Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Das Modell der demografischen Übergänge

Im Zuge des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft hat sich auch die Demografie verändert. Der demografische Wandel lässt sich allerdings nicht nur mit Modernisierung und Wohlstand begründen. Geringere Geburtenraten, hohe Lebenserwartungen sowie grenzüberschreitende Wanderungen sind auch von anderen Faktoren abhängig.

Im Modell des (ersten und zweiten) demografischen Übergangs wird unterstellt, dass sich im Laufe der Modernisierung eine typische Abfolge von Bevölkerungsweisen ergibt.
  • In Agrargesellschaften sind Geburten zahlreich, und die Menschen leben meist nicht sehr lange. Da die Zahl der Geburten die der Sterbefälle im Allgemeinen leicht überwiegt, wächst die Bevölkerung, wenn auch langsam. Wegen der vielen Geburten und Todesfälle bringt die vorindustrielle Bevölkerungsweise viel Mühe und Leid für die Menschen mit sich.

  • Im Übergang zwischen Agrar- und Industriegesellschaften, wenn Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung allmählich besser werden, beginnt die Lebenserwartung zu steigen. Die Geburtenzahlen bleiben einstweilen hoch, denn Kinder werden vielfach noch aus wirtschaftlichen Gründen benötigt. Deshalb nimmt die Bevölkerungszahl rasch zu. Wenn schließlich Kinder auf dem Acker oder zur Alterssicherung immer weniger gebraucht werden, sinkt die Zahl der Geburten. Dann nimmt trotz immer weiter steigender Lebenserwartung die Bevölkerung immer langsamer zu.

  • In Industriegesellschaften bekommen die Menschen nur noch wenige Kinder und leben recht lange. Weil in dieser industriegesellschaftlichen Bevölkerungsweise das Geburtenniveau immer noch etwas über dem der Sterblichkeit liegt, nimmt die Bevölkerung ähnlich langsam zu wie in Agrargesellschaften. Aber das geschieht mit "sparsameren Mitteln", mit weniger Geburten und Trauerfällen.
Demografischer ÜbergangDemografischer Übergang (© Quelle: Stefan Immerfall: Einführung in den europäischen Gesellschaftsvergleich, Wissenschaftsverlag Richard Rothe, Passau 1994, Seite 46, Abbildung 4.1)
Nach Meinung einiger Wissenschaftler bahnt sich nach diesem ersten demografischen Übergang ein zweiter an:
  • In postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften sinken nach der Phase der industriegesellschaftlichen Stabilisierung die Kinderzahlen der Menschen erneut. Die Zahl der Geburten wird geringer als die der Sterbefälle. Die Bevölkerungen schrumpfen.

  • Diese Bevölkerungsverluste werden jedoch durch andauernde Zuwanderungen mehr oder minder ausgeglichen. Eine relativ stabile postindustrielle Bevölkerungsweise entsteht.
Bevölkerungswandel durch gesellschaftliche Modernisierung

Hinter diesem Modell demografischer Übergänge steht die Vorstellung, dass Modernisierungsvorgänge, insbesondere der wachsende Wohlstand und der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Bevölkerungsweisen aller Länder in der gezeigten Richtung verändern werden. Die Kinderzahlen sinken, weil die direkten und indirekten Kosten von Kindern steigen, während ihr ökonomischer Nutzen sinkt. Zudem wandeln sich gesellschaftliche Normvorstellungen und sehen weniger Kinder vor. Schließlich lassen Hygiene, bessere Ernährung und medizinischer Fortschritt die Lebenserwartung steigen.
Empirische Überprüfungen dieser Theorie haben (vgl. Andorka 2001: 240) ergeben, dass die Modernisierung zwar als generelle Begründung des demografischen Wandels durchaus tauglich ist. Aber weitere Faktoren (z. B. religiöse und politische) sorgen dafür, dass Kinderzahlen, Sterblichkeit und grenzüberschreitende Wanderungen keineswegs von Modernisierung und Wohlstand allein abhängen. So sank zum Beispiel die Geburtenrate in China lange vor seiner durchgreifenden Modernisierung und sie bleibt in vielen schon relativ modernen islamischen Ländern vergleichsweise hoch.