Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Rechtsterrorismus in Deutschland

Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU)


5.12.2011
13 Jahre lang haben die Neonazis Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt gemordet, gebombt und dutzende Banken überfallen. Die kaltblütigen und geplanten Morde offenbaren, dass die militante Neonaziszene von vielen unterschätzt wurde. Johannes Radke zeichnet die Geschichte des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" nach.

Das Bild vom Mittwoch  (09.11.11) zeigt das durch eine Explosion am Freitag (04.11.11) zerstörte Haus in Zwickau. Hier hatte das Nazi-Trio zuletzt gewohnt.Das Bild vom Mittwoch (09.11.11) zeigt das durch eine Explosion am Freitag (04.11.11) zerstörte Haus in Zwickau. Hier hatte das Nazi-Trio zuletzt gewohnt. (© picture-alliance/dpa)

Eisenach am 4. November 2011. Die Polizei entdeckt zwei Leichen in einem ausgebrannten Wohnwagen. Was anfangs nach einem Doppelsuizid zweier flüchtiger Bankräuber aussieht, stellt sich bald als die größte rechtsextreme Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik heraus. Die Ereignisse werden zum Wendepunkt im Umgang mit rechter Gewalt und der militanten Neonaziszene. Weder der Verfassungsschutz noch ausgewiesene Szenekenner hatten bis dahin derart kaltblütige und gut organisierte Mordanschläge rechter Terroristen in Deutschland für möglich gehalten.

13 Jahre lang haben die Neonazis Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt aus dem Untergrund heraus gemordet, gebombt und dutzende Banken überfallen. Kurz nach dem Selbstmord ihrer beiden Komplizen zündete Zschäpe das Versteck der Gruppe in Zwickau an und stellt sich wenige Tage später der Polizei. Bald stellen die Ermittler fest: Die blutige Spur der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zieht sich quer durch die ganze Republik. Doch weder Polizei noch Verfassungsschutz sahen hinter den Taten ein rechtsextremes Motiv. Hunderte Beamte ermittelten jahrelang in die falsche Richtung.

Acht türkische und ein griechisch stämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin wurden von dem Trio innerhalb von sieben Jahren erschossen. Die Vorgehensweise war fast immer dieselbe.
  • Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels aus Schlüchtern, wird am 9. September 2000 an seinem Stand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei Pistolen unterschiedlichen Kalibers niedergeschossen und stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.
  • Abdurrahim Özüdoğru, Betreiber einer Änderungsschneiderei, wird am 13. Juni 2001 in seinem Geschäft in Nürnberg mit zwei Kopfschüssen getötet.
  • Der Gemüsehändler Süleyman Taşköprü stirbt am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld im Laden seines Vaters durch drei Schüsse aus zwei verschiedenen Waffen.
  • Habil Kılıç, ebenfalls Gemüsehändler, wird am 29. August 2001 in München-Ramersdorf in seinem Geschäft erschossen.
  • Der Dönerverkäufer Yunus Turgut wird am 25. Februar 2004 an einem Imbiss in Rostock mit drei Kopfschüssen ermordet.
  • Am 5. Juni 2005 stirbt der Imbissbesitzer İsmail Yaşar durch mehrere Schüsse in seinem Geschäft in Nürnberg.
  • Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, wird am 15. Juni 2005 in seinem Laden in München-Westend getötet.
  • Kioskbetreiber Mehmet Kubaşık stirbt am 4. April 2006 in seinem Geschäft in Dortmund.
  • Halit Yozgat, Inhaber eines Internetcafés, wird am 6. April 2006 in Kassel durch zwei Kopfschüsse getötet.
  • Die Polizistin Michèle Kiesewetter wird am 25. April 2007 tot neben ihrem Polizeiwagen an der Heilbronner Theresienwiese gefunden. Neben ihr liegt ihr 24-jähriger Kollege schwer verletzt auf dem Boden. Kiesewetter wurde mit einem gezielten Kopfschuss getötet.

Radikalisierung in der militanten Naziszene Thüringens



Die Anfänge der NSU gehen bis in die 90er Jahre zurück. Nach dem Fall der Mauer ziehen sofort westdeutsche Kader in die neuen Bundesländer, um rechtsextreme Strukturen aufzubauen. Militante Kameradschaften schießen wie Pilze aus dem Boden. Mit Gewalt und Einschüchterung dominieren die Neonazis bald die Jugendkultur, vor allem im ländlichen Raum. Durch die rassistischen Pogrome von Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) fühlt sich die Szene zusätzlich bestärkt. Die Sicherheitsbehörden scheinen vielerorts vom geballten Hass der neuen Nazis überfordert. In diesem Klima wachsen die drei späteren Rechtsterroristen im thüringischen Jena auf. Der bundesweit größte und gefährlichste Zusammenschluss von Nazikameradschaften ist zu dieser Zeit der "Thüringer Heimatschutz" (THS). Rund 180 Mitglieder hat die Gruppierung. Mittendrin: Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt. Sie steigen schnell in der Hierarchie auf und nehmen an Aufmärschen in ganz Deutschland teil.

1996 und 1997 beginnen sie Sprengkörper und Bombenattrappen zu basteln. Sie schicken Attrappen an das Rathaus und die Polizeistation in Jena sowie an die Thüringische Landeszeitung. Am 26. Januar 1998 finden die Ermittler schließlich in einer Garage vier funktionsfähige Rohrbomben und weiteren Sprengstoff des Trios. Doch anstatt die Tatverdächtigen sofort festzunehmen, lassen die Beamten sie vorerst laufen. Als später ein Haftbefehl da ist, sind sie längst untergetaucht.

Das Gewaltpotential der drei wird offensichtlich unterschätzt. Die Staatsanwaltschaft Gera ordnet die Rohrbombenfunde nicht als Terrorgefahr ein. Ermittelt wird lediglich wegen des "Verdacht auf Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion". Er glaube nicht, dass man "von einer schlagkräftigen Organisation, die geplant, gezielt, strategisch" vorgeht, sprechen könne, sagt Staatsanwalt Arndt Köppen in einem Fernsehinterview. Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. "Früher oder später werden wir die Herren bei uns begrüßen können", betonte Köppen. Der Verfassungsschutz prüfte in folgenden Jahren noch erfolglos Verbindungen zu anderen THS-Mitgliedern, die ihren "Kameraden" beim Abtauchen geholfen haben sollen. Dann verlieren die Fahnder bald das Interesse an dem Trio.

Weil nicht wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, sondern wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz ermittelt wird, muss das Verfahren 2003 eingestellt werden. Schließlich ist die Tat verjährt. Warum Zschäpe, Mundlos und Bönhardt spätestens jetzt immer noch nicht wieder auftauchen, fragte sich beim Verfassungsschutz offenbar niemand. Seit November 2011 müssen die Ermittler mühsam rekonstruieren, was in den 13 Jahren genau passiert ist.


Immer neue Fragen an die Sicherheitsbehörden



In den Trümmern der Zwickauer Wohnung entdecken die Ermittler kurz nach dem Brand eine Bekenner-DVD. Auch die Tatwaffen, die Pistole der ermordeten Polizistin sowie eine Pumpgun und eine Handgranate werden gefunden. Jetzt ist klar, dass hinter den Morden an neun Migranten und einer Polizistin die bis dahin völlig unbekannte Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) steht. Der 15-minütige Film zeigt deutlich den menschenverachtenden Hass, der die Täter antrieb. "Taten statt Worte", fordern die Neonazis darin. Vermischt mit Ausschnitten aus dem Zeichentrickfilm "Rosaroter Panther" und zynischen Kommentaren, verhöhnt die Gruppe ihre Mordopfer und kündigt weitere Aktionen an.

Inzwischen gehen die Ermittler von einem bis zu 20 Personen umfassenden Unterstützerkreis aus. Immer mehr Rechtsextremisten geraten in den Fokus der Behörden. Gleichzeitig werden immer neue Ermittlungspannen aus den vergangenen Jahre bei der Suche den Mördern bekannt. So kommt unter anderem der Verdacht auf, dass der Anführer des Thüringer Heimatschutzes Tino Brandt, der als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitete, das Trio vor der Festnahme gewarnt haben könnte.

Wie viele Todesopfer rechter Gewalt gibt es wirklich?



Nicht nur die zahlreichen Fahndungspannen der Sicherheitsbehörden wurden in der Folge scharf kritisiert. Auch die Frage danach, wie viele Menschen tatsächlich in den vergangenen Jahren von Neonazis erschossen, verbrannt oder zu Tode geprügelt wurden, wird seit November 2011 wieder heftig diskutiert. Offiziell gab es laut der Bundesregierung seit 1990 in Deutschland 48 Todesopfer rechter Gewalt. Nach Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit und des Tagesspiegel sind in dieser Zeit jedoch mindestens 138 Menschen aus einer rechtsextremen Tatmotivation heraus ermordet worden. Rechnet man die Opfer der NSU dazu, steigt die Zahl auf erschreckende 148 Tote. Initiativen gegen Rechts und zahlreiche Politiker forderten die Regierung auf, ihre Zahlen erneut zu prüfen.

Als besonders unverständlich gilt beispielsweise die Einordnung des Mordes an drei Polizisten im Jahr 2000 in Dortmund. Der Neonazi Michael Berger erschoss Thomas Goretzky, Ivonne Hachtkemper und ihren Kollegen Matthias Larisch von Woitowitz ohne Vorwarnung mit gezielten Kopfschüssen aus seinem Auto heraus. Später richtete er die Waffe gegen sich selbst. Bis heute werden die Toten nicht offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Man habe das genaue Motiv des Schützen nicht mehr klären können, weil er selbst tot war, lautete damals die nüchterne Begründung der Staatsanwaltschaft. Inzwischen prüft der Verfassungsschutz eine Verbindung von Berger zur Zwickauer Terrorzelle.

"Der Kampf geht weiter nur voran, für unser Deutsches Vaterland"



Für die Szene galten die untergetauchten Kampfgenossen Mundlos, Zschäpe und Bönhardt schon seit 1998 als Helden. Ein Jahr nach dem Abtauchen des Trios widmete das Nazi-Liedermacher-Duo "Eichenlaub" aus Thüringen den flüchtigen Rechtsterroristen eine Lobeshymne. Zu der Melodie von "Knockin’ on Heaven’s Door" singt eine Frauenstimme theatralisch: "Die Polizei kam euch auf die Spur. Nun hieß es Abschied, für wie lange nur?". Der Titel "5. Februar" bezieht sich offensichtlich auf den Tag an dem die drei endgültig beschlossen in den Untergrund zu gehen. "Ihr saht wohl keinen anderen Weg [...] Doch jetzt ist es zu spät", geht das Lied weiter. "Wir denken oft an Euch" Der letzte Satz des Textes deutet auf weitere Aktionen der Flüchtigen hin: "Die Kameradschaft bleibt bestehen [...] der Kampf geht weiter nur voran, für unser Deutsches Vaterland."

Einen deutlichen Bezug der rechten Szene zu der rassistischen Mordserie, lieferte 10 Jahre später die Gruppe "Gigi und die braunen Stadtmusikanten". Ausgiebig feiert die Band auf ihrem 2010 erschienenen Album "Adolf Hitler lebt" in dem Lied "Dönerkiller" die Morde. Die Bundesprüfstelle indizierte die CD im selben Jahr. Der Staatsschutz ermittelte wegen Volksverhetzung. Einen Hinweis an die wegen der Morde ermittelnde Sonderkommission "Bosporus" in Nürnberg wurde jedoch nicht weitergegeben.

"Wenn wir Glück haben, verschwinden erst die Dönerbuden und dann der Rest der Mischpoke."



Die Reaktionen des rechten Spektrums auf die Aufdeckung der Mordserie waren geteilt. Den Rechtsextremisten sind die negativen Folgen für ihr Bild in der Öffentlichkeit durchaus bewusst. Der Großteil der Szene reagierte deshalb mit dem, was Neonazis gerne tun, wenn sie etwas nicht erklären können: sie erfinden abstruse Verschwörungstheorien. In dutzenden Nazi-Foren wird behauptet, dass der NSU eine Geheimdienstoperation vom Verfassungsschutz oder gar vom Israelischen Geheimdienst gewesen sei, um die rechte Szene zu schwächen. Die einsetzende Diskussion um ein neues Partei-Verbotsverfahren, brachte auch die NPD dazu sich gebetsmühlenartig von den Morden zu distanzieren. Dass sich im Netzwerk der mutmaßlichen Helfer auch viele langjährige NPD-Funktionäre befinden, erwähnte die Parteispitze mit keinem Wort.

Davon abgesehen gibt es einen kleinen Teil des rechtsextremen Spektrums, der die Morde offen befürwortet. Beispielsweise das Modelabel "Reconquista" aus Berlin. Die Firma verkauft seit Neustem ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Killer-Döner nach Thüringer Art", um die Opfer zu verhöhnen. Ähnlich der stellvertretende Nürnberger NPD-Kreisvorsitzende Rainer Biller. Er stellte auf seine Facebookseite nicht nur ein Bild aus der Bekenner-DVD, sondern auch ein Foto des Imbissstands in der Nürnberger Scharrerstraße, dessen Besitzer von den Rechtsterroristen ermordet wurde. Billers Kommentar: "Tod dem Döner, es lebe die Nürnberger Bratwurst". Darunter schrieb er "Wenn wir Glück haben, verschwinden erst die Dönerbuden und dann der Rest der Mischpoke." Die SPD-Landtagsabgeordnete Helga Schmitt-Bussinger erstattet daraufhin Anzeige gegen den NPD-Politiker.

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