Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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Individualisierung der Lebensführung


31.5.2012
Die Individualisierung der Gesellschaftsmitglieder hat sich bereits in den 1960er-Jahren vollzogen. Der Individualisierungsschub geht vor allem auf drei Entwicklungen zurück: Wohlstandssteigerung, Verkürzung der Arbeitszeit sowie Steigerung des Bildungsniveaus.

Die veränderten Lebenschancen der Individuen

Um die »Individualisierung« der Gesellschaftsmitglieder zu verstehen, die sich mit dem Übergang zum "Postfordismus", aber auch schon zuvor und unabhängig davon seit den 1960er-Jahren vollzogen hat, ist ein Rückgriff auf Ralf Dahrendorfs (1979) Konzept der »Lebenschancen« hilfreich. Die Lebenschancen eines Individuums bestehen, ganz abstrakt betrachtet, aus Optionen auf der einen und Ligaturen auf der anderen Seite:
  • Optionen ergeben sich aus Anrechten und Angeboten. Beispielsweise hilft das Demonstrationsrecht, demokratisch Einfluss auf die Regierung auszuüben; und das Warenangebot ermöglicht jemandem, sich z. B. ganz nach seinen individuellen Vorlieben zu kleiden – vorausgesetzt, er verfügt über genug Geld, um die von ihm bevorzugte Kleidung kaufen zu können. Angebote sind also oftmals von individuellen finanziellen Ressourcen abhängig.

  • Genauso wichtig für die Lebenschancen einer Person sind die Ligaturen, also die sinnstiftenden Bindungen an kulturelle Werte und soziale Gemeinschaften. Diese Bindungen können höchst vielgestaltig sein – von Freundschaften oder einem guten Betriebsklima bis hin zur Identifikation mit einem Pop-Idol oder der eigenen Nation.
Genauso wie totale Fremdbestimmtheit und Chancenlosigkeit, also die Reduktion von Optionen auf Null, einer Person das Leben zur Hölle machen kann, ist dies auch bei einer Reduktion der Ligaturen auf Null der Fall. Denn dann breitet sich im Leben einer Person Sinnleere aus. Je besser es hingegen sowohl um Optionen als auch um Ligaturen bestellt ist, umso größer sind die Lebenschancen.

Das Ideal der individuellen Autonomie

Der bereits in der Renaissance einsetzende moderne Individualismus betonte von Anfang an die Autonomie und Einzigartigkeit des Einzelnen – ursprünglich in Absetzung von der starken Eingebundenheit des mittelalterlichen Menschen in rigide lokale Gemeinschaften. Bis heute neigt der Kult des Individuums zu einer Überbetonung von Optionen auf Kosten der Ligaturen. Auf seinem Programm steht u. a. eine rigorose Enttraditionalisierung aller Lebenszusammenhänge, um der Person ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Traditionen sollen nicht mehr binden. Die Kehrseite dieser Optionserweiterung ist Ligaturenverlust. Der Schützenverein beispielsweise ist eben nicht bloß spießiger Konformitätsterror, sondern kann auch echtes Gemeinschaftserleben – genau wie in der Raver-Szene – bedeuten.

Die drei Voraussetzungen des Individualisierungsprozesses

Der Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte geht vor allem auf drei Entwicklungen zurück. Erstens hat eine bis in die 1980er-Jahre anhaltende Wohlstandssteigerung in fast allen Bevölkerungsgruppen zwar die sozialen Ungleichheiten nicht nivelliert, wohl aber einen "Fahrstuhl-Effekt" (Beck 1986: 122) ausgelöst: Alle konnten sich kontinuierlich ein bisschen mehr leisten, z. B. Fernreisen oder den Zweitfernseher im Kinderzimmer. Zweitens hat die deutliche Verkürzung der Arbeitszeit den vollerwerbstätigen Gesellschaftsmitgliedern entsprechend mehr Freizeit beschert, in denen sie eigenen Interessen, vom Hobby bis zum politischen Engagement oder zur Weiterbildung, nachgehen können. Drittens schließlich hat das gestiegene Bildungsniveau, wie es sich vor allem im von Kohorte zu Kohorte höheren Abiturienten- und Studierendenanteil zeigt, zum einen dazu geführt, dass immer mehr Menschen bessere Chancen des sozialen Aufstiegs über eine berufliche Karriere bekommen haben. Zum anderen bedeutet höhere Bildung auch die Vermittlung kognitiver Kompetenzen und Anregungen, um profunder über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken und auf dieser Grundlage selbstbestimmtere Lebensentscheidungen zu treffen, wie auch ein höheres Interesse daran. Mehr Zeit dafür hat man als Jugendlicher und junger Erwachsener ebenfalls, wenn man mehrheitlich nicht schon mit Vierzehn eine Lehre absolvieren oder als Ungelernter arbeiten gehen muss.

Individualisierungsgewinne



Sozialer Aufstieg

Aus diesen Entwicklungen erwuchs eine zunehmende Individualisierung, die sich mit ihrer positiven Seite an einer ganzen Reihe von Phänomenen festmachen lässt. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass von den 1950er bis zu den 1980er-Jahren mehr Gesellschaftsmitglieder als zuvor – und danach – einen sozialen Aufstieg geschafft haben. Diese Aufsteiger, etwa vom Arbeiterkind zum Akademiker, sind schon deshalb individualisiert, weil sie mit dem sozialen Milieu, in dem sie sich dann bewegen, erst einmal nicht vertraut sind, und weil sie auch auf Dauer nicht alle habituellen Eigenarten ablegen werden, die sie ihrem Herkunftsmilieu verdanken – was bei den Lieblingsspeisen anfängt. Je mehr Aufsteiger ein Milieu verkraften muss, desto heterogener wird es daher, und desto weniger vermag es noch einen Konformitätsdruck auf einströmende Aufsteiger auszuüben. Sozialer Aufstieg führt so zwangsläufig zu einer Individualisierung in vordem traditional in sich gefestigten Milieus.

Pluralisierung der Lebensstile

Aber auch darüber hinaus hat eine zunehmende Diversifizierung von Lebensstilen stattgefunden, was als Übergang in eine "Erlebnisgesellschaft" (Schulze 1992) verzeichnet worden ist (vgl. Kapitel 8: Werte). Seit den 1960er-Jahren haben viele Menschen in den entwickelten Ländern des Westens eine ganz neuartige Lebenseinstellung kultiviert. Bis dahin ging es primär darum, zunächst vor allem materielle Grundbedürfnisse zu befriedigen und sodann, insbesondere über Bildungsanstrengungen angegangen, berufliche Leistung zu erbringen und Karriere zu machen. Seitdem hat sich das Lebenskonzept Vieler in Richtung "schöner Erlebnisse" verschoben, die neben kulturellen Aktivitäten im engeren Sinne viele weitere Lebensbereiche erfassen: vom Wohnen über Freizeitaktivitäten und Bildungsinteressen bis zum Umgang mit dem eigenen Körper und zum Essen. Dabei bilden sich nach Lebensalter und Bildungsniveau vielfältig differenzierte Lebensstil-Szenen und -Milieus heraus, die relativ friedlich nebeneinander koexistieren. Anders als früher das Bildungsbürgertum, das fraglos beanspruchte, den unteren sozialen Schichten verbindliche kulturelle Standards vorgeben zu können, um sich dann mit vorprogrammiertem Grausen über den "schlechten Geschmack" der "Proleten" erheben zu können, kümmert sich nun etwa das grün-alternative Studienratsmilieu kaum noch darum, was die Schrebergärtner oder die Raver-Szene so treiben.

Die Notwendigkeit, zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden

Diese durch sozialen Aufstieg sowie Milieu- und Lebensstildiversifizierung erfolgte Freisetzung des Einzelnen aus engen Sollens- und Wollens-Vorgaben seiner Lebensführung bedeutet: Jeder muss immer mehr Fragen selbst entscheiden, anstatt einfach das zu tun, was »man« in seinem Milieu in entsprechenden Situationen so tut. Das reicht von vergleichsweise belanglosen Fragen wie der, wo man Urlaub macht, bis zu weittragenden Entscheidungen der Berufswahl oder der Gestaltung einer Lebenspartnerschaft. Etwas pathetisch heißt es über diese Stufe der Individualisierung: "Der Mensch wird (im radikalisierten Sinne Sartres) zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis. Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit, Identität, Religion, Ehe, Elternschaft, soziale Bindungen – alles wird sozusagen bis ins Kleingedruckte hinein entscheidbar, muss, einmal zu Optionen zerschellt, entschieden werden." (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 16/17)

Weil aber der Einzelne so viele zugemutete Entscheidungen gar nicht auf sich allein gestellt zu bewältigen vermag, springt ihm die Wissensgesellschaft hilfreich zur Seite. Sie stellt ein unerschöpfliches Reservoir an Ratschlägen und Rezepten zur Verfügung, wie man sie tagtäglich in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehprogrammen, aber auch in der Ratgeberliteratur sowie natürlich mittlerweile im Internet angeboten bekommt. Es gibt buchstäblich für jede noch so seltene und idiosynkratische Frage der Lebensführung Internetforen, wo sich Betroffene und – oft selbsternannte – Experten austauschen. Diese wissensgesellschaftliche Rundum-Beratung der Person ist an die Stelle der früheren Traditionen getreten, wie beispielsweise ein Blick auf die Kindererziehung zeigt. In sozialen Milieus fest verankerte, fraglos geltende standardisierte Normen der richtigen Erziehung – etwa der Erziehung zur Sauberkeit – sind in den letzten Jahrzehnten einem stärker sachliche Gründe erwägenden und darin auch massiv wissenschaftlich beeinflussten Wissen über Kindererziehung gewichen. Welchem der vielen und oft konträren Ratschläge jemand freilich folgt, muss er letztlich immer noch selbst entscheiden.

Die Frauen als Hauptgewinnerinnen des Wandels

An keiner Bevölkerungsgruppe lässt sich der Individualisierungsschub so deutlich zeigen wie an den Frauen, die insofern erst einmal als die Hauptgewinnerinnen dieses Wandels einzustufen sind. Im Bildungserfolg haben sie die Männer mittlerweile übertroffen, im Berufsleben haben sie trotz nach wie vor bestehender Benachteiligungen große Fortschritte zu verzeichnen, und aus beidem erwachsend können sie inzwischen selbstbewusst in Partnerschaften gehen und eigene Bedürfnisse und Interessen etwa in der familialen Arbeitsteilung geltend machen. Dass heutzutage viel mehr Ehen geschieden werden als früher, ist – so paradox sich das zunächst anhört – ein Indikator dafür, wie sich die Lage der Frauen verbessert hat. Denn sie haben nun, anders als früher, aufgrund eigener beruflicher Qualifikationen und Berufstätigkeit Ausstiegsoptionen aus einer unbefriedigenden Partnerschaft.

Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens

Generell ist die Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens im Vergleich zur Ära des "Fordismus", als die Kleinfamilie eines männlichen Alleinverdieners und einer den Haushalt führenden und die Kinder erziehenden Frau der Normalfall war, frappierend. Neben diesem weiterexistierenden Typ von Partnerschaft gibt es kinderlose Ehen, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder sowie Wohngemeinschaften – nicht mehr nur unter Studierenden. Weiterhin existiert eine erhebliche Teilgruppe von Menschen, die über eine längere Zeit und freiwillig als Singles – wiederum mit oder ohne Kinder – leben. Manche Beobachter sprechen diesbezüglich sogar von einer "Single-Gesellschaft" (Hradil 1995). Schließlich ist bemerkenswert, wie häufig jemand von einer dieser Lebensformen in eine andere überwechselt, und zwar ohne eine feste Abfolge: Vom Single zur Ehe zur Wohngemeinschaft kann ebenso vorkommen wie von der Wohngemeinschaft zur nicht-ehelichen Partnerschaft mit Kind zum alleinerziehenden Vater (vgl. Kapitel: Familie).

Die Entstehung neuer sozialer Bewegungen

Ein weiteres Ergebnis des gesellschaftlichen Individualisierungsschubs waren die sogenannten "neuen sozialen Bewegungen", die nach der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre als ganz neuartige politische Akteure aufgekommen sind: die Frauen-, die Umwelt- und die Friedensbewegung. Nicht nur in den inhaltlichen Forderungen, auch in den Aktionsformen, die von der "außerparlamentarischen Opposition" der Studenten übernommen wurden, fand die neugewonnene Individualität vor allem jüngerer Menschen aus der Mittelschicht ihren Ausdruck. Es ging um "postmaterialistische" Werte (Inglehart 1977), um "Lebensqualität" – ein damals aufgekommener Begriff – statt um bloßen "Lebensstandard"; und diese politischen Zielsetzungen leiteten sich aus Bildungserlebnissen und neuen Formen des Zusammenlebens ab. Die 1980 gegründete politische Partei "Die Grünen" – die einzige erfolgreiche programmatische Neugründung in der Parteienlandschaft Nachkriegsdeutschlands – wurde zum parlamentarischen Ausdruck dieses Individualisierungsschubs, der sich freilich nachfolgend auch in den beiden großen Volksparteien Bahn brach.

Schattenseiten der Individualisierung



Soweit zum positiv verzeichneten Zugewinn an Optionen! Dieser hat allerdings auch seine Schattenseiten, die im Laufe der Zeit immer deutlicher zum Vorschein gekommen sind.

Die Zunahme der Entscheidungszumutungen

Die eine davon ist als "Multioptionsgesellschaft" (Gross 1994) porträtiert worden. Wie bereits angesprochen, explodieren die Entscheidungszumutungen, mit denen sich jeder tagtäglich konfrontiert sieht, aufgrund des Ligaturenverlusts. Alles könnte auch anders gemacht werden, und nicht zuletzt die Massenmedien versorgen einen mit Alternativangeboten. Beratungsangebote können partiell abhelfen, bleiben aber hinterfragbar – und dann steht jeder letztendlich mit dem vagen, aber nachhaltig schlechten Gefühl da, er hätte es vielleicht doch besser machen können. Sichtbar wird das natürlich vor allem am eigenen Scheitern: der Ehe, der Kindererziehung oder der beruflichen Karriere. Doch selbst für denjenigen, bei dem es "gut läuft", steht die Frage im Raum: Hätte es nicht noch besser laufen können – und müssen?! Und weil das nicht bloß bei einer einzelnen Entscheidung, sondern jedes Mal so ist, verdichtet es sich zu einem Lebensgefühl, das soweit gehen kann, dass jemand sich als kompletter Versager vorkommt.

Die weitreichende Selbstverantwortung

Die andere Schattenseite der Individualisierung besteht darin, dass der "homo optionis" auch selbst dafür verantwortlich gemacht wird, was aus seinen Entscheidungen wird. Wer z. B. einen Beruf wählt, der ihn dann mit Mitte Vierzig arbeitslos werden lässt, kann nicht mehr so einfach sagen, er habe nur das getan, was sein Vater und Großvater ihm vorgelebt und geraten haben – es war kein Milieu-Schicksal, sondern seine höchstpersönliche Entscheidung! Niemandem sonst und schon gar nicht "der Gesellschaft" kann die Schuld zugeschoben werden. Selbstverantwortung ist immer schwer – aber sie kann zu einer übermenschlichen Belastung werden, wenn es um unabsehbare Folgen einer Entscheidung geht oder einem die gesellschaftlichen Umstände keine Chance lassen. Wer konnte schon vor dreißig Jahren absehen, dass er einen Beruf erlernt, der heute keine Zukunft mehr hat – und wer kann etwas dafür, dass ihm eine schwere Wirtschaftskrise den Arbeitsplatz nimmt?

Solche lebensgeschichtlichen Risiken, die sich zu einem totalen Scheitern auswachsen können, gab es zwar immer. Dass der Einzelne sie nunmehr viel stärker als früher sich selbst zurechnen muss, ist seit den 1980er-Jahren virulent geworden, als viele Arbeitsplätze unsicherer wurden und zugleich die Löhne nicht mehr so stetig stiegen wie bisher. In den USA erschien 1991 der Roman "Generation X" des Schriftstellers Douglas Copeland. Das zweite Kapitel ist überschrieben: "Unsere Eltern hatten mehr", und im Anhang wird das Ergebnis einer Meinungsumfrage wiedergegeben, dass 65 % der damals 18- bis 29-jährigen Amerikaner "… der Ansicht sind, dass 'so, wie die Dinge liegen, es für Leute meiner Generation viel schwieriger sein wird, ebenso angenehm zu leben wie vorausgegangene Generationen' …" Dieser Befund dürfte mit leichten Abstrichen auf Deutschland übertragbar sein und sich seitdem nicht sehr verbessert haben – eher im Gegenteil! Die Überzeugung vieler Generationen vorher, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird als einem selbst, ist auch hierzulande bei nicht wenigen Menschen einer tiefgreifenden Zukunftsverunsicherung gewichen.

Die zunehmende "Prekarität"

Bei einem solchen Lebensgefühl kann man nur versuchen, sich so lange wie möglich findig und lernbereit als "flexibler Mensch" (Sennett 1998) durchzuschlagen und hinzunehmen, dass das eigene Leben keine lineare Aufwärtsbewegung mehr ist, sondern unter Umständen kreuz und quer dahin treibt. An Großorganisationen wie Gewerkschaften als kollektive Interessenvertreter, die für stabile Verhältnisse sorgen, glaubt man immer weniger; stattdessen verhält sich der einzelne Arbeitnehmer als "Arbeitskraftunternehmer" (Voß/Pongratz 1998) in eigener Sache – propagandistisch konsequent zu Ende gedacht mit der Erfindung der "Ich AG" als arbeitsmarktpolitischer Maßnahme. Dabei nimmt die Versuchung zu, mit Ellenbogenmentalität nach dem Motto "Jeder ist sich selbst der Nächste!" zu agieren. Gerade die gesellschaftliche Mitte verspürt inzwischen eine zunehmende "Prekarität" (Bourdieu 1998) ihrer Lage, obwohl es ihr alles in allem immer noch weit besser geht als den unteren Schichten. Das Wort vom "Prekariat" kursiert bereits in der öffentlichen Debatte und bezieht sich auch auf gut ausgebildete Söhne und Töchter aus Mittelschichtfamilien, die sich nach ihrem Studium von einem Praktikum – siehe die journalistische Wortprägung der "Generation Praktikum" – zum nächsten Projekt hangeln und heute nicht wissen, was morgen kommt (vgl. Kapitel: Arbeitsmarkt).

Die neue Gruppe der "Überflüssigen"

Die Anzahl der Menschen, die irgendwann dieses Sich-Weiterhangeln nicht mehr hinkriegen, weil die Kräfte ausgehen, was sich etwa in chronischen Krankheiten und psychischen Beschwerden äußern kann, oder die einfach Pech haben, nimmt seit vielen Jahren zu. Schon Ende der 1970er-Jahre wurde Deutschland als "Zweidrittel-Gesellschaft" etikettiert. Das verwies auf eine nicht länger bagatellisierbare Anzahl von Gesellschaftsmitgliedern, die – wie es gut zehn Jahre später hieß – Opfer gesellschaftlicher "Exklusion" geworden waren. Zwar kennt man das "Lumpenproletariat" schon seit Anbeginn der kapitalistischen Gesellschaft, das als "industrielle Reservearmee" nur in wirtschaftlich guten Zeiten Beschäftigung findet und in schlechten Zeiten freigesetzt wird. Doch inzwischen sehen einige Beobachter eine Zuspitzung derart, dass unter den heutigen Langzeitarbeitslosen eine wachsende Anzahl von Menschen sei, die man im radikalen Sinne als neue Gruppe der "Überflüssigen" (Bude/Willisch 2006) einstufen müsse: Sie werden auch in besseren Zeiten nie mehr gebraucht werden, sondern sind nur noch gesellschaftliche Kostgänger. Träfe dies zu, läge hier ein äußerst brisantes gesellschaftliches Konfliktfeld vor; und die Brisanz spitzte sich nochmals zu, wenn sich erwiese, dass nicht nur diese Menschen selbst für den Rest ihres Lebens chancenlos sind, sondern auch ihre Kinder keine realistische Chance bekommen. Gerade für Deutschland hat sich ja im internationalen Vergleich gezeigt, wie schichtabhängig Bildungschancen, an denen spätere Arbeitsmarktchancen hängen, verteilt sind.

Zunehmende Ausländerfeindlichkeit

Eine Ausprägung solcher Konflikte kennt Deutschland bereits seit den 1990er-Jahren in erheblichem Maße: Ausländerfeindlichkeit, die sich immer wieder nicht nur verbal, sondern auch gewalttätig äußert. Wer auch immer die Rädelsführer sind: Die Gefolgschaft und die Sympathisanten setzen sich zu großen Teilen aus jenen zusammen, die wirtschaftlich abgehängt sind und gesellschaftlich nicht mehr mitkommen. Sie suchen Sündenböcke, die sie für die eigene Misere verantwortlich machen können. Dazu taugen bestimmte Gruppen von Ausländern – nicht der italienische Restaurantbesitzer oder der aus Kanada stammende Bankangestellte, sondern in Deutschland insbesondere Türken. Sie sind in der Öffentlichkeit an ihrem Äußeren zumeist gut erkennbar; sie haben einen fremdartigen, nicht christlich geprägten kulturellen Hintergrund, der noch dazu spätestens seit "9/11" über den radikalen Islamismus mit Terrorismus assoziiert wird; und sie nehmen Deutschen – so das simple Wahrnehmungsschema – Arbeitsplätze und/oder Sozialhilfe weg. Dass derartige Ausländerfeindlichkeit regional, bis auf Stadtteilebene heruntergebrochen, immer dort am meisten verbreitet ist, wo die Arbeitslosenquoten und vor allem der Anteil der Langzeitarbeitslosen am höchsten liegen, zeigt, dass vor allem wirtschaftlich verursachte Frustrationen pauschal zum angeblichen Kulturkonflikt umgedeutet werden.

Nicht wenige Gesellschaftsmitglieder – und nicht nur dezidierte Ausländerfeinde – sehen die Gefahr einer "Überfremdung" der deutschen Kultur durch zu viele hier lebende Ausländer, wiederum vor allem mit Blick auf Türken. Der Bau von Moscheen oder der Gebetsruf des Muezzins sind in den letzten Jahren immer wieder Steine des Anstoßes geworden, ganz zu schweigen von der Beschneidung junger Mädchen oder der familialen Gewalt gegen Frauen. Spätestens letztere Phänomene lassen schnell befürchten, dass der von manchen Medienberichterstattungen dramatisierte weltweite "Kampf der Kulturen" nun in Deutschland, gleich um die Ecke, angekommen sei, und dass man die "deutsche Kultur" – was immer man genau darunter verstehen mag – entschieden verteidigen müsse, bevor es zu spät sei.

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