Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Die Dynamik sozialen Wandels in der Moderne

Die Dynamik des sozialen Wandels in der Moderne ist von "Basisprinzipien" bestimmt. An diesen Leitwerten orientiertes Handeln hat eine ganz neue gesellschaftliche Ordnung mit "Basisinstitutionen" geschaffen. Der Mensch in der heutigen Moderne braucht sowohl Unzufriedenheit als auch kleine Erfolgsergebnisse. Zum einen um die Gesellschaftsverbesserung voranzutreiben, zum anderen, um nicht mutlos zu werden.

Man könnte – und müsste – neben den drei behandelten gesellschaftlichen Wandlungsdynamiken noch mehrere andere benennen: etwa die durchgreifende Verwissenschaftlichung aller Gesellschaftsbereiche in dem Sinne, dass wissenschaftliche Erkenntnisse überall zunehmend zur Handlungsgrundlage geworden sind, oder das immer weiter vorangeschrittene Aufgabenwachstum des Staates, mit korrespondierendem Ausgabenwachstum, das scheinbar niemand mehr in den Griff zu bekommen schafft. Stattdessen soll zum Abschluss eine von Ulrich Beck (1986) zur Diskussion gestellte Gesamtdeutung des sozialen Wandels der Moderne vorgestellt werden.

Die Transformationen der Moderne

Beck versteht die Wandlungsdynamiken der Nachkriegszeit, die hier im Vordergrund standen, im Horizont einer übergreifenden Dynamik, die viel früher, nämlich bereits im 19. Jahrhundert, einsetzte. Damals setzte sich eine "erste Moderne" endgültig gegenüber vormodernen Gesellschaftsstrukturen durch; und damit entstand zugleich eine "zweite Moderne", die sich an den nach und nach zu Tage tretenden funktionalen und normativen Unzulänglichkeiten der "ersten Moderne" abzuarbeiten begann.

Die Basisprinzipien der Moderne

Die Moderne insgesamt ist für Beck durch bestimmte zentrale Werte – er nennt sie "Basisprinzipien" – wie Rationalität, Fortschritt, Freiheit und Gleichheit bestimmt. An diesen Leitwerten orientiertes Handeln überwand zunächst in der "ersten Moderne" die vormodernen Traditionen und schuf eine ganz neue gesellschaftliche Ordnung mit "Basisinstitutionen" wie Erwerbsarbeit, Kleinfamilie und Nationalstaat. Die weitere Dynamik der Moderne ist dann entlang eines Pfades verlaufen, der von den "Basisprinzipien" abgesteckt ist. Die nicht stillstellbare Triebkraft gesellschaftlicher Dynamik besteht dabei in der Steigerbarkeit dessen, was die "Basisprinzipien" als gute Gesellschaft versprechen: mehr Freiheit und Chancengleichheit, höhere Rationalität, weiteren Fortschritt. Vor dem Hintergrund solcher Wünsche und Forderungen – zwischen denen durchaus Spannungsverhältnisse bestehen, weil etwa Freiheit und Gleichheit ab einem bestimmten Punkt nicht gleichermaßen gesteigert werden können – geraten die "Basisinstitutionen" in ihrer jeweiligen Gestalt immer wieder in die Kritik und werden entsprechend mehr oder weniger weitreichend umgestaltet. Stets stellen sich jedoch früher oder später als problematisch erfahrene Nebenfolgen dieser Gestaltungsbemühungen ein, was neue Gestaltungsaktivitäten initiiert.

Der Übergang von der "ersten" in eine "zweite", "reflexive" Moderne

In dieser "unendlichen Geschichte" reagiert Gesellschaftsgestaltung zunehmend auf sich selbst, und die "erste Moderne" als "einfache Moderne" geht in eine "zweite", "reflexive Moderne" über. Überspitzt formuliert: Immer wieder beabsichtigte und auch oft partiell erfolgreiche Gesellschaftsverbesserungen müssen sich mehr und mehr auf eine ebenso aufwendige Abarbeitung ihrer Kollateralschäden einstellen.

Für Beck (1986: 344) nimmt Letzteres eindeutig immer mehr überhand, so dass sich in der heutigen weit vorangeschrittenen "zweiten Moderne" sozialer Wandel als "programmlose abstimmungsfreie Dauergesellschaftsveränderung ins Unbekannte" darstellt. Probleme werden nicht gelöst, sondern verschoben – und erreichbar ist dadurch allenfalls Zeitgewinn. Das wirkt ziemlich bedrohlich. Plastisch fasst Anthony Giddens (1990: 173/174) dieselbe Einschätzung mit einem Bild aus der indischen Mythologie. Er sieht die Moderne als "Dschagannath-Wagen", der unmerklich Fahrt aufnimmt und zu dem Zeitpunkt, zu dem seine Insassen Anlass sehen, seine Geschwindigkeit und Richtung zu bestimmen, ihrer Kontrolle schon so weitgehend entglitten ist, dass sie sich zwar einerseits mit allen Kräften bemühen müssen, ihn zumindest so zu steuern, dass sie nicht ganz schnell an die Wand fahren – von anzusteuernden Zielen ist längst keine Rede mehr! Doch andererseits ist ihnen sehr bewusst, dass sie sogar dieses Minimalprogramm nur noch mit immer mehr Glück bewältigen können – und wie lange noch?

Fazit

Man muss sich freilich auch vor Augen halten, dass dieses ernüchternde Bild des sozialen Wandels durch die sehr hohen Ansprüche erzeugt wird, die in den "Basisprinzipien" verkörpert sind. Richard Münch (1991: 34) notiert: "Die moderne westliche Kultur lebt in der Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit sieht im Lichte der großen Ideen der Freiheit, Gleichheit, Vernunft und fortschreitenden Beseitigung von Leid und Unrecht immer schlecht aus …" Ständige Unzufriedenheit mit dem Erreichten ist gleichsam vorprogrammiert, obwohl der Blick zurück sehr oft zeigt, dass inzwischen doch schon Einiges erreicht worden ist. So kann man z. B. sicher einerseits mit Fug und Recht kritisieren, dass die Gleichstellung der Frauen nach wie vor in den meisten Lebensbereichen noch nicht erreicht ist – aber andererseits möchten die heutigen Frauen ebenso sicher nicht mit der Generation ihrer Mütter, Großmütter oder Urgroßmütter tauschen. Mehr denn je brauchen die Menschen in der heutigen Moderne beides: den großen Stachel der Unzufriedenheit, der sie zur rastlosen Gesellschaftsverbesserung antreibt, und die kleinen Erfolgserlebnisse, die sie dabei nicht mutlos werden lassen.