Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Vom "fordistischen" zum "postfordistischen" Kapitalismus

Die Gesellschaft hat sich von einer Agrar- zu einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Ermöglicht wurde dies durch den technischen Fortschritt. Die Ausweitung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien schafft nach wie vor ein hohes Potential für neue Dienstleistungen und Arbeitplätze.

Die drei Stadien der Wirtschaftsentwicklung

Für die längerfristige Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung seit dem 19. Jahrhundert wird oftmals eine Drei-Stadien-Einteilung genutzt. Vor dem 19. Jahrhundert und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein handelte es sich überall auf der Welt um eine Wirtschaft, in der der Agrarsektor dominierte; im 19 Jahrhundert setzte sich in größeren Teilen Europas und zunächst kleineren Regionen Nordamerikas eine Wirtschaftsstruktur durch, in der der Industriesektor zunehmend den Ton angab; und seit einigen Jahrzehnten befinden wir uns – wiederum vorzugsweise in den hochentwickelten westlichen Gesellschaften sowie einigen Ländern Südostasiens – auf dem Weg in eine Wirtschaft, in der der Dienstleistungssektor den größten Raum einnimmt. In dieser postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft sind also zumindest in den entwickelten Ländern die meisten Arbeitskräfte nicht mehr in der Industrie und schon gar nicht in der Landwirtschaft beschäftigt, sondern in Dienstleistungsberufen. Diese Berufe tragen auch am meisten zur wirtschaftlichen Wertschöpfung bei (vgl. Kapitel "Arbeitsmarkt").

Technischer Fortschritt – ein Hauptmotor sozialen Wandels

Mehrere Faktoren haben diesen tiefgreifenden Wandel ausgelöst. Unmittelbar einsichtig ist, dass der technische Fortschritt ein Hauptmotor gewesen ist – dies übrigens im westlichen Kapitalismus und den staatssozialistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas einschließlich der ehemaligen DDR gleichermaßen. Immer mehr Güter zunächst des Agrar- dann auch des Industriesektors können mit einem immer geringeren Arbeitskräfteeinsatz hergestellt werden; und auch wenn die durchschnittlich von einem Menschen benötigte Menge an Gütern deutlich gewachsen ist, wir z. B. heutzutage viel mehr Kleidung besitzen und viel öfter neue kaufen als die Menschen vor hundert oder vor fünfzig Jahren, hat der ungeheure technische Fortschritt in der industriellen Produktion zunehmend Arbeitskraft freigesetzt, die dann für andere Tätigkeiten wie Dienstleistungen verfügbar wurden. Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft ist also durch den technischen Fortschritt ermöglicht worden.

Die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen

Andere Faktoren haben dafür gesorgt, dass auch immer mehr Dienstleistungen nachgefragt worden sind. Hierfür nur zwei Beispiele: Dass Frauen zunehmend berufstätig geworden sind, hatte zur Folge, dass bestimmte Tätigkeiten der Haushalts- und Familienarbeit wie das Putzen der Wohnung oder die Beaufsichtigung der Kinder von anderen erledigt werden müssen – also etwa Putzfrauen oder Kindergärtnerinnen; und dass Jugendliche heute länger zur Schule gehen, mehr junge Erwachsene ein Studium absolvieren und anschließend im Laufe ihres Berufslebens noch öfter Fort- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen, bedeutet, dass das Lehrpersonal des Bildungswesens sehr stark aufgestockt werden musste. Beide Veränderungen sind Teil eines allgemeinen Individualisierungsprozesses, zeigen also beispielhaft die Verflochtenheit der hier in den Blick genommenen gesamtgesellschaftlichen Wandlungen.

Die Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft

Schon die genannten Beispiele führen vor, dass Dienstleistungen von sehr einfachen Tätigkeiten für Ungelernte, z. B. Putzfrauen, bis zu hochqualifizierten Tätigkeiten etwa von Professoren reichen. Insbesondere die seit den 1980er-Jahren zu beobachtende Entwicklung zu einer Informations- und Wissensgesellschaft hat zahlreiche neue Dienstleistungsbranchen und -berufe geschaffen, wobei die dort benötigten beruflichen Qualifikationen überwiegend auf mindestens mittlerem, in erheblichem Maße auch auf höherem Niveau liegen. Am augenfälligsten ist die Expansion rund um die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und, teilweise damit verbunden, im Mediensektor gewesen. Die weltweite Verbreitung des Internet mit immer neuen Diensten ist nach wie vor auch eine gigantische Arbeitsplatzbeschaffung; die nicht zu übersehenden Probleme mit Arbeitslosigkeit, die Deutschland wie viele andere westliche Gesellschaften seit den 1970er-Jahren plagen, wären ohne diese schnell gewachsene Branche des Dienstleistungssektors noch weit größer.

»Fordismus«

Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft muss noch tiefgreifender als Transformation eines Grundmusters verstanden werden, dem nicht nur die Wirtschaft, sondern auch deren weitere gesellschaftliche Einbettung unterzogen wurde. Das alte Muster, dessen erste Anfänge in den 1920er Jahren erkennbar wurden und das seinen eigentlichen Siegeszug nach dem Zweiten Weltkrieg feierte, war der "Fordismus" – benannt nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford. Der "Fordismus" lässt sich durch vier Merkmale kennzeichnen.

Standardisierte Massenproduktion

Erstens stellt er den Höhepunkt der Industriegesellschaft dar. Standardisierte Massenproduktion von Gütern am Fließband beherrscht das Bild – siehe schon Charlie Chaplins Film "Moderne Zeiten" aus dem Jahr 1936. Das ist als selbstironische Devise pointiert in dem Ford zugeschriebenen Diktum formuliert, dass ein Ford-Automobil in allen Farben erhältlich sei – solange es sich um die Farbe schwarz handle! Diese Form der hochgradig rationalisierten und technisierten Güterproduktion erfordert ein mittleres Qualifikationsniveau der meisten Beschäftigten ohne größeren Weiterbildungsbedarf. Wichtiger als größtenteils "on the job" erlernbare spezielle Qualifikationen ist Arbeitsdisziplin: Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Sich-fügen in eine monotone Tätigkeit, die sich häufig auf ganz wenige immer gleiche Handgriffe beschränkt.

Steigerung der Massenkaufkraft

Die durch standardisierte Massenproduktion erzielbaren Kostenvorteile sorgten dafür, dass viele Güter sehr viel erschwinglicher wurden als zuvor. Das stellt das zweite Merkmal des "Fordismus" dar. Wiederum mit einer Devise Fords ausgedrückt: Jeder Arbeiter in einer seiner Fabriken solle sich auch selbst einen Ford leisten können. Im Vergleich zur Ausbeutungs-Haltung, wie sie Karl Marx und andere Kapitalismuskritiker nicht zu Unrecht den Unternehmern des 19. Jahrhunderts zugeschrieben hatten, war das eine durchaus revolutionär zu nennende Einstellungsänderung. Sie basierte auf der Erkenntnis, dass die Unternehmen mit zunehmender Ausdehnung industrieller Produktion auf die Kaufkraft der Massen angewiesen waren. Wer sollte denn sonst all die Autos, Möbel, Konserven oder Damenoberbekleidung kaufen? Die Reichen oder das Militär – wichtige Abnehmer im 19. Jahrhundert – reichten als Nachfrager bei weitem nicht mehr aus. Eine Voraussetzung solcher Massenkaufkraft waren entsprechende Lohnsteigerungen, ohne dass die Unternehmer dafür auf stabile und sogar noch steigende Gewinne verzichteten; und diese Konstellation beiderseitiger Vorteile setzte starke, aber gesamtwirtschaftlich verantwortliche, "Maß haltende" Gewerkschaften als Gegenüber der Arbeitgeber voraus.

Aufbau des Sozialstaats

Der Sozialstaat, dessen Aufbau Ende des 19. Jahrhunderts begann, und eine keynesianische Konjunktur- und Vollbeschäftigungspolitik, wie sie in den 1960er Jahren etabliert wurde, flankierten als drittes Merkmal des "Fordismus" diesen Klassenkompromiss von Kapital und Arbeit, wie ihn Marx vor dem Erfahrungshintergrund des 19. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten hatte (vgl. Kapitel Sozialstaat). Wirtschaftliche Schicksalsschläge, die den Einzelnen in Form von Arbeitslosigkeit, krankheits- oder altersbedingter Arbeitsunfähigkeit trafen, wurden durch entsprechende Versicherungssysteme abgefedert; und gesamtwirtschaftlichen Krisen wollte man nach der Erfahrung der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise durch eine ausgleichende Wirtschaftspolitik begegnen, der gemäß der Staat in Krisenzeiten Schulden macht, um Beschäftigung zu sichern und die Konjunktur wieder anzukurbeln, um dann mit den nach der wirtschaftlichen Erholung wieder sprudelnden Steuereinnahmen diese Schulden abzahlen zu können.

Steigende Ansprüche an die individuelle Lebensführung

Die typische Lebensführung der Gesellschaftsmitglieder, die mit dem "Fordismus" verbunden war, lässt sich viertens mit folgenden Stichworten umreißen: Kleinfamilie mit männlichem Alleinverdiener; Betriebstreue und bescheidene Aufstiegsaspirationen; standardisierter Konsum. Man wollte sich etwas erarbeiten, so dass es einem im Lauf des Lebens immer besser geht. Insbesondere das eigene Haus in den sich ausdehnenden Vorstädten stellte für Facharbeiter und Angestellte das zentrale Objekt des Begehrens dar. Der Jahresurlaub im Süden kam schon in den 1950er-Jahren als neuer Luxus auf.

In den 1960er-Jahren trat dann auch der Wunsch hinzu, dass es die eigenen Kinder durch Bildungsanstrengungen und sich daraus ergebenden beruflichen Erfolg einmal besser haben sollten als man selbst. Diese Ambition, die einen massiven gesellschaftlichen Individualisierungsschub einleitete, sprengte im Grunde bereits das Stabilitätsmuster, das den "Fordismus" ausgezeichnet hatte. Aber sie war nicht der entscheidende Grund dafür, dass sich der "Fordismus" Mitte der 1970er-Jahre aufzulösen begann. Das hing vielmehr mit einem nicht ganz zufälligen Zusammentreffen mehrerer Ursachen zusammen.

"Postfordimus"

Ursachen des Niedergangs des Fordismus

Hier sind zunächst die sogenannten "Ölkrisen" der Jahre 1973 und 1978 zu nennen. Ein zentraler Rohstoff der industriellen Produktion in vielen Branchen und der räumlichen Mobilität der "automobilen Gesellschaft" wurde verknappt und massiv verteuert, eine bis dahin ungekannte Kombination stagnierenden Wirtschaftswachstums mit hoher Inflation und steigenden Arbeitslosenzahlen trat ein. Nun erfuhren die westlichen Gesellschaften ihre vitale Abhängigkeit von ehemaligen Kolonien. Weiterhin brach ebenfalls 1973 mit dem aus dem Jahr 1944 stammenden Abkommen von Bretton Woods eine stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarkts zusammen. Die Freigabe der Wechselkurse hat seitdem für eine Globalisierung und Verselbständigung des Finanzmarktgeschehens gesorgt – auch die weltweiten Turbulenzen des Herbsts 2008 sind als Folge dessen und weiterer Liberalisierungen des Finanzmarkts einzustufen. Ferner war eine starke Steigerung der Staatsausgaben aufgrund der "Anspruchsinflation" an wohlfahrtsstaatliche Leistungen insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen zu verzeichnen. Diese öffentliche Finanzkrise wurde Mitte der 1970er-Jahre durch hohe Lohnforderungen der öffentlich Bediensteten zusätzlich angeheizt. Aufkommende "neue soziale Bewegungen" insbesondere zu Fragen der Ökologie – die erste Studie des "Club of Rome" zu den "Grenzen des Wachstums" erschien 1972 – waren weitere Kräfte, die konservative Beobachter das Menetekel einer "Unregierbarkeit" westlicher Demokratien an die Wand malen ließen. Schließlich nahm die wirtschaftliche Globalisierung Fahrt auf: Immer mehr Unternehmen wurden "vaterlandslose Gesellen", nahmen also eine Produktionsverlagerung ins Ausland vor, wo die Ware Arbeitskraft billiger war, oder drohten dies an, um hierzulande Lohnzurückhaltung oder staatliche Subventionen zu erpressen. Dieser Drohung hatten Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften nichts entgegenzusetzen. Die "win-win"-Koalition mit den Arbeitgebern zerbrach, Arbeitslosigkeit und insbesondere Dauerarbeitslosigkeit stiegen auf ein vorher ungeahntes Niveau. "Der kurze Traum immerwährender Prosperität" (Burkhard Lutz), der in den 1950er-Jahren begonnen hatte, zerbrach.
So hat sich der tiefgreifende Wandel zum "Postfordismus" vollzogen, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die Veränderungen lassen sich in allen vier Merkmalsdimensionen feststellen, die für den "Fordismus" benannt worden sind.

Veränderungen im Produktionsbereich

Erstens gilt, dass die standardisierte Fließband-Massenproduktion, die es natürlich nach wie vor gibt, zunehmend in die Dritte Welt, in "Schwellenländer" und – nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus – nach Osteuropa ausgelagert worden ist. Hierzulande sind diejenigen Produktionsbereiche verblieben, die in "flexibler Spezialisierung" heterogene und schneller wechselnde Kundenpräferenzen bedienen – sei es in der Werkzeugmaschinenbranche, sei es in denjenigen Branchen, die den schnell wechselnden modischen "Lifestyle" gesellschaftlicher Milieus bedienen. Technische Voraussetzungen dieser neuen internationalen Arbeitsteilung sind die Computerisierung und die Ausbreitung des Internet gewesen – womit zugleich, zusammen mit den Medien, diejenigen Branchen benannt sind, in denen, wie bereits erwähnt, bei uns neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen

Makroökonomischer Wachstumsmotor ist damit fortan – in der zweiten Merkmalsdimension – die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen. Die Musikindustrie ist ein augenfälliges Beispiel: Nachdem die Schallplatte über ein halbes Jahrhundert lang das technische Medium der Musikspeicherung und -übertragung gewesen war und in diesem Zeitraum immer wieder inkrementell verbessert worden ist, haben sich seit Ende der 1990er-Jahre die Ereignisse von der CD über MP3 und iPod überschlagen. Diese Beschleunigung nicht nur des technischen Fortschritts macht auf Seiten der Arbeitskräfte ein "lebenslanges Lernen" erforderlich. Keiner kann sich mehr auf einmal erworbenen Qualifikationen ausruhen.
Auf dieser Basis herrscht im sich ausbreitenden "Finanzmarkt-Kapitalismus" (Windolf 2005) eine gesteigerte Qualitäts- und Flexibilitätskonkurrenz von Berufsgruppen und Unternehmen. Immer mehr Unternehmen geraten unter den Druck von "shareholder value"-Forderungen und müssen kurzfristige Gewinne maximieren, auch wenn sich das negativ auf ihr längerfristiges Überleben auswirkt. Für die Beschäftigten läuft das auf eine Polarisierung in eine kleiner werdende Kern- und eine wachsende Randbelegschaft hinaus. Die Gewerkschaften als kollektiver Interessenvertreter erleben einen Niedergang, der sich unübersehbar in den deutlich sinkenden Mitgliedszahlen zeigt.

Der Abbau sozialstaalicher Leistungen

Drittens führt diese globalisierte Standortkonkurrenz vielerorts zu einem sozialpolitischen "race to the bottom". Jeder Staat baut arbeitsrechtliche und sozialpolitische Sicherungen ab, um attraktiv für die Unternehmen zu sein, die nur noch auf möglichst kostengünstige Standorte schauen. Das im "Fordismus" erreichte Niveau wohlfahrtsstaatlicher Sicherung wird von Garantien auf Förderung und Anreize zurückgeschraubt: Wer sich anzustrengen bereit ist und vielversprechend erscheint, wird unterstützt – alle anderen haben zu leiden. Ein zu der Zeit aufgekommener vielsagender politischer Slogan lautete: "Leistung soll sich wieder lohnen." Das unterstellt zum einen, dass man vorher ohne eigene berufliche Leistung zum "Sozialschmarotzer" werden konnte und immer mehr Gesellschaftsmitglieder diesen scheinbar so bequemen Weg gegangen seien. Zum anderen wird darüber hinweggegangen, dass manche Gesellschaftsmitglieder, ohne etwas dafür zu können, nicht hinreichend leistungsfähig sind – etwa chronisch Kranke. Auch wenn der "fordistische" Sozialstaat hier und da ausgenutzt worden sein mag, kommt in seinem "post-fordistischen" Umbau ein unbarmherziges egoistisches Menschenbild derer zum Ausdruck, denen es – durch eigene Leistung oder durch das Glück sozialer Herkunft oder körperlicher Gesundheit – gut geht.

Viertens ist die typische Lebensführung der Menschen zu betrachten. Hier lautet das entscheidende, im nächsten Abschnitt ausführlicher zu behandelnde Stichwort: Individualisierung.
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