Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Die Vielfalt sozialen Wandels

Die Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen vollziehen sich mal schneller, mal langsamer. Oftmals bleibt der soziale Wandel den Gesellschaftsmitgliedern verborgen. Während viele dieser Änderungen lediglich begrenzte Teilbereiche der Gesellschaft betreffen, berühren andere die gesamte Gesellschaft.

Sozialer Wandel, d. h. nachhaltige Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen, kann schneller oder langsamer vor sich gehen und bleibt den Gesellschaftsmitgliedern mitunter über längere Zeit mehr oder weniger verborgen. Viele dieser Veränderungen berühren lediglich begrenzte Teilbereiche der Gesellschaft, etwa das Familienleben oder die Kunst; andere betreffen tendenziell die gesamte Gesellschaft, wie z. B. die Transformation der staatssozialistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas nach 1990. In diesem Kapitel geht es um gesellschaftsweite Entwicklungen.

Kleine Chronologie der Veränderungen seit dem 2. Weltkrieg

Wer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Westdeutschland aufwuchs, erlebte eine Phase vielfältigen sozialen Wandels:
  • den rasanten Wiederaufbau der westdeutschen Gesellschaft und das "Wirtschaftswunder" der 1950er-Jahre
  • die in den 1960er-Jahren einsetzende Bildungsexpansion
  • die Studentenbewegung und das Aufkommen der Bürgerinitiativen und der "Grünen"
  • die "Ölkrise" und das Ende der Vollbeschäftigung seit Mitte der 1970er-Jahre
  • den Zusammenbruch der DDR 1989 und die deutsche Wiedervereinigung
  • die rapide Verdichtung der weltweiten kommunikativen Vernetzung in allen Lebensbereichen durch das Internet
  • die Einführung des Euro als gemeinsame Währung von immer mehr europäischen Ländern im Jahr 2002 nach einem jahrzehntelangen Prozess des europäischen Zusammenwachsens seit Gründung der Montanunion von Frankreich, Italien, den Beneluxstaaten und Westdeutschland im Jahr 1951
  • die von Menschen gemachte drohende "Klimakatastrophe"
  • "9/11" und den islamistischen Terrorismus
  • die demographische Entwicklung hin zu einer stetig alternden Gesellschaft
  • die im Herbst 2008 explosiv ausbrechende Weltfinanzkrise, die die Weltwirtschaft und die Staatsfinanzen noch auf Jahre tiefgreifend prägen wird.
Die "Naturwüchsigkeit" sozialen Wandels

Diese sehr unvollständige Auflistung von Problemen und Chancen macht deutlich, in welchem Maße zahlreiche sich gleichzeitig vollziehende und in oftmals komplexen Wechselwirkungen miteinander verknüpfte Veränderungsdynamiken den sozialen Wandel kennzeichnen. Manche Zeitdiagnostiker gehen davon aus, dass eine immer größere Beschleunigung des Wandels aller Lebensverhältnisse zum Signum der Gegenwartsgesellschaft geworden sei, womit wir alle irgendwie zurechtkommen müssen. Dem widerspricht auf den ersten Blick eine ebenfalls immer wieder geäußerte Sichtweise, die auf Stillstand, Reformstaus, Blockaden hinweist: Vieles müsse sich grundlegend ändern, aber nichts passiere – so z. B. die verbreitete Stimmung in der Endphase der DDR. Der scheinbare Gegensatz löst sich auf, wenn man sich klar macht, dass sozialer Wandel einerseits "naturwüchsig" geschieht, zwar als Ergebnis des handelnden Zusammenwirkens vieler Menschen, aber von keinem geplant – dass wir andererseits aber in der Moderne der Idee anhängen, diesen Wandel mit Blick auf bestimmte Zielvorstellungen, die wir unter der Generalformel "Fortschritt" bündeln, gestalten zu können. Dass "nichts" passiert, kann dann eben bei genauerem Hinsehen auch heißen: Es passiert nicht das "Richtige", das als notwendig Erachtete. Was uns also offensichtlich zunehmend Probleme bereitet, ist ein sozialer Wandel, der aus dem Ruder läuft – wobei wir nicht wissen, ob der Wandel tatsächlich immer ungesteuerter passiert oder ob wir immer unrealistischere Steuerungsambitionen hegen.