Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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Historischer Rückblick


31.5.2012
Während die Lebenserwartung in vorindustriellen Gesellschaften kurz war, ist sie seitdem stetig angestiegen. Kinder wurden damals primär als Alterssicherung und Arbeitskräfte angesehen. Heute haben sich die Lebensbedingungen vollkommen geändert. Der Lebensstandard von Familien sinkt mit der Geburt jedes Kindes und damit auch die Bereitschaft, mehrere Kinder aufzuziehen.

Lebenserwartung und Sterblichkeit



In vorindustriellen Gesellschaften war die Lebenserwartung der Menschen kurz (vgl.: Bolte/Kappe/Schmidt 1980: 45 ff.). Noch um 1700 betrug sie für Neugeborene nicht mehr als 30 Jahre. Viele Kinder starben früh, denn die Ernährung war oft dürftig, die Hygiene miserabel und die medizinische Versorgung schlecht. Allerdings schwankte die Lebenserwartung zu damaliger Zeit je nach regionalen und zeitlichen Verhältnissen stark. Frieden und gute Ernten bedeuteten ein langes Leben, Kriege und Seuchen brachten den frühen Tod.

Etwa um 1750 begann die allgemeine Lebenserwartung in Deutschland zu steigen. Im folgenden Jahrhundert sorgten dann bessere Ernährung und der medizinische Fortschritt für ein immer längeres Leben. Aber noch um das Jahr 1875 kamen Männer im Deutschen Reich über eine Lebenserwartung von gut 35 Jahren und Frauen von 38 Jahren nicht hinaus.

Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881 (© Statistisches Bundesamt)
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging dann die Kindersterblichkeit stark zurück. Die Bevölkerung wurde jünger. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank dann auch die Sterblichkeit im mittleren Lebensalter. Denn die Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden besser, und man konnte die großen Infektionskrankheiten immer wirksamer bekämpfen. Die Sterblichkeit im höheren Lebensalter konnte erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Fortschritte der (teuren) Altersmedizin und die verbesserte finanzielle Versorgung der älteren Menschen entscheidend reduziert werden (Höhn 1997; 2000).

Die Lebenserwartung der Männer bzw. der Frauen hat so vor dem Ersten Weltkrieg auf 45 bzw. 48 Jahre zugenommen und ist bis zum Zweiten Weltkrieg auf etwa 60 bzw. 63 Jahre gestiegen. Am Ende der Nachkriegszeit, im Jahr 1973, konnten Eltern eines Neugeborenen schon damit rechnen, dass ihr Junge 68 bzw. ihr Mädchen 74 Jahre alt werden würde. Im Jahr 2000 betrug die Lebenserwartung Neugeborener schon 75 bzw. 81 Jahre. Es hat sich also ein stetiger Zuwachs an Lebenszeit ergeben. Dies trug dazu bei, die Gesellschaft altern zu lassen.


Geburten



Sieht man von regionalen Unterschieden und zeitlichen Schwankungen ab, so brachte in Mittelalter und früher Neuzeit jede Frau auf dem Gebiet des heutigen Deutschland durchschnittlich etwa sechs Kinder lebend zur Welt (vgl. Bolte/Kappe/Schmidt 1980: 42 ff.; Hradil 2006: 47 ff.). Dies sind mehr als vier Mal so viele Geburten wie heute[1].

Während die Sterblichkeit in Deutschland und in den meisten westeuropäischen Ländern schon im Laufe des 18. Jahrhunderts und dann im 19. Jahrhundert immer schneller zurück ging, blieb die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau bis etwa 1875 konstant hoch. Ja, die Geburtenrate erhöhte sich zeitweise noch, weil viele Heiratsbeschränkungen fielen. Dadurch kam es im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer wahren Explosion der Bevölkerungszahl.

1875 brachte jede Frau noch fast fünf Kinder zur Welt. Erst von da an, also lange nach dem Rückgang der Sterblichkeit, begannen die Kinderzahlen in deutschen Familien zu sinken. Sie gingen zuerst langsam, dann immer schneller zurück, zuerst in der Stadt und im Bürgertum, dann nach dem Ersten Weltkrieg auch bei den Bauern und Arbeitern. Erst 1934, als jede Frau im Durchschnitt nur noch 1,8 Kinder bekam, war dieser erste Geburtenrückgang in Deutschland zu Ende. Dieser Fall der Kinderzahlen war wesentlich tiefer als der zweite Geburtenrückgang nach dem Zweiten Weltkrieg.

In der Zwischenkriegszeit wurden schon weniger Kinder geboren, als langfristig zur Erhaltung der Bevölkerungszahl erforderlich waren. Dazu sind in modernen Gesellschaften ca. 2,1 Kinder pro Frau nötig. Die Geburtenzahlen schwankten von da an bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, änderten sich aber im Grunde nicht.

"Baby-Boom" und "Pillenknick"

Danach wurden in Deutschland und vielen anderen Ländern viele Geburten "nachgeholt", die der Krieg unmöglich gemacht hatte. Zudem führten die optimistische Grundstimmung jener Zeit und das "Wirtschaftswunder" zu einem "»Baby-Boom«": In Westdeutschland stieg die Geburtenrate von 1952 bis Mitte der 1960er-Jahre von 2,1 auf 2,5 Kinder pro Frau an. Die Bevölkerung begann wieder zu wachsen.

Durchschnittliche Kinderzahl je FrauDurchschnittliche Kinderzahl je Frau
Von 1965 bis 1975 kam es zum vieldiskutierten "»Pillenknick«". Die Menschen in Deutschland reduzierten die Zahl ihrer Kinder in nur zehn Jahren von 2,5 auf 1,4 pro Frau. An dieser Geburtenrate hat sich bis heute, anders als oft behauptet, in Westdeutschland nichts Wesentliches geändert. Damit kommen seit Mitte der 1970er-Jahre nur noch etwa zwei Drittel der Kinder zur Welt, die langfristig nötig wären, wollte man die Bevölkerungszahl konstant halten.

Bis etwa 1975 unterschied sich die Geburtenentwicklung in West- und Ostdeutschland kaum. Auch die DDR erlebte einen "Baby-Boom" und einen "Pillenknick". Danach förderte die Regierung der DDR die Familienbildung stark, vor allem durch direkte Maßnahmen wie Geldzuwendungen und bezahlte Freistellungen der Mütter von der Erwerbsarbeit. Die Geburtenrate stieg auf immerhin 1,8 Kinder pro Frau zu Anfang der 1980er-Jahre. Danach verpuffte die Wirkung dieser Maßnahmen langsam, und zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in Ostdeutschland fast wieder so niedrig wie in Westdeutschland. Dies bestärkte viele Bevölkerungswissenschaftler in ihrer Meinung, dass direkte staatliche Maßnahmen zur Geburtenförderung – im Gegensatz zu indirekten – eher das Vorziehen ohnehin geplanter Geburten als zusätzliche Geburten bewirken.

Wandel von Lebensbedingungen und Kinderwunsch

Wer sich über die Zukunft der Geburtenentwicklung und über deren Beeinflussbarkeit Gedanken macht, sollte die Ursachen des ersten (ca. 1875 bis 1925) und zweiten (1965 bis 1974) Geburtenrückgangs kennen.
Beide Geburtenrückgänge entstanden, weil Lebensbedingungen seltener wurden, die zuvor für zahlreiche Geburten gesprochen hatten. So werden die eigenen Kinder seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer weniger als Alterssicherung und als Arbeitskräfte benötigt. Auch zwingt die geringe Kindersterblichkeit Eltern nicht mehr dazu, viele Kinder in die Welt zu setzen, weil damit gerechnet werden musste, dass nur wenige überleben. Schließlich propagieren die vorherrschenden gesellschaftlichen Werte (seit den 1960er-Jahren auch der Kirchen) nicht mehr eine maximale Kinderzahl, sondern das Ideal der "verantwortungsvollen Elternschaft".

Außerdem wurden Lebensbedingungen häufiger, die gegen Kinder sprechen. Die Berufswelt, die Karrierewege, der Wohnungsmarkt sind in Industriegesellschaften "strukturell rücksichtslos" (F. X. Kaufmann) gegen Kinder. Der Lebensstandard von Familien sinkt mit der Geburt jedes Kindes und damit auch die Bereitschaft, mehrere Kinder aufzuziehen.

Der zweite Geburtenrückgang wird zwar "Pillenknick" genannt. Aber dieser Name täuscht. Die Verfügbarkeit der "Pille" erleichterte es lediglich, den seit den 1960er-Jahren gewachsenen Wunsch nach weniger Kindern zu realisieren. Die eigentlichen Ursachen des zweiten Geburtenrückgangs stellten die veränderten Präferenzen der Menschen dar, entstanden durch die schnelle Vermehrung des Wohlstands, die den Wert der Selbstverwirklichung und der individuellen Autonomie auch und gerade für Frauen wichtiger werden ließ. Auch der damit verbundene Wunsch nach Erwerbstätigkeit und die schlechten Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren, ließen die Kinderzahlen damals zurück gehen. Schließlich dämpfte eine seit den 1970er-Jahren wachsende Zukunftsangst (wegen Umweltproblemen, Atomenergierisiken und militärischer Rüstung) den Wunsch nach Kindern.


Fußnoten

1.
Dennoch blieb die Zahl der Geburten im vorindustriellen Deutschland erheblich niedriger als jene, die sich bei unbehinderter Fortpflanzung aller Menschen ergeben hätte. Denn es durften zu jeder Zeit längst nicht alle Menschen heiraten. Grundherren, Magistrate, Gilden und Zünfte ließen meist nur Personen zur Ehe zu, die eine Familie ernähren konnten. Das war weniger als die Hälfte der Bevölkerung. In Ehen kamen damals in der Regel die maximal mögliche Zahl an Kindern zur Welt, außerhalb von Ehen nur wenige Kinder.

 
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