Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels in der Moderne


31.5.2012
Fortschrittsoptimismus oder -pessimismus und Gestaltungsoptimismus oder -pessimismus: Die Vorstellungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über gesellschaftliche Strukturen können sich stark unterscheiden. Die unermüdlichen Gestaltungsbemühungen der Akteure sowie "naturwüchsige" Wandlungsdynamiken führen zu einem unaufhörlichen sozialen Wandel.

Optimistische und pessimistische Sichtweisen

Ist das, was wir an sozialem Wandel erleben, eher gut oder eher schlecht? Und haben wir den sozialen Wandel noch im Griff, oder ist er uns entglitten? Diese beiden Fragen – Fortschrittsoptimismus oder -pessimismus und Gestaltungsoptimismus oder -pessimismus – bestimmen unser Bild des sozialen Wandels. Wenn Fortschritts- und Gestaltungsoptimismus zusammenkommen, fühlen wir uns gut. Das ist immer wieder über längere Zeiträume, wie auch in den 1950er- und 1960er-Jahren in Westdeutschland, die Grundstimmung der Moderne gewesen. Gut können wir uns auch fühlen, wenn wir zwar gestaltungspessimistisch, aber fortschrittsoptimistisch sind. Denn dann gehen wir davon aus, dass eine wohltätige "unsichtbare Hand", etwa die des Marktes, richten wird, was wir geplant nie schaffen würden. Schlecht fühlen wir uns hingegen, wenn wir aufgrund von Gestaltungspessimismus Fortschrittspessimisten sind: Weil wir die überkomplexen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht oder nicht mehr in den Griff bekommen, brechen sie – so kommt es vielen vor – unkontrolliert wie ein Wirbelsturm über uns herein.

Sozialer Wandel – eine Grundkonstante der Moderne

Wenn Letzteres nicht bloß zeitweise, sondern dauerhaft zur gesellschaftlichen Grundstimmung würde, liefe das auf einen radikalen Selbstzweifel der Moderne hinaus. Denn – paradox formuliert: Sozialer Wandel ist eine Grundkonstante der Moderne. Natürlich gab es sozialen Wandel auch in früheren Gesellschaften. Doch diese verstanden sich viel stärker als prinzipiell stabile Ordnungen, in denen Wandel entweder als – zumeist von außen, etwa durch Kriege oder Naturkatastrophen auferlegte – De-Stabilisierung und Verfall oder als Re-Stabilisierung, also als Gegenreaktion vorkommt. Zum Selbstverständnis der Moderne gehört hingegen, dass es keine dauerhafte Ordnung gibt, vielmehr sämtliche gesellschaftlichen Strukturen immer nur als Provisorien gelten. Entweder erweisen sie sich früher oder später als schlecht eingerichtet; dann bemüht man sich darum, sie zu verbessern. Oder sie funktionieren gut; dann setzt genau deshalb eine Anspruchssteigerung derart ein, dass man sie sich noch besser vorstellen könnte und dahingehend umgestaltet. Das kann wiederum glücken, was die nächste Anspruchssteigerung nach sich zieht; und wenn es nicht glückt, zieht man aus der Enttäuschung den Schluss, wieder neue Umgestaltungen zu versuchen.
Dieses Bild wird noch viel komplexer, wenn man berücksichtigt, dass die Vorstellungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen darüber, wann bestimmte gesellschaftliche Strukturen gut bzw. schlecht sind, stark divergieren können. Unternehmern beispielsweise kann ein Sozialstaat schon viel zu weit gehen, den ärmere Bevölkerungsgruppen als völlig unzulänglich ansehen. Unter solchen Bedingungen kann das erfolgreiche Bemühen einer Gruppe, gesellschaftliche Strukturen zu ihren Gunsten zu verändern, im nächsten Schritt andere Gruppen, die bis dahin halbwegs zufrieden waren, auf den Plan rufen und zu weiteren Veränderungen, die in der Regel nicht einfach zum status quo ante zurückführen, veranlassen – u.s.w.

Die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels

Allein schon die nimmermüden Gestaltungsbemühungen der gesellschaftlichen Akteure führen also unablässig sozialen Wandel herbei. Hinzu kommen "naturwüchsige" Wandlungsdynamiken – so etwa die auf ein Ursachenbündel aus medizinischem Fortschritt, veränderten Bedingungen für Elternschaft und weitere Faktoren zurückzuführende drastische Verschiebung des Altersaufbaus der Bevölkerung Deutschlands (vgl. dazu Kapitel 3: Bevölkerung). Solche nicht auf Gestaltungshandeln zurückgehenden Wandlungen sind dann ihrerseits Auslöser für Gestaltungshandeln, sobald sie in den Augen gesellschaftlicher Gruppen Probleme aufwerfen, und halten damit die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels ebenfalls in Gang. Dieses abstrakte Modell soll die Unaufhörlichkeit des sozialen Wandels in der Moderne verständlich machen.

Die drei Hauptlinien des sozialen Wandels

Im Folgenden veranschaulichen wir dieses Bild, indem wir drei gegenwärtige Hauptlinien des Wandels nachzeichnen:
  • den Übergang von einer "fordistischen" zu einer "postfordistischen" kapitalistischen Wirtschaft,
  • die Individualisierung der Lebensführung und
  • die fortschreitende Globalisierung des gesamtgesellschaftlichen Erfahrungs- und Wirkungshorizonts.
Wie sich zeigen wird, gibt es zahlreiche Wechselwirkungen zwischen diesen drei Dynamiken. Gleichsam als Generalformel des Geschehens wird abschließend die These von der "reflexiven Moderne" (Beck 1986) vorgestellt. Das Augenmerk gilt Deutschland, für den Zeitraum vor 1989 vorzugsweise Westdeutschland. Freilich müssen die sich hier abspielenden Wandlungsdynamiken im Kontext weltweiter Veränderungen gesehen werden.