medialen und politischen Umgang mit Rechtsextremismus in den vergangenen Jahrzehnten beschreiben. Während die Ereignislage konstant ist oder bezüglich bestimmter Syndrome des Rechtsextremismus sogar zunehmend bedrohlich wird, ist bislang weder in den Medien noch in der Politik eine zielbewusste und das Phänomen in seinen Facetten umspannende Strategie erkennbar. Eine intensive Berichterstattung über Rechtsextremismus und eine politische und öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema existieren durchaus. Es handelt sich aber meist um eher nervöse und hektische Momente, die das Thema kurzfristig in den Medien hochschnellen lassen. Abseits von diesen Höhepunkten in der Berichterstattung wird das gleichwohl vorhandene Problem nicht oder nur selten thematisiert.[6] Seit der deutschen Vereinigung hat es drei intensive Phasen der Thematisierung gegeben, die von längeren "Sendepausen" unterbrochen wurden: 1992/93 beginnend mit dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen; 1998 in Reaktion auf das Wahlergebnis der DVU, die mit 12,9 Prozent der Stimmen erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzog; im Sommer 2000 ausgelöst durch Brandanschläge auf einen S-Bahnhof in Düsseldorf und die Synagoge in Lübeck sowie den Mord an dem Mosambikaner Alberto Adriano in Dessau.

Diese Schlüsselereignisse haben jeweils zu lauten Medienechos geführt.[7] Mit der Studie "Rechtsextremismus und Fernsehen",[8] die ein Teil des Projektes "Strategien gegen Rechtsextremismus" von der Bertelsmann Stiftung und dem Centrum für angewandte Politikforschung (C.A.P.) war,[9] wurde die Berichterstattung der Jahre 2000 und 2001 analysiert. Erste Handlungsempfehlungen konnten ausgesprochen werden.[10] In diesem Zeitraum waren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen insgesamt 4688 Sendebeiträge oder 354 Programmstunden dieser Thematik gewidmet, das entspricht durchschnittlich knapp 30 Minuten pro Tag. Betrachtet man allerdings die Entwicklung der Anzahl und Länge der Beiträge wochenweise,[11] so zeigt sich, dass vor dem Höhepunkt im Spätsommer 2000 (über 225 Beiträge pro Woche) die Berichterstattung über das Thema minimal war (teilweise unter fünf Beiträgen bzw. Erwähnungen pro Woche). Ein ähnlicher Tiefstand wurde erst Ende 2001 wieder erreicht.[12] Genau genommen handelt es sich nicht um eine wellenförmige Berichterstattung, sondern um ein plötzliches Hochschnellen des Interesses am Thema, infolge dessen es dann zu einem langsamen Zurückgehen der Berichterstattung kommt.

Die Ereignislage und das allgemeine Bedrohungspotenzial des Rechtsextremismus sind nicht allein ausschlaggebend für die Intensität der Berichterstattung. Damit Rechtsextremismus zur Story oder einfach nur zur Nachricht wird, bedarf es besonderer medialer, politischer oder öffentlicher Zusatzreize. Erst ein Zusammenspiel von herausragenden rechtsextremen Ereignissen (etwa außergewöhnlich grausame Gewalttaten oder beachtliche Wahlgewinne), ein - zufälliges - Klima politischer Offenheit für dessen Thematisierung und individuelles journalistisches Engagement bringt den Rechtsextremismus in die Medien und damit in das Problembewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Um die Kontinuität der Berichterstattung zu stärken, ist es sinnvoll, die Spezialisierung von Journalisten zu fördern, das Fachwissen zu gesellschaftspolitischen Zusammenhängen (Demokratie und Menschenrechte, Erosion des Wertekonsenses) in Redaktionen zu vertiefen sowie den Zeitdruck abzubauen, um so eine sorgfältige Recherche zu ermöglichen.

Fußnoten

1.
Vgl. Katharina Kleinen-von Königslöw/Bertram Scheufele/Frank Esser, Gewalt- und Berichterstattungswellen als Resonanzeffekte von "Düsseldorf" und "Sebnitz", in: Frank Esser/Bertram Scheufele/Hans-Bernd Brosius (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Medienwirkung, Wiesbaden 2002, S. 95 - 142.
2.
Vgl. Christiane Eilders, Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information, Opladen 1997, S. 68.
3.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2004, Berlin 2005 (Vorabfassung), S. 31 - 35.
4.
Dieses Potenzial - meist werden rund zehn Prozent genannt - wird kaum ausgeschöpft; dies hat historische Ursachen und ist auch auf die Zersplitterung und das parlamentarische Unvermögen der Rechtsextremen zurückzuführen.
5.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus den Jahren 2002, 2003 und 2004, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände 2004. Folge 2, Frankfurt/M. 2005, S. 13 - 36.
6.
Vgl. Hans-Jürgen Weiß/Cornelia Spallek, Fallstudien zur Fernsehberichterstattung über den Rechtsextremismus in Deutschland 1998 - 2001, Düsseldorf 2002, S. 17f.
7.
"Schlüsselereignisse" lösen "Krisenphasen" in den Medien aus; in ihnen entfaltet die Berichterstattung durchaus eskalierende Wirkung, die zu Folgetaten führen kann. Vgl. Hans-Bernd Brosius/Frank Esser, Eskalation durch Berichterstattung. Massenmedien und Fremdenfeindliche Gewalt, Opladen 1995; vgl. auch F. Esser/B. Scheufele/H.-B. Brosius (Anm. 1).
8.
Die Studie analysiert die Berichterstattung im Fernsehen - fiktionale Beiträge blieben ausgespart. Die Studie wurde von der ARD/ZDF-Medienkommission verantwortet und mit der finanziellen Unterstützung der Evangelischen und der Katholischen Kirche Deutschlands sowie der Bertelsmann Stiftung erstellt. Die Untersuchung umfasst Inhalts-, Rezeptions- und tiefenhermeneutische Analysen (Erfassung des latenten und manifesten Sinngehalts der Beiträge). Vgl. Ekkehardt Oehmichen/Imme Horn/Sylvia Mosler, Rechtsextremismus und Fernsehen, in: Bertelsmann Stiftung/Bertelsmann Forschungsgruppe Politik (Hrsg.), Strategien gegen Rechtsextremismus, Bd. 1. Ergebnisse der Recherche, Gütersloh 2005, S. 146 - 207; www.cap-lmu.de/akademie/publikationen/wissenschaft/rechtsextremismus-fernsehen.php.
9.
www.cap-lmu.de/projekte/bertelsmann/rechtsextremismus.php.
10.
Vgl. Hauke Hartmann/Britta Schellenberg, Strategien gegen Rechtsextremismus: Ergebnisse und Handlungsfelder, in: Viola B. Georgi/Hauke Hartmann/Britta Schellenberg/Michael Seberich (Hrsg.), Strategien gegen Rechtsextremismus, Bd. 2: Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis, Gütersloh 2005, S. 16 - 41 und ebd., S. 95 - 98.
11.
Mehr als drei Viertel der Berichterstattung im Untersuchungszeitraum hat nachrichtlichen bzw. ereignisbezogenen Charakter. Lediglich sechs Prozent der Beiträge bzw. 18 Prozent der Sendezeit entfallen auf eigene journalistische Thematisierungen. Entsprechend dominant sind aktualitätsbezogene Formate in der Berichterstattung: 60 Prozent sind Magazinbeiträge, 34 Prozent sind Nachrichten und nur drei Prozent Dokumentationen oder längere Berichte.
12.
Vgl. E. Oehmichen/I. Horn/S. Mosler (Anm. 8), S. 151 - 153.

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