Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Die Bedingungen der neuen Sozialkunde

Die letzte umfassende Sozialkunde aus den 1980er-Jahren wurde von einer wohlhabender werdenden Nachkriegsgesellschaft geprägt. Seither haben sich nicht nur die äußeren Gegebenheiten gewandelt. Auch die Wahrnehmung, die zentralen Problemdefinitionen und die öffentlichen Diskussionsgegenstände haben sich geändert. Die heutige Sozialkunde spricht ein anderes Publikum, andere Bedürfnisse und Rezeptionen an.

Eine umfassende "Sozialkunde" der Bundesrepublik Deutschland wurde zum letzten Mal in den 1980er Jahren veröffentlicht (Claessens/Klönne/Tschoepe 1985). Dabei handelte es sich um die aktualisierte Ausgabe des Buches, das schon 1965 geschrieben wurde.

Hintergrund der damaligen Sozialkunde war eine schnell wohlhabend werdende Nachkriegsgesellschaft. Die Verfasser sahen Deutschland denn auch als eine primär nachfaschistische Gesellschaft. Vieles wurde von der Vergangenheit Deutschlands und von den Mühen her analysiert, sich davon zu lösen. Der neue Wohlstand wurde als umwälzende Kraft begriffen, die die Lösung von den alten Schatten indessen nicht immer erleichterte. Die "Industrialisierung im Obrigkeitsstaat" erschien so als Verheißung und Problem zugleich.

Seither hat sich viel verändert. Die meisten äußeren Gegebenheiten haben sich gewandelt. Aber auch deren Wahrnehmung, die zentralen Problemdefinitionen und die öffentlichen Diskussionsgegenstände sind andere geworden. Damit wird eine Sozialkunde auch ein anderes Publikum, andere Bedürfnisse und andere Rezeptionen in Rechnung stellen, sich insgesamt andere Ziele setzen müssen. Beispielsweise zeigt sich dies in folgenden Erscheinungen:

So lässt es die Globalisierung nicht mehr zu, eine Sozialkunde auf Deutschland zu beschränken. Auch dann nicht, wenn sie sich, ihrem Titel zufolge, auf Deutschland konzentriert. So beendete ein weitgehend deregulierter globaler Finanzmarktkapitalismus in Deutschland den nationalen "Rheinischen Kapitalismus", manche sagen sogar: die Soziale Marktwirtschaft. Mag die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands davon profitiert haben, so sind doch die Konflikte härter geworden. Eine Sozialkunde wird daher auf eine Leserschaft treffen, deren Überzeugungen wesentlich weiter auseinander gehen als noch vor wenigen Jahrzehnten. An die Überzeugungskraft der dargestellten Befunde stellt das hohe Anforderungen. Zudem engen vielfältige Transnationalisierungsprozesse die Wirksamkeit gewählter nationaler Regierungen immer mehr ein. Supranationale Entscheidungsträger sind jedoch in aller Regel kaum demokratisch legitimiert. Dies trägt zur Empfindung bei, dass die Einwirkungsmöglichkeiten der Menschen schrumpfen. Kein Wunder also, dass politische Instanzen vermehrt unter Rechtfertigungsdruck geraten und eine Sozialkunde mit einer oftmals skeptischen Leserschaft zu rechnen hat.

Neue Informationstechnologien verwandelten in den letzten Jahrzehnten das Alltagsleben, das Informationsverhalten, die Kommunikationsstile, einschließlich der Wege politischer Kommunikation und sozialer Kontrolle. Eine Sozialkunde muss diese Veränderungen als Gegenstand ihrer Darstellungen, aber auch als Kommunikationsmittel und als Erwartungshaltung ihrer Leser berücksichtigen. In einer Zeit, in der eine Fülle von Einzelinformationen mühelos im Internet greifbar ist, wird von einer Sozialkunde nicht erwartet, die Informationsflut zu vermehren, sondern Wissen zu vermitteln. Das heißt: Informationen von großem Gewicht hervorzuheben, sie in Zusammenhang zu bringen und ihre Bedeutung für die Bürger herauszustellen.

Computer und Internet verbinden die Menschen, treiben sie aber auch auseinander. So entstanden wirtschaftliche Sektoren mit hoher Produktivität, hohen Qualifikationsanforderungen, hohen Einkommen und hohen Partizipationserwartungen. Andere Sektoren blieben von alldem jedoch weitgehend unberührt. Die Disparitäten wuchsen dementsprechend. Nach jahrzehntelanger Angleichung wurde die Sozialstruktur Deutschlands, aber auch die anderer Gesellschaften, wieder ungleicher. Auch dies veränderte nicht nur die Darstellungsobjekte, auch die Leserschaft einer neuen Sozialkunde rückte auseinander.

Eine Facette des Auseinanderrückens zeigt sich darin, dass den Gebildeten und Erfolgreichen die vorhandenen Partizipationschancen einer repräsentativen Demokratie immer weniger ausreichen. Die Gewinner erhöhen den Druck, direktere Einflusskanäle zu eröffnen. Dagegen sinkt die Bereitschaft der weniger Erfolgreichen, auch nur an Wahlen, der Basis einer jeden Demokratie, teilzunehmen.

Wird eine Sozialkunde trotz aller Bemühungen um Eingängigkeit und weite Verbreitung vorrangig von Gebildeten und Partizipationsbereiten zur Kenntnis genommen – und das liegt zumal dann nahe, wenn sich die Publikation auf sozialwissenschaftliche Resultate stützt –, so läuft heute eine Sozialkunde mehr denn je Gefahr, die sich aufbauende Kluft des Wissens und der Partizipation noch zu verstärken.

Dass in letzter Zeit immer mehr Menschen armutsgefährdet, aber auch immer mehr Menschen sehr wohlhabend sind, hat auch mit veränderten Lebensformen zu tun. Noch lebt eine knappe Bevölkerungsmehrheit durchaus "konventionell" als Verheiratete, mit oder ohne Kinder. Die Menschen, die als Singles, Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften oder in anderen "unkonventionellen" Beziehungsformen leben, machen aber schon weit mehr als kleine Minderheiten aus. Die einen leben ihre Lebensform fraglos und selbstverständlich, die anderen ringen mit ihrer sozialen Identität und um gesellschaftliche Anerkennung. Vor allem letztere erwarten von einer Sozialkunde auch gesellschaftliches Orientierungswissen.

Die demografisch bedingte Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung entwickelter Gesellschaften, aber auch die wachsenden internationalen Ungleichheiten fördern Zuwanderungen. Viele Zielländer, auch und gerade Deutschland, versäumten es aber schon in der Vergangenheit, sich auf das Bleiben der Zuwanderer rechtzeitig einzustellen. Kulturelle Heterogenität, Vorurteile und die oftmals geringe Qualifikation von Migranten kulminierten in wachsenden Integrationsproblemen. Von differenzierter Sachkenntnis wenig getrübte, emotional vereinfachende Reaktionen hierauf waren und sind eher die Regel als die Ausnahme. In dieser Situation ist eine Sozialkunde aufgefordert, Ideologie durch Empirie einzudämmen. Es geht um die Verbreitung von Wissen, auch von Wissen über Fehlentwicklungen, die nach allgemein gültigen Maßstäben (zum Beispiel des Grundgesetzes) festzustellen sind. Es geht in einer Sozialkunde nicht um Dramatisierungen, Anklagen, persönliche Bewertungen und Parteinahmen. Trotz wachsenden Reichtums hatte die Sozialpolitik in den letzten Jahren wachsende Aufgaben. Zugleich gerät der Sozialstaat aber unter Druck, unter anderem weil seine Finanzierungsbasis nicht entsprechend wächst und in Zukunft zu erodieren droht. Wenn Problemlasten die Lösungsmöglichkeiten überwiegen, liegt es nahe, von einer Sozialkunde nicht nur Aufklärungen über gegebene Sachverhalte zu erwarten, sondern auch Diskussionsangebote hinsichtlich alternativer Lösungen. Diese durchaus berechtigten Erwartungen kann die vorliegende Veröffentlichung jedoch nur in engen Ausschnitten erfüllen. Die öffentliche Diskussion durch Lösungsvorschläge und deren Analyse anzuregen, erforderte eine zusätzliche, weit umfangreichere Sozialkunde, zudem eine, die nicht nur von Sozialwissenschaftlern geschrieben ist.

Überblickt man die erwähnten Veränderungen, so stellen sich die Zielsetzungen einer Sozialkunde heute sehr komplex dar. Im Folgenden sollen einige wesentliche herausgegriffen werden.