Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Zu den Zielen der neuen Sozialkunde

Die neue Sozialkunde will Wissens vermitteln und die Bürger dazu befähigen, Strukturen, Entwicklungen und Problemen zu erkennen. Gesellschaftliche Interessens- und Bewertungskämpfe zu versachlichen, ist ihr Ziel.

Leitbild der politischen Bildung ist nicht nur der wissende, sondern auch der kritische, urteilsfähige Bürger (Hilligen 1957, zit. n. Patzelt 2007: 346). Er soll nicht nur zum Sehen befähigt werden, sondern auch zum Beurteilen und – mehr noch – zum Handeln. Gemessen daran, halten sich die Ziele einer Sozialkunde notwendigerweise in Grenzen. Zum Sehen soll eine Sozialkunde auf jeden Fall befähigen. Was das Beurteilen betrifft, so kann und sollte sie immerhin Kriterien hierfür anbieten und Reflexionen in Gang setzen. Jedoch wird eine Sozialkunde kaum Handlungsanleitungen und -kompetenzen vermitteln können. Dies zu leisten bleibt Schulen, öffentlichen Diskussionen, Netzwerken und politischen Akteuren vorbehalten.

Aber schon die Wissensvermittlung und das dementsprechende Erkennen von Strukturen, Entwicklungen und Problemen gelingen in einer pluralisierten, ungleicheren und nicht selten skeptischen Gesellschaft nicht leicht: Inwieweit lässt sich mittels einer Sozialkunde gegen politische Ideologien, verfestigte Alltagstheorien, tief sitzende Überzeugungen und routinisierte Lebensstile etwas ausrichten? Wie kann das vermittelte Wissen also individuell in die Tiefe dringen? Inwieweit kann eine Sozialkunde angesichts immer ungleicherer sozialer Schichten mit ihren divergierenden Interessen und angesichts immer unterschiedlicherer sozialer Milieus mit ihren heterogenen Mentalitäten darauf hoffen, gesellschaftsweite Wirkung zu erzielen? Wie kann sozialkundliches Wissen also die nötige Breite erlangen?

Wie viele Wirkungen, auf die Sozialwissenschaftler hoffen, so stellen sich auch diese mentalen Effekte beim Leser nur selten direkt ein. Zwar sollte es gelingen, dass die in dieser Sozialkunde enthaltenen Informationen individuell und momentan zur Kenntnis genommen werden. Inwieweit sie dabei aber – seien sie auch eingängig formuliert und leicht zugänglich publiziert – komplexe Wissenssysteme verändern und wie nachhaltig dieser Wandel ist, steht auf einem anderen Blatt. Ganz zu schweigen davon, ob sich Einstellungen, Werthaltungen und diesbezügliche Urteile verändern und sich sogar eingeschliffene politische und alltägliche Verhaltensstile wandeln. Die sozialwissenschaftliche Praxisforschung (Beck/Bonß 1989) machte deutlich, dass dies erst dann der Fall ist, wenn Diskussionen angeregt werden und sich dadurch gesellschaftliche Diskussionshorizonte insgesamt verschieben, wenn ferner praxisnahe Einübungen (beispielsweise in der Schule) stattfinden, wenn also indirekte Wirkungen erzeugt werden. Die vorliegende Sozialkunde kann und soll den Sozialkundeunterricht in der Schule nicht ersetzen, und schon gar nicht die rege Diskussion einer politischen Öffentlichkeit. Aber sie sollte beides beeinflussen und mit dieser Hilfe praktische Wirkungen erzeugen.

Jede Sozialkunde muss über bloße Sachinformationen hinaus Interpretationen anbieten. Fakten und Daten allein (zum Beispiel zum Ausmaß der relativen Armut in Deutschland) werden den Lesern nur bedingt die damit einhergehenden Probleme verdeutlichen. Auch diese Interpretationen (zum Beispiel zu den Folgen der Armut) werden in einer wissenschaftlich fundierten Sozialkunde so weit wie möglich durch objektive Daten verdeutlicht werden. Dennoch kann eine Sozialkunde nicht den Anspruch erheben, "richtige" und "vollständige" Probleminterpretationen zu vermitteln. Wie »schlimm« ein gesellschaftliches Problem (zum Beispiel relative Armut) ist, wird nur der beurteilen können, der sich an praktischen Aktivitäten der Zivilgesellschaft (möglicherweise an einer Tafel oder einer Hausaufgabenhilfe) praktisch beteiligt.

In einer Sozialkunde sollen keine persönlichen Werturteile gefällt und erst Recht keine politischen Handlungsempfehlungen gegeben werden. Es ist Aufgabe der politischen Willensbildung herauszufinden, welche Gesellschaft wir haben wollen und was wir tun sollen, um die jeweils gewollte Gesellschaft zu erreichen. Aber eine Sozialkunde kann sehr wohl über unterschiedliche Vorstellungen von einer »besseren« Gesellschaft informieren (zum Beispiel in Gestalt von Gerechtigkeitskonzeptionen), eine Sozialkunde kann auch über Urteile informieren, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen ergeben (sie kann beurteilen, ob zum Beispiel aus der Sicht der Chancengerechtigkeit die schulische Auswahl in Deutschland gerecht ist), und eine Sozialkunde kann über die Konsequenzen informieren, die zu erwarten sind, wenn bestimmte Maßnahmen (zum Beispiel eine bestimmte Armutsbekämpfung) getroffen werden. Die Verfügbarkeit differenzierter Informationen erzeugt leider keineswegs automatisch differenzierteres Wissen und sachgerechtes Handeln. Vielmehr droht ausführliche Information im Gegenteil nicht selten zur Ideologisierung beizutragen. Je komplexer nämlich die angebotenen Informationen sind, und wissenschaftliche Spezialisierung trägt hierzu ebenso bei wie die Informationsverbreitung durch das Internet, desto eher neigen Menschen dazu, radikale Vereinfachungen vorzunehmen, um Übersicht und Handlungsfähigkeit zu erhalten. Einer Sozialkunde fällt in dieser Situation die Aufgabe zu, einerseits Komplexität im Dienste ihrer Handhabbarkeit zu reduzieren, andererseits die Bürger vor "schrecklichen Vereinfachungen" zu schützen. Ein wesentliches Ziel einer Sozialkunde ist erreicht, wenn es auf diese Weise gelingt, sozialwissenschaftlich fundiertes Wissen bereitzustellen, das tatsächlich in politische Argumentation Eingang findet, und somit eine Versachlichung gesellschaftlicher Interessens- und Bewertungskämpfe zu erreichen. Dies ist vor allem wichtig in einer ungleicher und heterogener werdenden Gesellschaft, in der die Verteilungskämpfe härter werden und die politischen Lager sich verfestigen.

Was man sich als Herausgeber einer Sozialkunde erhoffen darf, ist nicht die deduktive, flächendeckende Anwendung "wahrer" Erkenntnisse durch die Bürger, sondern Prozesse des induktiven, situativen Umgehens mit Kenntnissen und Deutungsangeboten, produziert von Wissenschaftlern, die dem unmittelbaren politischen oder alltäglichen Rechtfertigungs- und Handlungsdruck weitgehend enthoben sind. Politiker, aber vielfach auch »einfache Bürger« stehen häufig unter unmittelbarem Legitimationsdruck. Politische Korrektheit und Pragmatismus engt so häufig die Bandbreite ihrer Fragen und Antworten ein. Wissenschaftler haben mehr Freiheit, heterogene Fragen zu stellen und kontroverse Antworten zu vermitteln. Dies kommt, so ist zu hoffen, einer Sozialkunde zugute (Beck/Bonß 1989: 27).